Das im Schweizer Kanton Graubünden gesprochene Bündnerromanisch – gewöhnlicher RätoromanischSo auch in Artikel 4 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft und in Artikel 3 der Verfassung des Kantons Graubünden. oder einfach Romanisch genannt (Eigenbezeichnung surselvisch romontsch, Vallader, surmeirisch und Rumantsch Grischun rumantsch, Puter rumauntsch, sutselvisch rumàntsch) – gehört zusammen mit dem Dolomitenladinischen und mit dem Friaulischen zu den rätoromanischen Sprachen, einer Untergruppe der romanischen Sprachen.
Bündnerromanisch ist seit 1938 neben Deutsch und Italienisch Amtssprache im Kanton Graubünden. Auf Bundesebene ist es neben Deutsch, Französisch und Italienisch die vierte Landessprache der Schweiz; den Status einer Amtssprache hat es hier nur im Verkehr mit bündnerromanischsprachigen Einwohnern.
Für etwa 35'000 Menschen (14,7 % der Bevölkerung des Kantons Graubünden) ist Bündnerromanisch die Hauptsprache, insgesamt können etwa 60'000 Menschen die Sprache sprechen. Dies entspricht etwa 0,7 % der Schweizer Bevölkerung bzw. knapp 30 % der Bevölkerung Graubündens.
Bezeichnung mini|hochkant|Rätoromanische Inschrift an einem Haus in Sagogn in der Surselva mini|Verkehrsschild in Zuoz/Oberengadin Das Verhältnis von Bündnerromanisch, Dolomitenladinisch und Friaulisch zueinander ist in der Sprachwissenschaft umstritten (mehr dazu im Artikel Rätoromanische Sprachen). Entsprechend uneinheitlich sind die Bezeichnungen.
In der Schweiz wird die Gruppe der in der Schweiz gesprochenen romanischen Idiome in der Bundesverfassung, in der Verfassung des Kantons Graubünden und in den Gesetzen Rätoromanisch genannt. Auch die Deutschschweizer Bevölkerung spricht von Rätoromanisch oder, alltäglicher, einfach von Romanisch. Demgegenüber bezeichnen Linguisten die Gruppe dieser Idiome meist als Bündnerromanisch. Der Begriff Rätoromanisch wird von den Linguisten uneinheitlich gebraucht und von einigen sogar ganz abgelehnt.
Die parallele Verwendung verschiedener Begriffe kennen auch die Bündnerromanen selbst: Die 1885 gegründete Societad Retorumantscha trägt «rätoromanisch», das 1904 gegründete Dicziunari Rumantsch Grischun «bündnerromanisch» und die 1919 gegründete Lia Rumantscha «romanisch» im Namen. Die alltägliche Eigenbezeichnung ist, entsprechend dem deutschen Gebrauch, einfach rumantsch (bzw. romontsch, rumauntsch, rumàntsch).
Der Name Rätoromanisch wurde erst im 19. Jahrhundert geprägt. So findet er sich in Otto Carischs Grammatischer Formenlehre von 1851, wo von der «rhätoromanischen Sprache» die Rede ist.Otto Carisch: Grammatische Formenlehre der deutschen Sprache und der rhätoromanischen im Oberländer und Unterengadiner Dialekte für Romanische. Buchdruckerei von G. Hitz, Chur 1851. Bekannter wurde er durch die Publikationen des Romanisten Theodor Gartner, der ihn im Titel seiner Raetoromanischen Grammatik von 1883 und seines Handbuchs der rätoromanischen Sprache von 1913 verwendete;Georg Bossong: Die romanischen Sprachen. Eine vergleichende Einführung. Buske, Hamburg 2008, ISBN 978-3-87548-518-9, S. 174. er bezog sich damit von Anfang an auf die Gesamtheit der rätoromanischen Sprachen. Der Begriff nimmt den Namen der römischen Provinz Raetia auf, die jedoch ein weit grösseres Gebiet umfasste als den Lebensraum der unterworfenen Räter, die gemäss heutigem Forschungsstand nur ganz im Osten des heutigen Kantons Graubünden lebten, nämlich im Unterengadin und im Münstertal.
Im Mittelalter nannten Deutschsprachige das Bündnerromanische Churwalsch, -welsch, d. h. «von den Einwohnern Churs beziehungsweise des Bistums Chur gesprochene welsche Sprache».Schweizerisches Idiotikon, Band XV, Spalte 1601, Artikel churwälsch (Digitalisat). Martin Luther bezog im 16. Jahrhundert das Wort «Kauderwelsch» explizit auf das Churwelsche. Die scherzhafte Bezeichnung «Geröllhaldenlatein» (für den geologischen Hintergrund siehe Bündnerschiefer) ist neueren Datums (Mitte des 20. Jahrhunderts) und weniger verächtlich, sondern eher freundschaftlich oder neckisch gemeint.
