mini|260px|Thidrekssaga, Blatt aus Handschrift Perg. fol. nr 4

Die Thidrekssaga ist eine umfangreiche Sagenkompilation des 13. Jahrhunderts in altnordischer Sprache; neben der älteren norwegischen Fassung (und mit ihr verwandten isländischen Fassungen) existiert auch eine knappere altschwedische aus dem 15. Jahrhundert (Didrikskrønike), von der zumeist angenommen wird, dass es sich um eine verkürzende und Widersprüche ausgleichende Übersetzung der uns erhaltenen norwegischen Handschrift handelt. Die Saga erzählt in Prosa (zu den Werken in Versform siehe Dietrichsepik) das Leben des Helden Þiðrekr af Bern, der im deutschen Sprachraum als Dietrich von Bern bekannt war.

Um diesen Thidrek gruppiert sich eine größere Zahl ursprünglich vermutlich in andere Kontexte gehörende Heldensagen, wie die von Siegfried, die Nibelungensage, die Sage von Wieland dem Schmied und die Wilzensage, deren Protagonisten mittels Gefolgschaft oder Verwandtschaft mit Thidrek verknüpft werden. Dadurch wird die Thidrekssaga zur frühesten Kompilation deutscher Heldensagen in Prosaform, weshalb sie in der germanistischen Forschung häufig benutzt wird.

Die Gestalt des Thidrek (Didrik, Dietrich) von Bern soll nach mehrheitlicher Forschungsauffassung an die Person des historischen Ostgotenkönigs Theoderich angelehnt sein. Allerdings hat ein erheblicher Teil der älteren deutschen Philologie dieser Annahme widersprochen und hält stattdessen eine ursprünglich rheinfränkische Sagengenese über den Merowingerkönig Theuderich I., der in heldenepischem Kontext mit dessen Sohn Theudebert I. auch als sagenoriginärer Protagonist des Wolfdietrich befürwortet wird, für wahrscheinlicher. Die wesentlichen literarischen Veränderungen des historischen ostgotischen und/oder rheinfränkischen Herrschertypus zur Sagenfigur des Thidrek waren bereits zur Zeit Karls des Großen erreicht, der eine angebliche Theoderich-Statue aus Ravenna nach Aachen überführen ließ.Agnellus von Ravenna: Liber pontificalis ecclesiae Ravennatis, 94. In: MGH SS rer. Lang. 1 Schon im Hildebrandslied (aufgezeichnet um 830–840; vermutlich älter) musste Dietrich zu einem „Hunnen“-Herrscher fliehen, und zwar vor Odoaker, der tatsächlich sein Zeitgenosse war; nicht, wie in jüngeren Sagenformen, vor Ermanarich, der tatsächlich ca. 150 Jahre vor Theoderich lebte.

Heinz Ritter-Schaumburg, der erstmals die altschwedische Fassung der Thidrekssaga ins Deutsche übersetzt hat, stellte im Gegensatz dazu die umstrittene These auf, dass sich die Thidrekssaga auf historische Ereignisse der Völkerwanderungszeit Niederdeutschlands beziehe und Dietrich von Bern nicht mit dem Ostgotenkönig Theoderich identisch sei.Heinz Ritter-Schaumburg: Die Nibelungen zogen nordwärts. Taschenbuchausgabe mit Register, 4. unveränderte Auflage. Reichl, St. Goar 2002, ISBN 3-87667-129-9.Derselbe: Dietrich von Bern – König zu Bonn. Herbig, München 1982, ISBN 3-7766-1227-4. Ritter-Schaumburgs Auslegung der Thidrekssaga wird jedoch von weiten Teilen der Forschung abgelehnt.Kritiken: Henry Kratz (1983): ‘Die Nibelungen zogen nordwärts‘ by Heinz Ritter-Schaumburg. The German Quarterly. 56 (4): S. 636–638.; Gernot Müller (1983): Allerneueste Nibelungische Ketzereien: Zu Heinz Ritter-Schaumburgs ‚Die Nibelungen zogen nordwärts, München 1981‘. Studia neophilologica. 57 (1): S. 105–116.; Werner Hoffmann (1993): Siegfried 1993. Bemerkungen und Überlegungen zur Forschungsliteratur zu Siegfried im Nibelungenlied aus den Jahren 1978 bis 1992. Mediaevistik. 6: S. 121–151. JSTOR 42583993. S. 125–128.

