miniatur|Christine de Pizan mit ihrem Sohn, Jean de Castel (Bedford-Meister) Christine de Pizan bzw. de Pisan (* 1364 in Venedig; † nach 1430, vermutlich in Poissy) war eine französische Schriftstellerin venezianischer Herkunft. Sie gilt als die erste Autorin der französischen Literatur, die von ihren Werken leben konnte. Ihr heute bekanntestes Werk ist Le Livre de la Cité des Dames (Das Buch von der Stadt der Frauen).

Leben und Schaffen Christine de Pisan wurde in Venedig als Tochter des Astrologen und Arztes Tommaso da Pizzano geboren.Pizzano, wo die Familie des Vaters Besitz hatte, ist eine frazione von Monterenzio bei Bologna, vgl. Tilliette im Dizionario biografico degli Italiani Als vierjähriges Mädchen kam sie nach Paris, als ihr Vater zum Astrologen und Leibarzt von König Karl V. berufen wurde. Ihrem Vater verdankte sie eine gute Bildung in Latein, Geometrie und Arithmetik, die sie später durch umfangreiche Lektüre älterer und zeitgenössischer, theologischer und profaner Literatur in französischer und lateinischer Sprache erweiterte. Sie wuchs im höfisch gebildeten Umfeld um Karl V. auf; ihr Vater förderte ihre Beschäftigung mit den schönen Wissenschaften und dem Lateinischen.

Im Alter von fünfzehn Jahren wurde Christine mit dem zehn Jahre älteren kleinadeligen königlichen Sekretär Étienne du Castel (1354–1390) verheiratet und bekam in der Folge drei Kinder mit ihm.

Nach dem Tod ihres Vaters 1387 und dem ihres Mannes, der 1390 einer Seuche erlag, hatte sie mit langwierigen Erbschaftsprozessen und daraus resultierenden finanziellen Problemen zu kämpfen. Über viele Jahre führte sie Prozesse, um ausstehende Zahlungen und Ansprüche aus dem Nachlass ihres Mannes durchzusetzen. Neben ihren Kindern musste sie auch ihre Mutter und zwei jugendliche Brüder versorgen. Sie heiratete nicht erneut, sondern machte die Schriftstellerei zur Grundlage ihrer wirtschaftlichen Selbstständigkeit. Sie besann sich auf ihr dichterisches Talent und begann Balladen, Lais und Rondeaus zu verfassen, wobei sie sich Eustache Deschamps zum Vorbild nahm. Für ihre Kinder verfasste sie zunächst das Erziehungsbuch „Buch der Klugheit“, das sie, gegen das hierbei übliche Entgelt, Philipp dem Kühnen widmete, dem Herzog von Burgund, einem Sohn des französischen Königs Johann II. miniatur|Christine de Pizan liest vor einer Männergruppe.

Hiernach gewann sie rasch weitere zahlungskräftige Mäzene, denen sie ihre Werke widmete und überreichte, darunter die französische Königin Isabeau de Bavière und die ebenfalls zur königlichen Familie gehörenden Herzöge Johann von Berry, Ludwig von Orléans und Johann Ohnefurcht von Burgund, der Nachfolger Philipps des Kühnen. Als Hofautorin besaß sie für eine Frau des frühen 15. Jahrhunderts ungewöhnliche Freiräume, über höfische Liebesdichtung hinaus auch zu Geschichte, Philosophie und religiösen Streitfragen zu schreiben.