Verbreitungsgebiet mini|450px|Verbreitungsgebiete der rätoromanischen Sprachen, wo deren Anteil mindestens 30 % beträgt Bei der Schweizer Volkszählung von 1990 gaben 66’356 Menschen Romanisch als regelmässig gesprochene Sprache an, davon bezeichneten sie 39’632 als Hauptsprache. Im Jahr 2000 gaben nur noch 35’095 Romanisch als Hauptsprache an.
Wegen der früheren Abgeschiedenheit vieler Orte und Täler des Kantons Graubünden haben sich verschiedene Mundarten entwickelt, die sich in mehrere Gruppen gliedern lassen.Theodor Ebneter: Areallinguistik. In: Günter Holtus, Michael Metzeltin, Christian Schmitt (Hrsg.): Lexikon der Romanistischen Linguistik. Band III: Die einzelnen romanischen Sprachen und Sprachgebiete von der Renaissance bis zur Gegenwart: Rumänisch, Dalmatisch/Istroromanisch, Friaulisch, Ladinisch, Bündnerromanisch. Niemeyer, Tübingen 1989, S. 871 ff., hier S. 872 f. Deren fünf haben eigene Schriftsprachen entwickelt, weshalb man schweizerisch von fünf «Idiomen» spricht: Oberländisch, Surselvisch oder Sursilvan: verbreitet gesprochen und geschrieben im Vorderrheintal und dessen Seitentälern (im Tujetsch und in der Val Medel wird der Unterdialekt Tuatschin gesprochen), nur geschrieben überdies in der Region Imboden (Il Plaun) mit den Ortschaften Domat/Ems, Rhäzüns (Razén), Bonaduz und Trin (die Ortsdialekte der letztgenannten Dörfer gehören zum Sutsilvan) Sutselvisch oder Sutsilvan: gesprochen und geschrieben in Gebieten des Hinterrheins, nämlich in den Berggemeinden des Domleschgs (Tumleastga) und des Heinzenbergs (Mantogna), sowie im Schams (Schons) und im Val Ferrera, überdies nur gesprochen in der Region Imboden (siehe oben) Surmeirisch oder Surmiran: verbreitet gesprochen und geschrieben im Albulatal, in der Gemeinde Vaz/Obervaz und im Oberhalbstein (Sursès), nur gesprochen überdies in Bergün/Bravuogn (Bargunsegner) Oberengadinisch, Puter oder Putér: gesprochen und geschrieben im Oberengadin, nur geschrieben überdies in Bergün/Bravuogn, wo ein dem Surmiran zugehöriger Ortsdialekt gesprochen wird (siehe oben) Unterengadinisch oder Vallader: verbreitet gesprochen und geschrieben im Unterengadin, nur geschrieben überdies im Münstertal Münstertalisch oder Jauer: gesprochen im Münstertal, als Schriftsprache wird aber Unterengadinisch verwendet.
Die Aufreihung entspricht der Verbreitung von West nach Ost. Putér und Vallader werden von den Romanen auch als Rumantsch Ladin zusammengefasst und in der Hymne Chara lingua da la mamma besungen (chara lingua da la mamma, tü sonor rumantsch ladin …).
Sprachliche Zuordnung Das Bündnerromanische wird als zur Galloitalia gehörig charakterisiert. Innerhalb dieser hat es einen klar ausgeprägten Eigencharakter: Die Unterschiede zum südlich angrenzenden Lombardischen liegen erstens in den Archaismen des Bündnerromanischen begründet, die der Randzonenlage zu verdanken sind, und zweitens an der starken Prägung durch den jahrhundertealten intensiven Kontakt mit den benachbarten alemannischen Mundarten.Ricarda Liver: Rätoromanisch. Eine Einführung in das Bündnerromanische. Gunter Narr, Tübingen 1999, ISBN 3-8233-4973-2, S. 165–179 (Google Books).
Ob die rätoromanischen Sprachen eine genetische Einheit bilden – das Bündnerromanische also mit dem Dolomitenladinischen und dem Friaulischen genetisch näher verwandt ist als mit allen anderen romanischen Sprachen –, ist in der Sprachforschung bisher nicht entschieden (→ Questione Ladina).
Geschichte
Ursprünglich war das heutige Verbreitungsgebiet des Bündnerromanischen von Kelten und, vermutlich nur ganz im Osten Graubündens, von Rätern besiedelt. Die Zuordnung der Räter und ihrer Sprache ist unsicher, aber die rätische Sprache scheint nicht zur indogermanischen Sprachfamilie zu gehören. Gesichertere Aussagen sind wegen der nur bruchstückhaften Überlieferung des Rätischen schwierig, doch ist die heute bevorzugte Hypothese die einer Verwandtschaft mit dem Etruskischen.
Diese Völker wurden während des Alpenfeldzuges von 15 v. Chr. von den Römern unterworfen, welche das Latein (hauptsächlich in Form des gesprochenen Vulgärlateins) in die unterworfenen Gebiete brachten.
