Die Wirtschaftsgeschichte ist eine Brückendisziplin zwischen den Wirtschaftswissenschaften und der Geschichtswissenschaft. Je nach Betrachtungsweise können die Volks- und Betriebswirtschaftslehre sowie die Geschichtswissenschaft der Wirtschaftsgeschichte als Hilfswissenschaften dienen. Oder aber die Wirtschaftsgeschichte wird zur Hilfswissenschaft der erstgenannten Fächer, beispielsweise zur Untersuchung der epochenübergreifenden Gültigkeit von Theorien. Die Wirtschaftsgeschichte untersucht die Entwicklung, die Organisation und die Handlungslogiken von bzw. in Volkswirtschaften, Branchen, Unternehmen, Akteuren und Akteursgruppen in historischer Perspektive.
In den letzten Jahrzehnten hat sich die methodisch-konzeptionelle Ausrichtung der Wirtschaftsgeschichte im deutschsprachigen Raum mehrfach verändert. Ab Ende der 1950er Jahre wurde sie zunächst – ausgehend von angelsächsischen Ländern – durch die Cliometrie in Richtung quantitativer Fragestellungen, makroökonomische Perspektiven und statistisch-mathematischer Methoden weiterentwickelt.Mark Spoerer, Jochen Streb: Neue deutsche Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. München 2013, S. 1–23. Seit den 1990er Jahren wurde der Anschluss an die Neue Institutionenökonomik, deren Impulse aus den Wirtschaftswissenschaften kamen, verwandte institutionelle Theorien und kulturwissenschaftliche Modelle der Geschichtswissenschaft gesucht.Clemens Wischermann et al.: Studienbuch institutionelle Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte. Stuttgart 2015. Damit traten mehr und mehr qualitative Fragestellungen und Methoden sowie mikroökonomische Perspektiven in den Mittelpunkt aktueller Forschungsperspektiven. Zeitgleich ist auch eine Hinwendung zu verstärkt internationalen, länder- und kulturvergleichenden Themen und Fragestellungen zu erkennen. Während traditionell vor allem die Frage nach Ursachen und Faktoren des Übergangs in die moderne Wachstumswirtschaft (Industrielle Revolution) diskutiert wurde, interessiert sich die Wirtschaftsgeschichte mittlerweile für ein breites und vielfältiges Feld an Themen.
An den Universitäten werden Lehrstühle für Wirtschaftsgeschichte in der Regel entweder an geschichtswissenschaftlichen oder wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten angesiedelt. Öfters wird das Fach dabei mit verwandten Disziplinen wie der Sozial- oder Agrargeschichte gekoppelt.Beispielsweise an den Universitäten Münster, Regensburg und Hohenheim. In der deutschen Hochschulpolitik ist die Wirtschaftsgeschichte gemeinsam mit der Sozialgeschichte als Kleines Fach eingestuft.siehe Fachstandorte der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Arbeitsstelle Kleine Fächer (Mainz), abgerufen am 6. Dezember 2015.
Quellen der Wirtschaftsgeschichte Quelle der Wirtschaftsgeschichte kann jede Art von Überlieferung sein, die Informationen über wirtschaftliche Umstände und Vorgänge in der Vergangenheit offenbart.
veröffentlichte und archivalische, schriftliche serielle Quellen (zum Beispiel historische Bilanzen, Kurszettel, Preiscouranten, Rechnungen und Rechnungsbücher, Testamente, statistische Veröffentlichungen wie Zollregister) Quellen zur Wirtschaftsverfassung und zu wirtschaftlichen Handlungsweisen (zum Beispiel Protokolle, Verträge, Briefkopierbücher, Gesetze, Zunftordnungen etc.) Archäologische Quellen (zum Beispiel Münzen, Möbel, Werkzeuge, Fabriken, Werkstätten, Marktorte, Handelsstraßen) Geografische Befunde, Landkarten etc. Metaquellen, die der Wirtschaftshistoriker selbst aus vorgefundenen Quellen konstruiert, zum Beispiel genealogische Datenbanken, historische Datensammlungen (zum Beispiel Preisreihen, rekonstruierte Nationalproduktrechnungen etc.)
Methoden der Wirtschaftsgeschichte Als Brückendisziplin befindet sich die Wirtschaftsgeschichte zwischen den methodologischen Ansätzen der Geschichts- und der Wirtschaftswissenschaften.
