Mariupol (, , ; 1948–1989 Schdanow, russisch Жданов) ist eine Stadt in der Oblast Donezk in der Ukraine, die vor Beginn des russischen Überfalls von 2022 rund 440.000 Einwohner (Stand 2018) hatte.Bevölkerungszahlen auf pop-stat.mashke.org. Die Stadt war historisch eines der wichtigsten Zentren der Griechen in der Ukraine, die bis heute eine wichtige Minderheit in der Stadt sind. Mariupol liegt am Ufer des Asowschen Meeres an der Mündung des Kalmius und war bis zur Belagerung von Mariupol ab dem 24. Februar 2022 eine bedeutende Hafen- sowie Universitätsstadt und Wirtschaftszentrum. Seither hat die Stadt massive Zerstörungen erlitten. Von Mai bis Ende September 2022 wurde Mariupol vollständig von Russland und der international nicht anerkannten Volksrepublik Donezk kontrolliert. Seit der Auflösung der Volksrepublik aufgrund der Annexion durch die Russische Föderation wird die Stadt ausschließlich von russischen Behörden verwaltet.
Administrative Gliederung
mini|hochkant=1.5|Mariupol, mittig das Schauspielhaus, im Hintergrund links das Asow-Stahlwerk, im Vordergrund links die Gebäude Kuindschi-Straße 35 und 48 (2019) mini|Sitz der Stadtverwaltung (2009) mini|Sitz der Stadtverwaltung (2014)
Mariupol gliedert sich in die vier Stadtrajone Rajon Zentral (bis zum 28. Januar 2016 Rajon Schowtnewe), Rajon Kalmius, Rajon Liwobereschna und Rajon Prymorske, wobei der Rajon Kalmius noch in die drei Siedlungen städtischen Typs Sartana, Staryj Krym und Talakiwka, das Dorf Hnutowe () und die Siedlung Lomakyne () unterteilt wird.
Ende 2014 kamen noch Teile des durch den Russisch-Ukrainischen Krieg besetzten Rajons Nowoasowsk hinzu. Dies sind die Dörfer Prymorske, Wynohradne und Pionerske,Верховна Рада України; Постанова від 11.12.2014 № 32-VIII Про зміни в адміністративно-територіальному устрої Донецької області, зміну і встановлення меж міста Маріуполь, Волноваського, Новоазовського та Тельманівського районів Донецької області die Fläche des Stadtgebiets beträgt Stand 2015 somit 203,96 Quadratkilometer.Верховна Рада України; Постанова від 20.05.2015 № 457-VIII Про внесення змін до Постанови Верховної Ради України від 11 грудня 2014 року № 32-VIII „Про зміни в адміністративно-територіальному устрої Донецької області, зміну і встановлення меж Волноваського, Новоазовського та Тельманівського районів Донецької області“
Am 12. Juni 2020 wurde die Stadt zum Zentrum der neugegründeten Stadtgemeinde Mariupol (Маріупольська міська громада/Mariupolska miska hromada). Zu dieser zählen auch die Siedlung städtischen Typs Staryj Krym, die 8 in der untenstehenden Tabelle aufgelisteten Dörfer sowie die Ansiedlung Rybazke.Кабінет Міністрів України Розпорядження від 12 червня 2020 р. № 710-р "Про визначення адміністративних центрів та затвердження територій територіальних громад Донецької області" Bis dahin bildete die Stadt zusammen mit den Siedlungen städtischen Typs Sartana, Staryj Krym und Talakiwka, dem Dorf Hnutowe und der Siedlung Lomakyne die gleichnamige Stadtratsgemeinde Mariupol (Маріупольська міська рада/Mariupolska miska rada), die direkt unter Oblastverwaltung stand.
