miniatur|Heinz Ritter im Jahr 1990 Heinz Ritter-Schaumburg (* 3. Juni 1902 in Greifswald als Heinrich Adolf Ritter; † 22. Juni 1994 in Schaumburg bei Rinteln) war ein deutscher Privatgelehrter, der seit 1975 mit seinen Thesen zur Thidrekssaga und zum Nibelungenlied für Aufsehen sorgte.

Leben und Werk Als Sohn des Chirurgen Carl Ritter wuchs Heinz Ritter als Kind in seiner Geburtsstadt Greifswald auf, als Jugendlicher in Posen und in Düsseldorf. Er studierte Medizin, Germanistik, Spanisch und Biologie, beherrschte sieben Sprachen und promovierte zum Dr. phil. Nach einer Tätigkeit als Heilpädagoge war er als Lehrer an der Waldorfschule Hannover bis zu deren Schließung 1936 tätig. Danach gründete er 1936 in Schaumburg bei Rinteln ein Kinderheim, das er bis 1967 leitete. Er erhielt eine Veröffentlichungssperre, weil er das Kinderheim nach damals sehr neuartigen pädagogischen Grundsätzen aufgebaut hatte, die den nationalsozialistischen Erziehungsgrundsätzen widersprachen.

Heinz Ritter ist Verfasser zahlreicher Bücher, Gesamtauflage über 100.000. Sein bekanntestes Werk Die Nibelungen zogen nordwärts, 1981 erstmals im Herbig Verlag erschienen und zu den „Sieben Büchern des Jahres“ (Süddeutsche Zeitung) gehörend, ist (inzwischen als Taschenbuch) bereits in achter Auflage erschienen. Hierbei handelt es sich um einen interdisziplinären, frühgeschichtlichen Forschungsbericht, in dem er neuartige Methodologie-Ansätze benutzt hat, die ihm bleibende Beachtung gesichert, aber auch viel Kritik eingetragen haben.

Er stellte die These auf, dass die in skandinavischen Sprachen überlieferte, heidnisch geprägte Didriks-Chronik Thidrekssaga eine sehr späte Übersetzung sehr alter deutscher Lieder sei, die Ereignisse des 6. Jahrhunderts n. Chr. schildern. Darauf bauten seine Rückschlüsse über den Zug der Nibelungen nach Soest sowie die Verortung vieler anderer in dieser Chronik geschilderten Ereignisse auf. Das oberdeutsche, christlich geprägte Nibelungen-Lied ist seiner Meinung nach eine jüngere, literarisch großartige Wiedergabe der „alten Maeren“, die Didriks-Chronik dagegen aber die Übersetzung des ursprünglichen, verlorengegangenen Werkes, das den geschichtlichen Abläufen noch sehr nahestand.

Diese Thesen und seine transdisziplinäre Forschungsweise wurden von den Fachdisziplinen der Geschichte, Germanistik und Skandinavistik sehr kritisch kommentiert und zum Großteil zurückgewiesen. Seine Auslegung der Thidrekssaga wird von weiten Teilen der Forschung abgelehnt.Kritiken: Kratz, Henry (1983). "Kritik: Die Nibelungen zogen nordwärts by Heinz Ritter-Schaumburg". The German Quarterly. 56 (4): . 636–638.; Müller, Gernot (1983). "Allerneueste Nibelungische Ketzereien: Zu Heinz Ritter-Schaumburgs Die Nibelungen zogen nordwärts,München 1981". Studia neophilologica. 57 (1): S. 105–116.; Hoffmann, Werner (1993). "Siegfried 1993. Bemerkungen und Überlegungen zur Forschungsliteratur zu Siegfried im Nibelungenlied aus den Jahren 1978 bis 1992". Mediaevistik. 6: S. 121–151. JSTOR 42583993. S. 125–128

Für seine Forschungen zu diesem Themenkomplex erhielt er 1987 das BundesverdienstkreuzAnsporn für ein neues Werk – Verdienstkreuz für Nibelungenforscher Dr. Heinz Ritter, Schaumburger Zeitung, 23. Februar 1987 und 1989 den Verdienstorden des Landes Nordrhein-WestfalenVerdienstorden für Dr. Ritter – Als Geschichtsbuch-Autor ausgezeichnet. In: Schaumburger Zeitung, 14. April 1989..

Heinz Ritter gilt weiterhin als ein führender Novalis-Kenner, der auch auf dem Gebiet der Novalis-Forschung Grundlegendes veröffentlicht hat. Neben anderem beantwortete Ritter die Frage nach der Datierung einiger Gedichte, indem er Novalis’ Handschrift analysierte und dadurch im Vergleich mit Briefen die Entstehungsfolge der Gedichte angeben konnte.

