Live in Europe 1967: The Bootleg Series Vol. 1 ist ein Jazz-Album von Miles Davis. Es enthält Radiomitschnitte von drei Konzerten in Antwerpen, Kopenhagen und Paris, die am 28. Oktober, 2. und 6. November 1967 aufgenommen und am 20. September 2011 von Columbia Records veröffentlicht wurden. Außerdem ist eine DVD mit Fernsehaufnahmen der Konzerte in Stockholm vom 31. Oktober und in Karlsruhe vom 7. November 1967 enthalten.
Diese Edition war nach The Complete Live at the Plugged Nickel 1965 im Jahr 1995 die zweite offizielle Neuveröffentlichung von Miles-Davis-Aufnahmen der 1960er Jahre in CD-Form, deren Herausgabe Michael Cuscuna und Richard Seidel betreuten.
Das Album Unter dem Titel Live in Europe 1967: The Bootleg Series Vol. 1 veröffentlichte Columbia Konzertmitschnitte, die das Miles-Davis-Quintett mit dem Saxophonisten Wayne Shorter, dem Pianisten Herbie Hancock, dem Bassisten Ron Carter und dem Schlagzeuger Tony Williams in einem Zeitraum von zehn Tagen in Europa eingespielt hatte. Als zusätzliches Material enthält die Edition eine DVD mit Konzertaufnahmen aus Deutschland und Schweden.Besprechung von Hank Shteamer in Pitchfork Farm 2011 Der vom Columbia-Label gewählte Titel setzt eine Reihe von Veröffentlichungen des Labels fort, die 1991 mit Bob Dylans Aufnahmen unter gleichem Titel begonnen hatte. Bis dahin als Bootlegs waren Mitschnitte der Konzerte in Antwerpen, Paris und Stockholm sowie von den Berliner Jazztagen veröffentlicht worden. Die Raubpressungen erschienen unter den Titeln Miles Davis – His Greatest Concert Ever (Antwerpen), Miles Davis – Tempo Di Jazz (Stockholm), Miles Davis Quintet Live In Europe (Philharmonie Berlin) und No Blues (Paris).Miles-Davis-Diskographie
Die Titel der ersten CD entstanden bei einem Konzert des Quintetts am 28. Oktober 1967 im Konigin Elizabethzaal in Antwerpen, die zweite CD enthält das Konzert vom 2. November 1967 im Tivoli Gardens in Kopenhagen und die dritte CD den Mitschnitt vom 6. November 1967 aus der Salle Pleyel in Paris. Ergänzt wird die Box um Fernsehaufnahmen des Südwestfunks und des Sveriges Radio TV, die Konzertmitschnitte aus der Stadthalle Karlsruhe vom 7. November und dem Konserthuset in Stockholm vom 30. Oktober 1967 zeigen. Das Konzert in Karlsruhe wurde am 17. September 1968 als Folge 51 von Jazz gehört und gesehen in der ARD ausgestrahlt.
Dem Album Live in Europe 1967: The Bootleg Series Vol. 1 folgte im Januar 2013 Volume 2: Live in Europe 1969, mit Miles Davis, Shorter, Chick Corea, Dave Holland und Jack DeJohnette. Der Set enthält ebenfalls drei CDs und eine DVD.Ankündigung des Albums in JazzTimes
Die Tournee
Newport Jazz Festival in Europe Das Miles-Davis-Quintett tourte wenige Monate nach den Aufnahmen für das Studioalbum Nefertiti in Europa als Teil eines Tourneeprogramms, das George Wein, der Gründer des Newport Jazz Festival, unter dem Titel Newport Jazz Festival in Europe veranstaltete. Mit Sponsoring der Pan American Airlines und des U.S. Travel Service, einer US-Regierungsagentur, traten 1967 acht Gruppen in verschiedenen Zusammenstellungen in europäischen Großstädten wie Antwerpen, Belfast, London, Rotterdam, Stockholm, Helsinki, Kopenhagen, Berlin, Paris oder Barcelona auf.
