mini|Friedrich Schleiermacher rahmenlos|zentriert Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (* 21. November 1768 in Breslau, Schlesien; † 12. Februar 1834 in Berlin) war ein deutscher evangelischer Theologe, Altphilologe, Philosoph, Publizist, Staatstheoretiker, Kirchenpolitiker und Pädagoge. In mehreren dieser Wirkfelder wird er zu den wichtigsten Autoren seiner Zeit, in einigen auch zu den Klassikern der Disziplin überhaupt gerechnet. Ähnliches gilt etwa für die Soziologie.Klassische Studie: H. L. Stoltenberg: Friedrich Schleiermacher als Soziologe. In: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. 88/1 1930, S. 71–113 (Digitalisat). Hierzu und zu weiteren forschungsgeschichtlich wichtigen Arbeiten zu Schleiermachers Konzepten zu Staatstheorie und Soziologie: Kurt Nowak: Schleiermacher: Leben, Werk und Wirkung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, 512-520. Nowak selbst legt sich nicht abschließend fest, „ob man in Schleiermacher einen soziologischen Klassiker sehen will oder nicht“ (519). Er übersetzte die Werke Platons ins Deutsche und gilt als Begründer der modernen Hermeneutik.

Leben mini|Gedenktafel in Barby (Elbe)

Friedrich Schleiermacher wuchs in einem Pfarrhaus als Sohn des reformierten Feldpredigers Gottlieb Schleiermacher (1727–1794), eines Sohnes des Zioniten Daniel Schleyermacher, und dessen Frau Maria Catharina (1736–1783), einer Tochter des Hofpredigers Timotheus Christian Stubenrauch (1693–1750), auf. Seine jüngere Halbschwester Anna Maria aus der zweiten Ehe seines Vaters wurde 1817 die zweite Frau Ernst Moritz Arndts. Schleiermacher wurde ab 1783 im Pädagogium der Herrnhuter Brüder-Unität in Niesky erzogen. Ab 1785 besuchte er ihr Theologisches Seminar in Barby, das er 1787 wieder verließ, nachdem er sich ab 1786 von der dogmatisch-positiven Form der Religiosität zu distanzieren begonnen hatte.

Nach dem äußeren Bruch mit den Herrnhutern und gegen den Willen seines Vaters studierte Friedrich Schleiermacher anschließend an der Universität Halle Evangelische Theologie, wo er durch den Philosophen Johann August Eberhard mit der Wolffschen Philosophie in Kontakt gebracht wurde. Auch seine kontroverse Beschäftigung mit Immanuel Kant nimmt hier ihren Anfang. Von 1790 bis 1793 arbeitete er als Hauslehrer in der Familie des Grafen Friedrich Alexander zu Dohna auf Schloss Schlobitten in Ostpreußen. Seit dieser Zeit bestand eine enge Freundschaft mit dessen Sohn Alexander Graf zu Dohna-Schlobitten, später preußischer Innenminister und Staatsmann. 1794 wurde Schleiermacher Hilfsprediger in Landsberg/Warthe. Ab 1796 war er Prediger an der Charité in Berlin. In dieser Zeit verkehrte er in der von Ignaz Aurelius Feßler gegründeten „Mittwochgesellschaft“ und im Salon von Henriette Herz. Dort lernte er Friedrich Schlegel kennen, mit dem er von Ende 1797 bis September 1799 eine gemeinsame Wohnung hatte.Angelika Obert: Schleiermachers und Schlegels WG (2018), auf der Website der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, abgerufen am 26. November 2020. Eng mit den romantischen Kreisen verbunden, veröffentlichte er erste Aufsätze in der Zeitschrift Athenaeum und mit dem Versuch einer Theorie des geselligen Betragens, den Reden über die Religion (beide 1799), den Monologen (1800) und den Vertrauten Briefen über Lucinde (1801, zu dem gleichnamigen Roman Friedrich Schlegels) seine ersten selbständigen Werke (alle vier zunächst anonym).

1802 wurde Schleiermacher nach Konflikten mit einem Vorgesetzten als Hofprediger nach Stolp versetzt. Dort veröffentlichte er 1804/1805 die ersten drei Bände seiner durch Schlegel angeregten fünfbändigen Übersetzung der Werke Platons, die besonders durch die Einleitungen zu den Dialogen Epoche machte. Sie prägte die Platondeutung, die ausschließlich die Dialoge in den Mittelpunkt der Platoninterpretation stellte (vgl. die Diskussion um Platons ungeschriebene Lehre). An seine Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre (1803) schlossen die Abhandlungen über die wissenschaftliche Behandlung des Tugendbegriffs, des Pflichtbegriffs, über den Begriff des Erlaubten, über den Unterschied zwischen Natur- und Sittengesetz und den Begriff des höchsten Gutes an. Die Bayerische Akademie der Wissenschaften ernannte ihn 1805 zum korrespondierenden auswärtigen Mitglied der philologisch-philosophischen Klasse.Die königliche Akademie der Wissenschaften … zu München. Organisation und Mitglieder derselben. Carl Wolf, München 1829, S. 71; .

mini|hochkant|Friedrich Schleiermacher, Kupferstich von Johann Heinrich Lips

Nachdem er einen Ruf an die Universität Würzburg erhalten hatte, verweigerte ihm die Staatsführung die Erlaubnis zur Annahme; stattdessen erhielt er im Herbst 1804 eine Stelle als außerordentlicher Professor der Theologie und Philosophie und Universitätsprediger an der Universität Halle. 1806 wurde er dort ordentlicher Professor. Dort wohnte er in der als Gelehrten-Straße bekannten Großen Märkerstraße. In Halle veröffentlichte er 1806 Die Weihnachtsfeier, ein Gespräch und 1807 die kritische Schrift Über den so genannten ersten Brief des Paulus an den Timotheus. Wegen der kriegsbedingten zeitweiligen Schließung der Universität nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt begab er sich Ende 1807 nach Berlin. Hier wirkte er erst als Privatgelehrter, bis er im Juni 1809 als einer von zwei Pfarrern an der Dreifaltigkeitskirche in der Friedrichstadt eingeführt wurde. Er wohnte bis 1817 in einem der beiden Pfarrhäuser.Bernd Horlemann, Hans-Jürgen Mende (Hrsg.): Berlin 1994. Taschenkalender. Edition Luisenstadt Berlin, Nr. 01280; Seiten zwischen 13. und 14. Februar: Schleiermachers Domizil Gemeinsam mit dem Freiherrn vom Stein und Wilhelm von Humboldt war er eine treibende Kraft bei der preußischen Bildungsreform. Er setzte sich für die Gründung der Berliner Universität ein und verfasste 1808 die Programmschrift Gelegentliche Gedanken über Universitäten im deutschen Sinn. Als Mitglied und zeitweiliger Direktor der Wissenschaftlichen Deputation in Berlin übte er auch erheblichen Einfluss auf die Neugestaltung des höheren Schulwesens im Sinne des Neuhumanismus aus. Hauptamtlich wirkte er ab 1810 als Gründungsdekan der Theologischen Fakultät an der Berliner Universität und lehrte dort bis zu seinem Lebensende als ordentlicher Professor. Er behielt jedoch auch sein Pfarramt, in dem er nun regelmäßig durch Hilfsprediger unterstützt wurde.Andreas Reich: Friedrich Schleiermacher als Pfarrer, auf der Website der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz; abgerufen am 26. November 2020. 1810 wurde er auch Mitglied der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften und hatte somit das Recht, auch philosophische Vorlesungen zu halten. Ab 1815 war er Sekretär der Philosophischen Klasse (später der Historisch-philologischen Klasse).

mini|hochkant|Gedenktafel am Predigerhaus der Dreifaltigkeits­kirche in Berlin mini|Pfarrhaus in Berlin-Mitte, wo Schleiermacher in seiner Zeit als Pfarrer an der Dreifaltigkeitskirche von 1809 bis 1816 lebte.

Am 18. Mai 1809 heiratete Schleiermacher die einundzwanzigjährige Henriette von Willich (1788–1840), geb. von Mühlenfels, die Witwe seines Freundes Pastor Ehrenfried von Willich. Der Altersunterschied betrug zwanzig Jahre. Zu den zwei Kindern, die Henriette Schleiermacher in ihre zweite Ehe mitbrachte (darunter der spätere Jurist Ehrenfried von Willich), kamen vier gemeinsame Kinder hinzu, von denen der einzige Sohn Nathanael schon mit neun Jahren starb. Die Ehe litt unter der großen Verschiedenheit der Partner und den Gegensätzen zwischen seiner Weltanschauung und Henriettes Neigung zum Okkultismus. Schleiermachers Tochter Hildegard (1817–1889) heiratete 1834 den Rittergutsbesitzer und Politiker Maximilian von Schwerin-Putzar.

