mini|Justus von Liebig, ca. 1866 rahmenlos|zentriert|128px|klasse=skin-invert-image Justus Liebig, ab 1845 Freiherr von Liebig aufgrund Erhebung in den vererbbaren großherzoglich hessischen Freiherrenstand am 29. Dezember 1845. Bekanntmachung im Großherzoglich-hessischen Regierungsblatt 1846, Nr. 2 vom 13. Januar 1846, S. 23. bzw. Justus von Liebig (* 12. Mai 1803 in Darmstadt; † 18. April 1873 in München), war ein deutscher Chemiker und Universitätsprofessor in Gießen und München. Liebig erkannte, dass Pflanzen wichtige anorganische Nährstoffe in Form von Salzen aufnehmen, und begründete durch seine Forschung die moderne Mineraldüngung und den Beginn der Agrochemie. Er entwickelte ein Herstellungsverfahren für Rindfleisch-Extrakte sowie moderne Analyseverfahren und gründete die Zeitschrift Justus Liebigs Annalen der Chemie. Gleichzeitig mit zwei anderen Forschern entdeckte er 1831 das Narkosemittel Chloroform.

Leben Kindheit, Schul- und Lehrzeit Justus Liebig wurde als Sohn des Drogisten sowie Farbenhändlers Johann Georg Liebig und seiner Frau Maria Caroline Liebig, geb. Fuchs genannt Moeser in Darmstadt geboren. Er gehörte dem Darmstädter Zweig des Geschlechts Liebig an. Sein Taufname lautete Johann Justus.

Schon früh experimentierte er mit den Materialien, die er in der Werkstatt seines Vaters vorfand, und entwickelte dadurch eine starke Neigung zur Chemie. Auch die chemischen Experimente, die von Schaustellern auf Jahrmärkten vorgeführt wurden, weckten sein Interesse, insbesondere die Herstellung von Knallerbsen, bei der er das Knallquecksilber erstmals kennenlernte.

Den Besuch des Pädagogiums in Darmstadt beendete er schon in der Sekunda. Sein Lehrer, der Konrektor Johann Justus Storck (1772–1831), bewertete seine intellektuellen Fähigkeiten mit den Worten: „Du bist ein Schafskopf! Liebig, dein Latein reicht gerade aus zum Apotheker.“ Tatsächlich brach Liebig eine Apothekerlehre bei Gottfried Pirsch (1792–1870) in Heppenheim nach etwa einem Jahr vorzeitig ab, weil er bei seinen privaten Versuchen mit Knallsilber einen Dachstuhlbrand in der Apotheke verursacht hatte.

Er kehrte nach Darmstadt zurück und half seinem Vater in der Werkstatt. Nebenher besuchte er oft die großherzogliche Bibliothek, um sich in der Chemie als Autodidakt aus Büchern und durch private Untersuchungen fortzubilden.

Studium mini|Justus Liebig als junger Student 1821, Zeichnung von 1843 Durch Vermittlung seines Vaters begann Justus Liebig im Herbst 1819 ein Chemiestudium in Bonn bei Karl Wilhelm Gottlob Kastner, den Liebig bereits im Geschäft seines Vaters kennengelernt hatte, der sein Talent schnell erkannte und ihn als Assistenten in seinem Labor beschäftigte. Als Kastner 1821 einen Ruf als Professor an die Universität Erlangen annahm, folgte ihm Liebig. Hier konnte er bereits drei Arbeiten zu Knallsilber bzw. Salzäther veröffentlichen. Zwei von ihnen wurden, gemeinsam mit der 1822/23 fertig gestellten Schrift Über das Verhältnis der Mineralchemie zur Pflanzenchemie, als Dissertationsschrift angenommen. Liebig wurde damit am 22. Juni 1823 in absentia („in Abwesenheit“, eine damals zwar noch vorhandene, aber bereits auslaufende Möglichkeit, promoviert zu werden ohne mündliche Prüfung/Verteidigung) zum Doktor der Philosophie promoviert, da er sich seit September 1822 in Paris aufhielt.Jacob Volhard: Justus von Liebig. Ein Lebensbild. 2 Bände. Leipzig 1909, S. 41–42. Einer der letzten im deutschsprachigen Raum, der in absentis promoviert wurde, war übrigens Heinrich Schliemann 1869 an einer der letzten Universitäten, die dieses noch ermöglichte. Sein Doktorvater Kastner hatte zuvor bei Großherzog Ludwig I. von Hessen erwirkt, dass Liebig ein sich auf zwei Jahre belaufendes Stipendium zum Studium an der Pariser Universität Sorbonne erhielt, damals ein führendes Zentrum der Chemie. Hier analysierte er unter anderem Mineralien und lernte bei den Professoren Joseph Louis Gay-Lussac, Louis Jacques Thénard und Louis-Nicolas Vauquelin den damals fortschrittlichsten Chemie-Unterricht kennen. Auch die französischen Chemiker Jean-Baptiste Dumas und Théophile-Jules Pelouze trugen zu seiner chemischen Ausbildung bei.

