mini|hochkant=1.2|Arthur Rackham: Siegfried trinkt Fafners Blut und versteht die Sprache der Vögel, Buchillustration nach Wagners Ring des Nibelungen (1911)
Siegfried (in nordischen Sagen auch Sigurd) ist eine Figur verschiedener germanischer Sagenkreise, insbesondere der Nibelungensage. Wesentliche Elemente der Siegfried-Gestalt sind übermenschliche Kräfte, großer Mut und große Tapferkeit, die Tötung eines Drachen, mit der in einigen Fassungen die Gewinnung eines großen Schatzes verbunden ist (hauptsächlich in nordischen, aber z. B. nicht im Nibelungenlied, in dem Horterwerb und Drachenkampf verschiedene Abenteuer sind) und seine Ermordung (im Nibelungenlied durch Hagen von Tronje, in einigen nordischen Überlieferungen durch Gottorm). Die Biographie des Helden, sowohl seine Herkunft als auch der weitere Verlauf seines Lebens wird von den einzelnen Dichtungen sehr verschieden dargestellt. Auch die Gründe für seine Ermordung, der Ort des Mordes und die von ihm benutzten magischen Requisiten werden unterschiedlich angegeben (so benutzt er nur im Nibelungenlied einen Tarnmantel, die sogenannte ‚Tarnkappe‘).
Siegfried im Nibelungenlied mini|hochkant=1.2|Johann Heinrich Füssli: Kriemhild wirft sich auf den toten Siegfried (1817; Kunsthaus Zürich)
Siegfried tritt handelnd im ersten Teil des Nibelungenliedes auf (Codex Sangallensis 857); er stirbt schon vor der Mitte des Werkes. In der Erinnerung seiner Frau Kriemhild bleibt er jedoch bis zu ihrem Tod am Ende des Werkes lebendig. Seine strahlende Erscheinung dient dazu, ihre grausame Rache für seine Ermordung zu motivieren und dem Publikum verständlich zu machen. Daher wird, was wir im ersten Teil über ihn erfahren, nicht als selbstständige Siegfried-Biographie gestaltet, sondern im Hinblick darauf, wie er von Kriemhild und seinem Hauptgegner Hagen von Tronje wahrgenommen wird. Für eine detaillierte Inhaltsangabe siehe Nibelungenlied. Siegfried ist mit seinem Schwert Balmung neben Dietrich von Bern und Dietleib in einer Wandmalerei aus der Zeit um 1390 auf Schloss Runkelstein bei Bozen zu sehen.
Historische Vorbilder für den Siegfried-Mythos mini|hochkant=1.2|Dietrich, Siegfried und Dietleib in einer Wandmalerei auf Schloss Runkelstein bei Bozen (um 1390)
Seit dem 19. Jahrhundert wird Siegfried immer wieder mit dem Cherusker Arminius gleichgesetzt, der im Jahr 9 n. Chr. einen Aufstand germanischer Stämme anführte und in der Varusschlacht drei römische Legionen vernichtete. Als einer der ersten vertrat 1837 der Germanist Adolf Giesebrecht diese These, der vermutete, das Motiv der Drachentötung wurzle im Sieg über die Römer und der reichen Beute, die Arminius dabei gemacht habe.Adolf Giesebrecht: Über den Ursprung der Siegfriedsage. In: Germania 2, 1837, S. 203ff. (online); dazu auch Otto Höfler: Siegfried, Arminius und die Symbolik. Heidelberg 1961, S. 22ff. Ähnliche Erwägungen stellten im 20. Jahrhundert Wissenschaftler wie Dieter Timpe, Ernst Bickel und Otto Höfler an. Sie stützen ihre These u. a. darauf, dass der germanische Name des Arminius (diesen Namen nahm der Cherusker erst an, als er römischer Bürger wurde) nicht bekannt ist, sein Vater aber Sigimer hieß und es in germanischen Fürstenfamilien üblich gewesen ist, Namen mit demselben Wortstamm, in diesem Fall „Sieg-“, über Generationen zu vererben. Arminius germanischer Name könne also durchaus „Sigifrid“ gelautet haben. Eine weitere Parallele zwischen Arminius und Siegfried ist, dass beide durch Verwandte ermordet wurden.Otto Höfler: Siegfried Arminius und die Symbolik. Mit einem historischen Anhang über die Varusschlacht. Heidelberg 1961, S. 60–64. Die römischen Heersäulen des Varus seien in der Sage zum fast unverwundbaren Lindwurm umgedichtet worden, und Siegfrieds Tarnkappe sei eine poetische Umschreibung der Tatsache, dass Arminius jahrelang unter Römern gelebt habe und als Gefahr für sie unsichtbar gewesen sei. Zudem war Arminius nach dem Bericht des Tacitus noch zu Beginn des 2. Jahrhunderts Gegenstand germanischer Heldengesänge,Tacitus, Annalen 2,88,3; Tacitus, Germania 2,2. die möglicherweise Vorformen des Nibelungenlieds gewesen sein könnten. In der Geschichtswissenschaft werden diese vorwiegend von Germanisten vorgebrachten Deutungsversuche aufgrund methodischer Bedenken zumeist kritisch gesehen.