Der Sagaschreiber gibt an, seine Erzählung sei „zusammengestellt nach der Erzählung deutscher Männer, teilweise nach ihren Liedern, womit man große Herren unterhalten soll“. Vorlage der Saga wären demnach Quellen aus dem niederdeutschen Raum (Sachsenland), teils in Prosa, teils in Versen. Am Schluss des Niflungenteiles werden außerdem Gewährsleute aus Bremen, Münster und SoestWalter Böckmann: Der Nibelungen Tod in Soest. Econ, München 1991, ISBN 3-430-11378-4. erwähnt. Seit dem Hochmittelalter, mit dem Eindringen einer niederdeutsch geprägten Adels- und Kaufmannskultur in den Norden (vgl. Hanse), vergrößerte sich das skandinavische Interesse an Dietrich zunächst in Dänemark, Schweden und Norwegen.

Quellenlage Die Thidrekssaga ist in drei Pergament-Handschriften in altwestnordischer (altisländisch-altnorwegisch) Sprache und einer altschwedischen Fassung in zwei sehr ähnlichen Handschriften überliefert. Von zweien der altwestnordischen Pergament-Handschriften liegen heute jedoch nur noch Abschriften vor.

Die altnordischen Pergament-Handschriften Von den drei Pergament-Handschriften gingen zwei verloren. Wahrscheinlich wurden sie bei dem Kopenhagener Stadtbrand im Jahr 1728 vernichtet.

mini|240px|Johan Peringskiölds dreisprachige Textausgabe nach der Stockholmer HandschriftDie dritte der Pergament-Handschriften ist somit die älteste und wird in der Königlichen Bibliothek in Stockholm aufbewahrt. Sie wird normalerweise „Membrane“ (Mb) genannt und dürfte um die Mitte des 13. Jahrhunderts in der norwegischen Hafenstadt Bergen aufgezeichnet worden sein.Ein Digitalisat ist zugänglich unter https://digitalesamlinger.hum.ku.dk/Home/Samlingerne/36579Joachim Heinzle: Einführung in die mittelhochdeutsche Dietrichepik. Walter de Gruyter 1999, S. 38. Diese Version wird bei der Übersetzung ins Deutsche bevorzugt benutzt. Der Text ist allerdings nicht mehr vollständig, vor allem am Anfang und am Schluss gibt es Lakunen.Vgl. die Angaben in der Handschriftenausgabe von Henrik Bertelsen: Þidriks saga af Bern. Band I und II, Kopenhagen 1905–1911, Abschnitt Inledning I–VXII mit neuerer Bewertung. Nach der Zählung von Peter Andersen fehlen die Blätter aus diesen Lagen: 12–8, 22, 27, 73, 76, 111, 118, 132, 137, 171, 178, 181, 188, 192–7; siehe https://gottfried.unistra.fr/nibelungen/islandische-und-norrone-fassungen/thidrekssaga/, abgerufen am 8. Mai 2019. Diese Handschrift umfasst nur noch 129 sowie zwei unbeschriebene Blätter von ursprünglich 162 Blättern, die sich in 19 Lagen mit je 8 Blättern befanden. Der achten Lage wurden nachträglich 10 Blätter hinzugefügt.

Im 1308–1314 verfertigten Handschriftenverzeichnis des Bergener Bischofs Árni Sigurðarson ist eine Handschrift der Thidrekssaga vermerkt. Dahinter wird diese heute in Stockholm verwahrte Membrane vermutet. Wichtig ist auch die zeitliche Lokalisierung dieser Handschrift in der Hanse- und Königsstadt Bergen unter Håkon IV., da sie Rückschlüsse auf das Entstehungsmilieu der Thidrekssaga zulässt.

Die Stockholmer Membrane lässt die Hand von fünf verschiedenen Schreibern bzw. Redaktoren (Mb1 bis Mb5) erkennen. Mb1 und Mb2 waren Norweger, Mb4 und Mb5 Isländer; aus diesen Nationalitäten ist die Herkunft von Mb3 umstritten. Mb2 hat nachträglich Titel für Mb1 geschrieben sowie Mb3 für Mb4 und Mb5. Die Schreiber Mb2 und Mb3 waren „Hauptschreiber“ bzw. „Abschriftleiter“. Nach Carl Richard Ungers Gliederung der Stockholmer und altisländischen Handschriften umfasst die erste Redaktion die Kapitel Mb 1 bis Mb 196. Der dritte Redaktor redigierte seinen Vorgänger durch Einschiebung von 10 Blättern über die Erzählung von Sigurds Jugend (Mb 152–169, vgl. Bertelsen I,282–350). Außerdem strich Mb3 die beiden folgenden Abschnitte von Mb2 (Mb 170–171, B. I,351–352) und fügte ersatzweise seine Version über das Niflungengeschlecht ein (B. I,322–325), so dass zwei Redaktionen erhalten blieben. Vergleichbare Vorgehensweisen zeigen sich auch an den Wilzenberichten (Teil I: Mb 21–56); vgl. auch die Todeserzählungen über Osantrix in Teil II (Mb 134–145, hier Mb 144) mit der Version in III (Mb 291–315, hier Mb 292).