Ihm selbst lag besonders das 1985 erschienene sprachwissenschaftliche Werk Die Kraft der Sprache: Über das Wesen der Vokale und Konsonanten am Herzen. Darin versuchte er sprachanalytisch bis an die Wurzeln menschlicher Artikulation vorzudringen.

Seine weitere Schaffensbreite war enorm: Lyrik, Kindergedichte, Laienspiele und erzählende Dichtung sowie Arbeiten auf dem Gebiet der bildenden Kunst und nicht zuletzt der Tondichtung (Vertonung von Mörike-, Eichendorff- sowie eigenen Gedichten).

Noch im 92. Lebensjahr brachte Ritter zwei weitere Bücher heraus. Sein ergänzendes „Weland“-Buch erschien postum im Jahr 1999.

Der Hochschullehrer Hans Martin Ritter (* 1936) ist sein Sohn, die deutsche Schauspielerin Ilse Ritter (* 1944) seine Tochter.

Ritter-Schaumburgs schriftlicher Nachlass befindet sich als Depositum im Staatsarchiv Bückeburg.

Ritters Thesen zur Nibelungensage miniatur|250px|Das Bonner Stadtsiegel aus dem 13. Jahrhundert trägt am Rand die Aufschrift: SIGILLVM ANTIQUE VERONE NVNC OPIDI BVNNENSIS (Das Siegel des alten Verona jetzt der Stadt Bonn) Nach der umstrittenen These Heinz Ritter-Schaumburgs stellt die Thidrekssaga eine Quelle für Vorgänge während der Völkerwanderungs­zeit im Niederrheingebiet dar. Ihm zufolge geht der Kern der deutschen Heldensage direkt auf historische Ereignisse in Niederdeutschland um das Jahr 500 zurück. Sagenhelden wie Dietrich von Bern, Siegfried und die Nibelungen gehen demnach primär auf historisch nicht überlieferte reale Personen zurück und sind erst im Verlauf des Mittelalters mit historisch bekannten Vorbildern wie Theoderich dem Großen oder den Burgunden verwechselt und gleichgesetzt worden. Demnach würde der Etzel/Attila der Sage nicht auf den hunnischen König Attila, sondern auf einen Friesenprinz ähnlichen Namens zurückgehen, der Soest erobert hätte. Das Bern der Sage vermutet Ritter-Schaumburg in Bonn, die Herkunft der Nibelungen im Raum der Voreifel. Die altschwedische Fassung der Thidrekssaga betrachtet er als die ursprünglichste Version der Sage und hält sie für einen chronikartigen (wenn auch sagenhaft verfremdeten) Bericht der Völkerwanderungszeit aus germanischer Hand.

Ritter-Schaumburgs These wird in der germanistischen Forschung allgemein abgelehnt. Sie erregte aber insofern Aufsehen, als sie ein völlig neues (wenngleich möglicherweise stark konstruiertes) Bild der germanischen Frühgeschichte im Niederrheingebiet zeichnet. Von Fachkreisen wird sie mit dem Argument abgelehnt, dass sie auf falschen methodologischen Grundlagen beruhe. Der Historiker Ernst F. JungErnst F. Jung: Der Nibelungen Zug durchs Bergische Land. Bergisch Gladbach, Heider 1986, ISBN 3-87314-165-5. und mehrere Schriftsteller beziehungsweise Privatgelehrte wie Walter Böckmann, Reinhard Schmoeckel und Rolf Badenhausen folgten Heinz Ritter in vielen seiner Vermutungen.

Hintergrund Die Nibelungensage erzählt vom Drachentöter Siegfried, der von Hagen ermordet und schließlich durch Kriemhild gerächt wird. Bei der von ihr provozierten Schlacht gehen alle Burgunden unter ihrem König Gunther am Hof des Hunnenkönigs Attila zugrunde. Die Erzählung wird in der Regel auf verschiedene Ereignisse der Völkerwanderungszeit zurückgeführt, so wurde das germanische Volk der Burgunden und ihr König Gundahar im Jahr 436 von einem hunnischen Heer vernichtet. Der Dietrich von Bern der Sage wird von jeher mit dem ostgotischen König Theoderich dem Großen gleichgesetzt. Doch lebte der Gotenkönig nie am Hofe Attilas, wie es in den Sagen erzählt wird, da der Hunne vor Theoderichs Geburt schon gestorben war und die Burgunder zogen ebenfalls sicher nicht an den Hof Attilas. Aufgrund dieser Inkonsistenzen geht man allgemein davon aus, dass die Erzählung ein teils erfundenes, teils immer wieder neu zusammengesetztes Sagengeflecht darstellt, das auf verschiedenen historischen Ereignissen fußt. Diese allgemein akzeptierte Auffassung lehnt Ritter-Schaumburg ab und behauptet stattdessen, die Sage gehe direkt auf tatsächliche Geschehnisse der Völkerwanderungszeit im Rheinland und in Niederdeutschland zurück.

