Die Marienburg ( Zamek w Malborku) ist eine neogotische Niederungsburg in der pommerschen Stadt Malbork (deutsch Marienburg) bei Danzig. Im 13. Jahrhundert vom Deutschen Orden erbaut und im 18. Jahrhundert zur Ruine verfallen, ließ der deutsche Kaiser und preußische König Wilhelm II. die Anlage vom Architekten und Denkmalpfleger Conrad Steinbrecht 1882 bis 1918 wiederherstellen. Mit rund 500.000 Besuchern im Jahr gehört sie zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten Polens.Offizielle Website der Marienburg (polnisch, englisch)
Forschungsstatus 1794 verfertigte Friedrich Gilly (1772–1800) Zeichnungen, die zunächst 1795 in der Akademie der Künste in Berlin ausgestellt wurden und in den Jahren 1799–1803 dank einer großangelegten Veröffentlichung in der Technik der aquatinta von Friedrich Frick (1774–1850) einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Als Beilage erschien die erste historische Studie zur Geschichte von Malbork von Konrad Levezow (1770–1835). Gleichzeitig wurden damit Forschungen zum Großmeisterpalast begründet. Die historische und architektonische Bedeutung des Schlosses wurde erkannt und dieses vor dem Abriss gerettet.Christofer Herrmann: Der Marienburger Hochmeisterpalast. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2020, ISBN 978-3-7319-1045-9, S. 13–18.
Ab 1817 initiierte die zweite Forschergeneration die sogenannte „Zeit der romantischen Restaurierung“ unter der Leitung von Theodor von Schön (1773–1856). Erstmals wurden Quellenarbeiten und Forschungen zur architektonischen Struktur des Schlosses durchgeführt. Es entstanden die erste Monographie des Schlosses (Johann Büsching, 1783–1829) und eine ausführliche Studie zur Geschichte von Marienburg (Westpreußen) (Johannes Voigt, 1786–1863).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde unter dem Einfluss der Veröffentlichung Ferdinand von Quasts (1807–1877) die Analyse der architektonischen Struktur vertieft. Quast unterschied zwei Hauptphasen des Schlossbaus, die erste in den 1330er Jahren, als ein kleineres Gebäude gebaut wurde, und eine beeindruckende Erweiterung zu Zeiten von Winrich von Kniprode. August von Essenwein veröffentlichte 1889 im Handbuch der Architektur einen rekonstruierten Grundriss der Burganlage.August von Essenwein: Die Kriegsbaukunst. In: Josef Durm, Hermann Ende, Eduard Schmitt, Heinrich Wagner (Hrsg.): Handbuch der Architektur. Zweiter Theil: Die Baustile. Historische und technische Entwicklung. 4. Band: Die romanische und die gothische Baukunst, Erstes Heft. Arnold Bergsträsser, Darmstadt 1889, S. 134–138. Weitere Forschungen bis zum Zweiten Weltkrieg erfolgten unter der Leitung von Conrad Steinbrecht, Bernhard Schmid und Karl-Heinz Clasen (1893–1979).
Nach 1945 interessierten sich polnische Forscher für die Geschichte und Nutzung des Großmeisterpalastes. Die ersten Studien von 1963 von Antoni Kąsinowski und Hanna Domańska blieben unveröffentlicht. Während der Restaurierungsarbeiten gegen Ende des 20. Jahrhunderts veröffentlichten Kazimierz Pospieszny und Bernard Jesionowski nach dem Studium der Baugeschichte des Schlosses mehrere Berichte über die Entstehung der Modelle für das im Bau befindliche Schloss. Sławomir Jóźwiak und Janusz Trupinda führten zu Beginn des 21. Jahrhunderts Quellenstudien durch und beleuchteten dabei auch die Funktion des Hochmeisterpalastes näher.
Architektur und Baugliederung mini|Orientierungsplan des heutigen Museumsgeländes (2022), zum Grundriss der spätmittelalterlichen Festungsanlage Marienburg vergleiche Essenwein
Architektonisch ist die Burg der Backsteingotik zuzuordnen. Diese beginnt im späten 12. und endet etwa im 16. Jahrhundert. Spätere An- und Umbauten gehen in die Backsteinrenaissance über.
