Der Begriff Reizdarmsyndrom (RDS) bezeichnet in der Medizin, insbesondere in der Gastroenterologie, eine funktionelle Darmerkrankung, die zu den Störungen der Darm-Hirn-Interaktion (englisch disorders of gut-brain interaction, DGBI) gezählt wird. Sie hat eine hohe Prävalenz (Krankheitshäufigkeit in der Bevölkerung) und macht bis zu 50 Prozent der Besuche beim Spezialisten (Gastroenterologe) aus. Das Reizdarmsyndrom kann mit Symptomen vieler Darmerkrankungen verwechselt werden, ist jedoch, wenn andere Erkrankungen ausgeschlossen sind, ungefährlich, auch wenn die Lebensqualität der Betroffenen häufig nachhaltig beeinträchtigt wird. Synonyme Begriffe sind Irritables Darmsyndrom (IDS) bzw. (IBS), früher auch Reizkolon, Colon irritabile, „nervöser Darm“ u. a.

Symptomatik Symptome des Reizdarmsyndroms sind Schmerzen oder Unwohlsein im Bauchraum zusammen mit einer Veränderung in den Stuhlgewohnheiten unter Ausschluss einer strukturellen oder biochemischen Ursache. Eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit des Darmes gegenüber mechanischen Reizen ist ein sehr sensitives, weniger spezifisches Zeichen des Reizdarmsyndroms. Je nach Charakter der Schmerzen und der Stuhlgewohnheiten spricht man auch vom spastischen Kolon. Das Reizdarmsyndrom kann in verschiedene Untergruppen klassifiziert werden, dazu gehören diarrhö-prädominantes (Durchfall, RDS-D), obstipations-prädominantes (Verstopfung, RDS-O) Reizdarmsyndrom und Reizdarmsyndrom mit wechselnden Stuhlgewohnheiten (RDS-M). Typisch ist die Überlappung mit chronischen Beckenschmerzen, mit Fibromyalgie (chronische Schmerzen, geistige und körperliche Erschöpfung) und psychischen Erkrankungen.

Weil sich die Symptome wie Blähungen, Schmerzen und veränderte Stuhlgewohnheiten bei Aufnahme von Mehrfachzuckern wie Laktose in Milchprodukten und Stärke in Weizenmehl bei manchen Personen verstärken können, suchen viele eine Ursache in Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die jedoch durch einen Test auf Laktoseintoleranz und Zöliakie (Glutenunverträglichkeit, davon ausgenommen ist die „Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität“), S. 841 ff. ausgeschlossen werden können. Auch könnte eine Dünndarmfehlbesiedlung (engl.: SIBO für Small Intestinal Bacterial Overgrowth) für eine (temporäre) Unverträglichkeit verantwortlich sein. Einzelne Untersuchungen gehen davon aus, dass bis zu 84 % der Reizdarmpatienten tatsächlich an einer Dünndarmfehlbesiedlung leiden.

Häufigkeit Das RDS tritt bei Frauen häufiger auf, bei jungen Erwachsenen beträgt das Verhältnis w : m = 2 : 1. Die RDS-Symptome von gelegentlichen Bauchschmerzen und Stuhlunregelmäßigkeiten treten auch in der gesunden Bevölkerung häufig auf, der genaue Anteil ist unbekannt. Bei Befragungen gaben 33–90 % der Symptomträger an, deswegen keine ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Größe des Anteils hängt dabei von der Anwendung der Diagnosekriterien ab. Die Häufigkeit des Auftretens (Prävalenz) von RDS-Symptomen als Krankheitsfälle in ärztlicher Behandlung wird weltweit auf 11 % geschätzt. Auch hier bewegen sich die Zahlen je nach Autor in einem sehr breiten Bereich. Je nach Krankheitsdefinition wird eine Prävalenz von 2,5–25 % angegeben. Die Prävalenz ist in den verschiedenen Ländern trotz unterschiedlicher Lebensstile und Ernährungsgewohnheiten ähnlich. Als Gründe für einen Arztbesuch werden neben Bauchschmerzen auch psychische und soziale Faktoren genannt.

