Der deutsche Jagdpanzer VI (Suggestivname: Jagdtiger)Laut Nachrichtenblatt der Panzertruppen des Generalinspekteurs der Panzertruppen vom 17. November 1944 umbenannt von „s. Pz. Jg. VI“ in „Jagdtiger“. (Sd.Kfz. 186, spätere Ausführung: Sd.Kfz. 185) war ein überschwerer Jagdpanzer, der in der zweiten Hälfte des Zweiten Weltkriegs auf der Basis des bereits entwickelten schweren Panzerkampfwagens VI Tiger II für das deutsche Heer konzipiert und von der Wehrmacht und Waffen-SS ab Dezember 1944 eingesetzt wurde.
Der Jagdtiger (in der Henschel-Ausführung) ist mit seinen 74 Tonnen Kampfgewicht der weltweit schwerste jemals in Serie gebaute Panzer.
Entwicklung mini|Die 12,8-cm-FlaK 40 sollte als Basis einer neuen Kanone für das Heer dienen.|linksDie Geschichte des Jagdtigers ist die Fortführung der Entwicklung einer neuen schweren Mehrzweckkanone für das Heer und Versuchen, jene zu motorisieren: Mit dem Beginn des Luftkrieges im Zweiten Weltkrieg ab September 1939 stellte sich die 1938 entwickelte 12,8-cm-Flugabwehrkanone 40 als ein erfolgreiches Waffensystem heraus. Gleichzeitig suchte das Heer nach einem schweren, motorisierten Geschütz, welches gegen massive Bunkeranlagen (wie die der Maginot-Linie in Frankreich oder auf Gibraltar) eingesetzt werden konnte.
Panzerselbstfahrlafette für 12,8-cm-Kanone 40 „Sturer Emil“ mini|Die Panzerselbstfahrlafette für 12,8-cm-Kanone 40 „Sturer Emil“ war der erste Versuch einer Motorisierung der 12,8-cm-FlaK 40.|linksMit dem Bedürfnis nach einem motorisierten schweren Geschütz begann man schon 1939 mit der Entwicklung von Selbstfahrlafetten mit schweren 10,5-cm- und 12,8-cm-Geschützen. Das dafür neu zu entwickelnde 12,8-cm-Geschütz sollte auf Basis der bereits bewährten 12,8-cm-FlaK 40 konstruiert werden, um den technischen Fortschritt aus jenem Projekt wie auch die gleichen Munitionsparameter nutzen zu können. Im Mai 1941 wurde dann der Schwerpunkt bei der Entwicklung dieser Waffensysteme vor allem auf die Bekämpfung schwerer Panzer gelegt. Im März 1942 resultierte das Projekt einer schwerbewaffneten Selbstfahrlafette dann in die Entwicklung lediglich zweier Fahrzeuge vom Typ Panzerselbstfahrlafette für 12,8-cm-Kanone 40 „Sturer Emil“ mit einer neuen 12,8-cm-Flak 40 L/61. Die Selbstfahrlafette wurde später von Mai 1942 bis zum Verlust im Februar 1943 an der Ostfront eingesetzt; jedoch ohne panzerbrechende Munition, da jene bei ihrer Entwicklung technische Probleme bereitet hatte.
Entwicklung einer neuen 12,8-cm-Kanone für das Heer mini|Nachdem man 1941 Erfahrungen mit der M1938 (M-30) gemacht hatte, wuchs das Bedürfnis nach einem äquivalenten Waffensystem. Während des Überfalls auf die Sowjetunion (ab Juni 1941) erbeuteten die Deutschen außerdem sehr viele einsatzbereite M1938 (M-30) 122-mm-Haubitzen, welche sie auch erfolgreich wieder gegen die Rote Armee einsetzten. Da die Geschütze eine gute Ballistik aufwiesen, wurde beim deutschen Heer der Bedarf nach einem äquivalenten Waffensystem größer. Auf das Bedürfnis einer schweren Mehrzweckkanone für das Heer folgten am 20. Mai 1942 die ersten Entwürfe einer 6 Tonnen schweren und auf einer Kreuzlafette montierten 12,8-cm-Kanone mit der Rohrlänge L/47. Im September forderte die Abteilung WaPrüf 6 des Heereswaffenamtes jedoch eine Durchschlagsleistung von 240 bis 250 mm auf 1000 Meter. Im Oktober folgten somit Untersuchungen, ob sich eine 12,8-cm-Kanone mit der Rohrlänge L/80 produzieren ließe, doch ein so langes Rohr hätte zu große Schwierigkeiten bereitet, sodass die Rohrlänge L/80 ausgeschlossen wurde. Gleichzeitig entwarf die Krupp AG unter dem Namen „Spinne 12“ den Entwurf einer 12,8-cm-Sebstfahrlafette mit einem 360°-Seitenrichtbereich auf Basis des „Leopard“-Prototyps von Porsche. Am 10. November 1942 folgten darauf Aufträge des Heereswaffenamtes an Krupp zum Bau zweier Holzmodelle einer 12,8-cm-FlaK 