mini|Otto Weininger 1903, Frontispiz der 3. Auflage von Geschlecht und Charakter (1904). Heliogravüre von Richard Paulussen, Wien, mit faksimilierter Unterschrift.
Otto Weininger (* 3. April 1880 in Wien, Österreich-Ungarn; † 4. Oktober 1903 in Wien) war ein österreichischer Philosoph. Er wurde durch sein Werk Geschlecht und Charakter bekannt. Darin entwickelte er eine philosophisch-psychologische Theorie der Geschlechter, in deren Zentrum die Theorie der menschlichen Bisexualität steht. Wenige Monate nach der Veröffentlichung starb Weininger durch Suizid in Ludwig van Beethovens Sterbehaus in Wien. Das Buch wurde zu einem Bestseller mit zahlreichen Auflagen.
Leben Otto Weininger entstammte einer Wiener jüdischen Familie. Er wurde am 3. April 1880 als Sohn des Goldschmieds Leopold Weininger und dessen Frau Adelheid in Wien geboren. Er besuchte Volksschule und Gymnasium und war vielseitig begabt, bereits mit sechzehn Jahren versuchte er sich an einem etymologischen Aufsatz über speziell bei Homer zu findende griechische Redewendungen. Im Juli 1898 legte Weininger die Reifeprüfung ab.
Weininger immatrikulierte sich an der Universität Wien. Dort studierte er Philosophie und Psychologie, hörte aber auch naturwissenschaftliche und medizinische Vorlesungen. Im Alter von achtzehn Jahren beherrschte er Griechisch, Latein, Französisch und Englisch, später auch Spanisch und Italienisch. Passive Kenntnisse der Sprachen August Strindbergs und Henrik Ibsens, also Schwedisch und Norwegisch, kamen hinzu.
Im Frühsommer 1901 hinterlegte Weininger zur Wahrung der Priorität seiner Ideen ein Manuskript in der Akademie der Wissenschaften in Wien: Eros und Psyche. Eine biologisch-psychologische Studie, die Erstfassung seiner späteren Dissertation. 1902 legte Weininger das erweiterte Manuskript den Professoren Friedrich Jodl und Laurenz Müllner an der Wiener Universität vor, es wurde als Dissertation angenommen. Am 21. Juli 1902 bestand Weininger das Rigorosum. Kurz nach der Promotion konvertierte Weininger zum Protestantismus.
Im Sommer 1902 reiste Weininger nach Bayreuth, wo er Richard Wagners Parsifal hörte, der ihn tief beeindruckte. Er hielt Wagner für den „größten Menschen seit Christus“. Über Dresden und Kopenhagen setzte er seine Reise nach Christiania – dem heutigen Oslo – fort und sah zum ersten Mal auf einer Bühne Henrik Ibsens Drama Peer Gynt.
Im Herbst machte er sich auf die Suche nach einem Verleger für seine Dissertation. Doch Jodl, sein Doktorvater, wollte Eros und Psyche keinem Verlag empfehlen. Weininger legte Sigmund Freud sein Manuskript vor, in der Hoffnung, durch dessen Empfehlung im Verlag Franz Deuticke gedruckt zu werden. Freud berichtete später, dass Weininger auf ihn einen großen Eindruck gemacht habe, dass er aber Weiningers Manuskript streng kritisiert habe.
Im Juni 1903 erschien Geschlecht und Charakter – eine prinzipielle Untersuchung, die das „Verhältnis der Geschlechter“ in ein „neues Licht“ zu rücken suchte, im Wiener Verlagshaus Braumüller & Co. Es war der Text von Weiningers Doktorarbeit, noch um drei entscheidende Kapitel erweitert, nämlich „Das Wesen des Weibes und sein Sinn im Universum“, „Das Judentum“, „Das Weib und die Menschheit“.
mini|links|Otto Weininger auf dem Totenbett. mini|Schwarzspanierstraße 15, Weiningers und Beethovens Sterbehaus
Das Buch wurde nicht ablehnend aufgenommen, doch die erwartete Sensation blieb aus. Der Leipziger Professor Paul Julius Möbius, Autor des Buches Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes, griff Weininger unter dem Vorwurf des Plagiats an.
