Ein ParadigmaDie deutsche Aussprache ist im Gegensatz zur altgriechischen laut Duden [para'digma], also mit dem Akzent auf der vorletzten Silbe. (Plural Paradigmen oder Paradigmata) ist eine grundsätzliche Denkweise. Das Wort entstammt dem griechischen (von „an, dazu, neben“ sowie „zeigen, begreiflich machen“). Übersetzt bedeutet es „Beispiel, Vorbild, Muster“ oder „Abgrenzung, Erklärungsmodell, Vorurteil“; auch „Weltsicht“ oder „Weltanschauung“.

In der antiken Rhetorik verstand man darunter eine Begebenheit, die als positiver oder negativer Beleg für eine dogmatische Argumentation oder eine Morallehre angeführt wird.Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur (= Kröners Taschenausgabe. Band 231). 4., verbesserte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 1964, , S. 194. Seit dem späten 18. Jahrhundert bezeichnete Paradigma eine bestimmte Art der Weltanschauung oder eine Lehrmeinung. Der Begriff wurde von Georg Christoph Lichtenberg eingebracht.Stephen Edelston Toulmin: Menschliches Erkennen, I: Kritik der kollektiven Vernunft, übersetzt von Hermann Vetter. 1. Auflage, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-518-07436-9, S. 131f Nach Ludwig Wittgenstein sind Paradigmen Muster oder Standards, mit denen Erfahrung verglichen und beurteilt wird. Sie liegen vor der Erfahrung (a priori) und geben eine Orientierung vor.

In der modernen Wissenschaftsgeschichte wurde der Begriff von Thomas S. Kuhn 1962 in seinem Werk Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen eingeführt. Er bezeichnet damit die Gesamtheit von Grundauffassungen, die in einer historischen Zeit eine wissenschaftliche Disziplin ausmachen. Beispiele für eine solche „grundlegende Weltsicht“ sind das geozentrische Weltbild oder das heliozentrische Weltbild. Diese Grundauffassungen zeichnen vor, welche Fragestellungen wissenschaftlich zulässig sind und was als wissenschaftlich befriedigende Lösung angesehen werden kann. Wissenschaftliche Revolutionen in den Naturwissenschaften sind nach Kuhn verbunden mit Wechseln der Paradigmen. Schließlich wurde der Begriff des „Paradigmas“ auch in zeitkritische Diskurse eingeführt, so von Fritjof Capra, wobei Denkansätze der esoterischen New-Age-Bewegung zugrunde lagen.

In der gegenwärtigen Wissenschaftsphilosophie wird häufig vorausgesetzt, dass naturwissenschaftliche Forschung unter einer Form des methodischen Naturalismus betrieben wird, also unter der Selbstbeschränkung auf natürliche Ursachen und empirisch zugängliche Begründungen.Krzysztof Kilian: Arguments For Methodological Naturalism and Their Roots in a Particular Metaphysics. In: Cosmos and History 20 (2024), H. 1, S. 1–24. Gleichzeitig zeigen andere Analysen, dass die begrifflichen Grundlagen dieser Annahme problematisch und keineswegs einheitlich sind, sodass unklar bleibt, ob der methodische Naturalismus tatsächlich als allgemein akzeptiertes Leitprinzip oder gar als Paradigma der Wissenschaft gelten kann.Sandy C.Boucher: Methodological naturalism in the sciences. In: International Journal for Philosophy of Religion 88 (2020), H. 1, S. 57–80.Tiddy Smith: Methodological naturalism and its misconceptions. In: International Journal for Philosophy of Religion 82 (2017), H. 3, S. 321–336.

Definition und Beispiel Eine heute gebräuchliche Lehrbuchdefinition ist beispielsweise: Die Ersetzung eines Paradigmas durch ein anderes heißt Paradigmenwechsel.