Die mittelalterliche Burganlage lässt sich in folgende Baugruppen gliedern: das Vorschloss (auch: Vorburg) mit Wirtschaftsteil, das Mittelschloss und das Hochschloss. Östlich vorgelagert sind die Außenbefestigungen. Den Gebäuden dieser Bereiche waren unterschiedliche Aufgaben zugeordnet, die dementsprechend auch architektonisch äußerst verschieden gestaltet sind, wenngleich sie alle einem einheitlichen stilistischen Grundkonzept folgen. mini|Das Hochschloss mit Turm von Osten 2016
Hochschloss Das Hochschloss stellt den ältesten Teil der Marienburg dar und ist dem Typ des kastellartigen, quadratischen Konventshauses zuzurechnen. Dabei diente der Vierflügelbau als Stützpunkt und Unterkunft der Ordensritter. Der um 1280 fertiggestellte Nordflügel des Hochschlosses beherbergte neben der Kapelle und dem Kapitelsaal zunächst auch den Schlafsaal (Dormitorium) der Ritterbrüder.
Marienkirche
Bis 1344 wurde die zum Hochschloss gehörige Kapelle unter dem Hochmeister Dietrich von Altenburg zur Sankt Marien-Kirche ausgebaut, wobei er einen über den Baukörper des Hochschlosses hinausragenden polygonalen Chor anbauen ließ. An der Außenwand des Chorschlusses befand sich in einer Nische eine mit farbigem venezianischem Glasmosaik überzogene, acht Meter hohe vollplastische Madonnenfigur, die namensstiftend für die Marienburg war; 1945 wurde sie im Rahmen der Kriegsereignisse zerstört, jedoch ab 2014 wiederhergestellt. Am 31. März 2016 fand in Anwesenheit des damaligen Deutschordens-Hochmeisters Bruno Platter aus Wien die feierliche Wiederweihe statt. Unter der Marienkirche befindet sich die Annen-Kapelle; sie diente als Krypta und war Begräbnisstätte mehrerer Hochmeister.
Mittelschloss Das Mittelschloss wurde ab 1309 errichtet und beherbergte wichtige, für die Verwaltung des Ordens und des Landes notwendige Einrichtungen. Im Mittelschloss befand sich auch die Residenz des Hochmeisters mit den Repräsentationsräumen.Christofer Herrmann (Univ. Gdańsk): Die herrschaftlichen Wohnräume im Hochmeisterpalast der Marienburg (Malbork) – ein frühes Beispiel des Stubenappartements im Spätmittelalter (PDF) Unter Siegfried von Feuchtwangen, der 1309 den Hochmeistersitz von Venedig nach Marienburg verlegte, und Luther von Braunschweig wurde das Mittelschloss ausgebaut. mini|Hochmeisterpalast mit schlanken Granitpfeilern vor der Fensterfront der Hochmeisterwohnung Der bedeutendste Gebäudeteil des Mittelschlosses ist wohl der Hochmeisterpalast. Der um 1400 vollendete Profanbau, der wahrscheinlich nach Plänen des aus Koblenz stammenden Baumeisters Nikolaus Fellenstein errichtet wurde, stellt eine architektonische Besonderheit dar: In seiner Form entspricht der Hochmeisterpalast dem Typus eines Wohnturmes (Donjon) und weist neben niederdeutsch-gotischen Elementen auch Einflüsse italienischer und flämisch-burgundischer Bautradition auf. Damit verweist der Bau auch auf die weitreichenden Beziehungen des Deutschen Ordens an der Wende zum 15. Jahrhundert. mini|Sicht vom Turm:vorn um den Hof das Mittelschloss,dahinter die Vorburg mit Wirtschaftsbauten Der Sommer- und der Winterremter (Remter oder Rempter: eingedeutschte Form des lat. Wortes Refectorium, dt. Speisesaal), zwei im Hochmeisterpalast gelegene Säle, wurden für Repräsentationszwecke des Hochmeisters errichtet und gehören in ihrer Architektur zu den eindrucksvollsten Innenräumen des späten Mittelalters. Die Sterngewölbe der beiden lichtdurchfluteten, quadratischen Säle werden jeweils von einer einzigen schlanken Granitsäule getragen.
Eine Steinkugel in der Wand über dem Kamin im Sommerremter – so erzählt die Legende – soll während der Belagerung durch den polnischen König Władysław II. Jagiełło (lit. Jogaila) im Jahr 1410 auf diesen, das Gewölbe tragenden Pfeiler geschossen worden sein, um den Hochmeister Heinrich von Plauen und seine Berater durch das einstürzende Gewölbe zu töten. Die Kugel verfehlte das Ziel.
