mini|hochkant|Adolph Woermann, 1905

Adolph Woermann (* 10. Dezember 1847 in Hamburg; † 4. Mai 1911 auf dem Grönwohld-Hof bei Trittau) war ein Hamburger Übersee-Kaufmann, Reeder, Politiker und Kolonialist, der maßgeblich an der Errichtung der deutschen Kolonien in Afrika und dem Völkermord an den Herero und Nama beteiligt war.

Adolph Woermann wurde zu seiner Zeit der größte deutsche WestafrikakaufmannKlaus J. Bade: Friedrich Fabri und der Imperialismus in der Bismarckzeit. Revolution – Depression – Expansion. (PDF; 2,9 MB) Freiburg i.Br. 1975, 2005 (2005 mit neuem Vorwort: Osnabrück), S. 362 (abgerufen am 23. November 2006) und mit der Woermann-Linie der größte Privatreeder der Welt.Klaus J. Bade: Friedrich Fabri und der Imperialismus in der Bismarckzeit. Revolution – Depression – Expansion. (PDF; 2,9 MB) Freiburg i.Br. 1975, 2005 (2005 mit neuem Vorwort: Osnabrück), S. 315 (abgerufen am 23. November 2006)

Leben mini|hochkant|Grabplatte auf dem Ohlsdorfer Friedhof

Adolph Woermann war der zweite Sohn des Kaufmannes und Reedereigründers Carl Woermann. Er besuchte die Gelehrtenschule des Johanneums in Hamburg und absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. Fünf Jahre lang lernte er in verschiedenen internationalen Handelsniederlassungen, vor allem in den westafrikanischen Faktoreien des Hauses Woermann. Da sein älterer Bruder Karl Woermann nicht an Kaufhandel interessiert war und sich der Kunstgeschichte widmete, wurde stattdessen Adolph Woermann 1874 Teilhaber des väterlichen Handelsunternehmens C. Woermann. 1879 wurde Adolph Woermann in die Handelskammer Hamburg berufen, der er bis 1908 angehörte, davon 1883/84 sowie von 1899 bis 1902 als Präses. Nach dem Tod des Vaters übernahm Adolph Woermann 1880 das Unternehmen C. Woermann vollständig und führte es bis zu seinem Tod im Jahr 1911.

Von 1880 bis 1904 war er Mitglied der Hamburger Bürgerschaft, in der er sich der Fraktion der Rechten anschloss. Von 1884 bis 1890 wurde er für die Nationalliberale Partei als einer von drei Abgeordneten aus Hamburg im Reichstagswahlkreis Freie und Hansestadt Hamburg 3 in den Reichstag gewählt. 1890 wurde er in den neu gegründeten Kolonialrat berufen, ein Beratungsgremium für koloniale Fragen, das die Grundzüge der deutschen Kolonialpolitik mitbestimmte.1871–1914. Die deutsche Kolonie Kamerun, auf der Webseite des Deutschen Historischen Museums, abgerufen am 13. November 2006 1891 wurde Adolph Woermann, gemeinsam mit F. Laeisz, Aufsichtsratsvorsitzender bei der Werft Blohm + Voss.

Adolph Woermanns ältester Sohn Carl Woermann (1886–1950) hatte weniger Interesse an dem Familienunternehmen und betrieb stattdessen eine große Farm in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia (Farm Gras, heute Gras Game Lodge). Nach Adolph Woermanns Tod wurde das Unternehmen daher von seinem Halbbruder Eduard Woermann (1863–1920) und später von Adolphs zweitem Sohn Kurt Woermann (1888–1951) fortgeführt. Adolphs Tochter Hedwig Woermann wurde Bildhauerin, Malerin und Kunsthandwerkerin. Seine Frau Gertrud († 1945) errichtete nach seinem Tod die heute noch bestehende Adolph Woermann Gedächtnis-Stiftung in Hamburg.Website der Stiftung

Adolph Woermann wurde auf der Grabanlage seiner Familie auf dem Ohlsdorfer Friedhof im Planquadrat Q 24 beigesetzt.

