Im weiteren Sinne bezeichnet das Wort Begriff in der Philosophie, wie ein Wort zu verstehen ist (im Sinne von „zu begreifen“). Es handelt sich somit um die Verbindung einer sprachlichen Bezeichnung mit einem Gedankeninhalt (Konzept). Als Begrifflichkeit wird in der Philosophie die Fassbarkeit bzw. Abbildbarkeit eines Begriffs bezeichnet.
In diesem Artikel wird die Diskussion über Begriffe in der Philosophiegeschichte und der philosophischen Systematik dargestellt; für einige allgemeinere Aspekte siehe auch den Artikel Begriff.
Einführung Die Frage, was unter Begriff zu verstehen und was dessen Funktion sei, hat eine lange Geschichte in der Philosophie und spielt bis heute eine nicht zu vernachlässigende Rolle, so vor allem in Disziplinen der Philosophie des Geistes, Epistemologie und Ontologie sowie in angrenzenden Fachwissenschaften wie etwa der Psychologie und in Ansätzen formaler Wissensrepräsentation. Grundsätzlich können Begriffe einerseits von Eigenschaften und andererseits von Gegenständen unterschieden werden; von letzteren werden klassischerweise zunächst Allgemeinbegriffe gebildet, die unterschiedliche Individuen miteinander teilen und die in eine Hierarchie von Gattungen und Arten gebracht werden können. Einige Philosophen wenden darüber hinaus auch Begriffe für einzelne Individuen an, sogenannte Individualbegriffe.
Herkömmliche philosophische Begriffstheorien lassen sich zunächst in fünf Hauptfamilien einteilen, die sich vor allem hinsichtlich der Individuationskriterien von Begriffen unterscheiden:Earl, l.c. klassische Begriffstheorien: Begriffe sind durch notwendige und hinreichende Bedingungen festgelegt. neoklassische Theorien: Begriffe haben zwar notwendige Bedingungen, aber keine hinreichenden. Prototypentheorien: typische Eigenschaften, paradigmatische Fälle oder Beispiele legen Begriffe fest. Theorie-Theorien: Begriffe werden durch die funktionale Rolle individuiert, welche sie innerhalb bestimmter Theorien spielen. atomistische Theorien: Begriffe sind nicht weiter analysierbar.
Etymologie Der neuhochdeutsche Ausdruck „Begriff“ leitet sich aus dem mittelhochdeutschen und frühneuhochdeutsch begrif oder begrifunge ab.Vgl. „Begriff“ in Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts In einer bis ins 14. Jahrhundert vorherrschenden Bedeutung wurde er auch im Sinne von 'Umfang' verstanden und so zum Beispiel vom Begriff einer Stadt gesprochen.
Philosophiegeschichte In der Philosophie, speziell in deren Arbeitsbereich der Logik, hat der Terminus Begriff eine lange Geschichte. In der Rede können bestimmte Ausdrücke dazu verwendet werden, einen oder mehrere Gegenstände zu bestimmen. Es stellt sich deshalb schon früh die Frage, ob sie die unveränderlichen Merkmale, Vorstellungen im Geist oder die Dinge selbst bezeichnen.vgl. R. Haller: Begriff, der philosophische Gebrauch, in: HWPh, 1, S. 780 f.
Antike Sokrates Weder Sokrates, noch Platon oder Aristoteles hatten einen Ausdruck dafür, was wir heute als Begriff bezeichnen. In der Figur des Sokrates der platonischen Dialoge ist uns zum ersten Mal explizit die Frage nach den allgemeinen Merkmalen von Dingen und Handlungen in methodischer Form überliefert.
Aristoteles sagt von Sokrates, er sei der erste gewesen, der nicht nur danach fragte, woraus etwas geworden ist, sondern danach, was es ist (τί ἐστι). Ziel des sokratischen Fragens war eine allgemein gültige, unbezweifelbare Definition (ὁρισμός), die er aus seinen Gesprächspartnern durch das Aufzeigen von Aporien herauslocken wollte. Sokrates gibt sich nicht mit einer Angabe von Fällen oder Beispielen einer Sache zufrieden. So fragt er nicht nach Beispielen tugendhaften Handelns, sondern möchte wissen, was die Tugend selbst ist. Er forderte seine Gesprächspartner auf, das Allgemeine (καθόλου, wörtlich: hinsichtlich des Ganzen) aus dem Einzelnen (ἕκαστον) herauszuarbeiten. Das ist das, was in aller Mannigfaltigkeit der Einzelfälle immer identisch bleibt.vgl. Chr. Axelos: Allgemeines, Besonderes, in: HWPh, 1, S. 164 f.; ebenso: Gernot Böhme: Platons theoretische Philosophie, Metzler Verlag, 2000 (Lizenzausgabe der WBG), S. 116 „Zweierlei ist es, was man mit Recht dem Sokrates zuschreiben kann: die Induktionsbeweise und die allgemeinen Definitionen; dies beides nämlich geht auf das Prinzip der Wissenschaft. Sokrates setzte das Allgemeine und die Begriffsbestimmungen nicht als abgetrennte, selbständige Wesen; die Anhänger der Ideenlehre aber trennten es ab und nannten dieses Ideen der Dinge.“Aristoteles: Metaphysik, 1078b, übersetzt von Hermann Bonitz
Platon Platon folgt den Lehren Parmenides’ und Heraklits. Weil sich die sinnliche Welt in stetigem Wandel befindet und man nicht sagen kann, dass etwas so und so ist, liefert die Erfahrung der sinnlichen Wahrnehmung kein Wissen oder sichere Erkenntnis (epistêmê). Diese gibt es nur vom unwandelbar Seienden,vgl. Uwe Meixner: Erkenntnis, in: Christian Schäfer (Hrsg.): Platon Lexikon, WBG, Darmstadt 2007, S. 111. Meixner bezieht sich auf Philebos 59a–b, Theaitetos 152d, e, Timaios 27d–28a und Politea 534a, sowie Aristoteles: Metaphysik 987a. das nur denkend erkannt werden kann. Das Denken (noêsis, dianoia) bezeichnet er als ein Gespräch der Seele mit sich selbst (dia-logos, dialegésthai). So sind Sprechen oder Sprachlichkeit und rationales, diskursives Denken (dianoia) eng aneinander gekoppelt.vgl. Michael Schramm: Logos, in: Schäfer, S. 184 f. Es kann nur dasjenige Gegenstand des Wissens sein, was begrifflich vom λόγος (logos, Rede, Vernunft) erfasst wird. Platon unterscheidet zwei Arten von Begriffen. Unveränderliche, eigentlich seiende Formen oder Urbilder, die unabhängig von den Einzeldingen existieren und das Wesen, welches erst durch die Einzeldinge erscheint. In den frühen Dialogen lassen sich noch keine bestimmten Ausdrücke für so etwas wie unveränderliche Formen in seinen Texten bestimmen. Erst seit den mittleren Dialogen kristallisieren sich dafür die Ausdrücke eidos (εἶδος) und idea (ἰδέα) heraus, die in der Geschichte des Begriffs ein immer wiederkehrendes Thema bilden.vgl. R. Haller: Begriff, in: Ritter, Band 1, Basel 1971, S. 781.
Auf die Frage, was etwas ist, muss nach Platon der λόγος eine Antwort in der Form geben: was es jeweils (eigentlich) ist (ὃ ποτε ὅν). An manchen Stellen heißt es bei ihm, die Definition sei die Angabe des Wesens von etwas oder dem, was wesentlich zum Seienden gehört (λόγος τῆς οὐσίας). Um Seiendes (z. B. die Tugend oder auch eine Biene) zu bestimmen, muss man nicht nur angeben, worin es sich von anderem unterscheidet, sondern wesentlich für seine Bestimmung ist die Angabe, worin es mit allen Individuen seiner Gattung identisch ist, oder wie Friedrich Schleiermacher es ausdrückt, worin seine Natur besteht.Platon behandelt dieses Problem im Menon 72a7–76a5 Platon sagt nun, dass die ousia (ούσία) dem Seienden eine bestimmte Prägung oder Gestalt, das ειδος, verleiht, die nur von der Vernunft erkannt werden kann. Das ειδος geht aber nicht in einer Definition auf.vgl. Böhme, S. 118 f. Vielmehr bildet es bei Platon mit ihr zwei komplementäre Zugangsarten zum Seienden. Ein Seiendes wird durch die Definition diskursiv begriffen, d. h., es wird von einer Vorstellung zur anderen mit logischer Notwendigkeit fortgeschritten. Im Gegensatz dazu wird sein Wesen intuitiv erfasst.vgl. Böhme, S. 117 Definitionen sind Darstellungen der Ideen im λόγος. Durch sie wird versucht, das Allgemeine zu bestimmen, das es möglich macht, die vielen Einzelfälle überhaupt als etwas Identisches anzusprechen.vgl. Böhme, S. 116 f. Idee und Wesen unterscheidet von der Erscheinungswelt, dass sie prinzipiell unsinnlich, nur denkbar sind.vgl. Platon: Der Staat, 506E-507C