Zwischen 1822 und 1828 wurde der Sommerremter nach Entwürfen Karl Friedrich Schinkels gestaltet. Nach Gemälden des Berliner Historienmalers Karl Wilhelm Kolbe unter Mitarbeit von Albert Höcker geschaffene Glasfenster zeigten Szenen aus der Ordensgeschichte. Im etwas kleineren Winterremter sind Reste der mittelalterlichen Wandmalereien des Malers Peter vom Anfang des 15. Jahrhunderts zu finden.
Der neben dem Hochmeisterpalast im Mittelschloss gelegene große Remter, rund 30 Meter lang, hat leichte Sterngewölbe, die von drei schlanken roten Granitpfeilern getragen werden. Schlanke Granitpfeiler (statt dicker Backsteinsäulen) sorgten auch für freie Sicht aus den großen Fensterflächen der Hochmeisterwohnung.
Vorschloss Die Vorburg war ab 1309 in Ansätzen vorhanden. In der St. Lorenz-Kapelle, einem bescheidenen Bau mit Flachdecke, an die Außenmauer der Vorburg gelehnt, fanden die Gottesdienste für die Halbbrüder des Deutschritterordens und für die dienenden Schwestern statt. Die Kapelle enthielt eines der größten Meisterwerke der Malerei des 14. Jahrhunderts in den Ordenslanden, den Altar aus dem Ordensschloss Graudenz. Hochmeister Dietrich von Altenburg ließ das Komturhaus bauen und eine Pfahlbrücke über den Fluss schlagen.
Außenbefestigungen Eine Verstärkung der Verteidigungsanlagen wurde unter Heinrich von Plauen in der Mitte des 15. Jahrhunderts (Plauen-Bollwerk) durchgeführt. Es besteht seit dieser Zeit ein kompliziertes Mauer-Graben-Zwinger-System mit teilweise vierfachem Mauerring. Die Verteidigungswälle im nördlichen und östlichen Vorfeld wurden im Zeitraum 1656–1659 von den Schweden erbaut, die 1655 blutig und verheerend in Polen eingefallen waren (Schwedische Sintflut).
Dansker Wie bei den Burgen des Deutschen Ordens üblich, verfügte auch die Marienburg über einen Dansker, der einerseits als westlicher Eckpfeiler der Befestigungen diente, jedoch auch eine Toilettenanlage beinhaltete; der mächtige Turm ist über einen Gang vom Hochschloss aus erreichbar. Zuvor hatte der neben der Marienkirche gelegene Pfaffenturm als Dansker fungiert.
Innenansichten mini|hochkant|Eine der Treppen
Geschichte Übersicht Von 1309 bis 1454 war die Marienburg Sitz der Hochmeister des Deutschordensstaats. Danach gehörte sie mit kurzen Unterbrechungen von 1457 bis 1772 zu Preußen Königlichen Anteils, einer autonomen preußischen Provinz, die gegen den Orden opponierte und sich freiwillig unter die Schirmherrschaft der polnischen Krone begeben hatte. Zeitweise befand sich die Burg in dieser Zeit auch unter schwedischer Kontrolle. Nach der Wiedervereinigung der preußischen Teilregionen im Rahmen der Ersten Teilung Polens kam die Burg 1772 zum Königreich Preußen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam sie zusammen mit der südlichen Hälfte Ostpreußens zu Polen.
Ordenszeit mini|Denkmalgruppe der Hochmeister im Mittelschloss – v. l.: Hermann von Salza, Siegfried von Feuchtwangen, Winrich von Kniprode und Albrecht von Brandenburg Im Zuge seiner Ostexpansion sicherte der Deutsche Orden die eroberten Gebiete durch den Bau von Burgen. Zu diesen gehörte auch die Marienburg, die zwischen 1270 und 1300 am Ufer der Nogat, eines Mündungsarms der Weichsel, errichtet wurde. Sie diente ursprünglich als Sitz des Landmeisters. Ihren Namen erhielt die Burg nach der Schutzpatronin des „Ordens der Brüder vom Deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem“, wie die vollständige Bezeichnung des Deutschen Ordens lautete.
Während der Orden in Osteuropa große militärische Erfolge erzielte, musste er im Heiligen Land schwere Rückschläge hinnehmen. 1271 ging seine Hauptfestung Montfort verloren. Mit der Festung Akkon fiel 1291 das letzte Bollwerk der Kreuzfahrer im Heiligen Land. Daraufhin verlegte der Deutsche Orden seinen Hauptsitz nach Venedig. Ein Jahrzehnt später reifte die Erkenntnis, dass an eine erfolgreiche Rückeroberung Palästinas nicht zu denken war. Als alternatives Betätigungsfeld bot sich Preußen an.