mini|Erasmus, porträtiert von Hans Holbein dem Jüngeren (1523) mini|Erasmus, porträtiert von Lucas Cranach dem Älteren (1549)

Desiderius Erasmus von Rotterdam oder nur Erasmus genanntSein ursprünglicher Name Geert Geerts oder auch Gerhard Gerhards bzw. Gerrit Gerritszoon bleibt unklar. Um das Jahr 1502 änderte er seinen Namen zu „Desiderius Erasmus“. Fälschlicherweise nahm er wohl an, sein Name „Gerrit“ sei vom Verb „begeren“ (begehren) abgeleitet.Erasmus erasmios, der Liebenswürdige; Desiderius das Verlangen, die Sehnsucht, der Erwünschte, der Ersehnte (* 28. Oktober 1466/1467/1469 in Rotterdam; † 11./12. Juli 1536 in Basel) war ein niederländischer Universalgelehrter: Theologe, Philosoph, Philologe, Priester, Autor und Herausgeber von 444 Büchern und Schriften. Er ist der bedeutendste Vertreter des europäischen Humanismus, der bekannteste Renaissance-Humanist und war ein einflussreicher Kirchenreformer. Als kritischer Denker seiner Zeit zählt Erasmus, der auch als „Fürst der Humanisten“ bezeichnet wird, zu den Wegbereitern der europäischen Aufklärung. Seine Wirkung reicht bis in die heutige Zeit.

Leben Kindheit und Schulzeit Erasmus wurde als unehelicher Sohn des katholischen Goudaer PriestersRolf Becker: Erasmus von Rotterdam – der Makel seiner Geburt. S. 47–54. Rotger Gerard († 1484) und dessen Haushälterin, der verwitweten Zevenberger Arzttochter Margaretha Rogerius († 1483; die latinisierte Form des niederländischen Nachnamens „Rutgers“), wahrscheinlich zwischen 1464 und 1469 in Rotterdam geboren. Die Stadt gehörte zu den Burgundischen Niederlanden, welche Teil des Heiligen Römischen Reiches waren. Er hatte einen drei Jahre älteren Bruder namens Pieter, mit dem er zusammen erzogen wurde. Sein Vater gab ihm den Namen Erasmus, weil er ein Verehrer des heiligen Erasmus von Antiochia war, der im Falle einer Seenot von Seefahrern angerufen wurde. In den Jahren 1457 bis 1458 (fast zehn Jahre vor der Geburt seines Sohnes) zitierte er ihn zweimal in Manuskripten, die er während seiner Tätigkeit als Kopist in Rom transkribierte.Le père d'Érasme invoque par deux fois Saint Érasme dans des manuscrits qu'il avait retranscrits comme copiste entre 1457-1458. (Giuseppe Avarucci: Due codici scritti da 'Gerardus Helye' padre di Erasmo. In: Italia medioevale e umanistica, Nr. 26, 1983, S. 238—239). Seinen Beinamen Desiderius (der Erwünschte) fügte Erasmus später selbst hinzu und benutzte ihn ab 1496.Johan Huizinga: Erasmus. Schwabe, Basel 1928; Neuauflage 1988, S. 5–7.

Von 1473 bis 1478 war Erasmus Schüler seines Onkels und späteren Vormunds, des Schulmeisters Pieter Winckel an der Kirchspielschule (St.-Johannes-Schule) in Gouda, einer Vorläuferin der Lateinschule und des heutigen Coornhert Gymnasiums. Erasmus kommentierte seinen dortigen Schulbesuch recht negativ (ea schola tunc adhuc erat barbaraErasmus: Compendium Vitae. In: Percy Stafford Allen (Hrsg.): Opus epistolarum Desiderii Erasmi Roterodami. Band 1, 1484–1514. Oxford 1906, S. 48.). Während dieser Zeit bekam er in Utrecht Musikunterricht beim Gesangsmeister und Komponisten Jacob Obrecht.Rudolf Branko Hein: „Gewissen“ bei Adrian von Utrecht (Hadrian VI.), Erasmus von Rotterdam und Thomas More: ein Beitrag zur systematischen Analyse des Gewissensbegriffs in der katholischen nordeuropäischen Renaissance. Studien der Moraltheologie, Band 10, LIT Verlag, Münster 2000, ISBN 978-3-8258-4235-2, S. 265.

