mini|Bruno Frank in Sanary-sur-Mer, 1934. Fotografiert von Walter Bondy

Bruno Sebald Frank (* 13. Juni 1887 in Stuttgart; † 20. Juni 1945 in Beverly Hills) war ein deutscher Schriftsteller. Er bestimmte die literarische Szenerie der 1920er Jahre in Deutschland maßgeblich und war ein namhafter Exilautor.Gregor-Dellin 1975, S. 185. Seine bedeutendsten Werke sind die Erzählungen Tage des Königs und Trenck, die beide um Friedrich den Großen kreisen, die Politische Novelle, mit der er die deutsch-französische Aussöhnung thematisierte, die Komödie Sturm im Wasserglas und die Exilromane Cervantes, Die Tochter und Der Reisepaß. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten Franks Werke eine kurze Renaissance, gerieten jedoch ab den 1990er Jahren in Vergessenheit.

Der Sohn einer reichen jüdischen Bankiersfamilie studierte nach dem humanistischen Abitur an mehreren deutschen Universitäten Jura, promovierte jedoch über ein literarisches Thema. Seine kurze Teilnahme am Ersten Weltkrieg wurde durch eine Krankheit beendet. Er trat anfänglich als Lyriker hervor, dann auch als Novellist, Erzähler, Romancier und Dramatiker. Als anerkannter Schriftsteller gehörte er in der Weimarer Republik zu den einflussreichen Köpfen im Literaturbetrieb. Ab 1916 ließ er sich ein Jahrzehnt lang in Feldafing bei München nieder, heiratete 1924 Liesl Pallenberg und zog 1926 nach München, wo er in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem älteren Freund Thomas Mann wohnte.

Einen Tag nach dem Reichstagsbrand 1933 verließ er in klarer Voraussicht des kommenden NS-Terrorregimes seine Heimat. Er lebte zuerst am Luganersee in der Schweiz, dann abwechselnd in Salzburg und London, zeitweise auch in Paris und Südfrankreich. 1937 emigrierte er nach Kalifornien, wo er nach dem Ende des Kriegs 1945 starb. In der Emigration kämpfte er literarisch und politisch gegen das Dritte Reich, zusammen mit vielen anderen namhaften Exilautoren, und unterstützte zusammen mit seiner Frau seine notleidenden Kollegen mit Rat, Tat und Geld.

Leben Herkunft mini|hochkant=1|Bruno Franks Geburtshaus.

Bruno (Sebald) Frank wurde am 13. Juni 1887 als erstes Kind von Sigismund Frank (1848–1930) und Lina Frank geb. Rothschild (1865–1960) geboren.Kirchner 2009, S. 17, 409. Die Familie wohnte in einer Mietwohnung im ersten Stock eines vierstöckigen Hauses im Stuttgarter Westen in der Silberburgstraße 159.Näheres zum Geburtshaus. In den folgenden Jahren lebte die Familie weiterhin im Stuttgarter Westen, wechselte jedoch mehrfach die Wohnung. Ab 1892 wohnten die Franks in der Tübinger Straße 69, ab 1895 in der Johannesstraße 26 und ab 1902 in einem eigenen Haus in der Forststraße 68.Adressbücher der Stadt Stuttgart.

Franks Vater wurde 1848 in Krefeld geboren. Über seine Herkunft und wie er nach Stuttgart kam, ist nichts bekannt. Seine Mutter war die Tochter des Frucht- und Kohlenhändlers Salomon Rothschild (1835–1870) und seiner Frau Jeannette Rothschild geb. Oppenheim in Hanau. Jeannette Rothschild zog 1870 nach dem frühen Tod ihres Mannes nach Frankfurt am Main. Lina Frank war fast volljährig, als sie und der siebzehn Jahre ältere Sigismund Frank 1886 in Frankfurt am Main heirateten.Kirchner 2009, S. 17.

Franks Eltern waren assimilierte Juden, das heißt, sie hatten sich in die bürgerliche Stuttgarter Gesellschaft integriert. Ab 1876 war Sigismund Frank zusammen mit Abraham Einstein Geschäftsführer und später Teilhaber des Bankhauses Gebr. Rosenfeld, das seinen Sitz in bester Innenstadtlage in der Kronprinzstraße 30 und später in der Königstraße 14 hatte.Kirchner 2009, S. 17–18, Zelzer 1964, S. 465. Die Familie gehörte auf Grund ihres Wohlstands und ihrer gesellschaftlichen Stellung zum sogenannten Großbürgertum.Kirchner 2009, S. 17–18, Zelzer 1964, S. 63, 74, 465. – Der selbst aus großbürgerlichen Verhältnissen stammende Thomas Mann apostrophierte Frank in einer Hommage zu dessen 50. Geburtstag als „Stuttgarter Notablen-Sohn“ (Mann 1984.1, S. 386). Die Stuttgarter Historikerin Maria Zelzer zählt die Franks zu den „neu aufstrebenden Reichen der Stuttgarter jüdischen Gemeinde“: im Jahr 1914, als es in Stuttgart 250 Millionäre gab, waren darunter 33 Juden, und Franks Vater verfügte über ein Vermögen von zwei Millionen Mark was etwa  Millionen Euro entspricht.Automatisch aktualisiert und belegt durch Vorlage:Inflation.

