mini|KZ-Kennzeichnung „Bibelforscher“ Die Geschichte der Zeugen Jehovas in der Zeit des Nationalsozialismus ist geprägt von den Konflikten mit den nationalsozialistischen Staatsorganen, unter anderem wegen ihrer Verweigerung des Kriegsdienstes und des Hitlergrußes. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Zeugen Jehovas (früher „Bibelforscher“ genannt) vor allem deswegen verfolgt.
Vorgeschichte 1918 bis 1933 mini|Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas in Berlin-Tiergarten Im Ersten Weltkrieg leistete die Mehrzahl der deutschen Bibelforscher, wie sich die Zeugen Jehovas vor 1931 nannten, der Einberufung zum Militärdienst Folge.Garbe: Zwischen Widerstand und Martyrium, 2. Auflage 1994, S. 45. Aber einige verweigerten den Kriegsdienst und hatten dadurch Konflikte mit der Gesellschaft. Während der Weimarer Republik, die keine Wehrpflicht kannte, fielen sie durch ihre offensive Missionierung und Anklagen gegen die Amtskirchen auf, denen sie unter anderem vorwarfen, die Kriegführung im Weltkrieg unterstützt zu haben. Die Religionsgemeinschaft wuchs rasch: Bekannten sich 1918 noch 3.900 Menschen als Bibelforscher, waren es 1919 schon 5.500 und 1926 bereits 22.500. Die Religionsgemeinschaft stieß aber auch auf deutliche Ablehnung.
Die Anschuldigungen der völkisch-nationalen Presse konzentrierten sich im Kern darauf, die Bibelforscher als von Juden oder Freimaurern finanzierte Organisation darzustellen, die eine bolschewistische Revolution vorbereite. Diese Verschwörungstheorien wurden unter anderen von Alfred Rosenberg aufgegriffen, dem Chefredakteur des Völkischen Beobachters, der Parteizeitung der NSDAP. Sie entstammten ursprünglich der kirchlichen Agitation, mit der Katholiken und Protestanten auf die heftigen Anklagen der pazifistischen Bibelforscher reagiert hatten. Auch ihre Herkunft aus den USA wurde als Bedrohung ausgelegt. Die Bibelforscher verkündeten den bevorstehenden Untergang aller staatlichen Organisationen und Kirchen, die ihrer Auffassung nach unter der Herrschaft Satans stünden. Sie betonten zwar ihre politische Neutralität und erklärten ausdrücklich, dass die Vernichtung von Staaten und Kirchen nur durch Jesus und Jehova erfolgen sollte. Dennoch interpretierten Ankläger in die Schriften der Bibelforscher Belege für den angeblichen jüdischen, kommunistischen und umstürzlerischen Charakter der Bewegung hinein. Weltverschwörungstheorien schrieben den Bibelforschern eine zentrale Position in einem angeblich geplanten Umsturz zu.
Kirchliche Stellen lieferten sich mit den Bibelforschern einen regelrechten Schlagabtausch, wobei die evangelischen Kirchen mehr Einsatz zeigten als die katholischen. Materialdienste und apologetische Abteilungen beider großen Kirchen beschäftigten sich intensiv mit der Lehre der Bibelforscher, um Pfarrern Argumentationshilfen zu bieten. Flugblattaktionen griffen jeweils die andere Position an. Während Bibelforscher vor Kirchen und Friedhöfen predigten oder Flugblätter und Traktate verteilten, versuchten Geistliche während der Vorträge der Bibelforscher Diskussionen zu erzwingen. Kirchliche Stellen griffen teilweise auch Argumente der völkisch-nationalen Presse auf. Als die Kirchen erhebliche Austritte von Freidenkern erfuhren, brachten sie die Bibelforscher mit diesen Verbänden in Verbindung.
Andererseits wurden die Angriffe der Bibelforscher gegen die Kirchen als maßlose Kritik empfunden. Als Paul Balzereit, der Vorsitzende der Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft, 1924 seine gegen die katholische Kirche gerichtete Schrift Die größte Geheim-Macht der Welt veröffentlichte, war das Echo außerhalb der Kreise der Bibelforscher rundweg negativ. Darin wurde dem Vatikan die Schuld an der bedrängten Lage des deutschen Volks gegeben und die Bibelforscher als Bekämpfer Roms dargestellt, die dadurch der Menschheit einen großen Dienst erweisen würden.P. B. Gotthilf (d. i. Paul Balzereit): Die größte Geheim-Macht der Welt. Die Ursache aller Kriege, sowie aller nationalen und internationalen Zerwürfnisse. Ein Jahrhunderte alter Betrug aufgedeckt. Sternverlag, Leipzig 1924 Das Buch wurde verboten, die Religionsgemeinschaft zu einer Geldstrafe verurteilt.