Jack Chambers bewertete die Tournee von Wein in seiner Miles-Davis-Biografie als „die wohl komplizierteste Reise, die je mit Musikern unternommen wurde“.Jack Chambers: Milestones 2. The Music and Times of Miles Davis Since 1960. Band 2. Beech Tree Books, William Morrow, New York 1985, S. 114 ff. Zu den Jazz-Stars, die dort auftraten, gehörten neben Davis ein Oktett von Thelonious Monk,U.a. mit Ray Copeland, Jimmy Cleveland, Johnny Griffin, Phil Woods, Charlie Rouse Sarah Vaughan mit dem Bob James Trio, das Gary Burton Quartett mit Larry Coryell, eine Reihe von Gitarristen (George Benson, Buddy Guy, Jim Hall, Barney Kessel, Elmer Snowden), das Archie Shepp Quintett (mit Roswell Rudd, Grachan Moncur III und Beaver Harris), Clark Terry und schließlich die Newport All Stars von George Wein (mit Ruby Braff, Buddy Tate und George Wein selbst am Piano).Die Tour dauerte vier Wochen und führte über 20 Städte. Das Newport Jazz Festival in Europe führte durch folgende Städte: Baden-Baden, Barcelona, Belfast, Berlin, Kopenhagen, Dublin, Epernay, Helsinki, Karlsruhe, Lecco, London, Lugano, Lyon, Mainz, Paris, Rotterdam, Stockholm.
Davis erwähnt in seiner Autobiografie einen Streit mit George Wein in Spanien („wir stritten uns ums Geld“.Miles Davis; die Autobiografie, Heyne 2000, S. 388.) Davis gefiel nicht, dass Wein herumerzählte, welch hohe Summen er Davis zahlte; außerdem hatte Davis darauf bestanden, regelmäßig Fitnessstudios aufzusuchen, um für seine Auftritte in Form zu sein, was Wein anscheinend zu organisieren versäumte. Am Ende der Tournee in Barcelona versuchte Wein, Davis ein Extra-Konzert ohne zusätzliche Bezahlung aufzuhalsen, was dieser verweigerte. Als Wein dann Davis auch noch in Jazz-Slang erklärte, er habe kein Geld für eine zusätzliche Bezahlung, verärgte dies Davis so sehr, dass er nach Hause flog.
Seine Band gab dann das Konzert als Wayne-Shorter-Quartet, wobei Wein den Reportern erzählte, Davis sei geflogen, ohne irgendjemanden inklusive seinen eigenen Musikern Bescheid zu sagen. Davis bestritt dies. Sie waren schon öfter in Streit geraten und hatten sich wieder vertragen, denn Wein zahlte gut und buchte Hotels und Flüge erster Klasse. Mit den Konzerten war Davis zufrieden: „Ich hatte eine schöne Zeit in Europa, weil die Band gut spielte. Und die Band spielt manchmal wirklich gut.“.Im Original bei Jack Chambers: „I had a nice time in Europe because the band played good. The band plays pretty good sometimes.“
Miles Davis und Archie Shepp Häufig gruppierte George Wein die Miles-Davis-Band mit dem Archie-Shepp-Quintett zusammen, wobei den meisten Zuhörern die neue Richtung von Davis weniger bekannt war. Während der Tournee ließ sich Davis, wie er in seiner Autobiographie schrieb, einmal überreden, auf Wunsch von Tony Williams mit Archie Shepp zu spielen. Ian Carr geht in seiner Davis-Biografie ausführlich auf das Konzert der Tourneegruppe im Oktober 1967 im Hammersmith Odeon in London ein, inklusive der Reaktion des Publikums. Miles bestand angeblich darauf, vor Shepp aufzutreten, da er nicht vor Publikum auftreten wollte, dem schon schlecht sei („sick people“) – entsprechend polarisierend war Shepps Wirkung auf das Publikum. Von Miles Davis sind verschiedene Äußerungen bekannt, dass er mit dieser Musik nichts anfangen konnte. Miles war seit sieben Jahren nicht in London aufgetreten; die Musik der Band war gegenüber der aus seinen Platten genährten Erwartung des Publikums fortgeschritten und das Zusammenspiel der Band ebenfalls ungewohnt:Ian Carr, da Capo, S. 219 mini|Archie Shepp 1982 in Frankreich 1982
Dies stand im Gegensatz zum danach auftretenden Archie Shepp (von Carr als „attackierende, energiegeladene Musik“ beschrieben„energy music with a vengeance“); Carr sieht als Gemeinsamkeit von Shepp und Davis, dass sie beide längere Gruppenimprovisationen spielten („zusammenhängende Sets mit viel innerer Entwicklung, die Struktur ihres Auftritts war organisch, langsam aus dem Zusammenspiel der Gruppe erwachsend, ein Klangteppich, der den Eindruck ewiger Ebbe und Flut machte“Carr: „[…] continuous sets with much internal movement, the structure of their performance was organic, arising largely out of group interplay, a soundstream given the impression of an eternal ebb and flow.“). Carr sieht im Gegenüber von Shepp und Davis im Londoner Konzert ein Paradebeispiel für den Stammeskrieg zwischen Avantgarde (Shepp) und Tradition (Davis) im Jazz, die einen viel tiefergehenderen Wandel überlagerte, der veränderten Haltung des Konzertpublikums in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre, geprägt durch die Dominanz des Rock und von Vokalgruppen, auf die Davis bald darauf mit einer völligen Neuorientierung seiner Musik reagieren sollte.