Er sieht in der Thidrekssaga, insbesondere in der altschwedischen Fassung, eine Quelle, die von diesen Geschehnissen berichtet. Die Thidrekssaga gibt selbst vor, von wahren Begebenheiten zu erzählen:

„Diese Saga ist zusammengesetzt nach den Aussagen deutscher Männer, doch einige <Sagas> nach deren Liedern, welche vornehme Männer ergötzen sollen und welche einstmals gedichtet wurden gleich nach den Ereignissen, welche in dieser Saga erzählt werden. Und wenn du einen Mann nimmst aus jeder beliebigen Burg in ganz Sachsland (Norddeutschland), so werden alle diese Saga auf die gleiche Weise erzählen. Das bewirken aber ihre alten Gesänge.“

Dennoch wird sie bis heute von den meisten Geschichtsforschern und Germanisten als historiographisch wertlos betrachtet, weil sie als sekundäres Derivat der deutschen Nibelungensage, wenn nicht gar als verstümmelte Übersetzung des Nibelungenliedes gilt. Einer der Hauptgründe hierfür ist, dass die Ortsangaben der Thidrekssaga vielfach nicht den natürlichen Gegebenheiten entsprechen. Nach der Thidrekssaga setzen die Niflungen, als sie zu König Attala ziehen, an der Stelle über den Rhein, an der „Rhin und Duna zusammenfallen“. Der Rhin ist sicher der Rhein, und die Duna hält man in der Regel für die Donau, die im Nibelungenlied eine wichtige Rolle spielt. Da aber die Donau bekanntermaßen nicht in den Rhein mündet, nimmt man allgemein an, die Schreiber der Sage hatten kein Interesse an oberdeutschen geographischen Verhältnissen und die für sie bedeutungslosen Namen mit Anschauungen aus ihrem eigenen Horizont aufgefüllt.

Geographische Angaben der Thidrekssaga Die Duna Ritter-Schaumburg weist darauf hin, dass die Dhünn, ein heutiger Nebenfluss der Wupper, noch vor hundertfünfzig Jahren in den Rhein mündete, bevor sie in die benachbarte Wupper umgeleitet wurde. Um 1190 wurde sie noch unter dem Namen Dune genannt. Mit der alten Duna kann seiner Meinung nach nur diese Dune, die heutige Dhünn gemeint sein. An der ursprünglichen Mündung der Dhünn in den Rhein befand sich wohl schon immer eine sehr flache Furt (heute Manfort), die seit alters her benutzt wurde, um den Rhein zu überqueren. Aus seiner Identifizierung der Duna mit der norddeutschen Dhünn folgert Ritter-Schaumburg, dass die angeblich unsinnigste Stelle der Thidrekssaga die geographische Wirklichkeit wiedergeben könnte. Folglich untersuchte er viele weitere Ortsnamen auf einen möglichen realen Hintergrund.

miniatur|400px|links|Landschaften und Orte der Thidrekssaga. In Klammern die modernen Namen, die Ritter-Schaumburg hinter den Angaben der Thidrekssaga vermutet

Attala, ein König in Soest In der Thidrekssaga ziehen die Nibelungen, die hier stets Niflungen heißen, vor ihrem Untergang zu König Attala (auch Attila, Aetla, Aktilia oder Atilius) nach Susat. Selbst unter den Gegnern Ritter-Schaumburgs scheint Einigkeit zu herrschen, dass jenes Susat der Thidrekssaga mit dem heutigen Soest in Westfalen identisch ist. Ritter-Schaumburg nimmt an, dass Soest tatsächlich die Heimat eines Königs Attala war. Sein auch als Hunaland oder Hymeland bezeichnetes Reich müsste dann große Teile Westfalens umfasst haben. Diese Hunen (auch Heunen bzw. Hünen genannt) hätten nach Ritter nichts mit asiatischen Steppenkriegern zu tun, sondern wären ein germanischer Volksstamm gewesen, dessen König bald mit dem bekannteren hunnischen Attila verwechselt wurde.