Die rechtlichen Mittel gegen die Bibelforscher waren jedoch sehr begrenzt. Obwohl jährlich hunderte Gerichtsverfahren wegen unerlaubten Hausierens oder Verstößen gegen die Gewerbeordnung stattfanden, wurden nur in wenigen Fällen tatsächlich Geldstrafen verhängt. Ein erster Wegbereiter für die staatliche Verfolgung war die von kirchlichen Kreisen forcierte Notverordnung „zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen“ vom März 1931, die auch ein polizeiliches Einschreiten gegen Beschimpfung oder Verächtlichmachung von religiösen Bräuchen oder Gegenständen erlaubte. Bayern war Vorreiter darin, auf dieser Grundlage Veranstaltungsverbote gegen Bibelforscher auszusprechen und Beschlagnahmungen durchzuführen.
Die Bibelforscher selbst sahen all diese Maßnahmen gegen sie als Bestätigung ihrer Auffassung, dass Staat und Kirche vom Teufel gelenkt gegen sie kämpften und sie als Märtyrer eine ähnliche Verfolgung erleiden würden wie die ersten Christen. Sie begriffen die Situation als Bestätigung der Worte Jesu im Johannesevangelium, der den Jüngern den Hass der Welt ankündigte (). Nachdem sich ihre Prophezeiung, im Jahr 1925 würde Harmagedon, der Endkrieg Gottes gegen die Mächte Satans mit dem anschließenden Anbruch eines Tausendjährigen Reichs eintreten, nicht erfüllt hatte, stagnierte zunächst das Wachstum, und ab 1928 sanken die Mitgliederzahlen sogar. In den letzten drei Jahren vor der Machtübernahme Hitlers war jedoch wieder eine erhebliche Zunahme der Mitgliederzahlen zu verzeichnen. Trotz des relativ hohen Wachstums machten die Zeugen Jehovas beim Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 mit 25.000 bis 30.000 MitgliedernGarbe: Zwischen Widerstand und Martyrium, 2. Auflage 1994, S. 485. nur etwa 0,038 Prozent der Bevölkerung des Deutschen Reiches aus.
Orientierung 1933 bis 1939 Weltanschauung Die Zeugen Jehovas standen dem NS-Regime von Anfang an ablehnend gegenüber. Der kanadische Historiker Michael H. Kater sieht den Grund für diese „Todfeindschaft“ in einer strukturellen Ähnlichkeit der jeweiligen Ideologien: Sowohl Nationalsozialisten als auch Zeugen Jehovas seien nicht demokratisch, sondern totalitär geprägt gewesen, wobei sich jene einen Führerstaat aufbauen wollten, diese eine „‚Theokratie‘, in der nicht der Führer, sondern Jehova Gott diktatorisch regiere“; beide hätten von ihren Mitgliedern verlangt, sich in die jeweilige Herrschaftshierarchie einzugliedern, beide hätten dazu aufgefordert, für die jeweiligen höheren Zwecke die Interessen der Eigenpersönlichkeit zu opfern, beide hätten einen Ausschließlichkeitsanspruch erhoben.Michael H. Kater: Die Ernsten Bibelforscher im Dritten Reich. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 17, 1969, S. 187 (ifz-muenchen.de; PDF; 6,6 MB; abgerufen am 30. Juni 2011). Die Historikerin Monika Minninger erklärt dagegen, dass die Zeugen Jehovas in ihrem religiösen Gedankengut eine diametral entgegengesetzte Haltung zu den Nationalsozialisten einnahmen, was die Gegnerschaft begründet habe.Monika Minninger: Eine bekennende „Kirche“. Zur Verfolgung von Zeugen Jehovas in Ostwestfalen und Lippe 1933–1945. Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek, Bielefeld 2001, S. 10.
Beginn der Verfolgung Die Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 bildete die Rechtsgrundlage für viele Verbote und Verfolgungsmaßnahmen, auch gegen die Zeugen Jehovas, die von April bis Juni 1933 in den verschiedenen Ländern des Reiches ausgesprochen wurden.