Zusammen mit seinem Bruder besuchte er von 1478 bis 1485 in Deventer die zum Stift St. Lebuinus der Brüder vom gemeinsamen Leben gehörende Lateinschule, wo ihn Alexander Hegius und Frater Johannes Synthius (ca. 1450–1533) unterrichteten. Dort begegnete Erasmus auch Rudolf Agricola, den er sein Leben lang als Beispiel und Inspiration ansah und der sein Interesse an der Literatur der klassischen Antike weckte. Nach dem Tod seiner Eltern verließ er 1485 die Lateinschule, zwar ohne Abschluss, aber mit ausgezeichneten Lateinkenntnissen. Seine Lateinkenntnisse wurden von Laurentius Vallas Werk "De linguae latinae elegantia libri sex" maßgeblich geprägt.Danzer, G. (2019). Humanismus und Humanität: Erasmus von Rotterdam. In: Voilà un homme - Über Goethe, die Menschen und das Leben. Springer, Berlin, Heidelberg.

Erasmus besuchte für eine aus den Quellen unbestimmbare Zeit die Lateinschule in ’s-Hertogenbosch, wohl um einer Pest-Epidemie oder der Englischen Schweiß-Pandemie, Sudor Anglicus, die zuerst seine Mutter 1483 und dann seinen Vater 1484 dahingerafft hatte, aus dem Wege zu gehen. Dann entschied sein Vormund, den Jungen auf ein Ordensleben vorzubereiten.

Augustiner-Chorherr (1487), Priesterweihe (1492) Sein Bruder Pieter war bereits in das Kloster Sion (Regularkanoniker nach den Regeln des heiligen Augustinus) bei Delft eingetreten.Johan Huizinga: Erasmus und Luther. Europäischer Humanismus und Reformation. Band 1071, Topos, Kevelaer 2016, ISBN 978-3-8367-1071-8, S. 21. 1487 wurde Erasmus Regularkanoniker im Kloster der Augustinerchorherren Emmaüs te Stein bei Gouda. Während dieser Zeit schrieb er eine Reihe von Briefen an einen jüngeren Novizen namens Servatius Rogerus, der 1504 Prior des Klosters wurde. In diesen Briefen brachte er seine Zuneigung zu seinem Mitbruder in deutlicher und leidenschaftlicher Weise zum Ausdruck.Desiderius Erasmus, Wallace Klippert Ferguson, D. F. S. Thomson: The Correspondence of Erasmus: Letters, 142 to 297. University of Toronto Press, 1975, ISBN 0-8020-1983-8, S. 294.Forrest Tylor Stevens: Erasmus’s „Tigress“: The Language of Friendship. In: Jonathan Goldberg, Michèle Aina Barale, Michael Moon: Queering the Renaissance. Series Q, Duke University Press, Durham North Carolina 1994, ISBN 0-8223-1385-5, S. 124 f. Sein Interesse an klassischer Literatur und Poesie teilte er mit dem älteren (Brief-)Freund Cornelius Aurelius (ca. 1460–1531),Thijm Alberdingk: Aurelius, Cornelius. In: Allgemeine Deutsche Biographie. 1, 1875, S. 689 (deutsche-biographie.de). Augustinerchorherr bei Leiden.Desiderius Erasmus, Wallace K. Ferguson: Erasmi Opuscula: A Supplement to the Opera Omnia. Springer, Berlin / Heidelberg / New York 2013, ISBN 978-94-017-6218-2, S. 9.Wilhelm Ribhegge: Erasmus von Rotterdam. WBG, Darmstadt 2010, ISBN 978-3-89678-667-8, S. 17.

Als Chorherr empfing Erasmus im April 1492 die Priesterweihe im Emmaus Kloster in SteinRichard L. Demolen: Erasmus’ Commitment to the Canons Regular of St. Augustine. In: Renaissance Quarterly. Bd. 26, Nr. 4, 1973, S. 437–443..

Sekretär (1493–1499) 1493 verließ Erasmus das Kloster und betrat es nie wieder. Er wurde Sekretär im Dienste des Bischofs von Cambrai, Heinrich von Glymes und Berghes (Henri de Bergues bzw. Hendrik van Bergen). Die Stelle als Sekretär hatte ihm der langjährige Freund Jacobus Batt (um 1464–1502) vermittelt, ein Lehrer und späterer Stadtsekretär von Bergen, dessen Vita einen Studienaufenthalt in Paris aufweist.Cornelis Reeddijk (Hrsg.): The Poems of Desiderius Erasmus. E. J. Brill, Leiden 1956, S. 261. Nachdem Erasmus die Unterstützung des Bischofs Henri de Bergues verloren hatte, übernahm er ab 1499 für kurze Zeit die Sekretärstelle bei der Hochadeligen Anna van Borsselen (geb. 1471), seit 1485 verheiratet mit dem Admiral der Niederlande Philipp von Burgund (um 1450–1498).