Platon benutzt viele Umschreibungen für die Ideenvgl. H. Meinhardt: Idee, I. Antike – von Platon bis Aristoteles, in: Ritter, Band 4, Basel 1976, S. 56 (→ Ideenlehre). Sie sind das Medium des Erfassens oder Erkennens alles Seienden und haben von Natur aus an beiden Welten anteil. Die veränderlichen Dinge sind nur seiend, weil sie an den Ideen teilhaben. Die Frage, was ist, zielt auf die Idee des Seienden. Der Name bezeichnet einerseits die Idee des Einzeldinges selbst und andererseits das konkrete Einzelne.vgl. Böhme, S. 6 Die Ideen fallen dem λόγος nicht einfach zu, sondern müssen durch Ideenteilung, er nennt dies Dihairesis, gewonnen und zugleich begründet werden. Diese Kunst nach Gattungen zu unterscheiden fällt in die dialektische Wissenschaft. Fremder: Das Trennen nach Gattungen, daß man weder denselben Begriff für einen anderen, noch einen anderen für denselben halte – wollen wir nicht sagen, dass gehöre zu der dialektischen Wissenschaft? Theaitetos: Ja, das wollen wir sagen. Fremder: Wer also dies gehörig zu tun versteht, der wird eine Idee durch viele einzeln voneinander gesonderte nach allen Seiten auseinandergebreitet genau bemerken, und viele von einander verschiedene von einer äußerlich umfasste(n), und wiederum eine durchgängig nur mit einem aus vielen verknüpfte, und endlich viele gänzlich voneinander abgesonderte. Dies heißt dann zu unterscheiden wissen, inwiefern jedes in Gemeinschaft treten kann und inwiefern nicht. Theaitetos: Auf alle Weise gewiss. Fremder: Aber dies dialektische Geschäft wirst du, hoffe ich, keinem anderen anweisen als dem rein und recht Philosophierenden.Platon: Der Sophist (253B-254A). Übersetzt von Friedrich Schleiermacher
Nach Platon gehen auch die Begriffe nicht in Definitionen auf. Eine Definition ist nur der Anfang oder die Grundlage ihres Bestimmens. Das Gemeinsame von Idee und Begriff ist, das eine Beziehung vom Allgemeinen zum Besonderen in ihnen oder durch sie hergestellt wird. Genauer betrachtet gehört bei Platon die Idee zur Seinsordnung und der Begriff zur Ordnung der Erkenntnis.vgl. Böhme, S. 110 Der Begriff kann viele Einzelfälle unter sich enthalten. An der Idee haben viele Einzelfälle teil. Sie ist etwas, in dem sie übereinkommen. Eine Art der Erkenntnis nennt er νοειν („erfassen“, „begreifen“, „einsehen“Peter Staudacher: Denken, in: Christian Schäfer, S. 77.). Sie richtet sich direkt auf die Ideen, kann aber sprachlich nicht angemessen ausgedrückt werden. Die andere Erkenntnisart, διανοειν (von dianoia „das Nachdenken“, „der Verstand“), richtet sich auf die Verhältnisse zwischen den Ideen in Form von Begriffen. Diese Art kann unmittelbar mitgeteilt werden.vgl. Haller, S. 781 Die obersten Gattungen oder formalen Begriffe sind für Platon Sein, Selbigkeit (Identität), Verschiedenheit, Bewegung und Ruhe. In diesen Formen wird alles Seiende geordnet. Ohne die gegenseitige Verflechtung der Ideen gibt es keine begründete Rede.vgl. Dorthea Frede: Dialektik in Platons Spätdialogen, in: Marcel van Ackeren (Hrsg.): Platon Verstehen, WBG, Darmstadt 2004, S. 158 Fremder: […] wenn er aber, nur um wunder was Schwieriges ausgedacht zu haben, seine Freude daran hat, die Rede bald hierhin, bald dorthin zu ziehen […]. Denn dieses ist weder gar herrlich noch eben schwer zu finden; jenes aber ist ebenso schwer und zugleich auch schön. Theaitetos: Welches? Fremder: Das vorher Erklärte, nämlich dies beiseite lassend so viel wie möglich dem Gesagten im Einzelnen prüfend nachzugehen, wenn jemand im gewissen Sinne Verschiedenes auch wieder als identisch setzt und, was ein Identisches ist, als verschieden, in dem Sinn und der Beziehung, in welcher er sagt, daß ihm eins von beiden zukomme. Aber von dem Identischen ganz unbestimmt wie, behaupten, es sei auch verschieden und das Verschiedene identisch und das Große klein und das Ähnliche unähnlich, und sich so freuen, wenn man immer nur Widersprechendes vorbringt in seinen Reden – das ist keine wahre Untersuchung, teils gewiss eine ganz junge von einem, der die Dinge eben erst angerührt hat. Theaitetos: Ganz offenbar. Fremder: Aber auch, oh Bester, alles von allem absondern zu wollen, schickt sich schon sonst nirgendhin, auf alle Weise aber nur für einen von den Musen verlassenen und ganz unphilosophischen Menschen.