Am 17. Juli 2020 wurde der Ort ein Teil des Rajons Mariupol.Верховна Рада України; Постанова від 17.07.2020 № 807-IX "Про утворення та ліквідацію районів"
Folgende Orte sind neben dem Hauptort Mariupol Teil der Gemeinde:
Name ukrainisch transkribiert ukrainisch russisch Ahrobasa Агробаза Агробаза (Agrobasa) Berdjanske Бердянське Бердянское (Berdjanskoje) Pokrowske Покровське Покровское (Pokrowskoje) Pryasowske Приазовське Приазовское (Priasowskoje) Prymiske Приміське Пригородное (Prigorodnoje) Rybazke Рибацьке Рыбацкое (Rybazkoje) Schewtschenko Шевченко Шевченко Schyroka Balka Широка Балка Широкая Балка (Schirokaja Balka) Staryj Krym Старий Крим Старый Крым (Stary Krym) Tscherwone Червоне Червоное (Tscherwonoje)
Geschichte Die Stadt wurde auf dem Gebiet des seit einigen Jahren bestehenden kosakischen Lagers Kalmius am 29. September 1779 gegründet und war lange ein Zentrum pontos-griechischer Kultur; bis Ende des 19. Jahrhunderts war die Mehrheit der Stadtbevölkerung griechischer Herkunft. Auch der heutige Name der Stadt ist griechischen Ursprungs ().
Vom 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg Im 19. Jahrhundert war die Stadt das administrative Zentrum des Ujesd Mariupol im Gouvernement Jekaterinoslaw. Mariupol wurde wiederholt von Personen des kaiserlichen Hofes Russlands und von dem russischen Kaiser Alexander I. selbst besucht: Anfang Juni 1818 (der Kaiser übernachtete im Gebäude des griechischen Hofes von Mariupol) und am 21. Oktober 1825 (übernachtete im Haus des Kaufmanns Chebanenko). Am 29. Mai 1820 besuchte der Dichter Alexander Puschkin Mariupol, als er mit der Familie des General Nikolai Rajewski von Jekaterinoslaw in den Kaukasus reiste. Am 17. Oktober 1837 besuchte Zarewitsch Alexander Nikolajewitsch (der spätere Kaiser Alexander II.) die Stadt, in dessen Gefolge sich unter anderem Wassili Schukowski befand, der Mariupol mehrere Zeilen seines Tagebuchs widmete. 1845 wurde die Stadt vom Großfürst Konstantin Romanow besucht. Wie sein Bruder Alexander wohnte Romanow im Haus des Vorsitzenden des griechischen Hofes von Mariupol, des Kaufmanns Tschentukow. 1871 besuchte Großfürst Romanow zum zweiten Mal Mariupol (nach dem eine der Straßen der Stadt benannt war). Der Großfürst stattete den Stadtgarten und die Obstgärten am Ufer des Kalchik aus und richtete ein Stipendium von 300 Rubel zugunsten eines von der Stadt ausgewählten Studenten ein. Die erste Schule in Mariupol wurde kurz nach der Umsiedlung der Krimgriechen in die Region Asow eröffnet. Die erste städtische Pfarrschule in Mariupol wurde am 15. September 1820 eröffnet. Die Ausbildung dauerte zwei Jahre. Fächer waren Russisch, Grammatik, Arithmetik, Geschichte, Geographie, Theologie, Zeichnen, Neugriechisch.
Eröffnet wurden auch folgende Institutionen: 1825 die erste Apotheke 1855 die erste Bibliothek 1868 die Mariinsky-Zweiklassenschule 1869 das erste Postamt 1870 die erste Druckerei (Gorelina) und 1870 das erste (griechische) Theater 1860 das Post- und Telegrafenamt und die Telegrafenlinie „Odessa–Mariupol - Rostow am Don“. 1897 das Krankenhaus erhält ein Gebäude, an der Entstehung wirkte der Arzt I. I. Danilow mit. 1875 wurden die ersten beiden Gymnasien in der Stadt gegründet und gleichzeitig eröffnet: Männer- und Frauengymnasium. Das Männergymnasium wurde nach dem Kaiser Alexander II. benannt. 1864 wurde der Stadtgarten angelegt 1867 wurden öffentliche Bäder eröffnet 1871 erfolge die Pflasterung der Straßen und Plätze der Stadt mit lokalem Granit. 1875 wurden die ersten 100 Petroleumlaternen zur Straßenbeleuchtung installiert 1889 wurde auf dem Aleksander-Platz ein zentraler Platz angelegt. 1914 waren es bereits 686 Petroleumlaternen zur Straßenbeleuchtung 1933 eröffnete Straßenbahn Mariupol fährt bis heute.
Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit mini|Der Metallurge – Wahrzeichen der Stadt Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 war die Stadt zwischen dem 8. Oktober 1941 und dem 10. September 1943 von Truppen der Wehrmacht besetzt. Die Stadt erlitt schwere Zerstörungen, ein großer Teil der jüdischen Gemeinde der Stadt, 1926 noch etwa 11 % der Bevölkerung, fiel dem Holocaust zum Opfer und wurde in Gräben am Stadtrand von Mariupol ermordet. (englisch) Zu Beginn der Besatzung zählte man etwa 241.000 Einwohner, Ende 1943 lebten nur noch 85.000 Menschen in der Stadt. Viele Mariupoler wurden 1942 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt und kehrten erst 1945 zurück. Ab 1942 war Mariupol ein Hauptoperationsgebiet sowjetischer Partisanen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte ein rascher Wiederaufbau, bereits wenige Jahre nach dem Krieg erreichte die Einwohnerzahl Mariupols den Vorkriegswert und stieg bis 1989 auf weit über eine halbe Million Menschen an. Zahlreiche Industriebetriebe wurden in der Stadt angesiedelt, die Hafenanlagen ausgebaut. Zwischen 1948 und 1989 hieß die Geburtsstadt des sowjetischen Funktionärs Andrei Schdanow ihm zu Ehren (). Im Jahr 1991 wurde die damals zur USSR bzw. UdSSR gehörende Oblast Saporischschja nach dem Referendum über die Unabhängigkeit der Ukraine Staatsgebiet der Ukraine. Damit ging auch Mariupol in ukrainisches Territorium über. Seitdem hatte Mariupol, wie zahlreiche andere Städte der Ukraine und anderer postsowjetischer Staaten, mit einem Strukturwandel und damit verbundenen Problemen, insbesondere Einwohnerrückgang, zu kämpfen. mini|Akademisches Dramatheater des Oblast Donezk (Schauspielhaus; am 16. März 2022 durch einen Luftangriff zerstört – Foto aus dem Jahr 2021)
Russisch-Ukrainischer Krieg seit 2014 mini|Ausgebrannte Polizeistation (2014) mini|Zerstörtes Universitätsgelände (2022)
Im März 2014 forderte eine prorussische Demonstration eine Stadtratssitzung, bei der über ein illegales Referendum nach dem Vorbild der Krim beraten werden sollte.Demonstranten in Mariupol drängten in den Stadtrat, Website der Stadt Mariupol am 18. März 2014. Von Mai bis Juni 2014 fand zwischen ukrainischem Militär und Aufrührern der Kampf um Mariupol statt. Mitentscheidend dafür, dass Mariupol letztlich unter ukrainischer Hoheit blieb, war die Haltung der lokalen Oligarchen, „erschreckt von der Rechtlosigkeit“ unter den Aufrührern. Nach Meinung von Aktivisten unterschieden die Menschen in Mariupol durch den Konflikt nun zwischen der Heimat und der ungeliebten Staatsmacht im fernen Kiew: „Politiker könne man abwählen, ohne das Land zu wechseln.“ Am 25. August überschritt die Russische Armee die Grenze und drang in Richtung Mariupol vor. Am 24. Januar 2015 eröffnete Russland durch seine Stellvertreter-Kräfte mit einem Raketenangriff erneut eine Offensive, die nach ukrainischen Behördenangaben mindestens 30 Todesopfer und 97 Verletzte forderte.Prorussische Rebellen starten Offensive auf Mariupol, auf de.nachrichten.yahoo, abgerufen am 24. Januar 2015. Als Reaktion darauf wurde die Gegenoffensive nach Schyrokyne gestartet, mit der erneute Angriffe gegen zivile Ziele in Mariupol verhindert oder zumindest erschwert werden sollten. Diese Gegenoffensive, angeführt durch das Regiment Asow, endete mit der Kontrolle von taktischen Positionen nordöstlich Mariupols und in der Ortschaft Schyrokyne.Azov Battalion spearheads Ukrainian counter-offensive. In: Kyiv Post, abgerufen am 15. Juni 2015.