Machine Gun ist ein Jazzalbum des Peter Brötzmann Oktetts, das im Mai 1968 in der Lila Eule in Bremen aufgenommen wurde. Es erschien zunächst im Selbstverlag und wurde 1972 bei Free Music Production wiederveröffentlicht. Das Album gilt heute als Meilenstein des europäischen freien Jazz, dessen Intensität kollektiver Ausbrüche den Hörer „gewehrsalvengleich überfällt.“ (Jazz Podium).Reiner Kobe, Jazz Podium 11/2007; zitiert nach FMP zum Album, mit Liner Notes von Steve Lake und Rezensionen
Das Album und seine Vorgeschichte Machine Gun war das zweite Album von Brötzmann nach For Adolphe Sax von 1967, das mit Peter Kowald, Sven-Åke Johansson und Fred Van Hove „unter einfachsten technischen Bedingungen“ aufgenommen wurde. Wie das Vorgängeralbum erschien es als Eigenproduktion, „denn eine Schallplattenfirma, die sich für diese Musik interessierte, war seinerzeit nicht in Sicht.“Ekkhard Jost: Europas Jazz. 1960–80. Frankfurt am Main 1987, S. 86. 1968 versammelte Peter Brötzmann, der zuvor im Trio und 1967 im Quartett aufgetreten war, „die Spitze der europäischen Free-Jazz-Avantgarde um sich,“E. Dieter Fränzel, Jazz AGe Wuppertal (Hrsg.): Sounds Like Whoopataal. Wuppertal in der Welt des Jazz. Essen 2006, S. 114. außer den Genannten waren dies Evan Parker, Willem Breuker, Buschi Niebergall und Han Bennink.
Wie Brötzmann im Rückblick feststellte, war das Jahr 1968 „das Jahr der Großen Orchester, wo wir uns unter Freunden trafen, um wie die Verrückten zu spielen.“E. Jost: Europas Jazz. 1960–80. S. 112 f. Unterstützt wurde er dabei vom Konzertveranstalter Fritz Rau.Kisieldu, siehe Literatur Mit diesem Oktett trat er im Lauf des Jahres mehrfach auf Festivals auf, so auch auf den Essener Songtagen Ende September 1968, bereits am 24. März 1968 auf dem Deutschen Jazzfestival in Frankfurt am Main zusätzlich mit Gerd Dudek;Hinweise bei Peter Losin in der Woche darauf spielte das Oktett mit Manfred Schoof bei Jazz Ost-West in NürnbergHinweise bei Peter Losin und verstärkt um Schoof und Paul Rutherford im November 1968 auf dem Total Music Meeting,zu Total Music Meeting 1968 in Berlin. FMP. das als Gegenveranstaltung zum Jazzfest Berlin unter anderem von Brötzmann (der aus dem Berliner Jazzfest damals wieder ausgeladen wurde, weil er nicht im Anzug auftreten wollteSounds, Nr.8, 1968. Einen Kompromissvorschlag von Berendt, in der Band von Don Cherry aufzutreten, schlug Brötzmann aus) initiiert wurde.
Im Mai 1968 ließ Brötzmann nachts und morgens in der Lila Eule in Bremen,Ein damals legendärer Musikclub, der nach den Worten des damaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden in der Bremer Bürgerschaft Hans-Hermann Sieling ein Ort war, der die Jugend für die Revolution sensibilisierte, so wo er zuvor häufig gespielt hatteNoglik: Jazz Werkstatt International. rororo, S. 207 (Interview) und wusste, dass er bei den Aufnahmen nicht gestört wurde,Damals gab es kaum unkommerzielle Aufnahmemöglichkeiten. Sein erstes Album For Adolphe Sax hatte Brötzmann in einem Wuppertaler Jugendzentrum aufgenommen, wo allerdings der Hausmeister immer wieder bei den Aufnahmen kam und störte. sein Oktett die Musik von Machine Gun aufnehmen. Der Kritiker Manfred Miller „besorgte“ das Aufnahmeequipment von Radio Bremen. Da damals in der Lila Eula jeden Abend eine Veranstaltung stattfand, mussten die Musiker nach diesen Veranstaltungen in den Club gehen, dort aufbauen und spielen. Am nächsten Tag arbeiteten sie dann weiter, bis sie am Abend Platz für die nächste Veranstaltung machen mussten. Die Tontechniker mussten die Mikrofone mit geliehenen Decken aus dem Bremer Theaterfundus verhängen, um den Lautstärkepegel zu dämpfen und eine Aufnahme erst zu ermöglichen.