Nachdem Liebig bereits Mitglied einer Bonner Burschenschaft geworden war, schloss er sich in Erlangen dem Corps Rhenania I an. Im März 1822 nahm Liebig, der auch Mitglied der Bonner und Erlanger Burschenschaft von 1820/22 war, an Demonstrationen der freiheitlich gesinnten Studenten gegen die Obrigkeit teil. Infolgedessen wurde er von der Polizei gesucht und musste nach Hause fliehen.

Professur in Gießen Bald trat er mit eigenen Arbeiten über Knallquecksilber hervor, wodurch der auch in Paris wirkende deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt auf ihn aufmerksam wurde. Durch dessen Empfehlung an den hessischen Großherzog wurde der erst 21-jährige Liebig am 26. Mai 1824 außerordentlicher Professor für Chemie an der Ludwigs-Universität Gießen; am 7. Dezember 1825 wurde er ordentlicher Professor für Chemie und Pharmazie.Historische Stätten der Chemie: Justus von Liebig. Seine Arbeitsbedingungen spiegelten das bis dahin geringe Ansehen der chemischen Fakultät wider: Sein Gehalt war gering, und für Geräte, Chemikalien, Kohle usw. erhielt er nur minimale Zulagen. So musste er viele dringend benötigte Apparate und Materialien aus der eigenen Tasche bezahlen, um überhaupt lehren zu können. Trotzdem fand er bei den Gießener Studenten wegen seiner Lehrmethoden schnell großes Interesse und Zulauf.

Im Jahr 1826 traf Justus Liebig Friedrich Wöhler, mit dem er zusammen forschte und freundschaftlich verbunden war.Justus Freiherr von Liebig, Friedrich Wöhler, August Wilhelm von Hofmann: Aus Justus Liebig’s und Friedrich Wöhler’s Briefwechsel in den Jahren 1829–1873. F. Vieweg und Sohn, Braunschweig 1888. Im selben Jahr heiratete er Henriette Moldenhauer.

mini|Liebigs Gießener Labor, um 1841, Abbildung nach einem Gemälde von Wilhelm Trautschold

Um seine finanziellen Probleme zu mildern, betrieb er nebenberuflich von 1827 bis 1833 ein privates Institut für Pharmazie und technisches Gewerbe, in dem er zusammen mit den Professoren Hermann Umpfenbach, Friedrich Christian Gregor Wernekink und Georg Gottlieb Schmidt Apothekengehilfen und zukünftige Leiter der technischen Gewerbe ausbildete. Er legte damit den Grundstock für seine 1832 gegründete Zeitschrift Annalen der Pharmacie, später allgemein bekannt als Liebig’s Annalen und in Großbritannien von der Chemical Society hochgeschätzt.

Seine Lehrmethode, seine Entdeckungen und Schriften machten ihn bald weltweit bekannt, mit der Folge, dass neben vielen Deutschen auch zahlreiche Ausländer, darunter 84 Engländer und 18 Amerikaner, nach Gießen kamen, um Liebigs Vorlesungen über Chemie und Pharmazie zu hören. Bedeutende Schüler von ihm waren August Wilhelm von Hofmann, der bei Liebig von 1836 bis 1845 studierte, promovierte und sich als dessen Assistent habilitierte, (in Berlin) der Pathologe und Internist Wilhelm Olivier von Leube sowie (in Gießen) der Arzt und Chemiker Johann Joseph von SchererChristina Renata Grund: Johann Joseph von Scherers Briefe an Justus von Liebig. Umfang des Korpus und inhaltliche Aspekte. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 11, 1993, S. 101–106.Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg (Druck: Bonitas-Bauer), Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 279 und 512–513. 1843 wurde Liebig in die American Academy of Arts and Sciences gewählt.