Nach seiner Rückkehr verbrachte Weininger die letzten fünf Tage bis zum 3. Oktober bei seinen Eltern. Er mietete sich ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus in der Schwarzspanierstraße 15. Am Morgen des 4. Oktober wurde er sterbend in seinem Zimmer aufgefunden. Er hatte sich eine Kugel ins Herz geschossen. Otto Weininger starb um halb elf Uhr vormittags im Wiener Allgemeinen Krankenhaus in der Alser Straße.
mini|Grabinschrift Otto Weininger wurde auf dem evangelischen Friedhof von Matzleinsdorf (Gruppe 14, Nr. 126) begraben, wo noch heute sein Grab mit der von seinem Vater Leopold Weininger verfassten Inschrift zu sehen ist:
„Dieser Stein schliesst die Ruhestätte eines Jünglings, dessen Geist hiernieden nimmer Ruhe fand. Und als er die Offenbarungen desselben und die seiner Seele kundgegeben hatte, litt es ihn nicht mehr unter den Lebenden. Er suchte den Todesbezirk eines Allergrössten im Wiener Schwarzspanierhause und vernichtete dort seine Leiblichkeit.“
1957 wurde die Otto-Weininger-Gasse in Wien-Hietzing nach ihm benannt.
Werk Geschlecht und Charakter mini|Titelblatt der Erstausgabe von 1903
Geschlecht und Charakter zählt zu den klassischen Dokumenten der Wiener Moderne. Das Werk tritt, ähnlich wie Houston Stewart Chamberlains „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, mit einem universalen Deutungsanspruch auf. Im Mittelpunkt steht die Geschlechterproblematik.
In seinem Hauptwerk offenbarte Weininger eine scharf ablehnende Haltung alles Jüdischen und erwies sich zugleich als Verfechter einer frauen- und körperfeindlichen Geisteshaltung. Die Werte höheren Lebens seien der Frau ebenso unzugänglich wie die Welt der Ideen. Je weiblicher das Weib, desto mehr verkörpere es eine rein geistlose Geilheit. Erst durch den Mann empfange die Frau ein Leben aus zweiter Hand.
Die Theorie der Bisexualität Weininger knüpfte an eine lange Tradition an, in der Androgynie als Natur des Menschen beschrieben wurde. Selbst verweist er u. a. auf indische Mythen und Das Gastmahl Platons. Im 19. Jh. waren Theorien körperlicher und seelischer Bisexualität verbreitet, Weininger arbeitet eine dezidierte und fundierte Theorie der Bisexualität aus.Heinz-Jürgen Voß: Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive. Transcript Verlag, Bielefeld, 2010.
Bisexualität bedeutet bei Weininger, dass die ursprüngliche Anlage des Menschen zweigeschlechtlich ist und dass erst das Überwiegen des männlichen oder weiblichen Elements das konstituiere, was man Mann oder Frau nennt. Prozentuale Anteile der konträren Geschlechtlichkeit erhielten sich aber auch bei den Erwachsenen zu verschiedenen Graden und aus den Ergänzungsverhältnissen ergäben sich die Gesetze der sexuellen Anziehung.
Jedes Individuum versuche dabei, seinen unvollständigen Prozentsatz von „M“ oder „W“ zu vervollständigen. In idealtypischer Abstraktion hieße das, dass immer ein ganzer Mann (M) und ein ganzes Weib (W) zueinander streben, bzw. ihr sexuelles Komplement suchen. Besteht ein Individuum also aus 3/4 M und 1/4 W, so wird es von einem Partner angezogen, der sich aus 1/4 M und 3/4 W zusammensetzt.
Statt die Möglichkeit der Freiheit von Geschlechterrollen und ihren Zwängen wahrzunehmen, fordert Weininger aber deren Überwindung. Wie der Mann seine Anteile an „W“ ausmerzen muss, so gilt dasselbe auch für die Frau. Der Grad ihrer Emanzipation hängt ab vom Grad ihrer „M“-Werdung. Geschlecht und Charakter erreicht seinen Gipfel in der Formel: „Das Weib besitzt kein Ich, das Weib ist das Nichts“.
mini|Sigmund Freud um 1905, Photographie von Ludwig Grillich
In Weiningers letzten Tagebuchaufzeichnungen heißt es: „Der Haß gegen die Frau ist nichts anderes als der Haß gegen die eigene, noch nicht überwundene Sexualität.“ Unter dem Zwang seines Systems steigern sich Weiningers Schuldgefühle bis zur Ausweglosigkeit.
Drei Jahre nach Weiningers Tod wurde Sigmund Freud in einen Urheberrechtsstreit verwickelt. Sein Freund Wilhelm Fließ, Hals-Nasen-Ohren-Arzt zu Berlin, beschuldigte Freud, über seinen Patienten Hermann Swoboda, der auch Weiningers Freund war, das Fließ’sche Konzept der „unbedingten Bisexualität aller Lebewesen“ – das auch den zentralen Ausgangspunkt in Weiningers Analyse der Geschlechter darstellt – übermittelt zu haben.
