Das Haus der Europäischen Geschichte beruht auf einer Initiative des Europäischen Parlaments. Als kulturelle Einrichtung und Museum soll es alle zur Verfügung stehenden Mittel – angefangen bei einer Dauerausstellung sowie Wechsel- und Wanderausstellungen über eine Sammlung von Objekten und Dokumenten, die für die europäische Geschichte stehen, bis hin zu Bildungsprogrammen, Kulturveranstaltungen und Veröffentlichungen sowie vielfältige Online-Inhalte – für ein besseres Verständnis der europäischen Geschichte und Integration einsetzen. Es liegt im Europaviertel in Brüssel, in unmittelbarer Nähe zum Europäischen Parlament. Die Leitung hat die deutsche Kunsthistorikerin Constanze Itzel.

Die Entstehung des Projekts In seiner Antrittsrede als Präsident des Europäischen Parlaments trug Hans-Gert Pöttering (CDU) die Idee zur Errichtung eines Hauses der Europäischen Geschichte erstmals am 13. Februar 2007 vor. Im Oktober 2008 legte ein Sachverständigenausschuss, dem Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland – Organisation, abgerufen am 16. Mai 2017. vorstand, einen Bericht mit dem Titel „Konzeptionelle Grundlagen für ein Haus der Europäischen Geschichte“ vor, der das allgemeine Konzept und die Inhalte festlegte sowie den institutionellen Rahmen entwarf. Herausragendes Ziel des Hauses der Europäischen Geschichte solle es sein, „die Kenntnisse der Europäer aller Generationen über ihre eigene Geschichte zu vertiefen und so zu einem besseren Verständnis der Entwicklung Europas in Gegenwart und Zukunft beizutragen.“Sachverständigenausschuss, Haus der Europäischen Geschichte – Konzeptionelle Grundlagen für ein Haus der Europäischen Geschichte, abgerufen am 16. Mai 2017.

alt=Visualisierung „Haus der Europäischen Geschichte, Brüssel“, Wettbewerb 2011|mini|Visualisierung „Haus der Europäischen Geschichte, Brüssel“; es wurde 2017 eingeweihtIm Juni 2009 entschied das Präsidium des Parlaments, die ehemalige Zahnklinik Eastman in das künftige Museum umzubauen, im Juli wurde ein internationaler Architekturwettbewerb lanciert. Am 31. März 2011 standen die Preisträger fest: Chaix & Morel et associeés aus Frankreich,chaixetmorel.com JSWD Architekten aus Deutschlandjswd-architekten.de und TPF aus Belgien wurden mit der Renovierung und Erweiterung des Gebäudes beauftragt. Unterstützt von einem wissenschaftlichen Beirat, dem international renommierte Fachleute unter dem Vorsitz von Włodzimierz Borodziej angehörten, wurde ein interdisziplinäres Expertenteam unter der Leitung der slowenischen Historikerin und Kuratorin Taja Vovk van Gaal innerhalb der Generaldirektion Kommunikation des Europäischen Parlamentscommunication-director.com eingesetzt, um den Inhalt der Ausstellungen vorzubereiten und um die künftige Einrichtung auszugestalten.

Die Architektur Das historische Gebäude mit seiner Naturstein- und Ziegelfassade wurde zum Teil entkernt und umfassend saniert. Ein neuer, gläserner Baukörper füllt den ursprünglich nach Nordwesten offenen Hof des U-förmigen Altbaus. Er ragt zwei Geschosse über ihn hinaus. Innerhalb dieses neuen Glashauses, dessen Fassade mit weißen Linien bedruckt ist, sind die transluzenten Ausstellungsboxen frei angeordnet. Damit schufen die Architekten einen bewussten Kontrast zum symmetrischen, massiven Bestandsgebäude. Besucher gelangen von der Parkseite ins Gebäude. Die Ausstellungsbereiche werden über eine filigrane Treppenkonstruktion und zwei Aufzüge im Atrium des Neubaus erschlossen. Tagsüber bindet die Glasfassade das bewegte Innenleben zusammen und wirkt als Filter für den Blick ins Innere und den Lichteintrag. Nachts scheint sich diese Hülle aufzulösen und das Museum leuchtet von innen heraus.