Weitere historische Persönlichkeiten, die der mythischen Figur des Drachentöters als Vorlagen gedient haben könnten, stammen aus der sogenannten Völkerwanderungszeit. Der fränkische König Chlodwig I. (466–511) soll nach der Chronik des Gregor von Tours (538–594) im Jahr 501 Chrothechildis (474–544), die Nichte des Burgunderkönigs Gundobad (Regierungszeit 480–516), geheiratet haben. In der Schlacht von Vouillé besiegte er den Westgotenkönig Alarich II., dessen Name mit dem Nibelungenzwerg Alberich in Verbindung gebracht wird. Auch Ereignisse aus dem Leben von Chlodwigs Enkel Sigibert (535–575), der als König über Austrasien herrschte, sollen in die Siegfriedsage eingeflossen sein. Gleiches gilt für den Burgunderkönig Sigismund (Regierungszeit 516–524) und für den in Köln nachgewiesenen fränkischen Herrscher Sigibert. Letzterer wurde, wie Siegfried im Nibelungenlied, auf der Jagd Opfer eines heimtückischen Mordanschlags.Siegfried von Xanten bei Rheinische Geschichte.
Siegfried in der nordischen Sagenwelt Die nordischen Sagen um Sigurd sind zwar erst in jüngeren schriftlichen Aufzeichnungen erhalten als das Nibelungenlied, gehen aber zum Teil auf ältere Vorlagen zurück. Der Siegfried des Nibelungenliedes, der dort aus „Xanten am Niederrhein“ stammt, heißt in den nordischen Versionen der Nibelungensage Sigurd und stammt in den meisten von ihnen aus dem Heldengeschlecht der Wälsungen. Er galt im 18. Jahrhundert als Hauptheld der nordischen Sage. Bekannt ist vor allem eine Beschreibung Sigurds, die sowohl in die altnorwegische Thidreks saga als auch in die isländische Völsunga saga aufgenommen wurde: Er ist groß, besitzt gewaltige Kräfte, strahlt in voller Jugendschönheit; seine Augen sind so scharf, dass niemand hineinsehen kann; er ist sehr vorausschauend, redegewandt und auf das Wohl seiner Freunde bedacht, hat niemals Furcht gekannt. Früher Tod, aber auch höchster Ruhm sind ihm vom Schicksal beschieden.
Sigurd in der Lieder-Edda Mehrere Edda-Lieder behandeln Sigurd.
Grípisspá („Die Weissagung des Grípir“) Sie ist den Sigurdliedern als eine Art Inhaltsangabe vorangestellt, in der Form, dass der junge Sigurd von einem (sonst nirgends genannten) Mutterbruder Grípir sein ganzes Leben in Form einer Weissagung vorauserzählt bekommt. Für die Forschung ist es interessant, weil dieses Lied von nur etwa 50 Strophen es nicht schafft, die Geschichte Sigurds widerspruchslos zu erzählen: Die einzelnen Lieder erzählten die Sage so unterschiedlich, dass es um 1200, als die Grípisspá vermutlich entstand, schwerfiel, eine zusammenhängende in sich nicht widersprüchliche Geschichte von Sigurds Leben zu erzählen.
Der Jung-Sigurd-Komplex mini|Siegfried der Drachentöter, Skulptur in Bremen
Ein langer, zusammenhängender Abschnitt der Lieder-Edda, gemischt aus Versen in verschiedenen Strophenformen und zwischendurch Abschnitten in Prosa, der von neuzeitlichen Herausgebern ohne Stütze in der Handschrift in drei Lieder unterteilt und mit folgenden Einzeltiteln versehen wurde: Reginsmál („Das Lied von Reginn“); Fáfnismál („Das Lied von Fáfnir“) und Sigrdrífumál („Das Lied von Sigrdrífa“). Der Schluss des letztgenannten Liedes ist nicht erhalten.
Darauf folgt die sogenannte „Eddalücke“. Aus der Handschrift der Lieder-Edda wurde irgendwann eine ganze Lage herausgerissen; diese Blätter sind uns verloren. Dass die Völsunga saga diese Lieder noch benutzte, ist nur ein schlechter Ersatz dafür.
Brot af Sigurðarqviðu („Bruchstück eines Sigurdliedes“) Nach der „Lücke“ beginnt der erhaltene Text mitten in einem Lied über Sigurd, das daher so benannt wird.
