Als Wirtschaftsjournalismus wird die journalistische Beschäftigung mit wirtschaftlichen Themen verstanden. Schwerpunkte sind volkswirtschaftliche und wirtschaftspolitische Themen, die Entwicklung einzelner Branchen und neuer Technologien, Unternehmensberichterstattung und Börsenthemen. Wirtschaftsredaktionen sind häufig auch für verbraucherrelevante Themen zuständig.

Geschichte Anfänge Am Anfang der Pressegeschichte steht der Wirtschaftsjournalismus: Vorläufer der gedruckten Presse waren Kaufmannsbriefe wie die Fuggerzeitung, die Kaufleute mit Informationen versorgten. In Krisenzeiten wie der Inflation zu Beginn des Dreißigjährigen Kriegs, der Kipper- und Wipperzeit, wuchs naturgemäß das Interesse an ökonomischen Themen.

Walter Hömberg schreibt in seinem Aufsatz Vom Fugger-Brief zur Börsen-Website. Die Geschichte des Wirtschaftsjournalismus, schon die frühesten gedruckten Wochenblätter hätten Wirtschaftsinformationen enthalten. Beispielhaft nennt der Autor hier den in Wolfenbüttel erschienenen Aviso aus dem Jahre 1609. Obwohl ökonomische Fragen von Beginn an in den Zeitungen beachtet worden seien, wären sie doch zunächst nur eine „Randerscheinung“ gewesen. Dies habe zum einen daran gelegen, dass in den frühen Periodika der Bereich der Politik dominiert habe, zum anderen aber auch an der Situation der Wirtschaft selbst. Der Austausch von Gütern sei vorwiegend auf lokaler Ebene erfolgt, die Beteiligten hätten sich in persönlichem Kontakt darüber verständigen können. Erst mit der schrittweisen Ablösung konkreter öffentlicher Marktplätze durch abstrakte überregionale Märkte habe die medienvermittelte Kommunikation für breitere Bevölkerungskreise an Bedeutung gewonnen.

18. Jahrhundert Als neue Medien im 18. Jahrhundert entstanden die staatlich gelenkten Intelligenzblätter. Dieser neue Pressetyp habe nicht nur Nachrichten über Handel, Verkehr, Wechselkurse, Gewerbe und Landwirtschaft enthalten, sondern sei auch das Medium gewesen, in dem amtliche Bekanntmachungen und sämtliche Inserate veröffentlicht werden mussten, so Hömberg.Walter Hömberg: Vom Fugger-Brief zur Börsen-Website. Die Geschichte des Wirtschaftsjournalismus. In: Berufsziel Medienbranche. Wirtschaftsjournalismus. Nürnberg 2002, S. 13–17.

19. Jahrhundert Hömberg: „Seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts (Anmerkung: 20. Jh.) ist die Wirtschaftsberichterstattung bei den meisten Zeitungen mehr oder weniger etabliert. Die überregional verbreiteten Blätter und die großen regionalen Abonnementszeitungen enthielten einen eigenen Handelsteil, der sich auch für allgemein ökonomische und wirtschaftspolitische Themen öffnete.“

20. Jahrhundert Mit dem Beginn der Industrialisierung begann der Aufschwung der Börsen und damit das Interesse eines breiteren Publikums an Wirtschaftsnachrichten, Analysen und Ratgebern in Geldangelegenheiten. Die ersten Börsenzeitungen wurden gegründet und Tageszeitungen führten ein Wirtschafts-Ressort ein. Wegen hoher Nachfrage nach Börseninformationen entstanden die ersten Nachrichtenagenturen.

Etabliert hat sich der Wirtschaftsjournalismus quer durch alle Massenmedien im 20. Jahrhundert. Ab den 1960er Jahren veröffentlichten Fernsehen (Magazine) und Zeitungen verbrauchernahe Wirtschaftsthemen. Der Börsenboom Ende der 90er Jahre, bei dem immer mehr Privatpersonen in Aktien und Devisen investierten, entwickelte sich auch zu einem Boom der Wirtschaftsmagazine und des Wirtschaftsjournalismus. Einige Wirtschaftsmagazine wurden gegründet; Tageszeitungen und Publikumszeitschriften erweiterten die Wirtschaftsressorts. Mit der Finanzkrise ab 2007 erlebt der Wirtschaftsjournalismus einen weiteren Boom.