Brötzmann sah sich mit seiner kompromisslosen Musik damals als Teil der 68er-Bewegung: „Eine brutale Gesellschaft, die Biafra und Vietnam zulässt, provoziert natürlich eine brutale Musik.“Ein Zitat von Brötzmann von 1968, Michael Thiem: Die Suche nach Alternativen. 1968. In einem Interview mit Siegfried Schmidt-Joos im Jazz Podium vom April 1968 meinte er hingegen auf die Frage, ob er mit seiner Musik schockieren wolle: „Das nicht. Die Musik kommt aus uns selbst wie sie ist, und wir beabsichtigen in keiner Weise irgendwen zu schockieren. Andererseits muß man wissen, in welcher Zeit man lebt, man muß wissen, dass viele Dinge geändert werden müssen.“Zitiert nach Kisiedu in Albert Mangelsdorff. Wolke Verlag, 2010, siehe Literatur In einer Podiumsdiskussion im WDR im Mai 1967 machte er auf eine Frage von Siegfried Loch als wesentlichen Unterschied von Free Jazz zu traditionellem Jazz (etwa eines Klaus Doldinger) die „Verantwortung für sich selbst und die Gesellschaft“ aus.Pop Jazz – Free Jazz. WDR, 12. Mai 1967, zitiert nach Kisieldu, siehe Literatur
Der gelernte Grafiker Brötzmann schuf auch das Cover des Albums mit einem GI hinter einem Maschinengewehr. Sein Haus in Wuppertal war damals Anlaufstelle für vor dem Vietnamkrieg desertierende GI’s.Julian Weber: Sie nennen ihn Machine Gun. In: taz, 5. Februar 2011. Der Titel des Albums spielte auch auf einen Spitznamen für Brötzmann an, den ihm 1966 Don Cherry in Paris gegeben hatte.Bert Noglik: Jazz Werkstatt International. Berlin (DDR) 1981, S. 199.
Die Musik des Albums In der Beurteilung von Ekkehard Jost lebt die Musik von Machine Gun „von ihrer emotionalen Hitze und ihrer geradezu atemberaubenden Intensität.“ Dennoch überwinde sie die freie und ungeplante Spielweise des Freeform Jazz: „Es ist eine äußerst intensive, vielfach bis ins Geräuschhafte gesteigerte Musik, ein vorrangig auf kollektive Energieproduktion gerichteter Spielprozess, der durch die rudimentären kompositorischen Vorgaben Brötzmanns, Van Hoves und Breukers eine gewisse formale Gliederung erfährt und der – anders als bei Adolphe Sax – in der geplanten Folge von Kollektiven, Soli und thematischen Einschüben so etwas wie eine Dramaturgie des Ablaufs erkennbar werden lässt.“E. Jost: Europas Jazz 1960–80. S. 118. Die Platte ist trotz der unterschiedlichen Strukturvorgaben der einzelnen Stücke im Wesentlichen „monochrom“, also nicht sehr vielfältig.E. Jost: Europas Jazz 1960–80. S. 119.
Das Stück Machine Gun hat nach der Beschreibung von Jost zunächst eine „in Tonrepetitionen stakkatierende Einleitung“, die an „Trommelfeuer“ erinnert,E. Jost: Europas Jazz 1960–80. S. 118f. weil ihr eine „quasi perkussive“ Spielweise zu Grunde liegt.E. Jost: Europas Jazz 1960–80. S. 89. Die Intensität dieses Stücks erreichen die beiden anderen Kompositionen nicht ganz.Max Harrison u. a.: The Essential Jazz Records. S. 509. Mit Responsible erinnert Van Hove an den verstorbenen Schlagzeuger Jan Van den Ven, der mit ihm und Kris Wanders ein Trio gebildet hatte; es endet mit einem Kwela-Thema. Breukers Titel Music for Han Bennink baut auf einem einfachen Riff auf, das immer wiederholt und dabei gesteigert wird.Clifford Allen: In: All About Jazz. Am Ende der Stücke fanden sich „die Spieler in schrulligen Rock- oder Samba-Derivaten wieder,“ die humorvoll zitiert wurden.R. Dombrowski: Basis Diskothek Jazz. S. 31.
Titelliste mini|Peter Brötzmann, mœrs festival 2010
LP-Ausgabe Peter Brötzmann: Machine Gun. (BRÖ 2, 1968; FMP 0090, 1972) Machine Gun (Brötzmann) 17:19 Responsible (Van Hove) 8:20 Music for Han Bennink (Breuker) 11:29
CD-Ausgabe 1990 Peter Brötzmann: Machine Gun. (FMP CD 24, 1990) Machine Gun (Second Take) (Brötzmann) 14:57 Machine Gun (Third Take) (Brötzmann) 17:13 Responsible (For Jan Van den Ven) (First Take) (Van Hove) 10:00 Responsible (For Jan Van den Ven) (Second Take) (Van Hove) 8:12 Music for Han Bennink (Breuker) 11:22
The Complete Machine Gun Sessions The Peter Brötzmann Octet – The Complete Machine Gun Sessions. (Atavistic – Unheard Music Series ALP262CD) Machine Gun (Brötzmann) 17:19 Responsible / For Jan Van de Ven (Van Hove) 8:20 Music for Han Bennink (Breuker) 11:29 Machine Gun (Second Take) (Brötzmann) 15:01 Alternate Take Responsible / For Jan Van de Ven (First Take) (Van Hove) 10:08 Alternate Take Machine Gun (Brötzmann) 17:40Aufnahme vom 24. März 1968, live vom Frankfurt Jazz Festival; Besetzung wie oben, zusätzlich Gerd Dudek.