Konzept und Inhalte des Hauses in Brüssel

Das erste Konzept Das erste Konzept wurde im Jahre 2008 von einem Sachverständigenausschuss ausgearbeitet unter der Leitung des Deutschen Hans Walter Hütter, Mitglied sowohl im Wissenschaftlichen Beirat als auch im Kuratorium des Hauses der Europäischen Geschichte. Der Sachverständigenausschuss setzte sich aus weiteren Wissenschaftlern aus ganz Europa zusammen: Włodzimierz Borodziej (Polen), Giorgio Cracco (Italien), Michel Dumoulin (Belgien), Marie-Hélène Joly (Frankreich), Matti Klinge (Finnland), Ronald de Leeuw (Niederlande), António Reis (Portugal) und Mária Schmidt (Ungarn).

Der polnische Historiker Wlodzimierz Borodziej sprach von einem modernen und attraktiven Museum: Es solle ein Erinnerungsort werden, der über das tägliche Leben der Menschen und die Kulturgeschichte Europas berichtet. Ferner solle das Haus weniger die großen Taten von einzelnen Personen hervorheben, obwohl die wichtigsten für die europäische Geschichte von Robert Schuman bis Jean Monnet lobend zu erwähnen seien. Nach seiner Aussage ist das Konzept nicht darauf ausgerichtet, die Summe der nationalen Geschichte darzustellen, sondern europäische Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Dieser wichtige Punkt untermauere den Sinn des Projekts weiter im Versuch, ein europäisches Wir-Gefühl zu bekräftigen, um die europäische Identität weiter zu stärken.

Ein erster Anlauf, ein solches Geschichtshaus zu gestalten, passierte bereits Mitte der 1990er Jahre, als das Projekt jedoch aufgrund von Protesten, Uneinigkeiten, Geldmangel sowie dem fehlenden politischen Willen und der unterschiedlichen Vorstellung bezüglich eines geeigneten Ortes scheiterte. Das damalige Konzept wollte die Geschichte Europas mit Karl dem Großen beginnen. Dagegen protestierten einige, vor allem die Griechen, nach denen die Darstellung der Geschichte Europas im antiken Athen beginnen sollte. Erst im zweiten Anlauf im Jahre 2008 einigte man sich darauf, sich auf das 20. Jahrhundert und somit auf die moderne europäische Einigungsgeschichte zu fokussieren.

Konzeptionelle Grundlagen mini|Innensicht des Hauses der Europäischen Geschichte

Die genauen Inhalte des Hauses der Europäischen Geschichte konzipierte ein interdisziplinäres Projektteam aus Sachverständigen und Historikern aus ganz Europa unter Leitung der slowenischen Historikerin und Kuratorin Taja Vovk van Gaal.Aufbau Haus der Europäischen Geschichte, abgerufen am 16. Mai 2017. Sie stellte den Konzeptplan in einem Vortrag im Juli 2011 vor: Themenfelder sollten bestimmt werden, welche sich auf den hohen Integrationsgrad Europas und auf die Spezifik der europäischen Geschichte beziehen. Vovk van Gaal stellte ferner drei Kriterien auf, welche diese europatypischen Entwicklungen, Ereignisse und Prozesse erfüllen müssen:

Es soll sich um Ereignisse und Entwicklungen handeln, welche einen europäischen Ursprung haben. Es soll sich um politische Entwicklungen und Entscheidungen handeln, die sich europaweit auf die Menschen ausgewirkt haben. Alle gewählten Themenfelder sollten immer noch relevant für Europa sein.Eckstein einer EU-Geschichtspolitik? Stefan Troebst Das Museumsprojekt „Haus der Europäischen Geschichte“ in Brüssel, abgerufen am 16. Mai 2017.

Diese Kriterien und Schwerpunkte bilden das neue Konzept der Dauerausstellung, welche im Mai 2017 in Brüssel eröffnet wurde.

Aus der Homepage des Europaparlaments gehen weitere Details zur Gestaltung der Ausstellung hervor:Haus der Europäischen Geschichte, abgerufen am 16. Mai 2017. Der Besucher soll im Mittelpunkt stehen soll. Die Gestaltung des Hauses wird so umgesetzt, dass sie den Erwartungen der Menschen mit differenzierten historischen Vorkenntnissen entspricht. Jeder Besucher soll die Möglichkeit haben, das Haus für sich zu erkunden, zudem werden umfangreiche Bildungs- und Kulturprogramme mit eingeplant. Doch soll nicht nur der Besucher profitieren können, sondern ebenso im Vordergrund steht die Zusammenarbeit innerhalb und außerhalb Europas zwischen den verschiedenen Einrichtungen, Netzwerken und Gremien auf lokaler-, nationaler- und internationaler Ebene. Ein Ziel ist, das Haus der Europäischen Geschichte zu einem festen Bestandteil der Kulturlandschaft in Europa zu entwickeln. Gleichzeitig wird darauf abgezielt, durch dieses Projekt eine Fusion zwischen Partnereinrichtungen aufzubauen und somit eine engere Zusammenarbeit an einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur zu erwirken.