In den ersten Jahren war, neben den allgemein bekannten Vorwürfen, die Verweigerung des Hitlergrußes, die Wahlverweigerung und das Fernbleiben von staatlichen Organisationen (Reichsluftschutzbund, Deutsche Arbeitsfront u. a. m.) Anlass zu Entlassungen und diversen Formen öffentlicher Erniedrigung. Ihre Weigerung, an den Feiern zum 1. Mai teilzunehmen, der seit 1933 gesetzlicher Feiertag war, hatte für viele Mitglieder der Religionsgemeinschaft die fristlose Entlassung zur Folge. Zahlungen der Renten- oder Pensionskassen wurden einbehalten, als angeblich asozialen Elementen wurden ihnen auch die Arbeitslosenunterstützungen verweigert. Da die illegalen Unterstützungszahlungen aus dem Ausland nicht hinreichten, betätigten sich viele Zeugen Jehovas, um nicht zu verhungern, als Lumpensammler.Michael H. Kater: Die Ernsten Bibelforscher im Dritten Reich. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 17, 1969, S. 196 (ifz-muenchen.de; PDF; 6,6 MB; abgerufen am 30. Juni 2011). Schulpflichtige Kinder von Zeugen Jehovas waren von Anbeginn starkem Gruppenzwang ausgesetzt. Von Lehrern wie Schülern ausgegrenzt und oft körperlich angegriffen, wurden nationalsozialistische Rituale, die sie durch ihre Erziehung als Götzendienst empfanden, zum täglichen Spießrutenlauf.
In ihrem Bemühen, die von verschiedener Seite vorgebrachten Anklagen zu entkräften, versuchten die Zeugen Jehovas bereits seit Februar 1933 ihren unpolitischen Charakter herauszustellen. Da man aber auch für die Gleichheit aller Menschen („Deutscher, Franzose, Jude, Christ, Freier oder Sklave“Das Goldene Zeitalter, 15. Februar 1933, S. 50–53, zitiert nach Garbe: Zwischen Widerstand und Martyrium, 1998, S. 87.) und das messianische Königreich einstand, trugen diese Stellungnahmen nicht zur Versöhnung bei. In der deutschen Zentrale der Zeugen Jehovas in Magdeburg wurden bereits Anfang April 1933 Vorbereitungen für den Fall des Verbotes getroffen.
Gleichzeitig wurde eine „Anpassung an die nationalen Verhältnisse“ vorbereitet. Mit einem Memorandum vom 26. April 1933 teilte die Leitung der Zeugen Jehovas die Internationale Bibelforscher-Vereinigung in die Norddeutsche Bibelforschervereinigung und Süddeutsche Bibelforschervereinigung auf.Garbe: Zwischen Widerstand und Martyrium. 1998, S. 88. Den Bestimmungen entsprechend, wurden die jeweils zehn Posten ausschließlich mit so genannten „Ariern“ besetzt.Garbe: Zwischen Widerstand und Martyrium. 1998, S. 88 f.
Am 8. Juni 1933 sandte die Zentrale der Zeugen Jehovas in Magdeburg ein Schreiben an den Reichsinnenminister Wilhelm Frick (NSDAP). Darin heißt es:
Im weiteren Verlauf dieser Ausführungen werden die bereits in einzelnen Ländern des Deutschen Reiches (außer Preußen) ausgesprochenen Verbote genannt. Diese Offerte blieb offenbar ohne Antwort. Am 24. Juni 1933 wurden die Zeugen Jehovas in ganz Deutschland verboten.
mini|240px|Wilmersdorfer Erklärung vom 25. Juni 1933, Seite 1 Für den 25. Juni 1933 lud die Magdeburger Zentrale zu einer Großveranstaltung nach Berlin ein. In Tennishallen in Berlin-Wilmersdorf versammelten sich etwa 7000 Teilnehmer. Dort wurde die sogenannte „Wilmersdorfer Erklärung“ verabschiedet, die am folgenden Tag an Hitler gesandt und später in dem in der Schweiz erschienenen „Jahrbuch 1934 der Zeugen Jehovas“ veröffentlicht wurde.Garbe: Zwischen Widerstand und Martyrium. 1998, S. 102 ff. Man hoffte, damit die Anschuldigungen zu widerlegen, und distanzierte sich deutlich von dem Vorwurf, eine von Juden finanzierte Organisation zu sein. Die Leitung hielt es zu diesem Zweck für notwendig, sich an den antisemitischen Sprachgebrauch des Regimes anzupassen, und erklärte, es seien die „Handelsjuden des Britisch-Amerikanischen Weltreiches, die das Großgeschäft aufgebaut und benutzt haben als ein Mittel der Ausbeutung und der Bedrückung vieler Völker“. Aus den eigenen Reihen wurden Stimmen laut, die diese Erklärung als zu zurückhaltend gegenüber den Nationalsozialisten empfanden.
Eskalation