miniatur|Karen Horney (1938) Karen Clementine Theodore Horney geb. Danielsen (* 16. September 1885 in Blankenese; † 4. Dezember 1952 in New York) war eine deutsch-amerikanische Psychoanalytikerin und Vertreterin der Neopsychoanalyse. Der Nachname wird, auch im Englischen, wie „Hornei“ ausgesprochen.Hörprobe bei merriam-webster.com (Klick auf das Audio-Symbol).Hörprobe bei YouTube, Beginn des Videos (0:02).Hörprobe bei YouTube (0:17).
Leben mini|Gedenktafel in der Papenstraße 66 in Hamburg-Eilbek Karen Danielsen wurde 1885 als Tochter des norwegischen Kapitäns Berndt Henrik Wackels Danielsen (1835–1910) und der aus Holland stammenden Mutter Clothilde Marie van Ronzelen im damals noch nicht zu Hamburg gehörenden Blankenese geboren. 1901 wurde sie von Nicolai von Ruckteschell in der Friedenskirche Eilbek konfirmiert. Gegen den Wunsch ihres Vaters, aber unterstützt von ihrer Mutter und ihrem älteren Bruder begann Karen Danielsen 1906 als eine der ersten Frauen in Deutschland ein Medizinstudium in Freiburg. Über ihren Studienkollegen Carl Müller-Braunschweig – der wie sie später Psychoanalytiker werden sollte – lernte sie dort den Wirtschaftsstudenten Oskar Horney (1883–1948) kennen. Beide heirateten 1909 und zogen, zusammen mit ihrer Mutter, nach Berlin, wo ihr Mann in der Industrie tätig wurde und sie an der Charité ihr Studium fortsetzte.
Eine neue Gedenktafel wurde am 6. März 2025 durch die Initiative der Frauenklinik der Charité (Campus Virchow Klinikum) mit Unterstützung der Europäischen Künstlergilde für Medizin und Kultur, dem Berliner Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie (BIPP) sowie der Psychosomatik und der Psychiatrie der Charité angebracht. mini|alternativtext=Die am 8. März 2025 neu angebrachte Gedenktafel zu Ehren der Psychoanalytikerin Karen Horney|Gedenktafel für Karen Horney in der Sophie-Charlotte-Straße 15 mini|Gedenktafel für Karen Horney in der Sophie-Charlotte-Straße 15 in Berlin-Zehlendorf, aus der Reihe Mit Freud in Berlin
Noch während des Studiums brachte Karen Horney 1911 ihre erste Tochter Sonni Brigitte (die spätere Schauspielerin Brigitte Horney) zur Welt. Im gleichen Jahr begann sie – wie der ebenfalls nach Berlin gezogene Müller-Braunschweig – eine Psychoanalyse bei Karl Abraham. Nach ihrem Staatsexamen Ende des Jahres und ihrem Praktischen Jahr am Urbankrankenhaus sowie auf der psychiatrischen Abteilung der Heil- und Pflegeanstalt Berolinum von James Fraenkel in Lankwitz erhielt sie 1913 ihre Approbation. 1915 promovierte sie bei Karl Bonhoeffer über Psychosen nach Kopfverletzungen. Bereits 1913 hatte sie ihre zweite Tochter Marianne bekommen; 1916 kam die dritte Tochter Renate.
1915 arbeitete sie kurz als Assistentin in der Poliklinik von Hermann Oppenheim und dann bis 1918 an einem Berliner Psychiatrischen Krankenhaus. 1919 eröffnete sie eine eigene Praxis als Psychoanalytikerin und wirkte am Berliner Psychoanalytischen Institut als Lehranalytikerin, blieb aber auch für Anregungen von anderen Seiten offen, so dass sie sich beispielsweise 1928 im Vorstand der Berliner Ortsgruppe der schulenübergreifenden Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie engagierte.
1932 verließ Karen Horney Deutschland, um in den USA zunächst als Direktionsassistentin unter Franz Alexander am Psychoanalytischen Institut in Chicago zu arbeiten. Horney ging also 1932 aus persönlichen und „beruflichen“Yvon Brès: Horney Karen (1885–1952). In: Encyclopædia Universalis. Abgerufen am 30. April 2023. Gründen nach Chicago. Sie stand zuvor in Berlin Analytikern wie Wilhelm Reich und Erich Fromm nahe. In New York wurde sie 1934 Fromms Lebensgefährtin. Trotz Sandor Radós heftiger Opposition wurde sie 1935 Mitglied der New York Psychoanalytic Society (NYPS), wo sie viel Erfolg in ihrer Lehre und mit ihren Veröffentlichungen hatte.Élisabeth Roudinesco, Michel Plon: Horney Karen, née Danielsen (1885–1952), Psychiatre et psychanalyste américaine. in Dictionnaire de la psychanalyse. Fayard, Paris 2011 [EA 1997], S. 691–694.