Auch Jack Chambers erwähnt, dass Shepp und Davis einmal zusammenspielten, wobei er den Augenzeugen Barry McRaeJazz Journal, Juni 1975 Avant-Courier: Miles Davis since Philharmonic Hall, Berlin 1964 zitiert: Nachdem Davis Shepp eingeladen habe, bei einem Konzert mit ihm zu spielen, stürmte Davis von der Bühne; „Shepp hatte sich selbstsüchtig mit seinem Solo das Rampenlicht angeeignet und spielte Musik, für die er kein Verständnis hatte.“Im Original: „Shepp had hogged the solo limelight, playing music with which he had little sympathy.“
Zeitgenössische Kritikerstimmen zur Tournee Valerie Wilmer, die wie Ian Carr das Miles-Davis-Konzert im Londoner Hammersmith Odeon erlebte, berichtete darüber im Downbeat: „Ein Konzert, das jedem beständig im Ohr bleibt.“ „Trotz aller Behauptungen des Gegenteils ist Miles mittels Klang und Erscheinung ein meisterhafter Showman.“Im Original: „A concert that had everyone standing on their ear.“ „In spite of all pretensions to the contrary Davis is by dint of both sound and appearance the master showman.“ Zur besonderen Rolle von Tony Williams schrieb sie:
Das Konzert der Miles-Davis-Band in der Berliner Philharmonie, das im Rahmen der Berliner Jazztage stattfand und nicht in der Columbia-Edition dokumentiert ist, wurde von einem Kritiker der Wochenzeitung Die Zeit besprochen, der von der Leistung des Quintetts enttäuscht war:
Die Tourneedaten Das Miles Davis Quintet, in der Regel gekoppelt mit dem Archie Shepp Quintet, trat auf der Tournee in zehn Städten auf:Tourneedaten bei Peter Losin mini|Das Hammersmith Odeon 2008
28. Oktober: Koninging Elisabethzaal, Antwerpen 29. Oktober: Hammersmith Odeon, London (Jazzexpo) 30. Oktober: De Doelen, Rotterdam 31. Oktober: Konserthuset, Stockholm 1. November: Kulturhuset, Helsinki 2. November: Tivoli Konsertsal, Kopenhagen 4. November: Philharmonie, Berlin (Berliner Jazztage) 5. November: Lecco, Como 6. November: Salle Pleyel, Paris 7. November: Stadthalle, Karlsruhe
Musik des Albums Miles Davis spielte sein Material, ohne dass ein Song regulär endete; stattdessen ging er fließend in den nächsten Song über. Am Ende des letzten Titels jedes Sets spielte er The Theme, ein Hardbop-Thema. Die fünf dokumentierten Konzerte begannen jeweils mit der damals neuen Davis-Komposition Agitation; es folgten ein jeweils ähnliches Repertoire aus Neuinterpretationen älterer Titel, wie Walkin’ von 1954, Monks ’Round Midnight, Wayne Shorters Kompositionen Footprints, Riot und Masqualero sowie die Standards On Green Dolphin Street und I Fall in Love So Easily.Ashley Kahn, Liner Notes.
Nach Ansicht von Hank Shteamer genoss Miles Davis „sichtbar die große dynamische und emotionale Bandbreite dieser Band und konstruierte die Sets dementsprechend“. Anders als die Studioaufnahmen des Quintetts hätten die Konzerte auf Live in Europe 1967 die Form von ununterbrochenen Medleys. In vier der fünf Sets wird das stürmische Footprints von Wayne Shorter in den Thelonious Monk-Klassiker ’Round Midnight übergeleitet, der jedes Mal als ein einfacher Dialog zwischen Davis und Hancock beginnt. Weitere Überleitungen hielten diese langen Sets in Bewegung: „In Antwerpen machte eine lange Version von Miles’ mit mittlerem Tempo swingendem No Blues Platz für einen turbulenten, drei-minütigen Sprint durch Hancocks Riot; in Paris springt No Blues in Shorters stimmungsvolles, spanisch angehauchtes Masqualero, ein bezwingendes Umschalten, das unmittelbar das Ohr fordert.“
mini|Ron Carter bei der European Jazz Expò 2007