Afrikahandel von C. Woermann mini|hochkant|„Haus Woermann“:Handelshaus und Reederei mini|hochkant|King Bell der Duala

Die Firma C. Woermann, die Adolph Woermann übernahm, hatte ursprünglich mit westfälischem Leinen in Afrika gehandelt.siehe Moltmann: Geschichte der deutschen Handelsschiffahrt. S. 158 Später war sie dazu übergegangen, hauptsächlich Branntwein, Waffen und Schießpulver aus dem Deutschen Reich gegen PalmölPalmöl war damals sehr begehrt, da es den knapp werdenden Waltran als Schmierstoff und als Margarine-Grundstoff (Palmin) ersetzte. und Kautschuk zu tauschen. Diese Tauschgeschäfte, insbesondere der Branntweinhandel, der unter Adolph Woermann stark ausgeweitet wurde,siehe dazu beispielsweise die Exporte in den Kongo, Darstellung der Exporte von C. Woermann 1883. in Deutscher Reichstag, 6. Legislaturperiode, 1. Session 1884–1885: Reichstagprotokolle 92. Band Aktenstück 290: Kongofrage; verlinkt ist Anlage 2 zu Nr. 4, S. 1649; Kopie des Originals auf den Seiten der Digitalen Bibliothek – Münchener Digitalisierungszentrum (MDZ) der Bayerischen Staatsbibliothek (abgerufen am 13. Januar 2011) waren sehr umstritten und mehrmals Thema im Reichstag: Im Februar 1885 forderte Eugen Richter (Deutsche Fortschrittspartei) auf den Import von Waffen, Munition und Alkohol in die Kolonien Zölle zu erheben, weil sie der Zivilisierung der indigenen Bevölkerung, mit der der Kolonialismus gerechtfertigt wurde, diametral widersprach: „Was vielleicht die Thätigkeit der Missionäre, den Versuch, die Neger zu bessern, gut gemacht hat, das hat die Ausbreitung des Rums und des Schnapses vielleicht wieder verdorben.“ Woermann, der erst kurz zuvor in den Reichstag gewählt worden war, löste mit seiner Replik, in der er in ungeschickter Weise seine persönlichen Profitinteressen mit der Verbreitung deutscher Kultur in Einklang zu bringen versuchte, unter den Abgeordneten Heiterkeit aus. So erklärte er: In der Folgezeit wurde die Formulierung „scharfe Reizmittel“ zum politischen Schlagwort, das immer wieder gegen Woermann verwendet wurde. Insbesondere von christlicher Seite wie Franz Michael Zahn von der Norddeutschen Missionsgesellschaft oder Hofprediger Adolf Stoecker wurde Woermann immer wieder öffentlich kritisiert. 1886 veröffentlichte er eine 26-seitige Broschüre unter dem Titel Mission und Branntwein-Handel, in der er sein Tun zynisch rechtfertigte: Mäßiger Branntweingenuß sei durchaus nicht schädlich, sondern könne für den „Neger […] als ein außerordentlich günstiges Reizmittel angesehen werden […], um ihn zur Arbeit zu veranlassen“.Kim Sebastian Todzi: Unternehmen Weltaneignung. Der Woermann-Konzern und der deutsche Kolonialismus 1837–1916. Wallstein, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8353-5367-1, S. 192–196.

Am 14. Mai 1889 brachte Stoecker, der für die antisemitische Christlich-soziale Partei im Reichstag saß, einen Antrag ein, den Branntweinexport nach Westafrika zu verbieten. Woermann verwies in der Debatte darauf, dass Branntweinbrennereien in Afrika kritisiert würden, obwohl sie gleichzeitig in Deutschland als „etwas so Nützliches“ gälten, und äußerte sich weiter:

Die Entstehung der Afrika-Kolonien mini|hochkant|Karte der deutschen Besitzansprüche und Faktoreien an der Küste Äquatorial- und Westafrikas (1884)

Im Juni 1883 verfasste Adolph Woermann eine Denkschrift, in der sich der hanseatische Handel für eine neue Afrikapolitik einsetzte und Schutz durch das deutsche Reich forderte. Das Schreiben wurde von der Hamburger Handelskammer angenommen und an die Reichsregierung weitergeleitet.Leonore Koschnick: „Towards new shores!“ – Colonial acquisitions. Artikel auf den Seiten des Deutschen Historischen Museums, abgerufen am 13. November 2006. Neben der Sicherung des Handels vor englischer und französischer Konkurrenz und der Ausschaltung des afrikanischen BinnenhandelsMöhle: Branntwein, Bibeln und Bananen. S. 23 und S. 40 wurde ferner die „Erwerbung eines Küstenstriches in West-Afrika zur Gründung einer Handelskolonie Biafra Bai“, das heißt an der Küste des heutigen Kamerun oder Südostnigeria, gefordert.Deutscher Reichstag, 6. Legislaturperiode, 1. Session 1884–1885: Reichstagprotokolle Band 91. Aktenstück 41: Togogebiet und Biafra-Bai, in dem die Denkschrift zu den Akten gelegt wird; verlinkt ist der Beginn der Denkschrift auf S. 116, das genaue Zitat steht auf S. 122; Kopie des Originals auf den Seiten der Digitalen Bibliothek – Münchener Digitalisierungszentrum (MDZ) der Bayerischen Staatsbibliothek (abgerufen am 13. Januar 2011)