Da sie zu einem Scheidungsverfahren über Berlin vorbeikam, hielt sie gelegentlich im Dezember 1936 in dem von Matthias Heinrich Göring dirigierten Institut für Psychotherapie einen Vortrag unter dem Titel Das neurotische Liebesbedürfnis. Dieser fand, insbesondere wegen seines Freud kritisierenden Einschlags, den Beifall von Matthias Göring selbst, dem Horney auf seine Bitte hin den Vortragstext zusandte.Elisabeth Roudinesco, Michael Plon: Karen Horney. In: dies.: Wörterbuch der Psychoanalyse. Namen, Länder, Werke, Begriffe. Springer, Wien/New York 2004, S. 421–424, hier S. 423; Élisabeth Roudinesco, Michel Plon: Horney Karen, née Danielsen (1885–1952), Psychiatre et psychanalyste américaine. in Dictionnaire de la psychanalyse. Fayard, Paris 2011 [EA 1997], S. 691–694.
Nach verschiedenen Auseinandersetzungen in der amerikanischen psychoanalytischen Gesellschaft gründete Karen Horney 1942 zusammen mit einer Reihe anderer Analytiker (u. a. Erich Fromm) eine neue Gesellschaft, die „Association for the Advancement of Psychoanalysis“, und gründete ein eigenes psychoanalytisches Institut, das auch heute noch unter dem Namen „Karen Horney Institut“ existiert. Horney verstarb am 4. Dezember 1952 in New York im Alter von 67 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. mini|Karen Horney Clinic in New York Tiefenpsychologisches Werk In ihrem ersten Buch The Neurotic Personality of Our Time, New York 1937,K. Horney: The Neurotic Personality of Our Time, New York 1937 beschreibt Horney erstmals in der Tiefenpsychologie die Entstehung der Neurosen als Ergebnis soziologischer Faktoren. Mit Hilfe dieses Ansatzes macht sie die gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen der allgemeinen Verbreitung von Neurosen deutlich.
In ihrem zweiten Buch New Ways in Psychoanalysis, New York 1938,K. Horney: New Ways in Psychoanalysis, New York 1938 deckt sie viele Fehler in der Theorie von „Übervater“ Sigmund Freud auf und verdeutlicht gleichzeitig an seiner Theorie ihren viel einfacheren und plausibleren Ansatz zum Verständnis von Neurosen.
Danach ist der Weg für die Entwicklung eines noch besseren Verständnisses von Neurosen frei. Dieses entwickelt sie Schritt für Schritt in ihren letzten drei Bänden, wie sie selbst zusammenfasstK. Horney, Neurosis and Human Growth, New York 1950. Self-Analysis, New York 1942, Our Inner Conflicts, New York 1945, Neurosis and Human Growth, New York 1950. Sie werden deshalb im Weiteren als ihr Spätwerk bezeichnet. Auf diesem langen Weg wird mancher Begriff aus den Frühwerken in ihrem Spätwerk neu gefasst oder neu begründet (vergl. die Rolle von Angst/Feindseligkeit in im Vergleich zu der des Selbsthasses in).
Erste eigene Schritte Erste eigene Schritte unternahm Horney im Alter von 52 Jahren mit Der neurotische Mensch unserer Zeit (New York, 1937) und wagte damit zum ersten Mal, gegenüber Freud eine eigene Stellung zu beziehen. Dieses Buch ermöglicht dem Leser ein Verständnis für Neurosen und gibt eine Vorstellung, welche Auswirkungen diese fast unsichtbare Fehlentwicklung für den einzelnen Menschen, aber auch die ganze Kultur hat. Es beginnt mit einer soziologisch inspirierten Definition der Neurose, führt diese auf Angst und Feindseligkeit zurück, beschreibt die kulturell weit verbreiteten Methoden zur Beruhigung neurotischer Ängste und beleuchtet das Problem des universellen Wettbewerbs in unserer Gesellschaft.
Der Begriff der Neurose Kennzeichen einer Neurose sind für Horney: eine vom Durchschnitt der Gesellschaft abweichende Verhaltensweise, eine starre, monotone Reaktionsweise, eine starke Diskrepanz zwischen Befähigung zu und tatsächlich erbrachter Leistung, ein extremes Ausmaß von Ängsten, die Verfolgung von widersprüchlichen Absichten.