Auf der einen Seite steht die eher qualitative, induktive historische Methode (zum Beispiel Hermeneutik), auf der anderen stehen die eher quantitativen, deduktiven, mathematisch-analytisch orientierten Theorien und Methoden der Wirtschaftswissenschaften. In gewisser Weise spiegelt sich hier der Methodenstreit der Nationalökonomie, der besonders im deutschsprachigen Raum um die Wende zum 20. Jahrhundert zwischen der Historischen Schule der Nationalökonomie und der neoklassischen Österreichischen Schule der Nationalökonomie ausgetragen wurde, wider. In Großbritannien und den USA dominiert die neoklassisch orientierte New Economic History die wirtschaftsgeschichtliche Forschung, während in anderen, vor allem europäischen Ländern verschiedenste, häufig stark mit der Sozialgeschichte verzahnte Ansätze (zum Beispiel Annales-Schule) von Bedeutung sind.
Die von verschiedenen Forschern verwendeten Methoden differieren demnach entsprechend ihrer Herangehensweise und ihrer Fragestellung. Häufig ist ein der Fragestellung angepasster Methodenpluralismus vorzufinden.
Teildisziplinen und Forschungsrichtungen Teildisziplinen und Forschungsfelder der Wirtschaftsgeschichte befinden sich oft in engem Zusammenhang bzw. in Überlappung zu anderen Disziplinen. Einige wichtige Felder sind:
Alltagsgeschichte; Sozialgeschichte, Arbeitergeschichte und Handwerksgeschichte Agrargeschichte Bankengeschichte und Geldgeschichte Cliometrie Entwicklungsgeschichte (Kondratjew-Zyklen, Rostows Theorie der Stufen des Wirtschaftswachstums) Geschichte der Weltwirtschaft und der Globalisierung bzw. Geschichte internationaler Wirtschaftsbeziehungen Handelsgeschichte Unternehmensgeschichte Geschichte der Wirtschaftspolitik Geschichte des ökonomischen Denkens Die Geschichte von Wirtschaftssystemen, Wirtschaftskulturen und Wirtschaftsstilen Historische Demographie Migrationsgeschichte Post- und Verkehrsgeschichte Umweltgeschichte
Benachbarte Fächer Wirtschaftsgeschichte und Genealogie Veränderungen in den Häufigkeiten von Berufen und Erwerbszweigen, wie sie sich aus allen genealogischen Arbeiten belegen lassen, sind das wichtigste Begegnungsfeld zwischen den Disziplinen Wirtschaftsgeschichte und Genealogie für die vorstatistische Zeit vor 1850.
Weitere Überschneidungen finden im Bereich der Unternehmensgeschichte statt, die sich für Persönlichkeit und Familie des Gründers bzw. des Unternehmens oder seine Vermögensverhältnisse und Geldquellen interessiert, die oft aus verwandtschaftlichen Beziehungen zu Kaufmannsfamilien herrühren (siehe auch Gründerfamilie, Heiratskreis, soziale Mobilität).
Auch ein tieferes Verständnis handwerklicher Traditionen ist ohne Genealogie undenkbar.
Verkehrsgeschichte und Postgeschichte Kommunikation war zu allen Zeiten Grundvoraussetzung für das Funktionieren wirtschaftlicher Prozesse, deshalb ist die Postgeschichte – die Post war lange Zeit nahezu alleiniger Vermittler von Nachrichten – unverzichtbar. Anstatt wie früher als Institutionengeschichte verstanden kann Postgeschichte zum Verständnis der kaufmännischen Entscheidungen beitragen. Zumal im 18. und 19. Jahrhundert wegen der komplexen Versandbedingungen die Kaufleute viel Zeit und Kosten aufwenden mussten, um ihre Nachrichten sicher und schnell abzusetzen. Ähnliches gilt für die Verkehrs- und die neuere Kommunikationsgeschichte.