Aufgrund seines hohen Ansehens gelang Adolph Woermann die Durchsetzung dieser Positionen und Ziele, wobei er ab 1883 Berater von Reichskanzler Otto von Bismarck war.Hundertfünfzig Jahre Commerzbank 1870–2020, Eugen-Gutmann-Gesellschaft (2020)

Am 12. Juli 1884 wurde mit dem afrikanischen Stammesführer der Duala, King Bell, ein Vertrag geschlossen. Dieser übertrug die Souveränität, Gesetzesgewalt und Verwaltung des Ausgangsgebietes von Kamerun an C. Woermann und an das (1874 von zwei ehemaligen Angestellten von C. Woermann gegründete) Unternehmen Jantzen & Thormählen. Der Vertrag wurde am 15. Juli 1884 mit zwölf weiteren afrikanischen Stammeshäuptlingen von Kamerun bestätigt. Zur Sicherung des Palmölhandels wurden diese Gebiete unter den „Schutz“ des Reiches gestellt (sogenannte „Deutsche Schutzgebiete“). Die Verträge wurden in einer Faktorei von C. Woermann unter Leitung von Eduard Schmidt geschlossen und auf deutscher Seite unter anderem von Eduard Woermann, einem jüngeren Bruder von Adolph Woermann, unterzeichnet. Um die Aufteilung Afrikas zwischen den Großmächten verbindlich zu regeln, wurde vom 15. November 1884 bis 23. Februar 1885 in Berlin die Kongokonferenz abgehalten, an der Adolph Woermann teilnahm.

Kaufleute des Hamburger Unternehmens Woermann planten im Zusammenspiel mit Kolonialbeamten und Militärs, die Einwohner am Kamerun-Fluss zu vertreiben und den Zwischenhandel mit Palmöl-Lieferanten aus dem Hinterland unter Kontrolle zu bekommen. In Afrika seien zwei Schätze auszubeuten, erklärte Handelshaus-Senior Adolph Woermann, „die Fruchtbarkeit des Bodens und die Arbeitskraft vieler Millionen Neger“.

Entstehung der Woermann-Linie und der Deutschen Ost-Afrika Linie mini|Dampfer der Deutschen Ost-Afrika Linie im Hafen von Sansibar, 1901

Dem Handelsunternehmen C. Woermann gehörten 1880, als Adolph Woermann es übernahm, zwölf Segelschiffe und ein Dampfschiff. Sie dienten ausschließlich dem Transport der eigenen Handelsware. Im Laufe der nächsten Jahre wurden die Segelschiffe nach und nach verkauft und durch weitere Dampfer ersetzt – die sogenannten „Woermanndampfer“, die vor allem nach Familienmitgliedern benannt wurden. Ab 1882 wurde eine regelmäßige Schiffsverbindung mit Nigeria aufgebaut,Eugen Fischer: S. 28 (abgerufen am 23. November 2006) ab 1884 eine regelmäßige Verbindung nach Kamerun. 1885 wurden alle Schiffe in ein eigenes Unternehmen ausgegliedert, die Afrikanische Dampfschiffs-Aktiengesellschaft, die als Woermann-Linie bekannt wurde (Farben: grün-weiß-blau-weiß-grün vor schwarzem Hintergrund). 1891 wurde der Handel nach Deutsch-Südwestafrika (heutiges Namibia) ausgedehnt,Sebastian Mantei: Von der „Sandbüchse“ zum Kommunikationsnetzwerk. Die Entwicklungsgeschichte des Post- und Telegraphenwesens in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika (1884–1915) (PDF; 5,6 MB). Dissertation an der philosophischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Fachbereich Medien- und Kommunikationswissenschaften 2004. (abgerufen am 13. November 2006) und 1896 richtete sie einen Liniendienst entlang der ganzen Westküste Afrikas ein.