mini|hochkant=1.3|Bernardo Bellotto, genannt Canaletto: Die Elbe bei Dresden, Blick auf die Stadtsilhouette vom Neustädter Ufer (1748)
Der Dresdner Barock ist die spezifische Ausformung des Barock- und Rokokostils in der Zeit von 1696 bis 1763 unter August dem Starken und seinem Sohn Friedrich August II., die als Kurfürsten von Sachsen und Könige von Polen herrschten. Neben französischen Einflüssen haben vor allem italienische Vorbilder die Formensprache des Baustils der Residenzstadt Dresden beeinflusst, welcher auf ganz Sachsen und bis in die polnische Residenzstadt Warschau ausstrahlte. Er wird auch als Sächsischer Barock oder Augusteischer Barock bezeichnet. Seine führenden Vertreter waren der Architekt Matthäus Daniel Pöppelmann und der Bildhauer Balthasar Permoser.
Die Zeit des Dresdner Barock mini|Die wiederaufgebaute Frauenkirche mini|links|Schloss Pillnitz, Wasserpalais (im „exotischen“ Stil mit Chinoiserien) mit der Schiffstreppe zur Elbe mini|Der Dresdner Zwinger
August der Starke hatte als junger Prinz 1687–89 eine Grand Tour durch Europa unternommen, die ihn durch nordeuropäische Länder, aber auch durch Frankreich, Spanien, Italien und schließlich über Wien und Prag zurück nach Dresden führte. Aufgewachsen in einer Umgebung, die nachhaltig von der Sächsischen Renaissance geprägt war, sollten seine gesammelten Eindrücke nicht fruchtlos bleiben. Als er nach dem plötzlichen Tod seines Bruders 1694 unerwartet zum Kurfürsten aufstieg, wurde er bald zum Prototyp des Barockfürsten und Mäzens und damit schließlich zu einer weltgeschichtlichen Figur. Die elementare Kraftnatur des Sächsischen Herkules drückte schon bald der Stadt und dem Land seinen Stempel auf. Es begann der Umbau der Residenzstadt zu einem barocken Gesamtkunstwerk. „Auch dieser August“, befand Carl Justi in Anspielung auf den Kaiser Augustus, „fand eine kleine Hauptstadt aus Fachwerk vor und ließ eine große steinerne zurück“.
Die reizvolle Lage an der Elbe und das milde Klima des Elbtales mit dem Weinanbau an der Sächsischen Weinstraße waren die ideale Ausgangsbasis für eine Überarbeitung der gesamten Landschaft nach italienischem Vorbild. Der Elbstrom wurde ähnlich dem venezianischen Canal Grande eine von prächtigen Gebäuden kulissenhaft eingefasste Wasserstraße, wobei immer die Gesamtwirkung im Vordergrund stand. Die in Pillnitz ausgestellte Prachtgondel ist den venezianischen Gondeln nachempfunden. Durch den Erwerb der polnischen Königskrone 1697 wurde August der Starke zum Herrscher über ein weiträumiges Reich, Sachsen-Polen. Dadurch stieg das provinzielle Dresden zu einer Metropole von europäischem Rang auf. Neben Wien wurde sie zur großen Mittlerin der Kultur zwischen Ost und West. August der Starke ließ in Warschau die Sächsische Achse erbauen, während das Kronentor des Zwingers polnisch beeinflusst erscheint. Der Dresdner Hof wurde auch europaweit bekannt für seine opulenten Hoffeste und Veranstaltungen (siehe: Blüte von Kunst, Kultur und höfischen Vergnügungen).
mini|August der Starke, Kurfürst von Sachsen, König von Polen (1670–1733) Doch August der Starke schuf den Dresdner Barock nicht aus dem Nichts. Schon um 1600 herum und bis in den Dreißigjährigen Krieg hinein hatten Künstler wie der Tessiner Bildhauer Giovanni Maria Nosseni oder die Familie Walther (Andreas III, Christoph IV, Michael und Sebastian Walther), der Goldschmied Hans Kellerthaler oder der Komponist Heinrich Schütz ein die Künste förderndes Klima in Dresden geschätzt. Der Architekt Pöppelmann, der Goldschmied Dinglinger und der Bildhauer Permoser waren schon unter seinem Vater Johann Georg III. aus der Ferne an den Dresdner Hof gekommen. Das Palais im Großen Garten hatte der Großvater Johann Georg II., dessen opulente Hoffeste den jungen August beeindruckten, bereits ab 1678 als „Auftakt“ zum Dresdner Barock durch Johann Georg Starcke errichten lassen, nach Vorbildern des französischen und italienischen Frühbarock – zeitgleich mit dem als Prototyp der barocken Lustschlösser geltenden Marly-le-Roi des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. Der Bruder von Johann Georg II., August, ließ zur selben Zeit das frühbarocke Schloss Neu-Augustusburg in Weißenfels mit seiner großartigen Schlosskirche erbauen. Der Oberlandbaumeister Wolf Caspar von Klengel, erster bedeutender Dresdner Barockarchitekt, unterrichtete den heranwachsenden Prinzen Friedrich August in Fortifikationsarchitektur und Zivilbaukunst; lebenslang zeichnete der König später an den Entwürfen seiner Architekten mit oder lieferte Erstentwürfe.