Drei periodische Abschnitte Die konzeptionelle Basis des Experten-Komitees (2008) umfasste 116 Punkte, die hier als Grundlage dienen. Der thematische Schwerpunkt geht vorwiegend auf die Geschichte ab 1945 und die europäische Integration. Der gesamte Themenblock zeigt aber drei aufeinander folgende größere Phasen. Der erste Teil umfasst ungefähr den Zeitraum 1800 bis 1914, der zweite Teil die Jahre 1914 bis 1945 sowie der dritte und größte Teil die Zeit von 1945 bis 2010. In diesen drei Kapiteln soll aufgezeigt werden, welche spezifischen Ereignisse und Entwicklungen die jeweiligen Phasen der europäischen Geschichte geprägt haben. Marcel Siepmann hat in einem Text zur Entstehung des Hauses der Europäischen Geschichte die drei Phasen präzise herausgearbeitet. Bei genauer Betrachtung handelt es sich sogar um vier Punkte: Die ersten drei behandeln die europäische Geschichte bis 2010, der vierte Punkt umfasst noch Fragen, Überlegungen und Anmerkungen im Hinblick auf den Ausblick und die Zukunft Europas. Die Punkte 1 bis 26 stellen allgemeine Ziele und Prinzipien des Hauses voran.

I. Teil – Punkt 27 bis 50

Der erste Teil des Konzeptes reicht von der Antike bis ca. in das Jahr 1920. Unter den Punkten 27 bis 50 werden zunächst noch vor 1800 die Ursprünge und Entwicklungen Europas in groben Zügen behandelt. Erste Formen europäischer Kulturen entwickelten sich im Zuge des Handels im östlichen Mittelmeerraum sowie am Schwarzen Meer. Die lange türkische Vorherrschaft in den Schwarzmeerregionen hatte ebenfalls einen großen Einfluss auf die europäische Geschichte. Die Kolonisation und die Wanderungsbewegungen werden als bedeutende Triebkräfte der europäischen Geschichte aufgegriffen, welche durch Überbevölkerung Migration verursachten. Auch der griechisch-römische Raum mit seinen hoch entwickelten Kulturen wird als großer Einflussfaktor für die europäische Kultur erwähnt, welcher die philosophische und literarische Entwicklung der europäischen Kultur maßgeblich geprägt hat. Weiter geht es mit der Renaissance im 16. Jahrhundert und dem neuen Informationsmedium „Buch“. Die Relatinisierung der französischen und romanischen Sprachen wird aufgegriffen, wobei das Latein eine wichtige Rolle für die Universitäts- und Schulsysteme und die katholische Kirche gespielt hat. Der nächste Abschnitt befasst sich mit dem Mittelalter und den Klöstern, die im gesellschaftlichen und kulturellen Leben wichtig waren. Die Einteilung der Menschen in die Stände des Klerus, des Bürgertums, der Bauernschaft und des Adels wird als eine weitere wichtige Entwicklung dargestellt. Mit dem zügigen Fortschritt der Wissenschaft bis zum 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung, entstand ein neues Verständnis der Menschen. Ein kritisches Verständnis sowie Meinungs- und Gewissensfreiheit entwickelten sich, die das soziale System änderten.

Für die Zeit ab 1800 wird im Zuge der Industriellen Revolution wird auf die gewaltige Zunahme der Städtebevölkerung hingewiesen, vornehmlich in den Hauptstädten. Der Gedanke an ein soziales Sicherungssystem sowie die Herausbildung von Gewerkschaften und die Modernisierung in der Produktion waren weitere wichtige Schritte in der europäischen Geschichte. Das 19. Jahrhundert war eine Epoche der liberalen und nationalen Emanzipation mit zunehmender Mitwirkung und Partizipation der Bürger in politischen Bereichen. Zum Ende dieses ersten konzeptionellen Abschnittes wird schließlich der Erste Weltkrieg behandelt, ein zerstörerischer Krieg, welcher ganz Europa betraf. Der 1920 gegründete Völkerbund wurde der Vorläufer der Vereinten Nationen, womit der erste Teil mit dem Punkt 50 des Konzeptes abschließt.

II. Teil – Punkt 51 bis 68