Die Lübeckischen Anzeigen waren eine Zeitung, die von 1751 bis 1933 in Lübeck erschien.
Als die Lübeckischen Anzeigen 1926 auf ihr 175-jähriges Bestehen zurückblickten, gehörten sie zu den ältesten regelmäßig erscheinenden Zeitungen Deutschlands. Als eine der ältesten galt die Frankfurter Postzeitung (1615)Laut 1926 veröffentlichter Publikation. und die Leipziger Zeitung (1660). Aus dem 18. Jahrhundert waren es die Magdeburgische Zeitung, Jenaische Zeitung, Rostocker Zeitung oder die Augsburger Zeitung. Viele von ihnen existierten zu jenem Zeitpunkt schon nicht mehr.
mini|Ein Wespennest in den Lübeckischen Anzeigen (1933)
Vorgeschichte Ludwig Dietz aus Speyer begründete 1524 die erste Druckerei Lübecks. Sie ging 1531 in den Besitz Johann BalhornsAuf Johann Balhorns Sohn, der die Druckerei einst übernehmen sollte, gingen später die Begriffe des „verballhornen“ oder „balhornisieren“ für das „verschlimmbessern“ eines Textes zurück. über. Lorenz Albrecht führte sie ab 1599; seine Erben verkauften sie 1608 an Samuel Jauch. Sein Nachfolger wurde 1629 Valentin Schmalherz, dessen Witwe sie nach seinem Tode weiterführte. Ab 1680 führte ihr Sohn Moritz Valentin Schmalherz die Druckerei. Johann Nicolaus Green besaß als dessen Nachfolger somit die erste und älteste Druckerei der Stadt.
Zu jener Zeit bestand bereits eine zweite Druckerei. Ihr Besitzer war Gottfried Jäger. Auch im Umfeld Lübecks – in Mecklenburg, Holstein oder Sachsen-Lauenburg – entstanden Druckereien, die dem einstigen Monopolisten Konkurrenz machten.
Geschichte mini|Geschäftshaus (1926) mini|Zweifache Rotationsmaschine der Schnellpressenfabrik Frankenthal Albert & Co. A. G. mini|Sonderdepesche vom 9. Februar 1918
Zeitung Der am 3. März 1724 zum „Ratsbuchdrucker“ ernannte Johann Nicolaus Green gab am 9. Januar 1751 bekannt, dass der Rat ihm die Erlaubnis gegeben habe, ab März ein wöchentliches Anzeigen- und Intelligenzblatt unter dem Titel Lübeckische Anzeigen herauszugeben. In diesem sollten Nachrichten über Magistratswahlen und Neubesetzungen anderer Ämter, Sterbefälle bekannter Personen, die Ankunft durchreisender „Fürstlichkeiten“ und Obrigkeitliche Verordnungen stehen.
Die Blätter erschienen samstags. Eine Ausgabe kostete einen Schilling Lübisch, das Jahresabonnement drei Mark Courant. Da der Druck der Blätter einen ganzen Tag in Anspruch nahm, war bereits am Donnerstagabend Annahmeschluss für Anzeigen und Annoncen.
Wie beliebt das Blatt war, kann man schon wenig später den Stücken, damalige Bezeichnung für Nummern, entnehmen. In einem Vermerk wird angegeben, bei wem in Hamburg, Kiel und Wismar das Blatt verkauft wird. Das Verzeichnis über die in den Lübecker Hafen eingelaufenen oder die in Ladung nach auswärts befindlichen Schiffe wurde zu einem wichtigen Bestandteil der Zeitung.
Es finden sich in ihnen keine Nachrichten über den seinerzeit tobenden Siebenjährigen Krieg, wohl aber längere Abhandlungen über den Wert und Nutzen des Tobak-Rauchens. Die Nachricht über das Erdbeben von Lissabon benötigte drei Wochen, um Lübeck zu erreichen.
Seit Ostern 1761 erschien mittwochs ein zusätzlicher Beytrag und ab 1762 lag der Spielplan der in jenem Jahr begründeten Lübeckischen Stadt-Lotterey jeder Ausgabe bei. Ab dem letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts wurde der Brauch, Todesfälle auch aus den bürgerlichen Kreisen bekannt zu machen, allgemein üblich.
Anhand der zu Jahresbeginn ausgewiesenen Statistiken über Trauungen, Geburten und Sterbefälle wurde das Bevölkerungswachstum in Zeiten, als man noch keine Volkszählungen kannte, ermittelt.
Am 18. Februar 1796 erschien eine Verordnung „wegen Ansiedelung fremder Unbekannter in Lübeck“. Neben dem Bericht über die Kaiserwahl Leopolds II. war dies der einzige Niederschlag der Zeitgeschichte in den Anzeigen.
Vom 1793 an erscheinen die Lübeckischen Anzeigen in ihrem Hauptblatt zweimal wöchentlich.
Im Januar 1798 wurde der erste Aufsatz über ein treffliches Kulturbild und gibt eine anschauliche Beschreibung der öffentlichen Zustände in der Stadt zum Ende des 18. Jahrhunderts.
Ab 1799 wurde das Blatt übersichtlicher. Die lose Folge von Annoncen und Anzeigen wurde in Rubriken unterteilt.
Seit dem 4. Januar 1812 hatten die Lübeckischen Anzeigen in französischer und deutscher Sprache unter dem Titel Affiches, Annonces et Avis divers de Lubeck oder Lübeckische Anzeigen zu erscheinen. Per Dekret Napoleons vom 22. Dezember 1812, das die Zeitung am 20. Januar 1813 veröffentlichte, wurde diese Verpflichtung wieder aufgehoben, und es erschienen wieder die Lübeckischen Anzeigen. Nachdem Oberst Benkendorf mit seinen Kosaken am 21. März in Lübeck einzog, richtete sich in der Ausgabe vom 24. März Oberst Friedrich Karl von Tettenborn von Hamburg aus an die Lübecker Einwohnerschaft und verkündete, dass nun ein Hanseatisches Corps gegründet werde. Auch der Senat sowie Oberst Benkendorf forderten in derselben Ausgabe zum Eintritt in die Hanseatische Legion auf.
Als nach der Ablösung der französischen Truppen spanische in Lübeck einzogen, bürgerte sich mit diesen das Zigarettenrauchen in Lübeck ein. Die Lübeckischen Anzeigen des 12. Septembers tadelten diese neue Sitte zwar vernichtend, vermochten sie aber dennoch nicht mehr zurückzudrängen.
Das in Lübeck errichtete Korps sollte aus Jägern zu Fuß und zu Pferde bestehen. Für diejenigen, die sich in eigener Ausrüstung stellten, war die Uniform der Truppe im Einzelnen beschrieben. Sie sollte aus einem dunkelgrünen Kaftan oder Überrock bestehen, in weiten Pantalons gleicher Farbe, unter denen Stiefel getragen werden sollten, und in grauen Mützen mit oder ohne Schirm. In den nächsten Tagen meldeten sich bei dem im Hause des Senators Nölting errichteten Bureau 272 Freiwillige.
Des Weiteren wurde die sofortige Aufhebung der Handelssperre gegen England, womit die seit ihr daniederliegende Lübecker Wirtschaft wieder erwachte, bekanntgegeben.
Ab 1809 führte Borchers, dem Beispiel Hamburgs, Hannovers und anderer Städte folgend, Verbesserungen der Zeitung durch. Diese nahm man schon äußerlich wahr, denn ab der ersten Nummer des Jahres wurde wieder der Lübecker Adler mit doppelter Umrandung im Titel geführt. Mit der Einverleibung der Stadt in das französische Kaiserreich im Jahr 1812 sollte dieser wieder verschwinden und durch das Französische Wappenschild mit dem französischen Adler ersetzt werden. Nach der endgültigen Vertreibung der Franzosen kehrt der Lübeckische Adler zurück. Die leitenden Aufsätze behandelten nun historische, geographische, naturwissenschaftliche und medizinische Themen.
Da der Umfang des Blattes der gleiche blieb, die Bekanntmachungen und Dekrete aber immer mehr Platz beanspruchten, bürgerte sich ab den 1820er Jahren der Brauch der Sonderbeilagen ein. Bisher beschränkten sie sich auf die halbjährlichen Stundenpläne des Katharineums und die Spielpläne der 1814 wieder eingeführten früheren Stadtlotterie. Das Oberlandesgericht der vier Freien Städte, das seit 1820 seinen Sitz in Lübeck hatte, veröffentlichte in ihnen monatlich die gefällten Urteile. Außer diesen trat die Gemeinnützige Beilage hinzu.
Da der Umfang der Nachrichten dennoch zunahm, erschienen ab dem 1. Januar 1845 die Lübeckischen Anzeigen viermal wöchentlich. Obwohl auch der Umfang der einzelnen Nummern sich verdoppelte, war er nicht hinreichend. Ab dem 1. April 1848 erschienen die Lübeckischen Anzeigen täglich. Der Ausgabe vom 17. April 1848 lag die erste Wählerliste zur Vertretung der Bürgerschaft bei.
Nach und nach verschwanden nun die leitenden Aufsätze. An ihre Stelle traten die Senats- und Behördenbekanntmachungen, gefolgt von den Inseraten und Anzeigen, die Nachrichten über Handel und Schifffahrt.
Am 6. März 1851 bestanden die Lübeckischen Anzeigen 100 Jahre.