Diese Redaktoren lassen sich also daran erkennen, dass sie offenbar verschiedene Vorlagen benutzten. Aber auch ein und derselbe Redaktor bzw. Schreiber verwendete gelegentlich verschiedene, inhaltlich voneinander abweichende Vorlagen. Dadurch ist die Thidrekssaga besonders wertvoll für die Sagengenese, welche Rückschlüsse auf verschiedene Versionen der nach Altnorwegen gelangten Traditionen gestattet. Die bekanntesten erzählerischen Widersprüche innerhalb der Thidrekssaga sind insoweit zwei unterschiedliche Todesberichte über den Wilzenkönig Osantrix und die Niflungenherkunft – diese vom selben Schreiber (Mb3) zweimal unmittelbar hintereinander mit zum Teil unterschiedlichen Gestaltennamen (Mb3 liefert König Aldrian als Niflungenvater) und der Geschwisteranzahl (Mb2 nennt zusätzlich Guthorm bzw. Guttorm unter den jedoch von König Irung gezeugten Niflungenbrüdern).Derselbe II, XXXII (Inledning) Erzähllogische Dopplungen, soweit diese die Kapitelabfolge betreffen und im Gesamtzusammenhang allerdings weniger erheblich sind, begegnen beispielsweise in der Auslobung von Hildebrands Schwertführung (nach Mb 187 verspätet) und dem Erwerb von Thidreks Pferd Falke nach Mb 188, das jedoch nach Mb 100 längst im Besitz des Helden ist.Vgl. Susanne Kramarz-Bein: Die Þiðreks saga im Kontext der altnorwegischen Literatur. (Beiträge zur Nordischen Philologie 33). Francke, Tübingen/Basel 2002. Seite 51. Vermutlich handelt es sich in diesen Fällen nicht um irrtümliche Deplatzierungen, sondern um absichtliche Hinterlegungen unterschiedlicher Quellenfassungen.

Die Membrane (Mb) wurde bei Übersetzungen ins Deutsche meist bevorzugt, vor allem weil sie das älteste Textzeugnis der Thidrekssaga darstellt. Dabei enthalten die Abschriften A+E und B+D einige Abweichungen. Johan Peringskiöld, seinerzeit tätig als Sekretär, Antiquar und isländischer Übersetzer in Schwedens Reichsarchiv antikvitetsarkiv, hat in seiner Handschriftenausgabe von 1715 zwar die Anfangslakune von Mb mit den Berichten über Samsons Eroberungen, Thidreks und Hildebrands Geschlecht, Heimirs Einführung und die Hilde-Grim-Erzählung wohl mit einer altisländischen Handschrift gefüllt,Kay Busch gibt hierzu ein von Jón Eggertson erstelltes Manuskript aus einer Vorüberlieferung der beiden altisländischen Handschriften AM 178, fol. und insbesondere AM 177, fol. in Verbindung mit der isländischen Handschrift Papp. fol. nr 100 an; siehe Grossmachtstatus und Sagainterpretation. Diss. Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg 2002, S. 203–220, vgl. S. 207. jedoch nicht Thidreks Drachenkampf, Heimirs Klosterepisode und die Erzählungen über dessen und Thidreks Ende als Ersatz für die Endlakune veröffentlicht. Diese Berichte sind jedoch in einer älter datierten altschwedischen Handschrift (s. u.) enthalten.

Die altisländischen Handschriften Von beiden verlorenen altnorwegischen Textzeugnissen existieren je zwei gute isländische Papierhandschriften aus dem 17. Jahrhundert in der Arnamagnäanischen Sammlung, die als A (AM 178, fol. = Sigle A) mit E sowie B (AM 177, fol. = Sigle B) mit D bezeichnet werden. Die Handschriften umfassen 109 (A) und 194 Blätter (B) und befanden sich im Besitz des isländischen Gelehrten Árni Magnússon, der zur Handschrift A den Vermerk notierte, dass diese Überlieferungen mit einem beigefügten Prolog aus Austfjarða (Ostfjorden) und dem Ort Bræðratunga stammen.

Zur Ausfüllung der Lakunen in der älteren altnorwegischen Membrane und zur Darstellung von Textabweichungen werden in der Handschriften-Ausgabe von Henrik Bertelsen diese beiden Handschriften verwendet. Besonders die Handschrift A fällt dadurch auf, dass sie mit anderen nordischen Überlieferungen wie der Vǫlsunga saga in vielem übereinstimmt. So nennt diese Handschrift Kriemhild unter dem Namen Gudrun, sie bezeichnet Brynhilðr als Buðlis Tochter und erzählt als einzige von deren frühem Tod nach Sigurðrs bzw. Siegfrieds Tod. Auch kennt sie den Namen von Siegfrieds Schwester Signy.Vgl. Henrik Bertelsen, II, 400f. (Register)

Die altschwedische Fassung