Zu Beginn seiner Herrschaft ab 1694 konzentrierte sich August allerdings auf die Organisation programmatischer Festlichkeiten, bei denen der Monarch selbst immer die Hauptrolle spielte, wozu er den Großen Garten durch Johann Friedrich Karcher erweitern und ausgestalten ließ. Auch beauftragte er den Goldschmied Dinglinger mit der Herstellung repräsentativer Arbeiten. Jedoch war das erste Jahrzehnt seiner Regierung hauptsächlich geprägt durch den sehr kostspieligen Erwerb der polnischen Königskrone 1697 und den noch weitaus kostspieligeren Großen Nordischen Krieg ab 1700. Im Bündnis mit Zar Peter I. unternahm August die Rückeroberung des einst polnischen Livland gegen Karl XII. von Schweden, um sich beim polnischen Adel Anerkennung zu verschaffen und das Wahlkönigtum möglichst in eine Erbmonarchie umzuwandeln. Durch die schwedische Gegenoffensive wurde August aber aus Polen verdrängt und 1706 sogar Sachsen besetzt, sodass er im Altranstädter Frieden zum Verzicht auf die polnische Krone gezwungen war. Erst nach der Niederlage Karls XII. bei Poltawa 1709 gelang mit russischer Hilfe die Rückeroberung Polens. Aus diesen Gründen entstand als erstes Bauwerk Augusts des Starken erst 1705–1708 das Taschenbergpalais für seine Mätresse Constantia von Cosel. Bis 1708 fertigte Dinglinger auf eigene Kosten den Hofstaat des Großmoguls an, ein mit tausenden von Edelsteinen besetztes Kunstwerk mit politischer Aussagekraft, das August erwartungsgemäß kaufte und noch jahrelang abzahlen musste; er ließ es sogleich zu seinem Wiedereinzug nach Warschau schaffen.
mini|Rekonstruierte barocke Bürgerhäuser am Dresdner Neumarkt Der König bemühte sich beizeiten um Reformen im Verwaltungs-, Gesetzes-, Steuer- und Heereswesen mit dem Ziel, zentralistische Herrschaftsprinzipien durchzusetzen. Auch die mehrfach ergänzten Dresdner Bauvorschriften waren ein Ausdruck absolutistischen Willens in der Architektur. Sie forderten die ausschließliche Steinbauweise und schrieben die Anzahl und Höhe der Stockwerke sowie die Verputzfarben vor. Sie kamen vor allem beim barocken Wiederaufbau der Neuen Königsstadt zur Anwendung, aber auch im Bereich des Neumarktes entstanden neue Straßenzüge mit einheitlichem Erscheinungsbild. Der Ingenieuroffizier August Christoph von Wackerbarth leitete ab 1697 das kurfürstlich-sächsische Bauwesen und wurde 1706 Generalintendant der Zivil- und Militärgebäude sowie Vorgesetzter des zivilen Oberbauamts; als faktischer Bauminister wurde er zum „Regisseur des Dresdner Barock“ (Fritz Löffler). Der Westfale Matthäus Daniel Pöppelmann wurde 1711 mit dem Bau des Dresdner Zwingers beauftragt; er wurde zum Vertreter des – von Italien her geprägten und über Wien und Prag vermittelten – beschwingten Hochbarocks, der in Teilen Norddeutschlands sowie in Großbritannien als „zu katholisch“ abgelehnt wurde. Ab 1710 ließ August der Starke das Meißner Porzellan herstellen, das bald zu einem wichtigen Exportprodukt und einer bedeutenden Einnahmequelle wurde. 1718 fügte Pöppelmann dem Zwinger ein Opernhaus hinzu, nachdem das ältere Opernhaus am Taschenberg bereits seit 1708 als katholische Hofkapelle diente. Zacharias Longuelune führte ab 1713 den französischen klassizistischen Barock in Dresden ein. Der schon der nächsten Generation angehörende Johann Christoph Knöffel, ein von Wackerbarth entdeckter und geförderter Sachse, entwickelte die zurückhaltendere, am französischen Klassizismus orientierte Auffassung Longuelunes fort und begründete das sächsische Rokoko. 1728 avancierte er neben den beiden Vorgenannten zum dritten Oberlandbaumeister. Im Oberbauamt wurden stets mehrere Architekten getrennt mit Entwürfen beauftragt und anschließend wurde in der Regel nicht einer ausgewählt, sondern unterschiedliche Formenelemente der einzelnen Entwürfe miteinander kompiliert, wobei der König und Wackerbarth oft mitwirkten. Dieses „kollegialische“ Verfahren führte zur Synthese vieler Stileinflüsse.Hagen Bächler und Monika Schlechte: Führer zum Barock in Dresden, Dortmund 1991, S. 20f. In Leipzig wirkten gleichzeitig Johann Gregor Fuchs (1650–1715), der Pöppelmann-Schüler David Schatz (1667–1750), Christian Döring (1677–1750), George Werner (1682–1758), den man später als „Leipzigs Knöffel“ bezeichnete, und Friedrich Seltendorff (1700–1778).
Der sächsische Barock entstand, mit zeitlicher Verzögerung gegenüber Italien und Frankreich, in einem eigenen Spannungsfeld: in ihm trafen die eher gemäßigten Bauformen des protestantischen Nordens mit der gegenreformatorisch geprägten Kunst des Südens zusammen. Denn zweifellos hat auch der Übertritt Augusts des Starken zum Katholizismus dem Barock als Kunst der Gegenreformation in Sachsen den Boden bereitet; in nördlichen, protestantischen Gefilden kam er nur sehr selten zu so prachtvoller Entfaltung – eine Ausnahme bilden die Schlösser des Preußenkönigs Friedrich II., der aber von seinen Jugendeindrücken am Hofe Augusts des Starken zehrte und sich für seine Schlossbauten Künstler aus Sachsen kommen ließ, die das friderizianische Rokoko wesentlich mitprägten.Gottfried Kiesow, Barock in Sachsen (Vorwort), Monumente Edition, Seite 2 „Charakteristisch ist für den sächsischen Barock, daß sich das Reiche und Bewegte eigentümlich mit Verstandeskühle verbindet.“Udo von Alvensleben, Dresden und das Augusteische Zeitalter, in: Besuche vor dem Untergang, Adelssitze zwischen Altmark und Masuren, Aus Tagebuchaufzeichnungen zusammengestellt und herausgegeben von Harald von Koenigswald, Frankfurt/M.-Berlin 1968, S. 19–30, hier S. 30 Er wird „als festlich-heiter, nobel und maßvoll charakterisiert“.Hagen Bächler und Monika Schlechte: Führer zum Barock in Dresden, Dortmund 1991, S. 7
mini|links|Bernardo Bellotto: Dresden, Frauenkirche und Rampische Gasse, zwischen 1749 und 1753 Während der 37-jährigen Regierungszeit Augusts des Starken entstanden ferner die Frauenkirche, das Japanische Palais sowie, als Kranz um die Hauptstadt herum, die Schlösser Moritzburg, Pillnitz und Übigau und der Barockgarten Großsedlitz. Eine Beschleunigung erfuhren die königlichen Bauaufträge für die Hochzeitsfeierlichkeiten des Kurprinzen 1719 mit der Habsburger Kaisertochter Maria Josefa. Nach dem Ende des Großen Nordischen Krieges 1721 wurden weitere Ressourcen frei. Den schon 1703 geplanten Umbau des Schlosses Moritzburg konnte Pöppelmann ab 1723 verwirklichen, den Umbau des Schlosses Pillnitz ab 1720. Neubauten bürgerlicher Wohn- und Geschäftshäuser entwickelten einen besonders erker- und mansardenreichen Stil mit Fassadendekorationen, die vom höfischen Stil beeinflusst waren, etwa auf der Rampischen Gasse. Während anfangs Fassaden oft noch mit Pilastern samt Basis und Kapitell gegliedert wurden, wie beim Palais im Großen Garten und noch 1724/25 bei Naumanns Schneeberger Bortenreuther-Haus, werden typisch für den Sächsischen Barock bald die aufgemalten Fassadengliederungen mit Lisenen, illusionistischen Farbspiegeln zwischen den Fensterreihen, wie sie Pöppelmann am Schloss Moritzburg angebracht hat und Knöffel an fast allen seinen Bauten; auch an vielen Bürgerhäusern findet sich dieses Dekor, so bereits beim Taschenbergpalais im rhythmischen Wechsel mit plastischem Fassadenschmuck.