miniatur|hochkant|Skizze der Kirche von Giorgi Kazbegi 1873 Opiza () ist die Ruine des ältesten Klosters des mittelalterlichen georgischen Königreichs Tao-Klardschetien in der heutigen nordosttürkischen Provinz Artvin. Es wurde um 750 n. Chr. gegründet und bestand bis zum Beginn der osmanischen Herrschaft im 16. Jahrhundert. Hier lag das kulturelle Zentrum, von dem aus der Mönch Grigol Chandsteli Anfang des 9. Jahrhunderts nach dem Rückzug der muslimischen Abbasiden begann, die georgisch-orthodoxen Klöster in Tao-Klardschetien wiederzubeleben. Die geringen erhaltenen Reste im heutigen Dorf Bağcılar sind kaum noch der ehemaligen Johannes-Kirche, die Anfang des 10. Jahrhunderts ihre letzte Form erhielt, und den Klosternebengebäuden zuzuordnen.
Lage
Von Hopa an der östlichen Schwarzmeerküste führt die Schnellstraße 10 in südöstlicher Richtung im Tal des Çoruh ins Landesinnere. Etwa zehn Kilometer hinter Artvin verlässt die Straße den Çoruh, biegt nach Nordosten ab und folgt bis Şavşat dem Berta Suyu (georgisch Imerchewi), einem Nebenfluss des Çoruh, in einer zunehmend enger und steiler werdenden Schlucht. An dieser Strecke sind am rechten (nördlichen) Flussufer die Kirchenruinen von vier georgischen Klöstern erhalten. Der erste Abzweig führt nach Dolisqana im Dorf Hamamlıköy. Etwa 20 Kilometer östlich zweigt eine schmale Erdstraße ab, die zunächst parallel über der Schnellstraße am Hang verläuft und nur allmählich an Höhe gewinnt. Nach fünf Kilometern wird eine Weggabelung erreicht, ab der es noch zwei Kilometer nunmehr in Serpentinen steil bergauf bis Opiza sind. Geradeaus verläuft der Weg ab dieser Gabelung zunächst in etwa derselben Höhe am Felshang über der Talsohle weitere sieben Kilometer bis zur Ruinenstätte Porta, die mit dem Kloster Chandsta identifiziert wird. Die Kathedrale von Tbeti kurz vor Şavşat beendet die Reihe. Etwa 30 Kilometer südlich des Berta-Suyu, im Seitental des Ardanuç Çay (georgisch Artanudschistskali), blieb nahe der Kleinstadt Ardanuç die Ruine von Yeni Rabat erhalten. Vermutlich befand sich hier das ehemalige Kloster Schatberdi.
Der Ort Bağcılar besteht aus wenigen, weit am Hang der Imerchewi-Berge (türkisch Imerhevi Deresi) verstreut liegenden Gehöften. Die zerklüfteten Felsberge stellen den Südabfall des Karçal-Gebirges (Karçal Dağları) dar, dessen höchster Gipfel knapp 20 Kilometer nordwestlich eine Höhe von 3415 Metern erreicht. Die Reste des Klosters sind vom Weg aus nicht zu sehen. An der Außenseite einer scharfen Linkskurve steht eine kleine Moschee aus dem Jahr 1964 (Bağcılar Köy Camii) mit Sitzbänken und einem Waschplatz davor. Die dahinter angebaute Einraumschule war Ende 2012 nicht mehr in Betrieb. Das Schulgebäude grenzt an die Klosterruinen.
Geschichte mini|Gesamtansicht der Ruinen. Foto von A. M. Pavlinov 1888 Die ersten georgischen Klöster wurden Ende 5. oder Anfang 6. Jahrhundert in der Region Kartlien gegründet.Hacik Rafi Gazer: Georgische Orthodoxe Kirche. In: Bernd Schröder (Hrsg.): Georgien – Gesellschaft und Religion an der Schwelle Europas. Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 2005, S. 60 Als das südwestliche Georgien, das heute zur Türkei gehört, nach den Feldzügen zwischen Georgiern und Arabern Ende des 8. Jahrhunderts praktisch entvölkert war, stellten die schwer zugänglichen, steilen und felsigen Seitentäler im Norden Tao-Klardschetiens für die Mönche geeignete Orte für die Gründung von Klöstern dar. Hier entstand fern vom arabischen Emirat Tiflis in Ostgeorgien ein neues Klosterleben, das eine eigenständige kulturelle Tradition hervorbrachte. Im 9. und 10. Jahrhundert wurden in Tao-Klardschetien zahlreiche Kirchen und Klöster errichtet. Ende des 10. Jahrhunderts vereinigte der Bagratiden-König Bagrat III. Tao-Klardschetien mit drei weiteren Fürstentümern zum Königreich Georgien.