Editionsgeschichte Machine Gun erschien zunächst in einer Auflage von 300 Exemplaren auf dem privaten BRÖ-Label und wurde 1972 bei der von Brötzmann mitgegründeten Free Music Production wiederveröffentlicht. In deren Katalog war es eins der sich am besten verkaufenden Alben.Steve Lake (1985), in: Brötzmann: Machine Gun. FMP CD 024 Im Jahr 1990 erschien es bei FMP als Compact Disc, ergänzt um zwei bislang unveröffentlichte Alternate takes.Archiv FMP 2007 erschien bei dem auf Free Jazz spezialisierten Chicagoer Label Atavistic Records die CD The Complete Machine Gun Sessions, die zusätzlich eine frühere Version des Titelstückes enthielt, die im März 1968 auf dem Deutschen Jazzfestival in Frankfurt mitgeschnitten wurde und bei der auch der Saxophonist Gerd Dudek mitwirkte.The Peter Brötzmann Octet – The Complete Machine Gun Sessions bei Discogs 2011 erschien in limitierter Ausgabe von 500 Exemplaren bei Slowboy Records eine Vinyl-Ausgabe des Original-Albums, dessen Cover in dreifarbigen Siebdruck-Verfahren hergestellt wurde.Peter Brötzmann Octet – Machine Gun bei Discogs
Rezeption und Auszeichnungen Machine Gun erregte „in Fachkreisen Aufsehen“ und wurde „sehr kontrovers diskutiert“. Im Spiegel wurde 1968 eher amüsiert über die „destruktive Akustik“ der Platte mit der „bislang radikalsten Jazz-Absage an den Wohlklang“ berichtet. Andere zeitgenössische Kritiker sahen damals Parallelen zur Musik von Albert Ayler, allerdings anders als die US-amerikanischen Vorbilder geprägt durch die Erfahrungen der politischen Geschichte Europas (so Barry Miles in der Besprechung des Albums in der Londoner International Times, Nr. 39, 1968) Auch der FAZ-Kritiker Ulrich Olshausen bezeichnete Brötzmann „als Deutschlands Albert Ayler, eine Imitation von täuschender Ähnlichkeit“.zit. nach Kisiedu in Albert Mangelsdorff. Wolke Verlag, 2010; siehe Literatur Als Nachwirkung von Machine Gun wurde Brötzmann „einer der Häuptlinge des europäischen Free Jazz“ und nahm zahlreiche weitere Alben, zunächst für FMP, auf.Todd S. Jenkins: Free Jazz and Free Improvisation. An Encyclopedia. Vol. 1. Greenwood Press, Westport CT / London 2004, S. 63. Rolf-Ulrich Kaiser schrieb Anfang 1969, Machine Gun sei eine der Platten gewesen, die er 1968 am meisten gehört hätte, „weil sich Brötzmann und Leute halt nicht den gewünschten Festival-Anzug anziehen.“Sounds. .
Für Steve Lake, dessen Beitrag für das Magazin The Wire als Liner Notes zur CD-Ausgabe abgedruckt wurde, war Machine Gun die erste authentische Jazzplatte Europas, weil sich die Musiker seiner Ansicht nach nicht darum scherten, was die Amerikaner vorgaben; zudem waren Musiker aus fünf Nationen Europas an dem Album beteiligt, die zur musikalischen Avantgarde gehörten.Lake weist darauf hin, dass zwar Schlippenbachs Album Globe Unity damals bereits aufgenommen worden war, aber dieses Orchester doch eher als „deutsch plus“ und nicht als gesamteuropäisch verstanden werden könnte. Auch für Ekkehard Jost war es „die erste wirklich europäische Plattenproduktion der Jazzgeschichte“. Mit ihrem „Powerplay“ setzte Machine Gun „mit expansiveren Klangmitteln fort …, was in Adolphe Sax begonnen wurde“. Für Colin Larkin ist es „das vielleicht wildeste und brutalste Album der Jazzgeschichte, ein Markstein der europäischen Avantgarde.“ Indem es das Unerträgliche einfasse, sei ein Sinn sowohl für emotionale als auch technische Extreme enthalten, was eine seltsamerweise süchtig machende, wenn nicht gar entleerende Erfahrung sei.Colin Larkin: All Times Top 1000 Albums. Guinness Publishing, 1994. Im Original: perhaps the most savage and brutal recording in jazz history. Machine Gun is a landmark in the European avant garde. […] Bordering on the unbearable, there is a sense of both the emotional and technical extreme that is a curiously addictive, if draining, experience.