(Zu 1: Innerhalb einer Population/Gesellschaftsschicht werden bestimmte Verhaltensweisen als normal empfunden, andere als abweichend. Zu 2: Anstatt je nach Situation freundlich oder misstrauisch zu sein, ist der Neurotiker entweder immer freundlich oder immer misstrauisch. Zu 3: Z. B. nimmt in einem tatsächlichen Fall ein Neurotiker keine seiner Ausbildung entsprechende Position an, sondern begnügt sich mit einer sehr unterdurchschnittlichen Arbeit. Zu 4: Das Leben jedes Menschen ist mit Ängsten verbunden, die des Neurotikers aber übersteigen das Normalmaß beträchtlich. Ihre Beruhigung beansprucht ihn so sehr, dass ihm wenig Kraft für anderes bleibt. Zu 5: Der Neurotiker versucht Ziele zu erreichen, die sich eigentlich ausschließen. Z. B. möchte er sich zugleich konkurrierend und rücksichtsvoll verhalten und sucht endlos nach einem ausgewogenen Kompromiss zwischen diesen Extremen.)
Angst und Feindseligkeit Nach Horneys Ansicht ist Angst das zentrale Problem einer Neurose. Sie beschreibt unzählige Wege, auf denen die (übersteigerte = neurotische) Angst im Menschen entsteht und immer weitere Lebensbereiche verändert: Charakter, Beziehungen, Gesundheit und Schicksal. So schreibt sie: „Der neurotische Prozess ist eine besondere Form der menschlichen Entwicklung. Er bedeutet eine Vergeudung der menschlichen Kräfte“. Auf dem Weg in die Neurose spielt für Horney das Entstehen der sog. Grundangst eine zentrale Rolle. Das Kind reagiert auf die Ängste und Feindseligkeiten der Pflegepersonen unbekümmert mit (Ablehnung und) Feindseligkeit. Diese (berechtigte) Gegenreaktion des Kindes wird aber von den Pflegepersonen unter Ausnutzung der großen Abhängigkeit des Kindes bekämpft und unterdrückt, zum großen Teil in völliger Unwissenheit, die Feindseligkeit selbst ausgelöst zu haben. Um zu überleben, muss das Kind fortan seine feindseligen Regungen in sich unterdrücken. Wird dieser Zustand nicht durch günstige Umstände überwunden und bleibt deshalb für einen langen Zeitraum erhalten, entwickelt das Kind die sog. Grundangst.
Durch die Unterdrückung der Feindseligkeit steht diese als Reaktion für eine konkrete Problembewältigung (z. B. Feindseligkeit auf Provokation) nicht mehr zur Verfügung. Zudem kreist der unterdrückte Affekt wie eine Sprengladung im Gemüt und sucht eine Möglichkeit zur Entladung. Letztlich gelingt die Affektabfuhr durch Entladung aber nur schlecht, so dass die Feindseligkeit im Neurotiker mehr und mehr zunimmt. Dazu kommt die positive Rückkopplung von Angst und Feindseligkeit: Feindseligkeit steigert Angst, weil Feindseligkeit nicht gut vorzeigbar ist und verborgen werden muss, und Angst die Feindseligkeit, weil die anderen Menschen so wenig kalkulierbar und gefährlich sind.
Minderung der Grundangst Die Grundangst plagt nicht nur den psychisch Kranken, sondern ist in mäßigem Umfang mehr oder weniger bei jedem anzutreffen. Zu ihrer Beschwichtigung dienen in der westlichen Kultur vier Wege, die Horney kurz mit Liebe, Abhängigkeit, Macht und Distanzierung bezeichnet. D. h. jedermann, aber auch der Neurotiker, dämpft seine Angst, indem er sich Liebe zu verschaffen versucht; a) sich Institutionen unterwirft (Annahme traditioneller Ansichten, Akzeptanz einer Regel (Mönchtum, Guru)) und/oder b) sich Personen gegenüber nachgiebig verhält (der Versuch, es allen recht zu machen); nach Macht strebt; sich von allem distanziert. Dazu gehört der Verzicht auf Besitz, Reduktion der Bedürfnisse oder vorgebliche Unverletzlichkeit. Ziel ist dabei, von den Mitmenschen unabhängig zu sein.
Diese Beschwichtigungsmaßnahmen sind für die Person unverzichtbar und zwingend wie ein biologischer Trieb. Diese Wege sind nicht alle kombinierbar, manche schließen sich gegenseitig aus.
Neurotiker (aber auch weniger stark gestörte Menschen) entwickeln durch Kombination einiger dieser vier Wege vor allem folgende Verhaltensweisen: