Mossul (oder Mosul, ; ; syrisch-aramäisch: Nîněwâ) ist eine Stadt im Norden des Irak am rechten (westlichen) Ufer des Tigris, circa 350 Kilometer nördlich von Bagdad. Sie ist mit rund 1,5 Millionen Einwohnern (Volkszählung 2024) nach Bagdad die zweitgrößte Stadt des Landes. Mossul ist die Hauptstadt der Provinz Ninawa, die zu den umstrittenen Gebieten zwischen der Autonomen Region Kurdistan und der Zentralregierung des Irak gehört. Nach der Einnahme Mossuls durch die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) im Juni 2014 war sie die größte Stadt in dessen Hand. Nach der Androhung eines Massenmords durch den IS verließen die meisten christlichen Einwohner die Stadt. In der Schlacht um Mossul vom 17. Oktober 2016 bis zum 9. Juli 2017 wurde die Stadt von der Peschmerga und den Koalitionsstreitkräften vollständig zurückerobert und im Rahmen der Gefechte schwer beschädigt. mini|Ein jesidischer Tempel (schon lange vor dem IS-Einmarsch zerstört) auf der linken Seite und das Minarett der Großen Moschee des an-Nuri auf der rechten Seite in Mossul (1932)

Bevölkerung Ethnische Zusammensetzung Mossul war eine multiethnische und multireligiöse Stadt: Araber, Kurden, Assyrer (auch Aramäer und Chaldäer genannt), Turkmenen und Jesiden lebten hier.

Die Demografie hat sich seitdem zugunsten der arabischen Bevölkerung verändert. Kurden machen dafür die Arabisierungspolitik Saddam Husseins verantwortlich, während christliche Assyrer und Chaldäer die veränderte Lage auf den Einmarsch des Islamischen Staates zurückführen.zeit.derudaw.net

Wegen der Unsicherheit infolge des Irakkrieges 2003 verließen viele Menschen die Stadt. Insbesondere Christen haben Mossul nach gezielten Angriffen verlassen. Eine genaue Statistik der heute in der Stadt lebenden Bevölkerung gibt es nicht.

Religion Die meisten Einwohner von Mossul sind sunnitische Muslime, wobei die Mehrheit von ihnen Araber und die Minderheit Kurden sind.

Mossul blickt auf eine 1600 Jahre alte christliche Tradition zurück. Die Stadt war bis vor kurzem Sitz mehrerer Erzbischöfe von Ostkirchen syrischsprachiger Tradition (siehe auch: Christentum im Irak). Die Kathedrale der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien und gleichzeitig älteste Kirche der Stadt ist die Kathedrale St. Thomas aus dem Jahre 640, weniger als 100 m weit von der gleichnamigen, 1863 eröffneten Kirche St. Thomas der syrisch-katholischen Kirche. Als Kathedrale der letzteren diente jedoch die syrisch-katholische al-Tahira-Kathedrale (Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis) aus dem 17. Jahrhundert, die 2017 nahezu vollständig zerstört, aber bis 2025 wiederaufgebaut wurde. Die Chaldäisch-katholische Kirche wiederum hatte ihren Bischofssitz in der mittelalterlichen Mart-Meskinta-Kirche, bis er in den 1980er Jahren in die chaldäische al-Tahira-Kathedrale aus dem 18. Jahrhundert verlegt wurde.

Nach der Eroberung Mossuls durch Kämpfer der Gruppe Islamischer Staat wurden die christlichen Einwohner vor die Wahl gestellt, die Stadt entweder zu verlassen, zum Islam zu konvertieren oder hingerichtet zu werden. Die allermeisten Christen verließen Mossul daraufhin Ende Juli 2014, sodass die christliche Tradition der Stadt vorläufig zu einem Ende gekommen ist. Laut Erzbischof Louis Raphaël I. Sako lebten bei der Machtübernahme des ISIS noch 25.000 Christen in Mossul,Tausende Christen fliehen aus Mossul, Artikel der Zeit vom 19. Juli 2014 nach Angaben der BBC waren es sogar 35.000.BBC News, Iraqi Christians flee after Isis issue Mosul ultimatum, 18. Juli 2014; zuletzt eingesehen am 21. Juli 2014

Der syrisch-katholische Erzbischof Basile Georges Casmoussa, der am 17. Januar 2005 entführt wurde, wurde am Tag darauf ohne Zahlung von Lösegeld freigelassen. Das armenische Kirchengebäude wurde 2004 durch einen Terrorakt schwer beschädigt; Anfang 2006 erhielt Erzbischof Avag Asadurian die Zusage von Staatspräsident Dschalal Talabani und Ministerpräsident Ibrahim al-Dschafari, dass die Kirche wiederaufgebaut werden soll. In der Nähe von Mossul unterhält die Syrisch-Orthodoxe Kirche das St.-Ephrem-Seminar zur Ausbildung von Priestern und Kirchennachwuchs. Der jetzige Abt ist der Erzbischof Mar Saverius Ishak Saka (* 1931).