Wie schnell anschliessend die Romanisierung erfolgte, ist unsicher. Am Ende des Altertums waren nach den jedoch nicht abschliessenden Erkenntnissen der Sprachforschung die ursprünglichen vorrömischen Sprachen anscheinend praktisch ausgestorben, und es blieben nur wenige Substratwörter im Romanischen erhalten. Diese beziehen sich vor allem auf für die Alpen typische Bezeichnungen aus den Gebieten von Flora und Fauna sowie Geländebezeichnungen. Aus dem Rätischen stammen z. B. (a)gnieu ‚Adlerhorst, Vogelnest‘, crap ‚Stein‘, grusaida ‚Alpenrose‘, izun ‚Heidelbeere‘, schember ‚Zirbelkiefer‘, tschess ‚Geier‘ und urblauna ‚Schneehuhn‘. Aus dem Keltischen kamen z. B. carmun ‚Wiesel‘, engadinisch dischöl, döschel ‚Albdruck, -traum‘, dratg, draig ‚Sieb‘, oberengadinisch giop ‚Wacholderbusch‘, giutta ‚Rollgerste, Graupen‘, glitta ‚Schlamm, Schlick‘, grava ‚Geröll, Schutthalde‘, marv ‚steif, erstarrt, gliederlahm‘, mat ‚junger Knabe, Bursche‘ ~ matta ‚junges Mädchen‘, mellen ‚gelb‘, tegia ‚Alp-, Sennhütte‘, trutg ‚Bergpfad‘, tschigrun ‚Ziger‘ und umblaz ‚Jochschlaufe‘.
mini|Verbreitung des Rätoromanischen
Ab dem 8./9. Jahrhundert geriet die Region unter germanischsprachigen Einfluss. Im weiteren Verlauf wurde zunehmend Deutsch zur Amtssprache, Bündnerromanisch wurde zu jener Zeit verächtlich als «Bauernsprache» angesehen. Dass früher auf einem viel grösseren Gebiet Bündnerromanisch gesprochen wurde, erkennt man unter anderem an den vielen bündnerromanischen Ortsnamen und Lehnwörtern in den heute deutschsprachigen Kantonen Glarus und St. Gallen. Sie zeigen, dass bis ins Hochmittelalter und teilweise noch länger die Sprachgrenze im Nordwesten im Gasterland lag und somit auch das ganze Walenseegebiet (Walen- ist mit welsch verwandt) bündnerromanisch war. Im Nordosten reichte das bündnerromanische Sprachgebiet um 700 bis zum Bodensee, um 1100 bis zum so genannten Hirschensprung bei Rüthi im St. Galler Rheintal. Auch weite Gebiete in Vorarlberg und im Westtirol (Oberinntal, Vinschgau) waren ehemals bündnerromanisch. Am spätesten (nach dem 11. Jahrhundert) eingedeutscht wurden Gegenden, deren Ortsnamen bis heute nicht auf der ersten Silbe betont werden, z. B. (Bad) Ragaz, Sargans, Vaduz (zu lat. aquaeductus ‚Wasserleitung‘), Montafon, Tschagguns und Galtür.
Die ersten bekannten romanischsprachigen Dokumente waren Übersetzungen lateinischer Predigten. Das erste bekannte literarische Werk ist das Lied Chanzun da la guerra dal Chastè da Münsch, welches 1527 vom Engadiner Gian Travers verfasst wurde. In 700 Versen wird der Krieg um die Festung Musso am Comersee in den Jahren 1525–1526 beschrieben;Arnold Spescha: Grammatica Sursilvana. Casa editura per mieds d’instrucziun, Chur 1989, S. 44. der Krieg ging als Müsserkrieg in die Geschichte ein. Erst während der Reformation entstanden eigentliche Schriftsprachen in den verschiedenen Idiomen. Der Hauptgrund dafür, dass sich keine einheitliche Schriftsprache für alle Idiome entwickelte und dass das Bündnerromanische gegenüber der deutschen Sprache zunehmend an Boden verlor, war das Fehlen eines bündnerromanischen geistig-politischen Zentrums. Die Stadt Chur, welche als einzige für eine solche Funktion in Frage gekommen wäre, geriet als Bischofssitz schon früh unter deutschen Einfluss und war ab dem 15. Jahrhundert nur noch deutschsprachig. Erst in jüngster Zeit, d. h. ab Beginn des 20. Jahrhunderts, hat sich infolge der Abwanderung von Romanen in die Kapitale hier wieder zunehmend so etwas wie ein Zentrum für die romanische Sprache und Kultur bilden können, von dem wichtige Impulse in die romanischen Stammlande ausgehen. Diese Entwicklung geht einher mit der zunehmenden Ausprägung eines romanischen Sprachbewusstseins, das vor dem 19. Jahrhundert noch weitgehend fehlte.