Je stärker der Anteil der wirtschaftlichen Aspekte in der Politik sei – etwa Arbeitslosigkeit, EU-Binnenmarkt usw., desto größer würden die Anteile, die Wirtschaftsthemen am Umfang der Medien, etwa der Zeitungen, hätten und umso höher müsse auch der Anspruch an die Qualität des Journalismus sein. „Alles was letztes Jahr Politik war, war Wirtschaftspolitik“ erklärte ein Journalist eines Wirtschaftsmagazins in den 90er Jahren.Claudia Mast: Wirtschaftsjournalismus. Grundlagen und neue Konzepte für die Presse. 1999, S. 128.

21. Jahrhundert: nach der Bankenkrise In ihrem Artikel Wirtschaftsjournalismus in der Krise: Ahnungslos, orientierungslos, überfordert schreiben Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz, dass die weltweite Krise des Finanzmarktes auch eine Krise des Wirtschaftsjournalismus ausgelöst habe.Hans-Jürgen Arlt, Wolfgang Storz: Wirtschaftsjournalismus in der Krise: Ahnungslos, orientierungslos, überfordert. Stand: 4. März 2011 Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus habe dem globalen Finanzmarkt gegenübergestanden „wie ein ergrauter Stadtarchivar dem ersten Computer – mit einer Mischung aus Ignoranz und Bewunderung, ohne Wissen, wie er funktioniere, ohne Ahnung von den folgenreichen Zusammenhängen, die sich aufbauen“ –, im Zweifel habe man sich der vorherrschenden Meinung angeschlossen. Der Wandel des Finanzmarktes vom Dienstleister der Realwirtschaft hin zu einer eigenständigen Branche mit hochspekulativen Entscheidungs- und Handlungskriterien werde vom tagesaktuellen Wirtschaftsjournalismus mindestens bis zum August 2007 in der Regel ohne Problembewusstsein begleitet und begrüßt: Die Informationen seien dürftig und die Orientierung irreführend. Aus diesem Sachverhalt leiten die Autoren für den Wirtschaftsjournalismus die folgende Pflicht ab: Da die Finanz- und Bankenbranche Gesellschaft und Wirtschaft mit Kredit und Geld ein quasiöffentliches Gut zur Verfügung stelle, müsse diese Branche unter besonders aufmerksamer Beobachtung stehen.

„Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus hat als Beobachter, Berichterstatter und Kommentator des Finanzmarktes und der Finanzmarktpolitik bis zum offenen Ausbruch der globalen Finanzmarktkrise schlecht gearbeitet; Pfusch am Bau nennt man das im Handwerk. Dass im Mittelpunkt unserer Untersuchung Qualitätsmedien standen, weckt böse Ahnungen, wie die übrige aktuell arbeitende Medienlandschaft im Sachgebiet Finanzmarktpolitik ausgesehen haben mag.“

Arlt und Storz weisen auf die Notwendigkeit einer Debatte über die Produktionsbedingungen der veröffentlichten Meinung hin. Sie erkennen in dem Vorwurf an den Wirtschaftsjournalismus, dass dieser nicht oder unzureichend vor der Großen Spekulation gewarnt und es versäumt habe zu alarmieren, nicht nur eine „berechtigte Kritik“, sondern auch die „gesellschaftliche Suche“ nach einem „Sündenbock“. So überfordere es den Journalismus generell und den Wirtschaftsjournalismus erst recht, anstelle vieler anderer zuständiger gesellschaftlicher Einrichtungen (beispielsweise der Politik, der fachlich verantwortlichen Aufsichtsbehörden, der Wirtschaftsverbände, der Wirtschaftswissenschaften etc.) diese Warnfunktion wahrzunehmen. Krisen seien in der Gesellschaft eher die Regel und nicht mehr die Ausnahme.

Das Netzwerk Recherche befasst sich mit wichtigen medienpolitischen Fragen und spricht sich für einen kritischen Wirtschaftsjournalismus aus. In einem Diskussionsentwurf des Netzwerk Recherche e. V. zum kritischen Wirtschaftsjournalismus heißt es, dieser sei in der Tendenz unkritischer und affirmativer als die Berichterstattung in anderen Ressorts. In den Politik- und Kulturressorts gebe es eine höhere Pluralität von Meinungen, Analysen und Haltungen der Autoren. Der Wirtschaftsjournalismus bewege sich in einem schwierigen Quellenumfeld – anders als in Politik und Kultur sei der Markt der akademischen und wissenschaftlichen Positionen viel stärker auf einen Elitenkonsens in ökonomischen und wirtschaftspolitischen Fragen konzentriert. Der Wirtschaftsjournalismus, der bis in die späten 1990er Jahre besprochen und als „trocken“ und „leserfern“ kritisiert worden sei, sei in dieser Form kaum noch existent. Er sei mehrheitlich von einer Wirtschaftsberichterstattung abgelöst worden, die als Verbraucher-, Service- oder Nutzwertjournalismus charakterisiert werden könne. „Der Nutzwert- und Servicejournalismus wird so zum erwartbaren Mainstream – auch für Unternehmen.“Diskussionsentwurf 10 Thesen zum kritischen Wirtschaftsjournalismus (PDF). Netzwerk Recherche, Stand: 26. Oktober 2006. Auswege aus der „Falle des rein produktorientierten Wirtschaftsjournalismus“ gebe es nur, wenn man hinter den Produkten das wirtschaftliche Handeln der Unternehmen durchdringe. Dies sei jedoch nur möglich, wenn Journalisten „ihre Hausaufgaben machten, Zusammenhänge recherchierten, Interessenanalysierten und Bilanzen prüften.“ Kritisiert wird auch die stärker gewordene Medienbeachtung der Aktienkurse. Der Publizist Albrecht Müller meint: „Das Elend des Wirtschaftsjournalismus findet in der Börsenberichterstattung seine Vollendung.“Rudolf Stumberger und Simon Poelchau: Blutbad an der Börse. Die Berichterstattung über Aktienkurse räumt diesen eine Bedeutung ein, die sie gar nicht haben. In: neues deutschland vom 5. Dezember 2016. S. 6.

Berufsfeld Wirtschaftsjournalismus In seinem Artikel „Lärm im System. Wirtschaftsjournalismus in einer globalisierten Welt“ schreibt Dennis Murphy, wenn man Wirtschaftsjournalist werden wolle, müsse man sich die Frage stellen, welche Probleme heute im Wirtschaftsjournalismus im Vordergrund stünden und was der „Lärm“ in der Wirtschaft sei. Sei dieser „Lärm“ in einem System erst einmal erkannt, habe man zwei Möglichkeiten: Man könne diesen abstellen oder von ihm lernen.Dennis Murphy: Lärm im System. Wirtschaftsjournalismus in einer globalisierten Welt. In: Berufsziel Medienbranche. Wirtschaftsjournalismus. Nürnberg 2002, S. 115. Wer im Wirtschaftsjournalismus tätig sein wolle, schreibt der Wirtschaftsjournalist Ulrich Viehöver, müsse eine Vorstellung von der Verlagsbranche besitzen, vor allem sollten die „Großen der Szene“ nicht übersehen werden.Ulrich Viehöver: Ressort Wirtschaft. UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2003, S. 19. Vor allem die neuen Medien hätten das Berufsbild des Wirtschaftsjournalisten in den vergangenen Jahren grundlegend geändert. Den „einen“ Wirtschaftsjournalismus gebe es nicht mehr. Tatsächlich begegne uns heute der Beruf des Wirtschaftsjournalisten in vielen Facetten: In der Rolle des Generalisten, des Unternehmensreporters, des Finanzjournalisten, des Verbraucherjournalisten, des wirtschaftspolitischen Berichterstatters und eines Journalisten, der besondere Vermittlungskompetenzen beherrsche, schreibt Christoph Moss bezüglich des Berufsbildes „Wirtschaftsjournalist“.Christoph Moss: Den „einen“ Wirtschaftsjournalismus gibt es nicht. In: B. Dernbach, T. Quandt (Hrsg.): Spezialisierung im Journalismus. 2009, S. 147.

Thesen zur Zukunft des Wirtschaftsjournalismus Die Zeitung werde nicht verschwinden, schreibt der Wirtschaftsjournalist Christoph Keese über Zukunft des Mediums, aber der Online-Sektor werde radikal wachsen – vor allem getrieben vom Werbegeschäft. Zurzeit, so Keese, mache der Werbeanteil 25 Prozent bei der Zeitung und fünf Prozent beim Online-Geschäft aus. Letzteres verzeichne hohe Umsatzzuwächse, und dies werde sich auch so fortsetzen. Damit würden dort eine ganze Reihe neuer Arbeitsplätze entstehen. Für junge Journalisten, die gerade mit der Ausbildung fertig geworden seien, so Keese, biete es sich an, dort einzusteigen. Zugleich ließe sich aber beobachten, dass sich noch vor fünf Jahren die meisten namhaften Journalisten bei den Printmedien „zu Hause“ gefühlt hätten. Dies habe sich gewandelt: Es wechselten viele Journalisten zum Internet, um Weblogs zu schreiben. Künftig werde der Journalist über verschiedene Kanäle sein Thema präsentieren – in Tages- oder Wochenzeitungen, Online oder als Internet-Video. New & Forthcoming Titles bei Springer, abgerufen am 7. Juli 2017.