Eine Quelle zur georgischen Geschichte ist die Sammlung „Das Leben Georgiens“ (Kartlis chovreba), in der Schriften von Ende des 10. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, dem „Goldenen Zeitalter“ Georgiens zusammengefasst sind. Dieses Korpus informiert, dass der iberische König Wachtang I. Gorgassali (reg. 452–502) seinen Stiefbruder Artawaz, den Fürsten von Artanudschi, angewiesen habe, in Artanudschi eine Festung, in Opiza ein Kloster und an drei weiteren Orten Kirchen zu bauen. Offensichtlich wurde jedoch der Name Opiza später hinzugefügt, weshalb eine erste Klostergründung in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts damit nicht nachgewiesen werden kann.
Nach verlässlicheren Quellen war Opiza das älteste Kloster in Tao-Klardschetien und wurde Mitte 8. Jahrhundert gegründet. Der Mönch Grigol Chandsteli (759–861), über den Giorgi Mertschule aus dem Kloster Chandsta in seiner 951 verfassten Hagiographie „Das Leben von Grigol Chandsteli“ berichtet, kam um 794 nach Tao-Klardschetien. Er soll zunächst in Opiza gewohnt und von hier aus auf Anregung von König Aschot I. (reg. 813–830) in den 830er und 840er Jahren drei Mönchs- und zwei Nonnenklöster gegründet haben. Dies geht auch aus einer weiteren Schrift mit dem Titel „Das Leben des Serapion von Sarsma“ über den um 900 verstorbenen Mönch Serapion hervor. Mittelalterliche Schreiber verwiesen auf die Wunderkraft Johannes des Täufers, die Grigol bei seinem Werk beflügelt haben soll. Auf Grigols Schüler gehen weitere Klostergründungen in den folgenden Jahrzehnten zurück. Ihnen allen ist zu verdanken, dass das Tal des Berta Suyu zum Zentrum des „Georgischen Sinai“ wurde. Beim Bau des Klosters Chandsta sollen Mönche aus Opiza geholfen haben. Das war zu einer Zeit, als es noch kein anderes Kloster in der Gegend gab. An einer anderen Stelle in „Das Leben des Serapion von Sarsma“ wird erwähnt, dass bei Grigols Ankunft mit Amba Giorgi der dritte Abt dem Kloster vorgestanden habe. Daraus lässt sich eine Gründung durch den Abt Samuel um die Mitte des 8. Jahrhunderts errechnen. Die beim Bau beteiligten Steinmetze hießen nach dieser Quelle Amona, Andrea, Petre und Makari.
Aschots Sohn Guaram Mampali († 882) restaurierte oder erweiterte nach einem anderen, im Kartlis chovreba versammelten Chronisten das Kloster Opiza und wurde dort begraben. Die Baumaßnahmen müssen kurz vor seinem Tod stattgefunden haben. In noch größerem Umfang wurde die Klosterkirche kurz vor der Mitte des 10. Jahrhunderts umgebaut. Inschriften zufolge entstand in dieser dritten Bauphase das Refektorium (Speisesaal) und die bisherige Basilika wurde in eine Kreuzkuppelkirche umgewandelt. Zur Bestätigung dieser Datierung interpretiert Djobadze in der Inschrift, die sich unterhalb von einem schlecht erhaltenen Herrschergemälde an der Wand des Südarms befand („Aschot Kuropalates, der zweite Erbauer von Opiza und dieser heiligen Kirche“), den Namen des Königs als Aschot II. (reg. 941–954). Er war unter den zahlreichen Namensvettern der Einzige, der neben Aschot I. den Titel Kuropalates trug. Andere Historiker lasen den Herrscher als Aschot I. und setzten somit den Umbau zur Kreuzkuppelkirche gut 100 Jahre früher an.Djobadze, S. 15f
miniatur|Längster Mauerrest. Am linken Rand Nebengebäude der Moschee. Von Südwesten, 2012. miniatur|Gegenrichtung von Osten In den Skriptorien vieler Klöstern schrieben Mönche illuminierte Handschriften ab, die für die historische Forschung von großer Bedeutung sind. Das Kloster Opiza wurde durch seine Ausbildungsstätte zu einem bekannten religiösen Zentrum. Die Mönche vervielfältigten unter anderem das 913 datierte „Tetraevangelium von Opiza“, das heute auf der griechischen Halbinsel Athos aufbewahrt wird. Des Weiteren ragt die Schriftsammlung von Schatberdi aus dem Jahr 973 heraus, weil sie ermöglicht, den Neubau der Klosterkirche Barhal (georgisch Parchali) zu datieren, der wenige Jahre zuvor erfolgt sein muss.Sinclair, 17Heinz Fähnrich: Grammatik der altgeorgischen Sprache. Buske, Hamburg 1994, S. 7, ISBN 978-3875480658 In Tiflis befindet sich ein von Atanase Opizeli 1093 kopiertes ParaklitonTiflis, Institute of Georgian Manuscripts (liturgischer Text, der Hymnen und musikalische Notationen enthalten kann International Research Center For Traditional Polyphony Of Tbilisi State Conservatory).
Im Kloster waren auch Goldschmiede beschäftigt, die für den Gottesdienst benötigte Gerätschaften wie Becher, Abendmahlskelche, Hostienschalen und Kreuze herstellten. Erhalten blieben ein von König David III. (Kuropalates, reg. 961–1000) beauftragtes Prozessionskreuz, das ein Goldschmied namens Asat herstellte, qualitativ überragende Metallarbeiten von Besken und Beka, die beide Ende 12. und Anfang 13. Jahrhundert wirkten, sowie kunstvoll gestaltete Buchumschläge dieser Zeit.Djobadze, S. 17f
Mit der Eingliederung ins Osmanische Reich im 16. Jahrhundert wurde das Kloster aufgegeben, die Gebäude blieben danach sich selbst überlassen. Der Adlige und General im Dienst der russischen Armee Giorgi Kazbegi (1840–1921) kam 1874 im Rahmen einer Aufklärungsmission in die unter osmanischer Herrschaft stehenden georgischen Gebiete. In seinen Reisenotizen beschrieb er erstmals die dortigen Kirchen. Dem georgischen Historiker und Archäologen Dimitri Bakradze (1826–1890) ist eine Beschreibung von 1879 zu verdanken. 1888 besuchte der russische Architekt Andreĭ Mikhailovich Pavlinov (1852–1898) den Ort und 1904 kam der Linguist Nikolai Jakowlewitsch Marr. Alle blieben nur wenige Stunden oder einen Tag, dennoch gelang es ihnen in der kurzen Zeit, einige georgische Inschriften zu kopieren. Ein Foto von 1903 zeigt die Kirche mit vollständig erhaltener Kuppel. Nicole und Jean-Michel Thierry waren die ersten Kunsthistoriker, die nach dem Zweiten Weltkrieg im bis dahin schwer zugänglichen Nordosten der Türkei Forschungsreisen unternehmen durften.Bruno Baumgartner: (PDF; 8,5 MB) In: Vakhtang Beridze (Hrsg.): 1st International Symposium of Georgian Culture. 21.–29. Juni 2008, S. 183 Auf Fotos, die sie 1959 anfertigten, ist die Kirche mit Tambour, aber eingestürztem Faltdach zu sehen. Der georgische Kunsthistoriker Wachtang Djobadze besuchte die Kirche 1965 und fand nur noch dicht überwachsene Ruinen, die er vom Gebüsch befreite.Djobadze, S. 9 1990 lohnte sich der Besuch „nur für Experten“Eid, S. 201.
Architektur miniatur|Innenseite der Südmauer mit Rundnischen Nach dem Vorbild traditioneller Wohngebäude (darbasi) entstanden in Georgien ab Mitte des 6. Jahrhunderts Zentralbauten, die später eine monumentale Größe erreichten. Deren Grundriss in Form eines griechischen Kreuzes bildete die Grundlage des georgischen Kirchenbaus. Über dem zentralen Kirchenraum wird die Kuppel von einem durchfensterten Tambour erhöht und das Westschiff häufig durch Kombination mit dem Grundriss des basilikalen Bautyps verlängert.Edith Neubauer: Altgeorgische Baukunst. Felsenstädte. Kirchen. Höhlenklöster. Anton Schroll, Wien/München 1976, S. 32f Die Vorgängerbauten der in Tao-Klardschetien als Ruinen erhaltenen kreuzförmigen Klosterkirchen waren Ende des 8. oder Anfang des 9. Jahrhunderts entstandene einschiffige Saalkirchen oder dreischiffige Basiliken.