Am 2. Februar 2015 sprengten Terroristen des Islamischen Staats in Mossul eine der größten und ältesten chaldäisch-katholischen Kirchen des Irak, die Kirche der Jungfrau Maria.kathweb.at Im April 2016 wurde die historische römisch-katholische Kirche Unserer Frau der Stunde aus dem 19. Jahrhundert zerstört.

Geschichte mini|Armenier in Mossul, die während des Völkermords aus osmanischen Deportationszügen flohen mini|Marktszene aus Mossul von 1932

Antike Etwa 850 vor Christus hat König Aššur-nâṣir-apli II. die Stadt Nimrud zur Hauptstadt des Assyrischen Reiches ernannt. Diese lag etwa 30 Kilometer vom heutigen Mossul entfernt. Als kleines Dorf entstanden, übernahm Mossul mit der Zeit die Funktion als Brückenstadt am Tigris und verband so Kleinasien und das Medische Reich. Um etwa 612 vor Christus eroberte der medische König Kyaxares II. in einer Allianz mit Babylon unter Nabopolassar Ninive und somit auch die Stadt Mossul. Nach dem Einmarsch Alexander des Großen und seinem späteren Ableben wurde die Stadt ein Teil des Seleukidenreiches, um schon 200 Jahre später von den Parthern erobert zu werden.

Zwischen dem 8. und dem 20. Jahrhundert: Wechselnde Herrscher Mossul war seit dem 8. Jahrhundert ein wichtiges Wirtschaftszentrum, im 10. Jahrhundert regierten die Hamdaniden über Mossul und wurden im 11. Jahrhundert von den Uqailiden abgelöst. Im 12. Jahrhundert war es Hochburg der Zengiden im Kampf gegen die Kreuzritter, im 13. Jahrhundert eroberten und zerstörten Mongolen die Stadt. Nach dem Wiederaufbau wurde es wieder zu einem regionalen Zentrum, ohne an seine frühere Bedeutung anknüpfen zu können. 1400 wurde Mossul von Timur erobert. Im frühen 16. Jahrhundert gehörte Mossul zum Herrschaftsbereich des turkmenischen Stammesbundes der Aq Qoyunlu, 1508 nahmen es die Safawiden ein. 1535 eroberten die Osmanen unter Süleyman dem Prächtigen die Stadt. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts erlangte Mossul unter einer kurzlebigen, aber weitgehend autonomen Gouverneursdynastie (Dschaliliden) vorübergehend eine bescheidene Blüte.

1889 wurden die traditionellen Nutzniessungsrechte und erblichen Konzessionen der Naphtha-Vorkommen per Ferman aufgehoben und diese dem Privatvermögen des Sultans zugeschlagen. Mossul und das umliegende Gebiet wurden nach dem Ersten Weltkrieg von Großbritannien besetzt. Die Türkei beanspruchte das Gebiet aber weiterhin. Während der Verhandlungen in Lausanne ließ Ismet Inönü nicht von der Forderung ab, dass Mossul zur Türkei gehören solle. Am Ende der Verhandlungen blieb die Frage nicht endgültig geklärt. Folgende Verhandlungen zwischen Großbritannien und der Türkei im Jahre 1924 blieben erfolglos, worauf Großbritannien den Völkerbund um eine Lösung ersuchte. Der Völkerbund, dem die Türkei nicht angehörte, setzte zur Klärung der Ansprüche eine Kommission ein, die einen Kompromissvorschlag erarbeitete. Im September 1925 bestätigte der Völkerbundrat das Ergebnis der Mossul-Kommission und sprach das strittige Ölgebiet dem britischen Mandatsgebiet Irak zu.Ein Kompromiss-Bericht der Mossul-Kommission, In: Vossische Zeitung, 28. Juni 1925; Sonntags-Ausgabe; S. 2. Die Forderung der Türkei, eine Volksabstimmung in Mossul über dessen Zukunft abzuhalten, lehnte Großbritannien ab. Im Vertrag von 1926 zwischen Großbritannien und der Türkei sah sich die Türkei gezwungen, Mossul abzutreten, zumal zum gleichen Zeitpunkt kurdische Aufstände in Ostanatolien die Türkei schwächten.

Wiederholt forderten einige Kurden die Stadt als Teil ihrer Heimat ein, so zum Beispiel 1938 beim Völkerbund in GenfNorthedge, F.S (1986). The League of Nations: Its Life and Times, 1920–1946. Holmes & Meier. und auch 1945 auf der Konferenz von San Francisco.foreignaffairs.comoic.uqam.ca Auch im April 2015 bekräftigte der kurdische Präsident Masud Barzani diesen Anspruch, indem er die Hilfe der kurdischen Peschmerga bei der Befreiung der Stadt unter der Voraussetzung anbot, dass die Kurden nach dem Sieg gegen den IS bei der Administration der Stadt eine wichtige Rolle spielen.rudaw.net

21. Jahrhundert mini|Karte der Quartiere von Mossul mini|Mossul im Januar 2020, geprägt von Zerstörung

Am 22. Juli 2003 wurden (in der Zeit der Besetzung des Irak) bei einem Gefecht mit US-amerikanischen Spezialeinheiten in Mossul Udai und Qusai Hussein, die Söhne des gestürzten Präsidenten Saddam Hussein, getötet.

Im Dezember 2006 riefen sunnitische Extremisten der Terrororganisation Islamischer StaatDie Kurden wollen weg von Bagdad auf www.welt.de in Mossul das Islamische Emirat Irak aus, dessen Hauptstadt Mossul werden sollte. Ein sogenanntes Kriegsministerium verkündete seine Anordnungen mittels Flugblättern. Seitdem nahm Terror in Mossul signifikant zu: Polizisten, Journalisten und Frauen ohne Kopftuch wurden ebenso bedroht und ermordet wie Inhaber kleiner Fotostudios (nach Ansicht des „Kriegsministeriums“ widersprach das Abbilden von Lebewesen dem Islam). Berichte, nach denen beispielsweise „männliche“ Gurken von „weiblichen“ Tomaten getrennt gelagert werden sollten, erwiesen sich allerdings als „urbane Legenden“.

Anfang Juni 2014 startete der Islamische Staat, der bereits zuvor im syrischen Bürgerkrieg aktiv war und schon zu Beginn des Jahres Teile der irakischen Provinz al-Anbar unter seine Kontrolle gebracht hatte, einen Angriff auf Mossul. Der IS-Kommandeur Abu Abdulrahman al-Bilawi kam beim Angriff um.vergleiche Fall of Mosul in der englischsprachigen Wikipedia Am 10. Juni 2014 hatten die Kämpfer des IS die Stadt vollständig unter ihrer Kontrolle.Mossul: Dschihadisten kontrollieren zweitgrößte Stadt des Irak. Spiegel Online, 10. Juni 2014. Die Stadt war für den IS wegen ihrer Ölraffinerien von hoher Bedeutung.

Unter der Kontrolle der Terroristen wurden die Statuen des abbasidischen Dichters Abu Tammam (788–845) sowie des irakischen Musikers und Lyrikers ʻUthman al-Mawsili (1854–1923) ebenso zerstört wie die Marienstatue auf dem Turm der Kathedrale der chaldäisch-katholischen Erzdiözese. Auch die Grabstätte des Historikers Ibn al-Athīr (1160–1223) wurde zerstört.Joseph Croitoru: Die Kulturbarbarei des Isis. Spur der Verwüstung. In: NZZ, 3. Juli 2014. Die Häftlinge eines Gefängnisses wurden nach Schiiten und Sunniten separiert und die meisten Schiiten umgebracht, rund 600 Menschen kamen in ein Massengrab.«Jetzt ist es wichtig, dass es keine Missverständnisse gibt», Republik, 8. Februar 2022 Die christlichen Einwohner wurden vor die Wahl gestellt, zu fliehen, zum Islam zu konvertieren oder hingerichtet zu werden. Die allermeisten Christen verließen daraufhin Ende Juli 2014 die Stadt. Das Leben in der Stadt erfolgte nach den Regeln des IS. Frauen durften sich nicht mehr unbegleitet bewegen; von Christen bewohnte Häuser wurden konfisziert; der IS verlangte Steuern von den Gewerbetreibenden. Kinder wurden fanatisiert. Im Februar 2015 begann der IS mit der Befestigung der Stadt, um eine eventuelle Rückeroberung abzuwehren.