Paradigmen spiegeln einen gewissen allgemein anerkannten Konsens über Annahmen und Vorstellungen wider, die es ermöglichen, für eine Vielzahl von Fragestellungen Lösungen zu bieten. In der Wissenschaft bedient man sich in diesem Zusammenhang auch oft Modellvorstellungen, anhand derer man Phänomene zu erklären versucht. Der amerikanische Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn definiert im Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen ein „wissenschaftliches Paradigma“ als:

das, was beobachtet und überprüft wird die Art der Fragen, welche in Bezug auf ein Thema gestellt werden und die geprüft werden sollen wie diese Fragen gestellt werden sollen wie die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchung interpretiert werden sollen

Das Paradigma in der Erkenntnistheorie Bei Aristoteles ist παράδειγμα paradeigma das induktive Argument in der Rhetorik. Es bezeichnet ein rhetorisches Schlussverfahren mit dessen einzelnen Fällen, beruhend auf Beispielen. Im Gegensatz zu anderen induktiven Argumenten geht man hierbei nicht von besonderen Fällen zu einem allgemeinen über, sondern von einem besonderen Fall zu einem anderen besonderen von gleicher Art.Rhetorik I.2, 1357b25 ff.5., zitiert nach: The Three Means of Persuasion Aristotle’s Rhetoric

Giorgio Agamben definiert in seiner Schrift Signatura rerum das Paradigma als „eine Erkenntnisform, die weder induktiv, noch deduktiv, sondern analogisch ist, somit von einem Besonderen zu einem anderen Besonderen fortschreitet“. Er verweist in diesem Zusammenhang auf das Paradigma-Verständnis seines Lehrers Michel Foucault als „Beschreibung von Diskursen als historischer Artikulation eines Paradigmas“ und zeigt den Zusammenhang zwischen Foucaults epistemologischem Paradigmenverständnis und dem normbildenden Konzept Thomas S. Kuhns, wobei er auf die doppelte Bedeutung des Paradigmabegriffs bei Kuhn hinweist: Kuhns Paradigma entspricht demnach einerseits einer „Disziplinarmatrix“ als „das, was die Mitglieder einer wissenschaftlichen Gemeinschaft miteinander teilen, eine Gesamtheit von Techniken, Modellen und Werten“, gilt aber auch „für ein einzelnes Element dieser Gesamtheit – für die Principia Newtons, für den Almagest des Ptolemäus –: für ein Element, das als gemeinschaftliches Beispiel dienend, an die Stelle ausdrücklicher Regeln tritt und so eine bestimmte, in sich geschlossene Forschungstradition definiert“.

Kuhn definiert Paradigmen als „allgemein anerkannte wissenschaftliche Leistungen, die für eine gewisse Zeit einer Gemeinschaft von Fachleuten maßgebende Probleme und Lösungen liefern“. Agamben geht mit seiner Paradigma-Definition zurück bis an die philosophischen Wurzeln des Begriffs in Aristoteles’ Analytica priora, wo es heißt, „dass die Funktionsweise des Paradigmas nicht die eines Teils ist, der sich zu einem Ganzen verhält, noch die eines Ganzen, das sich zu einem Teil verhält, sondern die eines Teils, der sich zu einem Teil verhält“ (Analytica priora, 69a 13f). Agamben ergänzt hierzu: „Das epistemologische Statut des Paradigmas wird erst dann deutlich, wenn wir die These des Aristoteles radikalisieren und zu verstehen beginnen, dass er die dichotomische Opposition zwischen dem Partikularen und dem Universalen in Frage stellt“. Das „epistemische Statut“ bezieht Agamben konkret auf die medizinische Semiotik des Paracelsus: „Die Idee, dass alle Dinge ein Zeichen tragen, das ihre unsichtbaren Eigenschaften manifestiert und offenbart, bildet den Ursprungskern der paracelsischen Episteme“. Die Funktion des Paradigmas besteht somit nach Agamben in der Übertragung der Signatur des Ursprungsbegriffs.