Guðrúnarkviða I („Das erste Lied von Gudrun“)
Sigurðarkviða en skamma („Das kurze Sigurdlied“)
Helreið Brynhildar („Brynhilds Ritt zur Hel“)
Dráp Niflunga („Die Erschlagung der Niflungen [= Nibelungen]“)
Guðrúnarkviða II (en forna) („Das zweite [alte] Lied von Gudrun“)
In den weiteren Liedern des Niflungen-Zyklus der Lieder-Edda (zu dem auch die beiden Atlilieder gehören) erscheint Sigurd nicht mehr.
Im Jung-Sigurd-Komplex wird seine Geschichte so erzählt: Sigurd ist Sohn des Sigmund und der fränkischen Königstochter Hjordís. Sigmund wird von Hunding getötet. Nach dem Tod Sigmunds heiratet Hjordís einen Sohn des fränkischen Königs Hjálprek (der Name entspricht fränkisch Chilperich). An dessen Hof wächst Sigurd auf und wird von einem Ziehvater, dem kunstfertigen und zauberkundigen Schmied Reginn, in allerhand Künsten unterrichtet. Reginn erzählt Sigurd von dem verhängnisvollen Goldhort aus Otrs Buße: Die Götter Odin, Hönir und Loki hatten einen Fischotter erschlagen, der am Ufer eines Flusses einen soeben gefangenen Lachs zu verzehren begann. Otter und Lachs wollten sich die drei Götter nun zum Abendessen braten. Zu diesem Zweck kehrten sie bei einem Bauern namens Hreidmar ein. Der erhob sofort Totschlagsklage gegen die Götter: Sie hätten keinen gewöhnlichen Fischotter getötet, sondern Otr (‚Otter‘), einen der Söhne Hreidmars, der die Gestalt seines ‚Sympathietieres‘ anzunehmen pflegte, um sich Nahrung zu fangen.
Um die Buße für den Totschlag zu zahlen, raubten die Götter das Gold eines Zwergen, darunter einen magischen Ring, der den Schatz vermehren konnte. Als Loki dem Zwergen Andvari auch den Ring entriss, verfluchte Andvari seinen Ring, er solle jedem zukünftigen Besitzer den Tod bringen. Odin, der höchste Gott, wollte den Ring behalten, musste ihn aber schließlich zur Otterbuße legen. Der Fluch des Ringes zeigte sich sofort daran, dass Hreidmar den Schatz für sich behalten und seinen beiden anderen Söhnen, Reginn und Fáfnir, nichts davon gönnen wollte. Reginn und Fáfnir töteten ihren Vater, doch Fáfnir nahm allein den ganzen Hort, ohne mit Reginn zu teilen, setzte sich einen Schreckenshelm auf, verwandelte sich in einen Drachen und legte sich so auf die Gnitaheiðr, den Schatz zu bewachen.
mini|Das Schwert Gram, das Siegfried von Odin erhielt, und sein Pferd Grani, Briefmarke der färöischen Post 2001
Reginn stiftet nun Sigurd an, Fáfnir zu töten, um des Schatzes habhaft zu werden. Doch Sigurd will erst seinen Vater an den Söhnen Hundings, der Sigmund tötete, rächen. Sigurd wählt sich aus Hjálpreks Gestüt den Hengst Grani, Reginn schmiedet ihm das Schwert Gram und nun vollzieht Sigurd die Vaterrache; darauf tötet er Fáfnir, indem er eine Grube auf dem Weg gräbt, auf dem Fáfnir zum Wasser zu kriechen pflegt, um zu trinken. Aus der Grube heraus ersticht er Fáfnir mit dem Schwert von unten. Der Sterbende warnt ihn noch vor dem Fluch des Goldes. Reginn bittet nun Sigurd, Fáfnirs Herz für ihn zu braten, denn es ist ein alter Glaube, dass man so den Mut des Verstorbenen annehmen könne. Als Sigurd Fáfnirs Herz brät, probiert er mit dem Finger, ob es schon durchgebraten sei; dabei verbrennt er sich den Finger und steckt ihn in den Mund. Als Fáfnirs Blut ihm auf die Zunge kommt, versteht er die Sprache der Vögel, und er versteht, wie Spechtmeisen (Kleiber) ihn warnen, dass Reginn ihn töten wolle. Er solle lieber auch Reginn erschlagen und den Schatz selbst an sich nehmen. Um das Gold könne er sich eine Braut kaufen, und zwar die Tochter des Gjúki. Auf dem Weg dorthin werde er auf den Hindarfjall (‚Berg der Hinde [Hirschkuh]‘) kommen; dort stehe eine von Feuer umgebene Burg; in ihr schlafe eine Walküre, die Odin zur Strafe mit dem Schlafdorn gestochen habe, weil sie andere Krieger gefällt hatte, als er befohlen hatte. Nun erschlägt Sigurd Reginn, belädt Grani mit dem Schatz, nimmt auch die Rüstung Fáfnirs an sich und reitet fort.