Die Familie nahm auch an dem kulturellen Leben der Stadt teil. Franks Vater war Mitglied der Stuttgarter Museumsgesellschaft „zur Pflege gehobener Unterhaltung und zur Weiterbildung auf literarischem und künstlerischem Gebiet“, die auf der nahegelegenen Silberburg Tagungen und Feste veranstaltete. Über den steilen Silberbuckel am Ende der Silberburgstraße, wo Franks Geburtshaus stand, trieben die Fuhrknechte ihre Fuhrwerke in die Stadt oder zur benachbarten Brauerei, und der kleine Frank beobachtete, wie die Knechte ihre armen Pferde misshandelten, ein „‚Urerlebnis‘, das sein Mitleid mit der Kreatur begründet hat“.Kirchner 2009, S. 190, Frank 1925.1.

Siehe auch: Eltern und Geschwister.

Schule

mini|Bruno Frank (links) und sein Freund Wilhelm Speyer, 1906

Bruno Franks „wundervoller Vater“Frank 1930.4. und seine Mutter, eine „pompöse, geistvolle Dame“,Kapp 1946. ermöglichten ihren Söhnen und der Tochter den Besuch des Gymnasiums und der Universität. Bruno Frank besuchte „nach Absolvierung zweier Vorschulklassen“ das humanistische Stuttgarter Karls-Gymnasium.Frank 1912.3. 1902 wurde er „wegen Unbotmäßigkeit“ der Schule verwiesen, ein Vorfall, an den er nach eigener Aussage gern zurückdachte.Frank 1930.4.

Seine Eltern schickten ihn daraufhin in das reformpädagogische Landerziehungsheim Haubinda in Thüringen. Die Schüler wurden an dieser Privatschule „nach dem Lehrplan der preussischen Oberrealschulen“ unterrichtet, das heißt unter Ausklammerung der humanistischen Fächer.Frank 1912.3. Die Schulgebäude lagen mitten in der Natur und bildeten eine Art Gutshof. Die Schüler erhielten nicht nur den normalen Schulunterricht, sondern wurden auch zu landwirtschaftlichen und handwerklichen Arbeiten angehalten. Die asketischen Erziehungsgrundsätze des antisemitischen Schulleiters Hermann Lietz und deren praktische Umsetzung waren umstritten, und Bruno Frank war nicht bereit, sich ihnen zu beugen. In Haubinda lernte er die späteren Schriftsteller Erich von Mendelssohn und Wilhelm Speyer kennen. Beide verarbeiteten ihre Erlebnisse in Haubinda in autobiographisch gefärbten Romanen. Mendelssohn starb im Alter von 25 Jahren, mit Wilhelm Speyer war Frank bis zu seinem Tod befreundet.Kirchner 2009, S. 19–22, Oelkers 2013, Speyer 1922, Mendelssohn 1914. Anfang 1904 musste der frühreife Frank als Sechzehnjähriger Haubinda verlassen, nachdem er mit Maria Lessing geb. Stach von Goltzheim durchgebrannt war, der ersten Frau seines Philosophielehrers Theodor Lessing, einer Frauenrechtlerin und Journalistin.

Philipp Fischer von Weikersthal Ölgemälde von Max Slevogt, 1903Philipp Fischer von Weikersthal und Max Slevogt waren miteinander befreundet. Von Weikersthal besuchte Slevogt häufig auf seinem Schloss Neukastel in der Pfalz, wo das Bild entstanden ist (Büche 2003). Nora von Beroldingen  beim „Ball der Bücher“, 1927

„Dank einem unvergleichlichen Lehrer“ konnte Frank in Stuttgart „die entstandenen Lücken in meiner humanistischen Ausbildung“ ausgleichen. Der Lehrer war Philipp Fischer von Weikersthal (1871–1940), Professor der Altphilologie am traditionsreichen Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart, das Frank ab Ostern 1904 besuchte, und das vor ihm schon Hegel und Mörike besucht hatten. Ein Jahr später, im Juni 1905, legte er an dieser Schule die Abiturprüfung ab.

In Stuttgart war Bruno Frank mit der zwei Jahre jüngeren Nora Kapp von Gültstein (1889–1953, verheiratet Gräfin Nora von Beroldingen) befreundet. Sie war die Tochter von Otto Kapp von Gültstein, einem württembergischen Ingenieur, der sich als Eisenbahnpionier einen Namen gemacht hatte, unter anderem als Erbauer eines Teilstücks der Bagdadbahn. Bruno Frank und Nora von Kapp waren beide literarisch interessiert. Frank trug ihr auf dem Schulweg seine ersten Gedichte vor,Nach Noras Bericht war sie 12 und Bruno 15 Jahre alt, als er ihr seine ersten Gedichte vortrug (Kapp 1946). die 1905 kurz vor Franks Abiturprüfung unter dem Titel Aus der goldnen Schale im Heidelberger Winter Verlag veröffentlicht wurden. Auf der Stuttgarter Uhlandshöhe lasen sie gemeinsam die Buddenbrooks von Thomas Mann, „die Urszene von Bruno Franks Thomas-Mann-Verehrung“ (siehe auch: Nora von Beroldingen).Die gemeinsame Buddenbrooks-Lektüre muss 1904/1905 stattgefunden haben, als Bruno Frank sich auf das Abitur vorbereitete (Kapp 1946). Als die Eltern von der Freundschaft Wind bekamen, wurde Nora von Kapp zu ihrer weiteren Ausbildung nach England „verbannt“.Bossert 2006, Kirchner 2009, S. 18–19.

Studium In seiner Kleinen Autobiographie aus dem Jahr 1930, die er in der Er-Form verfasste, zieht Frank die Summe seiner sechs Universitätsjahre so: „Er studierte dann an mehreren Universitäten Jurisprudenz, seinem wundervollen Vater zuliebe mit heiligem Eifer, aber äußerst geringer Begabung.“Frank 1930.4. Ab dem Wintersemester 1905 bezog Frank nacheinander die Universitäten Tübingen, München, Straßburg, Heidelberg, Leipzig, Freiburg und im Sommersemester 1911 wieder Tübingen.WS 1905/1906: Tübingen, SS 1906: München, WS 1906/1907 – SS 1907: Straßburg, WS 1907/1908 – SS 1908: Heidelberg, WS 1908/1909: Leipzig, SS 1909 – WS 1910/1911: Freiburg, SS 1911: Tübingen. – Zu Franks Zeit in Tübingen siehe: Frank 1927.4, Hornbogen 1999.

Seine Studienzeit verwendete Bruno Frank hauptsächlich auf die Beschäftigung mit seinen Lieblingsfächern, der Literatur und der Philosophie. Über sein erstes Semester in Tübingen berichtete er, akademisch gelernt habe er nicht viel dort, vielmehr delektierte er sich nächtelang mit seinem Freund Walter Reinöhl, einem der Herausgeber von Uhlands Werken, an den Versen von Hölderlin und Mörike und debattierte über die philosophischen Ideen von Hegel und Schelling.Frank 1927.4.

Auch war er mit Eifer dabei, sich als Schriftsteller zu etablieren. Am Ende seiner Schulzeit und während seines Studiums veröffentlichte er zwischen 1905 und 1911 die zwei Gedichtbände Aus der goldnen Schale (1905) und Gedichte (1907), die Erzählung Im dunkeln Zimmer (1906), ein fast ausschließlich reflektierender und introspektiver Text,Kirchner 2009, S. 27–28. den Roman Die Nachtwache (1909), in dem er das Schicksal eines gescheiterten Künstlers thematisiert, und Flüchtlinge (1911), einen Band mit Novellen von noch unterschiedlichem künstlerischem Niveau. 1911 promovierte er zum Dr. phil. mit der Dissertation Gustav Pfizers Dichtungen über das lyrische Werk eines schwäbischen Dichters.Frank 1912.2. Bis dahin waren 20 Zeitschriftenbeiträge des Studenten mit Gedichten, Novellen, Essays und Rezensionen erschienen, die dazu beitrugen, ihn in der literarischen Welt bekanntzumachen.

„‚Studieren‘ bedeutete für Bruno Frank nicht den Besuch von Vorlesungen, sondern das Auskosten seiner Leidenschaften.“Kirchner 2009, S. 27. Nach „mancher Affäre“ ging er im Frühjahr 1909 mit der Münchenerin Alice Oberfoell (1886–1911) eine feste Beziehung ein. Als diese nach über einem Jahr in die Brüche ging, verarbeitete er den Verlust in der Novelle Pantomime, mit der er 1910 einen Preis bei der „Novelletten-Preiskonkurrenz“ einer literarischen Zeitschrift gewann.Kirchner 2009, S. 40–41, 46. Einer der Juroren war Thomas Mann, zu dem er als „enthusiastischer Jüngling“Mann 1945.1. Anfang 1910 den Kontakt gesucht hatte. Mann hatte ihn gut aufgenommen und im Verlauf der Zeit entwickelte sich zwischen den ungleichen Kollegen eine lebenslange Freundschaft.