Diagnose Nach den Rom-IV-Konsensus-Kriterien der American Gastroenterological Association und anderen medizinischen Gesellschaften kann ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert werden, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

Wiederkehrende abdominelle Schmerzen, durchschnittlich mindestens einmal pro Woche innerhalb der letzten drei Monate, assoziiert mit zwei der drei folgenden Faktoren: Darmentleerung Veränderung der Stuhlhäufigkeit Veränderung der Stuhlkonsistenz Diese Kriterien sollen für die letzten drei Monate erfüllt sein, während der Beginn der Symptome mindestens sechs Monate zurückliegen soll.Brian E. Lacy, Nihal K. Patel: Rome Criteria and a Diagnostic Approach to Irritable Bowel Syndrome. In: Journal of Clinical Medicine, 26. Oktober 2017, .

Nebenkriterien, die die Diagnose unterstützen, aber für sich keine Diagnose erlauben, sind: abnorme Stuhlhäufigkeit (mehr als drei Stühle pro Tag oder weniger als drei Stühle pro Woche) abnorme Stuhlkonsistenz (mehr als 25 % der Defäkationen) abnormes Absetzen von Stuhl (z. B. starkes Pressen, imperativer Stuhldrang, Gefühl der unvollständigen Entleerung) (mehr als 25 % der Defäkationen) schleimiger Stuhl (mehr als 25 % der Defäkationen) Blähungen und Gefühl des Aufgeblähtseins (mehr als 25 % der Tage)Koppen, Hartmut: Gastroenterologie für die Praxis - 14.2 Funktionelle Magen-Darm-Syndrome, 2010. doi:10.1055/b-002-44909. Seite 177

Die Diagnose setzt voraus, dass keine strukturelle oder biochemische Veränderung die Symptome erklären kann. Das muss ausgeschlossen werden durch: Darmspiegelung, u. a. zum Ausschluss von Kolonkarzinomen und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Magenspiegelung, u. a. zum Ausschluss von Magenkarzinomen und Magengeschwüren Ultraschalluntersuchung des Bauches, u. a. zum Ausschluss von Lebererkrankungen und extraenteralen (= außerhalb der Därme gelegenen) Neubildungen Blutuntersuchungen: Blutbild, Leberenzyme, Elektrolyte, Nierenwerte usw. zum Ausschluss anderer internistischer Erkrankungen, wie Lebererkrankungen, hormonelle Störungen oder Allergien tiefe Dünndarmbiopsie zum Ausschluss einer Zöliakie Tests auf Wasserstoff (H2) in der ausgeatmeten Luft (Wasserstoffatemtest) zum Ausschluss von Laktoseintoleranz, Fruktosemalabsorption und Dünndarmfehlbesiedlung Test auf eine Sorbitunverträglichkeit Stuhluntersuchungen: Test auf Pankreas Elastase-1 zum Ausschluss einer exokrinen Pankreasinsuffizienz, die Bestimmung von Calprotectin und/oder Laktoferrin kann entzündliche von funktionellen Diarrhoen, bspw. im Rahmen des Reizdarmsysndroms, unterscheiden

Eine Reizschwellenbestimmung durch Barostat wird als diagnostischer Test diskutiert. Sensitivität und Spezifität sind jedoch noch nicht gut genug, um es als klinische Methode anwenden zu können.

Pathophysiologie Das Reizdarmsyndrom wird den Störungen der Darm-Hirn-Interaktion zugeordnet. Die Beschwerden werden dabei als Folge einer gestörten bidirektionalen Kommunikation zwischen dem enterischen Nervensystem des Darms und dem zentralen Nervensystem verstanden.Douglas A. Drossman: Functional Gastrointestinal Disorders: History, Pathophysiology, Clinical Features and Rome IV. In: Gastroenterology. Band 150, Nr. 6, 2016, S. 1262–1279, doi:10.1053/j.gastro.2016.02.032, PMID 27144617. An der Pathophysiologie können unter anderem eine veränderte Darmmotilität, eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit des Darms (viszerale Hypersensitivität), niedriggradige Immunaktivierung und Schleimhautentzündung, Veränderungen der Darmflora (Mikrobiom) sowie eine veränderte zentrale Verarbeitung viszeraler Reize beteiligt sein. Psychische Faktoren wie Stress, Angst und Depression können über die Darm-Hirn-Achse Entstehung, Aufrechterhaltung und Verlauf des Beschwerdebilds beeinflussen, gelten jedoch weder als notwendige noch als hinreichende Ursache. Da die einzelnen Mechanismen individuell unterschiedlich ausgeprägt sein können, gilt das Reizdarmsyndrom als heterogenes Krankheitsbild mit ähnlicher Symptomatik, aber unterschiedlicher Pathogenese.Mögliche Ursachen für ein Reizdarmsyndrom. Frusano, abgerufen am 25. Juni 2026 (frusano.com).