Studienzeit (1495–1499), Privatlehrer (1498–1500), England, Niederlande (1499–1515) mini|alt=Enchiridion militis Christiani (1503).|Enchiridion militis Christiani (1503)

Von 1495 bis 1499 studierte er an der Sorbonne in Paris Theologie. Bei seinem ersten Aufenthalt in Paris unterbrach eine Krankheit sein Studium. Dazu kamen finanzielle Probleme wegen geringer Unterstützung durch den Bischof Henri de Bergues und schlechter Versorgung am Collège Montaigu, wo er mit achtzig weiteren Studenten gegenüber der Abtei Ste.-Geneviève auf dem linken Seineufer wohnte. Das Collège wurde von Jan Standonck (1453–1504) geführt. In Paris hatte Erasmus Kontakt zu den französischen Humanisten, so lernte er Robert Gaguin († 1501) und über ihn Fausto Andrelini († 1518) kennen. Im Frühjahr des Jahres 1496 erkrankte Erasmus und ging nach Holland; er machte später die schlechten Lebensbedingungen im Collège Montaigu für die Erkrankung verantwortlich. Nach kurzer Unterbrechung kehrte er nach 1496 nach Paris zurück, wohnte dann aber in einer privaten Unterkunft. Um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, unterrichtete er die Brüder Heinrich und Christian Northoff aus Lübeck, die bei einem Augustijn Vincent wohnten.Johan Huizinga: Erasmus und Luther. Europäischer Humanismus und Reformation. Band 1071. Topos, Kevelaer 2016, ISBN 978-3-8367-1071-8, S. 43.

Von seiner Studienzeit in Paris ist wenig bekannt. Als regulierter Kanoniker brauchte er die artes nicht zu studieren, sondern konnte gleich in der höheren Fakultät der Theologie Vorlesungen belegen und sich den sancta studia widmen.Robert Stupperich: Erasmus von Rotterdam und seine Welt. De Gruyter, Berlin 1977, S. 44. Die zu dieser Zeit gelehrte scholastische Theologie scheint ihm Probleme bereitet zu haben. In Paris konnte er auch den akademischen Grad des baccalaureus biblicus nicht erwerben, was Erasmus als „Tragödie“ bezeichnete.Robert Stupperich: Erasmus von Rotterdam und seine Welt. De Gruyter, Berlin 1977, S. 48. Gründe dafür sind nicht bekannt. In Paris konnte Erasmus wegen rechtlicher Bedingungen später auch nicht promovieren, da die Statuten der Sorbonne unehelich Geborenen den Zugang zur Promotion in Theologie verwehrten. Daraus erwuchs der Wunsch, in Italien zu promovieren, was Jahre später erfolgte.Robert Stupperich: Erasmus von Rotterdam und seine Welt. De Gruyter, Berlin 1977, S. 48.

Ab November 1498 war er Erzieher von Lord Mountjoy und lebte in dessen Wohnung in Paris. Im Sommer 1499 ging er mit seinem Schüler nach Bedwell in Hertfordshire, England. Dort wurde er mit Thomas Morus und John Colet bekannt, später auch mit William Warham, John Fisher und dem jungen Prinzen Heinrich, dem späteren König Heinrich VIII. Morus nahm ihn 1499 in die Residenz im Eltham Palace mit, wo Heinrich mit seinen jüngeren Geschwistern aufwuchs. Später hielt er zu dem erwachsenen König einen regelmäßigen Briefkontakt in Latein. In England lernte er das höfische Leben kennen und schätzen und entwickelte sich zu einem weltgewandten Gelehrten. Nach Raymond Marcel entdeckte Erasmus in England im Lichte des christlichen Platonismus der Florentiner Akademie, den er dort kennenlernte, sich selbst.Robert Stupperich: Erasmus von Rotterdam und seine Welt. De Gruyter, Berlin 1977, S. 51.

Seine Reifung als Theologe setzte erst ab 1500 ein, wie Erika Rummel festgestellt hat: erst in seinen Dreißigern, als er den Entschluss fasste, „sich ganz der heiligen Literatur zu widmen“, befasste er sich intensiv mit der Theologie.Erika Rummel: Erasmus’ Annotations on the New Testament: From Philologist to Theologian. University of Toronto Press, Toronto 1986 Ab etwa 1501 verfeinerte Erasmus seine Fähigkeiten, die er für das Studium der Bibel, der Theologie und der Kirche benötigte.