Christine thematisierte als Lyrikerin zunächst die Liebe, wobei sie vor allem in sehr persönlich wirkender Weise den Verlust ihres Gatten beklagte (Ballades du veuvage, Cent ballades d’amant et de dame). Bekannt ist ihr Gedicht Allein bin ich aus den Balladen der Witwenschaft.Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Anthologie, 15. März 2025, Nr. 63, S. 18 (auf der Website von Ralph Dutli). Später verfasste sie, nicht nur in Versform, sondern auch in Prosa, mehr lehrhaft-philosophische Werke, z. B. den Fürstenspiegel L’Épître d’Othéa (1400) oder die Betrachtungen über das Wirken Fortunas in der Geschichte und in ihrem eigenen Leben in La Mutation de Fortune (1403). In La Mutation de Fortune deutete sie den Einschnitt ihrer Witwenschaft auch als literarische Verwandlung: Nach dem Tod des Mannes erscheine sie im Text als Mann, um die für ihr Schreiben nötige Handlungsfähigkeit zu behaupten. In politisch motivierten Werken reagierte sie auf die Bürgerkriege im Frankreich des intermittierend geistesgestörten Königs Karl VI. (1380–1422), hinter dem ständig verschiedene Personen und Parteien, insbesondere die „Bourguignons“ und „Armagnacs“, um die Macht im Staate kämpften und dabei immer wieder auch England in ihre Streitereien hineinzogen (→ Bürgerkrieg der Armagnacs und Bourguignons; Schlacht von Azincourt). Dazu zählen die Werke Le Livre des faits d’armes et de chevalerie (1410), Lamentations sur les maux de la guerre (1410) und Le Livre de la paix (1413).

Ebenfalls politisch intendiert war eine apologetische Biografie (1404) des Gönners ihres Vaters und großen Königs Karl V., der mit Hilfe seines tüchtigen Feldherrn Bertrand du Guesclin die Engländer fast aus Frankreich hinausgedrängt und das Land vorübergehend befriedet hatte. Den Auftrag hierzu erhielt sie von Philipp dem Kühnen, nachdem sie ihm ein illuminiertes Exemplar von La Mutation de Fortune überreicht hatte. Vielleicht war es Christine, die Karl den Beinamen „der Weise“ („le Sage“) verschaffte.

Im Jahr 1399 kritisierte sie die Misogynie der Männer ihres gesellschaftlichen Umfeldes, und insbesondere die von Jean de Meung im Rosenroman, womit sie die sogenannte Querelle du Roman de la rose entfesselte, den ersten Pariser Literatenstreit in der Geschichte der französischen Literatur, in den sie selbst mit ihrer Épître au dieu d’amours (ebenfalls 1399) eingriff. Anfang 1402 legte sie am Hof eine Sammlung der einschlägigen Beiträge vor; dabei stützte sie sich auch auf die Unterstützung des Kanzlers der Universität Paris, Jean Gerson. Diese Auseinandersetzung gilt als die erste große französische Literaturfehde. 1401 verfasste sie Le Dit de la rose, der die fiktive Gründung eines die Frauen schützenden „Rosenordens“ beschreibt. Von 1404 datiert ein 1405 erschienenes Traktat zur richtigen Erziehung der Mädchen, das der 12-jährigen, 1404 vermählten Marguerite de Bourgogne gewidmete Werk Le Livre des trois vertus („Das Buch der drei Tugenden“). Es ist in drei Teile gegliedert und ruft drei Tugendallegorien Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit auf.Margarete Zimmermann: Sages et prudentes mainagieres in Christine de Pizans »Livre des Trois Vertus« (1405). In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Mit einem Register von Ralf Nelles. Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X, S. 193–206. Obgleich das Buch einige Gemeinsamkeiten mit anderen Werken hat, etwa mit dem Ménagier de Paris, Leon Battista Albertis Della famiglia und Jean Rychners Les .XV. Joies de Mariage, gilt es als vom „femininen Blick“ bestimmtes „einzigartigesVgl. Diane Bornstein: The Lady in the Tower. Hamden 1983, S. 13. Werk innerhalb der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Frauendidaxe“. mini|Miniatur in einer Pariser Handschrift der Cité des Dames (Anfang 15. Jh., Meister der Cité des Dames)

1405 stellte sie ihr aus heutiger Sicht interessantestes Werk fertig: Le Livre de la Cité des dames. In ihm weist sie, in Reaktion auf eine Veröffentlichung von Matthaeus von Boulogne und am Beispiel bedeutsamer Frauengestalten aus der biblischen und profanen Geschichte, auf die verkannten Fähigkeiten der Frau hin und entwickelt das Bild einer utopischen Gesellschaft, in der den Frauen gleiche Rechte gewährt werden. Das Bauwerk entsteht im Dialog mit den Allegorien Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit, die Christine beim Errichten eines Schutzraums gegen die in Literatur und Gesellschaft verankerte Misogynie helfen. Die „Bausteine“ dieser Stadt bilden vorbildliche Frauen aus Bibel, Antike und Geschichte, deren Lebensgeschichten die Leistungsfähigkeit und Bildungsfähigkeit von Frauen vor Augen führen. Die Gespräche in der Stadt verbinden die Verteidigung weiblicher Gelehrsamkeit mit Kritik an Zwangsverheiratungen und sexueller Gewalt. Hierin schreibt sie u. a.:

Darüber hinaus zeigte sie in ihrem Hauptwerk, wie die negativen Aussagen der Gelehrten über das weibliche GeschlechtWulf Hund: Rassismus im Kontext, S. 12 auf die Frauen wirkten. Sie beschreibt ihre eigenen Zweifel in einem fiktiven Dialog mit Gott, in dem sie ihm zunächst vorwirft, «Gott habe mit der Frau ein niederträchtiges Wesen erschaffen», um dann jedoch zu dem Schluss zu kommen, dass «Du [Gott] selbst, und zwar auf eine ganz besondere Weise, die Frau erschaffen [hast …] Es ist doch undenkbar, dass du in irgendeiner Sache versagt haben solltest!» Ihr Vertrauen in Gottes Weisheit lässt sie ihre Selbstzweifel überwinden und ermutigt sie dazu, Das Buch von der Stadt der Frauen zu verfassen. Nachdrücklich betont sie ihren Glauben daran, dass «nicht der geringste Zweifel daran bestehen [kann], dass die Frauen ebenso zum Volke Gottes […] gehören wie die Männer». (Zitate: Das Buch von der Stadt der Frauen, S. 37 und S. 218)

Ab 1418, dem Beginn einer der schlimmsten Phasen des Hundertjährigen Krieges, wohnte sie zurückgezogen bei ihrer Tochter Marie im Kloster der Dominikanerinnen von Saint-Louis de Poissy. Während der burgundischen Besetzung von Paris lebte sie dort zurückgezogen und schwieg literarisch für etwa elf Jahre. In Poissy erfuhr sie 1429 vom Auftreten Jeanne d’Arcs und von der Krönung Karls VII. in Reims und verfasste im Sommer 1429 das Dictié en l’honneur de la Pucelle. Hiernach ist nichts mehr bekannt über sie. Vermutlich starb sie bald nach 1430 in Poissy.

Rezeption Einige Texte Pizans wurden von Komponisten ihrer Zeit vertont. Ihr Liebesgedicht Dueil angoisseus, rage demeseurée avancierte in der Fassung von Gilles Binchois zu einer der schönsten und traurigsten Balladen des 15. Jahrhunderts.Lexikon der Alten Musik auf BR-Klassik: Gilles Binchois in: br-klassik.de, 27. April 2021; abgerufen am 22. Juni 2021 (Audiobeitrag inklusive Musikbeispielen) Zwei ihrer Werke erschienen 1489 und 1521 in englischer Übersetzung.Gudrun Honke: Margaret More-Roper (1505–1544). „Dir und keinem anderen Menschen sonst“. In: Luise F. Pusch (Hrsg.): Töchter berühmter Männer: Neun biographische Portraits (= Insel TB. Band 979). Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-458-32679-0, S. 9–45, hier: S. 43, Anm. 20. Auch eine portugiesische Übersetzung von Livre des Trois Vertus wurde bereits zwischen 1447 und 1455 auf Veranlassung der portugiesischen Königin Leonore verfasst und erschien 1518 mit dem Titel Espelho de Cristina („Spiegel der Christine“) im Druck.Charity Cannon Willard: A Portuguese Translation of Christine des Pisan’s Livre des Trois Vertus. In: Publications of the Modern Language Association of America. Band 78, 1963, S. 459–464.Dorothee Carstens-Grokenberger (Hrsg.): Christine de Pisan, »Buch von den drei Tugenden« in portugiesischer Übersetzung. Aschendorff, Münster 1961.