Wirtschaftsgeschichte nach Ländern und Epochen Wirtschaftsgeschichte Chiles Wirtschaftsgeschichte der Volksrepublik China Wirtschaftsgeschichte Kanadas Wirtschaftsgeschichte Österreichs Wirtschaftsgeschichte des Osmanischen Reichs Wirtschaft im Römischen Reich Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters Wirtschaftsgeschichte der Republik Venedig Japanische Wirtschaftsgeschichte
Bedeutende Wirtschaftshistoriker International Jean-François Bergier (1931–2009) Fernand Braudel (1902–1985) Marc Bloch (1886–1944), Mitbegründer der Annales-Schule Alfred D. Chandler, Jr. (1918–2007) Carlo Maria Cipolla (1922–2000) Georges Duby (1919–1996) Barry Eichengreen (* 1952) Gerald D. Feldman (1937–2007) Niall Ferguson (* 1964) Robert W. Fogel (1926–2013), Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 1993 Milton Friedman (1912–2006) Alexander Gerschenkron (1904–1978) Eli Filip Heckscher (1879–1952) Fritz M. Heichelheim (1901–1968) Eric Hobsbawm (1917–2012) Harold Innis (1894–1952) Jan Jörnmark (* 1959) Charles P. Kindleberger (1910–2003) John Komlos (* 1944) Roberto Sabatino Lopez (1910–1986) Gino Luzzatto (1878–1964) David S. Landes (1924–2013) Franz Mathis (* 1946) Deirdre N. McCloskey (* 1942) Douglass North (1920–2015), Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 1993. Joel Mokyr (* 1946) Hans Conrad Peyer (1922–1994) Karl Polanyi (1886–1964) Emma Rothschild (* 1948) Tobias Straumann (* 1966) Immanuel Wallerstein (1930–2019) Jan De Vries (* 1943) Herman Van der Wee (* 1928) Jeffrey G. Williamson (* 1935)
Deutschland Wilhelm Abel (1904–1985) Werner Abelshauser (* 1944) Jörg Baten (* 1965) Georg von Below (1858–1927) Hartmut Berghoff (* 1960) Knut Borchardt (1929–2023) Christoph Buchheim (1954–2009) Alfred Doren (1869–1934) Richard Ehrenberg (1857–1921) Waltraud Falk (1930–2015) Wilhelm Heyd (1823–1906) Carl-Ludwig Holtfrerich (* 1942) Hermann Kellenbenz (1913–1990) Jürgen Kuczynski (1904–1997) Bruno Kuske (1876–1964) Michael North (* 1954) Thomas Pekáry (1929–2010) Toni Pierenkemper (1944–2019) Werner Plumpe (* 1954) Hans Pohl (1935–2019) Albrecht Ritschl (* 1959) Dirk Schaal (* 1970) Gustav von Schmoller (1838–1917) Aloys Schulte (1857–1941) Günther Schulz (* 1950) Werner Sombart (1863–1941) Othmar Spann (1878–1950) Jochen Streb (* 1966) Wolfgang Stromer von Reichenbach (1922–1999) Johann Heinrich von Thünen (1783–1850) Richard Tilly (1932–2023) Rolf Walter (* 1953) Clemens Wischermann (* 1949) Dieter Ziegler (* 1956) Eva-Maria Roelevink (* 1984)
Bedeutende Zeitschriften International: Journal of Economic History, seit 1941 Economic History Review, seit 1927 Explorations in Economic History, seit 1949 (mit Unterbrechung) Journal of European Economic History, seit 1972 European Review of Economic History, seit 1997 Business History, seit 1958 Business History Review, seit 1926
In Deutschland: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, seit 1903 Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, seit 1960 Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, seit 1977 Bankhistorisches Archiv, seit 1975
Literatur
Methodische Einführungen Gerold Ambrosius, Dietmar Petzina, Werner Plumpe (Hrsg.): Moderne Wirtschaftsgeschichte: Eine Einführung für Historiker und Ökonomen. 2., bearb. u. erw. Auflage. München 2006, ISBN 3-486-57878-2. Christoph Buchheim: Einführung in die Wirtschaftsgeschichte. München 1997, ISBN 3-406-41901-1. Ludwig Beutin, Hermann Kellenbenz: Grundlagen des Studiums der Wirtschaftsgeschichte. Köln u. a. 1973, ISBN 3-412-86373-4. Jan-Otmar Hesse, Wirtschaftsgeschichte. Entstehung und Wandel der modernen Wirtschaft. Frankfurt 2013, ISBN 978-3-593-39958-4. Jan-Otmar Hesse, Sebastian Teupe, Wirtschaftsgeschichte. Entstehung und Wandel der modernen Wirtschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Ausgabe. Campus, Frankfurt am Main 2019, ISBN 978-3-593-51113-9. Mark Spoerer/Jochen Streb: Neue deutsche Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Oldenbourg, München 2013, ISBN 978-3-486-58392-2. Rolf Walter: Einführung in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte. 2. Auflage. UTB. Böhlau, Weimar 2008, ISBN 978-3-8252-3085-2. Clemens Wischermann / Katja Patzel-Mattern / Martin Lutz / Thilo Jungkind (Hrsg.): Studienbuch institutionelle Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte. Franz Steiner, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-515-11122-5. Wolfgang Zorn: Einführung in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit. Probleme und Methoden. 2. Auflage. München 1974, ISBN 3-406-05484-6.
Thematische Einführungen Wilhelm Abel: Neue Fragen an die Wirtschaftsgeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen (= Göttinger Universitätsreden. Heft 37).