In seinem vielzitierten Aufsatz „Clues: Roots of a Scientific Paradigm“Carlo Ginzburg, Clues: Roots of a Scientific Paradigm. In: Theory and Society, Vol. 7, No. 3, Mai 1979, S. 273–288. bezeichnet Carlo Ginzburg das Paradigma mit ausdrücklichem Bezug auf Kuhn ebenfalls als „epistemologisches Modell“ und erläutert konkret das Indizien-Paradigma als ein Deutungsmuster, dessen Ursprung in der medizinischen Semiotik liegt und als „Morelli-Methode“ bekannt wurde. Dem Arzt und Kunstkritiker Giovanni Morelli gelang es, Fälschungen alter Meister, aber auch die Autorenschaft nicht signierter Gemälde durch die Analyse von Details wie Ohrmuscheln und Fingernägeln zu belegen. Sigmund Freud wurde auf Morelli früh aufmerksam und beschrieb dessen Technik – die, wie Ginzburg betonte, große Ähnlichkeit mit der akribischen Spurensuche des Sherlock Holmes aufweist – in „Der Moses des Michelangelo“ (1914) wie folgt: „Ich glaube, sein Verfahren ist mit der Technik der ärztlichen Psychoanalyse nahe verwandt. Auch diese ist gewöhnt, aus gering geschätzten oder nicht beachteten Zügen (…) Verborgenes zu erraten“ Ginzburgs „semiotisches“ Paradigmaverständnis ist im Einklang mit Kuhn, der Wissenschaft als „das Lösen von Rätseln“ definiert, das „nur Mangel an Scharfsinn hindern könnte“. Kuhn selbst weist im Vorwort seines Standardwerks den polnischen Mediziner Ludwik Fleck, dessen „Denkstil“ „das innerhalb eines Denkkollektiv Relevante vom darin nicht relevanten abgrenzt“, als maßgebliche Quelle seines Paradigma-Verständnisses aus.

Die Semiotik in ihrem Selbstverständnis als „Verfahrenshypothese [und] methodologisches Netz, das wir über die Vielfalt der Phänomene geworfen haben, um von ihnen sprechen zu können“ ist ebenfalls Hintergrund des Kuhnschen Paradigma-Begriffs. Ihre Anfänge als Wissenschaft liegen (neben der Zeichentheorie von Charles Sanders Peirce) bei Ferdinand de Saussure, dem eine „Semiologie als Translingustik“ vorschwebte. So liefern auch die Linguistik und die nach dem „Linguistic Turn“ sprachwissenschaftlich orientierte Philosophie Beiträge zum Begriff des Paradigma. Syntagma und Paradigma sind als Elemente der synchronen Struktur zentrale Begriffe bei Ferdinand de Saussure, der nicht nur als Begründer der Linguistik, sondern auch als Hauptinitiator des Strukturalismus gilt. Kuhn bezieht sich explizit auf Ludwig Wittgenstein, der das Paradigma als „etwas, womit verglichen wird“ beschreibt (Philosophische Untersuchungen § 50) und von „Familienähnlichkeiten“ spricht (§ 66f). Saussure betont „die Willkürlichkeit des verbalen Zeichens, das, weil konventionell, keine innere und folglich stabile Beziehung zu seiner Bedeutung enthält“. Dieser Charakter der Übereinkunft ist grundlegend für Kuhns Paradigmaverständnis, das auch ein strukturalistisches ist. So erwähnt Kuhn im Vorwort seines Hauptwerks Benjamin Whorf, der davon ausgeht, dass die Strukturen der Sprache das Denken prägen und Jean Piaget, der die psychologischen Strukturen der Persönlichkeitsentwicklung erarbeitet hat.

Kuhn selbst hat auf eine stringente Definition seines Paradigma-Begriffs letztlich verzichtet. Während die strukturalistischen Komponenten seines Werks eher assoziativ miteinander verbunden sind, liefert die Wissenschaftsgeschichte den konkreten Bezugspunkt für seine Thesen. Im Vorwort seines Hauptwerks benennt er die Arbeiten von Alexandre Koyré, Émile Meyerson, Hélène Metzger und Anneliese Maier, deren Studium ihm „fast ebenso wichtig wie das primäre Quellenmaterial“ (ibid) war. Nach der Umwälzung der Physik durch Relativitäts- und Quantentheorie, die „ein Gefühl hervorgerufen hat, als würde der Boden, auf dem die Naturwissenschaft steht, uns unter den Füßen weggezogen“Werner Heisenberg: Physik und Philosophie, Berlin 1959, S. 139. befanden sich Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie in einem generellen Umbruch, der in Frankreich mit Gaston Bachelard in der Epistemologie mündetecf. Gaston Bachelard: Epistemologie, Frankfurt a. M. 1974. deren Selbstverständnis und Methodik mit den Thesen Kuhns in vieler Hinsicht übereinstimmt und in deren Tradition auch Louis Althusser, Michel Foucault und Giorgio Agamben stehen.