Zum 1. April 1854 wurden die Lübeckischen Anzeigen Amtsblatt der Freien und Hansestadt Lübeck.
Die Lübeckischen Anzeigen waren das, was ihr Titel besagte, die 1866 eingegangene Lübecker Zeitung war das ergänzende Gegenstück. Dessen Fehlen machte sich mit der Zeit so bemerkbar, dass in der Ausgabe vom 31. Dezember 1869 eine entsprechende Ergänzung angekündigt wurde.
Ab dem 12. Januar 1870 erschienen die Lübeckischen Anzeigen im Folio-Format statt wie bisher im Quart. Mit der Nachricht von der Kriegserklärung von 1870 nahmen die Telegramme in ihnen von nun an einen immer größer werdenden Raum ein. Ab September bereicherten regelmäßige Kritiken der am Theater aufgeführten Stücke die Zeitung. Die Nachrichten wurden zudem „streng objektiv“ veröffentlicht.So wurde die Proklamation des Kaisers zunächst nur als Telegramm veröffentlicht.
Schon am 26. Januar 1871 erließ der Senat Lübecks, jetzt wieder Reichsstadt, die erste Bekanntmachung wegen der Wahl eines lübeckischen Reichstagsabgeordneten. Zwei Tage darauf vermeldete die Zeitung die bevorstehende Bildung eines Garnisonsbataillons.
Nachdem der Krieg beendet war, wurden die politischen Erweiterungen des Blattes wieder zurückgenommen. Am 1. Oktober 1872 erschien dafür die erste Nummer der Lübecker Zeitung, deren erster Chefredakteur Friedrich Crome war, zu jener Zeit Prokurator am Oberappellationsgericht. Sie erschien abends und ergänzte so die morgendlich erscheinenden Lübeckischen Anzeigen. Beide Blätter des Verlags sollten nun zwanzig Jahre nebeneinander bestehen.
mini|Fürst v. Bismarcks Lesetisch, auf dem auch stets die Lübeckischen Anzeigen zu finden waren; aus Fürst Bismarck in Friedrichsruh von C. W. Allers (1892)
Die Räumlichkeiten im alten „Adresshaus“ erwiesen sich bald als zu klein. 1885 erwarb man das Haus in der Königstraße No. 46 und übertrug den Namen Adresshaus auf den neuen Sitz des Verlages, in den er nach Um- und Anbauten am 29. März 1886 übersiedelte. Der Verlag Gebrüder Borchers vereinte so ab dem 5. April seine bisher getrennten Geschäfte unter einem Dach.
Am Abend des 19. September 1890 erschien die letzte Nummer der Lübecker Zeitung, und so erschienen die Lübeckischen Anzeigen von da an, eine Morgen- und eine Abendausgabe, 13 Mal in der Woche und hatten sie zu einer modernen Zeitung werden lassen.
Als besondere Ehre wurde das Schreiben vom 3. März 1891 von Otto von Bismarck an die Lübeckischen Anzeigen empfunden. Der Fürst ging auf einen Artikel über die seinerzeitige Anwesenheit der Kaiserin Friedrich in Paris ein und verlieh seinem Dank über die fortlaufende Zustellung der Zeitung zu ihm nach Friedrichsruh Ausdruck. Auf dem von Christian Wilhelm Allers gezeichneten Bilde Bismarcks Lesetisch befindet sich neben den „besten“ nationalen Blätter auch eine Ausgabe der Lübeckischen Anzeigen.
Neben der zweimal täglich erscheinenden Großen Ausgabe wurde am 1. April 1892 eine Kleine Ausgabe der Anzeigen für den „kleinen Mann“ ins Leben gerufen.
Am 1. Oktober 1898 wurden die Vaterstädtischen Blätter als Sonntagsbeiblatt der Lübeckischen Anzeigen, das ausschließlich vaterstädtische Angelegenheiten behandelte, ins Leben gerufen.
Ein Jahr darauf wurde der Großen Ausgabe als Beiblatt das Gesetz- und Verordnungsblatt hinzugefügt. Alleiniges Amtsblatt sollten sie bis 1923 bleiben.
Um der fortschreitenden Anforderungen des Druckwesens gewachsen zu sein, trug diesen der Verlag mit der Inbetriebnahme einer zweifachen oder Zwillings-Rotationsmaschine der Schnellpressen-Fabrik Frankenthal Albert & Co., Akt. Ges. in Frankenthal, am 26. Juli 1904 Rechnung. Die Aufstellung unter der Leitung durch einen von der Fabrik abgeordneten Techniker hatte drei Wochen in Anspruch genommen.
mini|Aushangschaufenster der „Lübeckischen Anzeigen“ für „Bilder der Gegenwart aus aller Welt“