Zu Liebigs Studenten an der damaligen Ludwigs-Universität Gießen gehörte 1833 im Übrigen der Revolutionär Georg Büchner. Er soll den experimentierenden Doktor in seinem Dramenfragment Woyzeck an Justus Liebig angelehnt haben. Ferner studierte der jüngere Bruder des Dramatikers, der spätere Chemiker und Politiker Wilhelm Büchner, bei Liebig.

Berufungen an die Universitäten Dorpat 1827, Göttingen 1835, St. Petersburg 1839, Wien 1841, London 1845 und Heidelberg 1851 lehnte Liebig ab, konnte aber jedes Mal durch Bleibeverhandlungen mit dem zuständigen Ministerium seine finanzielle und berufliche Situation verbessern. Von der Universität Göttingen erhielt Liebig 1847 einen medizinischen Doktortitel.

Im Jahr 1845 wurde er auf eigenen Wunsch von dem Großherzog Ludwig II. von Hessen für seine Verdienste mit dem Titel Freiherr geadelt.

Wechsel nach München mini|Justus von Liebig (ca. 1860)

Schließlich sondierte die Universität München durch den Professor Max von Pettenkofer wegen einer Berufung. König Maximilian II. von Bayern lud Liebig persönlich ein, bot ihm in einer Privataudienz den Bau eines neuen Chemischen Instituts mit daneben liegendem Wohnhaus an und sicherte ihm weitgehende Freiheit in Lehre und Forschung zu. Liebig nahm die Berufung zum Professor für Chemie an und lehrte ab 1852 in München. Sein Nachfolger in Gießen wurde sein Schüler Heinrich Will.

In den 1850er Jahren gelang es Justus von Liebig, Glaskörper mit einer Silberlösung zu beschichten und zum spiegelnden Glänzen zu bringen. Liebig wollte damit sein naturwissenschaftliches Gerät verbessern. auf: rhein-main.net 2. Dezember 2011.Manfred Becker-Huberti: „Äpfel, Nüss’ und Mandelkern …“ auf: brauchtum.de.

Um 1860 wurde der Fotochemiker und spätere Erfinder Johann Baptist Obernetter Assistent Liebigs.

In München wurde Liebig von vielen wissenschaftlichen Vereinigungen im In- und Ausland zum korrespondierenden oder Ehrenmitglied ernannt und erhielt zahlreiche Ehrungen und Orden von regierenden Herrschern der ganzen Welt. Als er den Superphosphat-Dünger entwickelte, war er Mitbegründer der „Bayerischen Aktiengesellschaft für chemische und landwirtschaftlich-chemische Fabrikate“ (BAG, Werk in Heufeld) mit Sitz München, die bis 2012 unter dem Namen Süd-Chemie existierte und heute Teil des Schweizer Clariant-Konzerns ist. Am 15. Dezember 1859 wurde er zum Präsidenten der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ernannt. Dieses Amt bekleidete er bis zu seinem Tod. 1870 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt München ernannt. Im Jahr 1859 war er auch zum Mitglied der Leopoldina gewählt worden. 1830 wurde er korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, 1833 der Preußischen Akademie der Wissenschaften, und 1840 auswärtiges Mitglied der Royal Society, deren Copley-Medaille er im selben Jahr erhielt. 1842 wurde er in die Académie des sciences in Paris, 1851 in die Académie royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgique in Brüssel, 1853 in die Accademia dei Lincei, 1854 in die Accademia delle Scienze di Torino, 1855 in die Accademia Nazionale delle Scienze und 1867 in die National Academy of Sciences der Vereinigten Staaten aufgenommen.

Justus Liebig starb am 18. April 1873 in München an einer Lungenentzündung und wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung am 21. April zu Grabe getragen. mini|Grab von Liebig auf dem Alten Südlichen Friedhof in München mini|Büste von Justus Liebig auf seinem Grab; die Bronzebüste schuf der Bildhauer Michael Wagmüller

Grabstätte Die Grabstätte von Justus Liebig befindet sich auf dem Alten Südlichen Friedhof in München (Gräberfeld 40, Reihe 12, Platz 11 – ). In dem Grab befinden sich auch Justus von Liebigs Frau Henriette und seine beiden Söhne Hermann und Georg sowie weitere Mitglieder der Familie Liebig. Aufgrund der familiären Verflechtungen liegen in dem Grab auch Mitglieder der Familie CarriereReiner Kaltenegger, Gräber des Alten Südfriedhofs München - Inschriften - Biographien , 1. Auflage 2019, PDF-Ausgabe, S. 5951.