Der Gedanke „dauernder und notwendiger Bisexualität aller Lebewesen“ (Fließ an Freud am 26. Juli 1904), dass „die lebendige Substanz in allen Lebewesen männlich und weiblich ist“ (ebd.), stammt wohl von Wilhelm Fließ. Fließ fühlte sich von Freud um die Urheberschaft dieser Idee der ‚Bisexualität‘ betrogen, was im Jahr 1904 zu einem brieflichen Schlagabtausch der früheren Freunde führt. Freud gibt Fließ gegenüber nur widerstrebend zu, diesen Gedanken – als üblichen Bestandteil seiner Therapie – an andere weitergegeben zu haben, beispielsweise an Hermann Swoboda (Freud an Fließ am 23. und 27. Juli 1904). Über Swoboda war diese Idee anscheinend an Otto Weininger gelangt, der sie in Geschlecht und Charakter offenbar erfolgreich vermarkten konnte. Freud verschweigt in der Diskussion mit Fließ im Jahr 1904 zunächst seine Begegnung mit Weininger im Jahr 1901. Als Freud dann – konfrontiert mit einer Aussage von Oskar Rie, Freund von Freud und Schwager von Fließ – die Kenntnis von dessen Manuskript eingesteht, spricht er gegenüber Fließ am 27. Juli 1904 kleinlaut von „meinem eigenen Versuch, dir diese Originalität zu entwenden“. Der Streit über die Urheberschaft dieser Weisheit führt dann zu einem heftigen öffentlichen Schlagabtausch zwischen Hermann Swoboda und Sigmund Freud auf der einen, Wilhelm Fließ und Richard Pfennig auf der anderen Seite. Der Konflikt entzweite die Freunde.
Wirkungsgeschichte
Nach seinem Suizid gelangte Otto Weininger schnell zu umstrittenem Ruhm. Für geistesgestört hielt ihn die psychiatrische Fachwelt, für dubios die philosophische und für genial die literarische. Weiningers Ruf verbreitete sich durch ganz Europa. Geschlecht und Charakter wurde zum Kultbuch, der Autor zur Legende.Nike Wagner: Geschlecht und Charakter, ungekürzt in: Weiningers Nacht, Europa Verlag, Wien 1988.
mini|August Strindberg, gezeichnet von Carl Larsson, 1899
Weiningers Anhängerschaft bejahte euphorisch seine Genietheorie, seine Thesen waren in aller Munde. Sein Antifeminismus wurde zur modernen Charakterologie der „neuen Frau“ verklärt, er beeinflusste eine ganze Generation in ihrer misogynen Grundstimmung. Der Autor von Geschlecht und Charakter wurde zum Inbegriff des Frauenfeindes, Judenhassers und Keuschheitsapologeten. Élisabeth Badinter, die die Misogynie in Europa untersuchte, schrieb: „Selbst die frauenfeindlichsten französischen Schriftsteller reichen nie an einen Schopenhauer, einen Nietzsche oder einen Weininger heran.“Élisabeth Badinter: XY, die Identität des Mannes. Piper, München 1993, ISBN 3-492-03634-1, S. 29. Weininger erklärte in einer Selbstanzeige seiner Publikation Geschlecht und Charakter: „Unter die Antifeministen eingereiht zu werden, scheue ich nicht; denn ich habe dem weiblichen Einfluß im heutigen Kultur- und Geistesleben überall nachzuforschen und ihn zu bekämpfen gesucht.“Zitiert nach: Jacques Le Rider: Der Fall Otto Weininger. Wurzeln des Antifeminismus und Antisemitismus. Löcker, Wien 1985, ISBN 3-85409-054-4, S. 42.
Während es neun Jahre dauerte, bis die 600 Exemplare der ersten Auflage von Sigmund Freuds „Traumdeutung“ (erschienenen 1900) verkauft waren, lag Geschlecht und Charakter 1909 bereits in der elften Auflage vor, bis 1932 sollten achtundzwanzig weitere folgen. Der Braumüller-Verlag druckte eigene Werbeprospekte mit zahlreichen Huldigungen, darunter die von Karl Kraus, dem Herausgeber der Fackel, der an der Spitze der Weininger-Anhängerschaft stand: „Ein Frauenverehrer stimmt den Argumenten seiner Frauenverachtung begeistert zu!“ Kraus widmete Weininger auch einen Nachruf, in dem er schrieb: „Dieser Selbstmord war in einem Anfall von geistiger Klarheit begangen […] Weininger hatte Gründe, metaphysische und religiöse, im Beginn einer großen Laufbahn das Leben wegzuwerfen.“
Der schwedische Dramatiker August Strindberg schrieb nach seiner ersten Lektüre von Geschlecht und Charakter am 1. Juli 1903 einen euphorischen Dankesbrief an Weininger: