mini|Verschiedene Kartoffelsorten Die europäische Kulturgeschichte der Kartoffel begann, als sie die spanischen Entdecker und Eroberer in Südamerika kennengelernt hatten. Sie brachten weitere, ihnen bisher unbekannte Pflanzen und Früchte wie Tomaten, Gartenbohnen, Paprika und Mais aus der gesamten "Neuen Welt" mit. Alle sind überall selbstverständliche Teile der Ernährung geworden, wobei die Kartoffel ihre größte Bedeutung aber in Europa erlangte.
Etymologie Das Nachtschattengewächs Kartoffel stammt ursprünglich aus dem Südwesten Südamerikas. Sie lag bereits vor ca. 8000 Jahren bei andinen Siedlungsgemeinschaften domestiziert vor und ihre Kultur breitete sich über viele Jahrhunderte in weiten Teilen Südamerikas aus, wo die Knolle unter verschiedenen einheimischen Namen angebaut wurde. Im Inkareich hieß sie papa (). Dieser Name verdrängte die vorinkanischen Bezeichnungen bei den von den Inka unterworfenen Völkern und setzte sich auch im Spanischen durch.Paula Mariángel Chavarría, Paula Fuentealba Urzúa: Patrimonio alimentario de Chile. Productos y preparaciones de la Región de La Araucanía. Fundación para la Inovación Agraria (FIA), Santiago de Chile 2018, ISBN 978-956-328-227-6, S. 111 (online) (PDF; 58 MB).Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. De Gruyter, Berlin/New York 1975, Lemma Kartoffel.
Bei den Inka lernten die Spanier die Kartoffel in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts kennen und brachten sie mit ihren Schiffen nach Europa. Die Ähnlichkeit mit der Batate (Süßkartoffel) führte zur Vermischung der beiden Begriffe, so dass ab 1606 das Wort patata als Bezeichnung für beide Pflanzen (und ihre jeweiligen Früchte) auftauchte und sich im 18. Jahrhundert in Europa durchsetzte. Auch der englische Name potato leitet sich von patata ab. Heute wird auch in Spanien wieder zwischen der Kartoffel () und der Batate () unterschieden. In Hispanoamerika und auf den Kanaren wird nach wie vor das ursprünglich übernommene Wort verwendet.Joan Corominas: Breve diccionario etimológico de la lengua castellana. 3., überarbeitete und verbesserte Auflage (1973), 13., unveränderter Nachdruck, Gredos, Madrid 2006, ISBN 978-8-42492-364-8, S. 438.
In Italien erhielt die Kartoffel wegen ihrer Ähnlichkeit mit Trüffeln den Namen Tarathopholi, auch Taratouphli. Bereits 1591 erwähnte der deutsche Landgraf Wilhelm IV. (Hessen-Kassel) diese Bezeichnung in seinen Briefen. Um 1800 waren in Deutschland die abgeleiteten Wörter Tartuffeln oder Artoffel üblich. Daraus hat sich durch eine Dissimilation das Wort Kartoffel entwickelt. Dagegen hat das italienische Wort tartufolo an Bedeutung verloren, an seine Stelle ist patata getreten.Duden: Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Mannheim 2007. Lemma Kartoffel.
In der nordfranzösischen Mundart Patois galten einst die Bezeichnungen tartoufe sowie tartoufle als Synonyme für Kartoffel und waren für Molières Komödie Tartuffe namensgebend.Blandine Vié, Patrick de Mari: Pommes de terre et truffes… des cousines ?, 25. September 2013, abgerufen am 11. Oktober 2022. Den heute dominierenden hochfranzösischen Ausdruck pommes de terre hat man ins Deutsche als „Erdäpfel“ übernommen. Die Kartoffel hat regionale und dialektale unterschiedliche Bezeichnungen, zum Beispiel Erdäpfel, Erdbirnen, Töften, Schocken, Mäusle oder Tuffeln, auch "Kartuffel". Eine deutsche historische Bezeichnung ist auch Ertüffel.Wilhelm F. K. Fuess: Die Geschichte der Kartoffel. Forschungsinstitut für Stärkefabrikation, Berlin 1939, S. 70; S. 73 (Karte 8: Die volkstümlichen Namen der Kartoffeln). In der Pfalz und angrenzenden Regionen wie Saarland, Hunsrück und Nordbaden ist ebenso wie in einigen Bundesländern ÖsterreichsSedlazek am Mittwoch: Blaue Kartoffeln sind am wertvollsten in der Wiener Zeitung vom 6. Januar 2009, abgerufen am 15. Januar 2012. die Bezeichnung Grumbeer oder Grundbirne für die Kartoffel allgemein geläufig, der wohl durch die Donauschwaben samt der Frucht auch auf den Balkan gelangte (z. B. ins Serbische).S. zur Wortgeographie im deutschsprachigen Raum Bernhard Martin: Die Namengebung einiger aus Amerika eingeführter Kulturpflanzen in den deutschen Mundarten (Kartoffel, Topinambur, Mais, Tomate). Schmitz: Gießen 1963 (Beiträge zur deutschen Philologie 25). .
Geschichte der Kartoffel Von Südamerika nach Europa In den Anden Südamerikas kultivierten die einheimischen Völker Kartoffeln in zahlreichen Sorten bereits seit Jahrtausenden. Die Termine der meisten religiösen Feste der Inka entsprachen im Kalender den Pflanz- und Erntezeitpunkten dieser Erdfrucht. Die angebauten Sorten waren bereits hoch entwickelt, den verschiedensten Anbaulagen und unterschiedlichen Verwendungszwecken angepasst und weit entfernt von den Urformen, wie sie von der Natur hervorgebracht worden waren. In den kargen Bergen war die papa die Hauptnahrung der Einheimischen. In Peru lässt sich die Kartoffel in viertausend Meter Höhe anbauen, wo Mais nur noch in den günstigsten, frostfreien Lagen gedeihen kann. Die Entdeckung der Kartoffel durch die Spanier mini|250px|Juan de Castellanos
1532: Im Verlauf der Eroberungskampagne des Inkareiches (1531–1536) stieß der spanische Conquistador Francisco Pizarro bis zu den Anden, dem Areal der Kartoffel, vor. Einen konkreten Beweis, dass Pizarro sich neben Gold auch für die Kartoffel interessiert hat, gibt es nicht. 1536: Eine von Gonzalo Jiménez de Quesada in die Hochebene von Kolumbien geführte Expedition lernte im Jahre 1537 in dem Dorf Sorocotá (in der heutigen Provinz Vélez) die Kartoffel kennen. Die Kunde von diesem ersten Kontakt mit der Kartoffel wurde 1601 in einem Manuskript von Juan de Castellanos festgehalten, das aber erst im 19. Jh. veröffentlicht wurde. 1552: Francisco López de Gómara machte in seiner Historia general de las Indias als Erster die Existenz der Kartoffel publik. In diesem Werk berichtet er, der selbst nie in Amerika gewesen war, dass die Einheimischen der Collao Hochebene (Altiplano, Titicacasee) sich von Mais und papas (Kartoffeln) ernähren und „hundert und mehr Jahre alt“ werden. 1553: Pedro de Cieza de León, ein Augenzeuge, der weite Teile der Anden gegen Ende der 1530er und im Laufe der 1540er Jahre durchquert hatte und dabei des Öfteren auf die Kartoffel gestoßen war, berichtet in seiner Chronik von Peru (1553), wie die Kartoffel in der Gegend von Quito verwendet wurde: gekocht und dann verspeist oder durch Gefriertrocknung zu chuño verarbeitet und haltbar gemacht.Massard 2009, Nr. 15 (siehe Literatur).
Aus Peru über die Kanaren nach Spanien Um 1562: Auf ihrem Weg von Südamerika nach Spanien machte die Kartoffel Zwischenstation auf den (spanischen) Kanarischen Inseln. Dies weiß man, weil im November 1567 drei Fässer, die Kartoffeln, Orangen und grüne Zitronen enthielten, von Gran Canaria nach Antwerpen, und im Jahre 1574 zwei Fässer mit Kartoffeln von Teneriffa via Gran Canaria nach Rouen verschifft wurden. Geht man davon aus, dass mindestens fünf Jahre nötig waren, um so viele Kartoffeln zu erhalten, dass sie zum Exportartikel werden konnten, so fand die Einbürgerung der Pflanze auf den Kanaren spätestens 1562 statt. Um 1570: Der früheste Beleg dafür, dass die Kartoffel Spanien erreicht hat, findet sich in den Büchern des Hospital de la Sangre in Sevilla, das im Jahre 1573 Kartoffeln eingekauft hat. Man nimmt an, dass die Kartoffel Spanien spätestens 1570 und frühestens 1564/65 erreicht hat, da ansonsten der Botaniker Clusius, der das Land 1564 auf der Suche nach neuen Pflanzen bereiste, sie wohl bemerkt hätte. Von Spanien aus gelangte die Kartoffel nach Italien und breitete sich dann langsam auf dem europäischen Festland aus.
England und Irland Auf die Britischen Inseln soll die Kartoffel ohne den Umweg über Spanien gelangt sein. Wer die Kartoffel dorthin gebracht hat, ist unbekannt. Francis Drake war es jedenfalls nicht, wahrscheinlich auch nicht Walter Raleigh, auch nicht Thomas Harriot, Namen, die immer wieder in diesem Zusammenhang genannt werden. Historisch belegt ist, dass die Kartoffel spätestens 1596 in England angekommen war, denn in dem Jahr erschien in London der Katalog der Pflanzen, welche der Botaniker John Gerard in seinem Garten in Holborn züchtete, und darin kam auch die Kartoffel vor. In Irland hält man vor allem in der Gegend von Cork daran fest, die Kartoffel verdanke man Walter Raleigh, dessen Wappen einen Kartoffelzweig erhielt. Nach einer anderen Theorie sollen bei der Plünderung der an der Küste gestrandeten Wracks der von Drake 1588 besiegten spanischen Armada auch zur Verpflegung der Mannschaft mitgeführte Kartoffeln erbeutet worden sein. Tatsächlich scheint die Kartoffel zwischen 1586 und 1588 in Irland angekommen zu sein. Ihr Anbau ist ab 1606 nachgewiesen, und noch vor dem Ende des 17. Jahrhunderts hatte sie sich zum Grundnahrungsmittel der Iren entwickelt.Massard 2009, Nr. 16 (siehe Literatur).
Botanische Werke Neben Gerards oben erwähntem Katalog erschien im Jahre 1596 der Phytopinax des Basler Botanikers Gaspard Bauhin, der in diesem Werk eine der ersten Beschreibungen der Kartoffel geliefert und ihr den botanischen Namen Solanum tuberosum gegeben hat. Bauhin schreibt, er habe von dem berühmten Dr. Laurentius Scholtz (Scholz), in dessen Garten die Kartoffel wachse, [im Jahre 1590] eine Zeichnung dieser Pflanze erhalten, auf welcher jedoch weder die Blüten noch die Knollen dargestellt seien. Scholz soll bereits im Herbst 1587 in seinem Garten zu Breslau die Kartoffel angebaut haben. Im Dezember 1597 publizierte Gerard The Herball or Generall Historie of Plantes (Kräuterbuch), in dem er der Kartoffel ein ganzes Kapitel widmete und das die erste Abbildung einer Kartoffelpflanze enthielt. Er nannte sie Virginia-Kartoffel. mini|Abbildung der Kartoffelpflanze in Gerards Kräuterbuch (1597) mini|Der älteste Herbarbeleg einer Kartoffelpflanze, aus Caspar Bauhins Herbar (Ende 16./Anfang 17. Jhdt.) Im Jahre 1601 erschien in Antwerpen das Buch Rariorum Plantarum Historia (Naturgeschichte seltener Pflanzen) von Carolus Clusius (Charles de l’Écluse) mit einer Beschreibung und einer Abbildung der Kartoffel. Im Januar 1588 hatte er seinen ersten Kontakt mit der Kartoffel, als ihm Philippe de Sivry, der Gouverneur von Mons (Belgien), zwei Knollen als Geschenk zukommen ließ. De Sivry hatte seine Kartoffeln im Vorjahr von einem Freund des päpstlichen Legaten in Belgien unter dem Namen Taratoufflo erhalten. Clusius lebte Anfang 1588 noch in Wien, zog dann aber im Laufe desselben Jahres nach Frankfurt, wo er die Knollen in seinem Garten anpflanzte. Ob die Kartoffel dann wirklich von dort aus Deutschland eroberte und in die Schweiz sowie nach Frankreich (Franche-Comté, Dauphiné, Vivarais) vordrang, wie dies behauptet wurde, ist unklar. Jedenfalls kann man davon ausgehen, dass es um das Jahr 1600 in den meisten europäischen Ländern Botaniker oder Liebhaber gab, welche die Kartoffel als kostbare Rarität in ihren eigenen Gärten oder jenen ihrer vornehmen und reichen Dienstherren züchteten. So sandte Wilhelm IV. von Hessen-Kassel Knollen aus seinem Lustgarten an den Kurfürsten Christian I. von Sachsen. Kartoffelblüten erregten damals die Aufmerksamkeit des französischen Hofes. So trug Marie-Antoinette auf Bällen einen Kranz zarter Kartoffelblüten im Haar.
mini|Kartoffelblüte
Das Verkosten der oberirdischen Früchte endete oft mit Bauchschmerzen oder Vergiftungserscheinungen, und so entstanden bald zahlreiche Vorurteile gegenüber dieser schön blühenden Pflanze aus Übersee. Die Kartoffel erhielt den Ruf einer „Giftpflanze“.
Es gibt viele auch widersprüchliche Geschichten und Anekdoten, wie die Kartoffel in Europa zur Agrarfrucht wurde. Die zeitgenössischen Berichte sind sehr ungenau, wurde doch die Kartoffel von damaligen Berichterstattern oft mit der Süßkartoffel und vor allem mit Topinambur verwechselt. Diese Bodenfrüchte haben zwar ein wenig Formähnlichkeit, sind aber biologisch nicht miteinander verwandt.