Die Ätiologie (Ursache) des Reizdarmsyndromes ist teilweise unklar. Ein ausschlaggebender Faktor bei einer bestimmten Form (RDS-D) scheint Glutensensitivität zu sein.

Etwa 25 Prozent der Reizdärme entstehen nach einer Gastroenteritis (z. T. nach dem Einsatz von Antibiotika). In diesen Fällen werden eine verlängerte Immunreaktion oder neuroplastische Vorgänge auf Ebene des Rückenmarks als ursächlich diskutiert, allerdings basieren diese Annahmen bisher nur auf Tiermodellen.

Eine Studie aus dem Jahr 2019 deutet darauf hin, dass eine übermäßige Kolonisierung des Darms mit Pilzen der Gattungen Candida, Saccharomyces und Aspergillus für die Sensitivierung bzw. die Hyperalgesie verantwortlich sein könnte. Allerdings handelt es sich bei diesen Studien um Versuche an Ratten. Das auf den Zellwänden der Pilze befindliche β-Glucan soll von C-Typ-Lektin-Rezeptoren erkannt werden, was dann zu einer Degranulation von Mastzellen und somit zu einer Sensitivierung führen kann. Zudem wurde auch auf andere potentielle Wechselwirkungen eingegangen. So kann auch das durch einige Pilze produzierte Gliotoxin zu neuronalen Veränderungen im Bereich des Rückenmarks führen. Die Hyperalgesie konnte durch Stuhltransplantationen auf andere Ratten übertragen werden. Auch konnte der Kot gesunder Ratten in krankhafte Ratten eingepflanzt und so die Sensitivierung rückgängig gemacht werden. Neben Stuhltransplantationen konnten auch Antimykotika (Menthacarin) und antimykotische Substanzen (Pfefferminzöl, Kümmelöl) die Sensitivierung rückgängig machen. Neben den Pilzen ist jedoch vor allem deren Beziehung zur restlichen Darmflora maßgebend. So ist das Risiko der Entstehung eines Reizdarmsyndroms höher, wenn zwischen den Pilzen und bestimmten Bakterien (Enterobacteriaceae, Escherichia coli, Serratia marcescens) eine Symbiose vorliegt, was von den Genen der jeweiligen Erreger abhängt. Neben dem Reizdarmsyndrom steht eine Dysbiose der Darmflora auch in Korrelation zu einigen psychischen Erkrankungen (Schizophrenie, Depression), Persönlichkeitsstörungen sowie Autismus. Hier ist erwähnenswert, dass auch beim Menschen Persönlichkeitsänderungen nach Stuhltransplantationen beobachtet werden konnten.

Eine Korrelation zwischen dem statistisch häufigeren Auftreten des Reizdarmsyndroms bei Frauen und dem häufigeren Auftreten von Pilzinfektionen bei Frauen konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Es ist jedoch ratsam, bei Darmkeimen zwischen Infektion, Kolonisation und Passierung zu unterscheiden. So ist ein positiver Stuhltest (z. B. auf Candida oder Salmonella) bei asymptomatischen Personen nicht mit einer Infektion oder Kolonisation gleichzusetzen, obwohl dies im medizinischen Alltag bei Salmonellen üblich ist.

Das Reizdarmsyndrom wird von vielen als ein Konglomerat von Störungen mit ähnlicher Symptomatik, aber unterschiedlicher Ätiologie angesehen. Wie bei vielen anderen Krankheiten wird über Ursachen spekuliert, unter anderem von Seiten der alternativen Medizin. In einer Studie mit RDS-D-Patienten konnten mit einer glutenfreien Diät Verbesserungen erzielt werden.M. I. Vazquez-Roque, M. Camilleri u. a.: A controlled trial of gluten-free diet in patients with irritable bowel syndrome-diarrhea: effects on bowel frequency and intestinal function. In: Gastroenterology. Band 144, Nummer 5, Mai 2013, S. 903–911.e3, . doi:10.1053/j.gastro.2013.01.049. PMID 23357715. .

Nach neueren Erkenntnissen sollen die enterochromaffinen Zellen des Verdauungstrakts Aromastoffe in der Nahrung detektieren und so die Verdauung steuern.Nase im Darm. Meldung bei Scienceticker.info vom 12. Juni 2007. Somit könnten Aromastoffe für Reizdarmprobleme mitverantwortlich sein.