40 L/65 auf dem Fahrgestell eines Panzerkampfwagens V Panther („Grille 12“) und als Selbstfahrlafette („Skorpion 12“), um die 12,8-cm-Kanone beweglich zu bekommen. Krupp entwickelte darauf Entwürfe einer 12,8-cm-Kanone 43 L/51 und einer 12,8-cm-PaK 43 L/53. Beide Projekte wurden jedoch vor 1943 aufgegeben. Im Dezember 1942 erging auch der Befehl Adolf Hitlers, dass ein Geschütz mit einer Durchschlagskraft von mindestens 220 mm auf 1000 Meter entwickelt werden sollte. Am 4. Januar 1943 verlangte Hitler dann für das 12,8-cm-Geschütz des zu der Zeit noch entwickelten Panzerkampfwagen VIII Maus eine Durchschlagsleistung von 200 mm mit panzerbrechender und 250 mm mit spezieller Munition, was sich Krupp dann auch vornahm. mini|Eine 12,8-cm-Pak 44 L/55 auf Vierradlafette Somit entschied man sich am 16. Januar 1943 für die Entwicklung der 12,8-cm-Kanone L/55. Rohrlänge und Kaliber entsprachen der 12,8-cm-FlaK 40. Das Geschütz wurde in drei verschiedenen Versionen ausgeführt:
12,8-cm-Panzerabwehrkanone (PaK) für das Heer 12,8-cm-Panzerjägerkanone (PjK) für schwere Panzerjäger 12,8-cm-Kampfwagenkanone (KwK) für schwere Kampfpanzer
Die motorisierten PjK und KwK bekamen zusätzlich keine Mündungsbremse, damit auch die von Hitler geforderte Treibspiegelmunition verschossen werden konnte und damit kein seitlich ausgestoßener Feuerstrahl dem Richtschützen die Sicht verdeckte.
Entwicklung des Panzerjägers Mit der Entwicklung des Panzerkampfwagen VI Ausf. B Tiger II seit Oktober 1942 stand nun ein weiteres Fahrzeug zur Verfügung, auf dessen Fahrgestell ein 12,8-cm-Geschütz montiert werden konnte. Am 26. Januar 1943 wurde die Firma Henschel & Sohn in Kassel nach einem Gespräch mit dem Reichsminister für Bewaffnung und Munition Albert Speer mit der Entwicklung eines „Sturmgeschützes“ auf dem Fahrgestell des „Tiger H3“ (Tiger II) beauftragt. Das Fahrzeug sollte (in Gegensatz zum Tiger II) einen nach vorn verlegten Motor haben, bis zu 200 mm gepanzert sein und 70 t wiegen; Feuerkraft und Panzerung waren dabei wichtiger als die Mobilität. Die fertigen Zeichnungen des Fahrzeugs sollten im Juni 1943 vorgelegt werden. Darauf wurde auch am 5. Februar Krupp über die Entwicklung eines neuen Panzerjägers informiert und damit beauftragt, für das neue Fahrzeug das Geschütz vom Maus-Panzer zu produzieren. Ein Entwurf eines neuen 12,8-cm-Geschützes sollte bis zum 10. März 1943 vorgelegt werden.
Erste Entwürfe mini|Der Maybach HL 230 war der Antrieb für den Tiger II und die späteren Ausführungen der Fahrgestelle Tiger I und Panther. mini|Der Fahrersitz beim Maybach-Getriebe im Tiger II (im Jagdtiger identisch) Am 12. April 1943 stellte Henschel gleich zwei Entwürfe eines Jagdpanzers auf Basis des Tiger II vor; einen mit hinten liegendem und einen mit vorverlegtem Motor. Das Fahrzeug mit dem vorn verlegten Motor entsprach dem Wunsch des Heereswaffenamtes, da der Kampfraum sich dementsprechend hinten befand und das 7 m lange Rohr vorne nur 1,3 m überstand. Jedoch hätte das vom Tiger II übernommene Fahrgestell hierfür völlig neu konstruiert werden müssen. Außerdem hätte sich ein hinten liegendes Geschütz nicht tief genug senken lassen. Der Entwurf mit dem hinten liegenden Motor ermöglichte dagegen eine deutlich schnellere Entwicklung des Fahrzeugs; jedoch mit einem Rohrüberstand von 3 Metern. Um eine teure Neukonstruktion zu vermeiden und möglichst kostengünstig zu fertigen, entschied das Heereswaffenamt am 5. Mai 1943, das unveränderte Fahrgestell des Tiger II dafür zu nutzen, welches die ideale Basis für Henschels Entwurf mit dem hinten liegenden Motor war. Als Motor wurde der Maybach HL 230 gewählt. Für die Produktion des 8-Gang-Getriebes OLVAR OG40-1216B von Maybach (welches auch im Tiger II verbaut werden sollte) sollten die Adlerwerke in Frankfurt und die Zahnradfabrik in Friedrichshafen zuständig sein.