Gemeinsam mit seiner Frau war Schleiermacher ab 1809 Mitglied in Carl Friedrich Zelters Sing-Akademie zu Berlin, die sich zu einem geistig kulturellen Zentrum Berlins zu entwickeln begann.Hinrich Lichtenstein: Zur Geschichte der Sing-Akademie in Berlin. Nebst einer Nachricht über das Fest am funfzigsten Jahrestage ihrer Stiftung. Verlag von Trautwein & Co., 1843, S. 36. Auch weiteren Intellektuellenvereinen gehörte er an, wie beispielsweise der Deutschen Tischgesellschaft sowie der 1809 gegründeten Gesetzlosen Gesellschaft, deren Vorsitzender er von 1829 bis 1834 war.Website der Gesetzlose Gesellschaft zu Berlin, abgerufen am 26. November 2020. Ueber die verschiedenen Methoden des Uebersetzens (1813) gehört zu den bedeutendsten Zeugnissen deutscher Übersetzungstheorie.Friedrich Daniel Schleiermacher, Akademievorträge, hg. von Martin Rössler unter Mitwirkung von Lars Emersleben (= Kritische Gesamtausgabe, 1. Abt., Schriften und Entwürfe, Bd. 11), Berlin u. a. 2002, S. 67–93. Dokumente zur Theorie der Übersetzung antiker Literatur in Deutschland seit 1800. Ausgewählt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Josefine Kitzbichler, Katja Lubitz, Nina Mindt.

Bis 1815 (in diesem Jahr übernahm er auch das Rektorat der Berliner Universität) hatte Schleiermacher großen Einfluss innerhalb der preußischen Politik. Nachdem er schon 1804 mit den Unvorgreiflichen Gutachten in Sachen des protestantischen Kirchenwesens eine Schrift zur Reform der Kirchenverfassung vorgelegt hatte, verfasste er 1808 und 1813 im Auftrag des Freiherrn vom Stein weitere Verfassungsentwürfe.Albrecht Geck: Schleiermacher als Kirchenpolitiker, auf der Website der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, abgerufen am 26. November 2020. In der Zeit der Restauration nach dem Wiener Kongress geriet er jedoch in Konflikte mit dem König Friedrich Wilhelm III., der den eingeschlagenen Weg zur Umgestaltung der Kirchenverfassung nun nicht mehr fortsetzen wollte. Schleiermacher, der ab 1817 als Präses der Vereinigten Berliner Synode an vorderster Stelle für die Einführung einer presbyterial-synodalen Kirchenverfassung kämpfte, wurde nun sogar von der Polizei bespitzelt und überwacht. Nur die Union von Lutheranern und Reformierten, für die sich Schleiermacher schon 1804 ausgesprochen hatte und die er 1818/1819 gegen literarische Angriffe von Claus Harms und Christoph Ammon verteidigte, wurde 1817 verwirklicht. 1819 stand Schleiermacher wegen eines Solidaritätsschreibens an den im Rahmen der Demagogenverfolgung entlassenen Fakultätskollegen Wilhelm Martin Leberecht de Wette selbst kurz vor der Entlassung. In den 1820er Jahren geriet er in neue Konflikte, als er im „Agendenstreit“ mit seiner Schrift Über das liturgische Recht evangelischer Landesfürsten (1824 unter dem Pseudonym Pacificus Sincerus) dem König das Recht zur Einführung einer neuen Gottesdienstordnung bestritt.

Als theologischer Lehrer genoss Schleiermacher weiterhin größtes Ansehen. Unter seinen Publikationen sind die Kurze Darstellung des theologischen Studiums von 1811, eine enzyklopädische Einführung in die Theologie, und die zweibändige Dogmatik Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt (1. Auflage 1821/1822; 2. Auflage 1830/1831) hervorzuheben. Hier unternahm Schleiermacher den Versuch, die überlieferte Theologie mit der Innerlichkeit und Freiheit des Subjekts auszusöhnen und zu erfüllen und die Religion auf das Gefühl absoluter („schlechthinniger“) Abhängigkeit zurückzuführen. Weitere theologische Vorlesungen wurden erst postum herausgegeben, zuerst Die christliche Sitte (1843). Zu seinen akademischen Schülern gehörten in Halle der spätere Fakultätskollege August Neander, in Berlin August Twesten (nach seinem Tod sein Nachfolger) und Karl Heinrich Sack, ein enger Gefolgsmann Friedrich Lücke. Durch sie wirkte Schleiermacher auf die Vermittlungstheologie ein. Eine eigentliche Schule begründete er jedoch nicht.