Bei der nächsten Besprechung zwischen dem Heereswaffenamt und den beteiligten Firmen am 14. Mai 1943 wurde auf Anregung von Henschel entschieden, ein Holzmodell in Originalgröße zu fertigen. Für die Jagdtiger-Produktion wählte man anfangs die Werke von Henschel in Kassel, doch das dortige Werk verfügte nicht über die notwendigen Kräne, um die bis zu 34 t schweren Wannen des Jagdtigers problemlos bewegen zu können, sodass ein modularer Aufbau mit einer von der Wanne getrennten Kasematte vorgeschlagen wurde. Dies hätte den Jagdtiger jedoch weniger wasser- und beschussfest gemacht, sodass die Idee am Folgetag (15. Mai) vom Heereswaffenamt abgelehnt wurde. Somit entstand bei Henschel am Folgetag ein weiterentwickelter Entwurf des Fahrzeugs, welches mit einem Panzerschutz von bis zu 200 mm im Stirnpanzer ein Leergewicht von 65,35 t (im Kampfgewicht 70 t) haben sollte, wodurch eine Höchstgeschwindigkeit von 42 km/h und eine Reichweite auf der Straße von 250 km errechnet worden war. Das erste Fahrzeug sollte im Dezember 1943 fertiggestellt werden.
Erste Schießversuche und Erprobung neuer Munition Am 28. Mai 1943 erfolgten die ersten Schießversuche mit einer 12,8-cm-FlaK 40 mit Patronenmunition und getrennter Munition, wonach man sich am 5. Juni dann für getrennte Munition beim Jagdtiger-Projekt entschied. Außerdem berechnete man für den Jagdtiger eine durchschnittliche Feuerrate von etwa drei Schuss pro Minute. Die erste 12,8-cm-PaK 44 sollte im September 1943 ausgeliefert werden. Die Entwicklung einer Panzergranate für das 12,8-cm-Geschütz erwies sich ebenfalls als sehr schwierig, sodass man noch bis Juli 1943 kein Geschoss mit zufriedenstellender Charakteristik entwickelt hatte. Am 15. September folgten dann die ersten Schießversuche mit dem neuen Geschütz und verschiedenen Granaten. Dabei erfüllte die 12,8-cm-Panzergranate 39 (APC-HE) ihre Ansprüche und penetrierte problemlos 200 mm auf 1000 Meter; die 12,8-cm-Pz.Gr. 43 (APCB-HE) hatte jedoch Probleme mit dem Zünder.
Vorbereitung der Produktion Das Holzmodell des Jagdtigers wurde dann am 28. September 1943 von Offizieren des Heereswaffenamtes bei Henschel inspiziert und Auftragsänderungen wurden beschlossen: Unter anderem wurde der Stirnpanzer von 200 auf 250 mm erhöht. Im Kampfgewicht sollte das Fahrzeug dadurch auf 74 t kommen. Am 20. Oktober wurde das Holzmodell anlässlich der Rüstungskonferenz als „Schwerer Panzerjäger mit 12,8-cm-KwK L/55 auf Tiger II Fahrgestell“ auf dem Truppenübungsplatz Arys erstmals Adolf Hitler vorgestellt. Als dann am 23. Oktober die Serienproduktion des Maus-Panzers offiziell eingestellt worden war, war das 12,8cm-Geschütz nun an erster Stelle für den Jagdtiger bestimmt. Am 17. November entschied man sich bei einer Besprechung der Firma Henschel in Essen endgültig gegen eine Produktion des Jagdtigers in Kassel, da eine gleichzeitige Produktion von Jagdtiger und Tiger II, wie auch das ungelöste Problem mit der Gewichtsbelastung der dortigen Kräne, dies nicht möglich gemacht hätten. Daraufhin entschied man sich, den Panzerjäger im Nibelungenwerk der Steyr-Daimler-Puch AG in St. Valentin zu produzieren, da dessen Kräne bis zu 60 t schwere Lasten tragen konnten und dort bereits der überschwere Panzerjäger Tiger (P) gebaut worden war. Die aus den Panzerplatten konstruierten Rohbauwannen sollten hierfür in den nur 21 km entfernten Eisenwerken Oberdonau aus der naheliegenden Stadt Linz hergestellt und von dort nach St. Valentin geliefert werden. Die Herstellung der 12,8-cm-PjK sollte in den Krupp-Bertha-Werken in Breslau stattfinden. In Lübeck wurde die Firma Dräger mit der Entwicklung einer Schutzlüftungsanlage (einem Vorläufer heutiger ABC-Schutzanlagen) und in Jena das Unternehmen Carl Zeiss AG mit der Konstruktion der Zieloptik beauftragt.
Am 17. und 18. November 1943 wurden weitere Schießversuche unternommen: Untersucht wurde die Erhitzung des Rohres, die Mündungsgeschwindigkeit, die Streuung und die Ballistik mit den verschiedenen Munitionstypen. Zu einer Produktion im Dezember 1943 konnte es jedoch nicht mehr kommen; es wurde lediglich ein Prototyp mit Porsche-Fahrgestell (ohne Seriennummer) konstruiert und im Nibelungenwerk getestet. Der Jagdtiger war somit erst Januar 1944 für die Produktion bereit.