Weltenberg, auch Weltberg, Kosmischer Berg, Urberg, Urhügel, ist eine alte, besonders in Asien weit verbreitete mythologische Vorstellung eines Berges im Zentrum der Welt, der in der Kosmogonie häufig aus einem kleinen Anfang entstand und später eine Terrassenform angenommen hat. Der Weltenberg kann über dem Nabel der Erde stehen oder sich als Wohnort der Götter im Himmel befinden (Himmelsberg). Die Vorstellung eines Weltzentrums steht in Verbindung mit dem Weltenbaum und der Weltachse. Im Unterschied zu einem Heiligen Berg, der als Sitz der Götter oder Urahnen verehrt wird, muss der Weltenberg nicht in einem realen Berg geografisch verortet werden.

Kosmogonie Schöpfungsmythen, die sich mit dem Ursprung des Kosmos beschäftigen, gibt es auf fast allen Kontinenten, wobei sie in den afrikanischen Kosmogonien höchstens als spätere Übernahmen aus dem asiatischen Raum auftauchen. Dort liegt der Schwerpunkt auf der Einführung der ersten Menschen. Nach der allgemeinsten Vorstellung der frühen Jäger und Sammler wird die Erde als kreisrundes Gebilde gedacht, das in der Mitte des grenzenlosen Urmeers treibt. Dies trifft für frühe sesshafte Hochkulturen und nomadisierende Völker gleichermaßen zu. In der antiken griechischen Mythologie umfließt der Okeanos die bewohnte Welt, während in der ägyptischen Mythologie für die Bewohner von Philae ihre Insel einst aus dem Urmeer Nun hervorgekommen war.Serge Sauneron, Jean Yoyotte: Ägyptische Schöpfungsmythen. In: Eliade: Die Schöpfungsmythen. 2002, S. 55. In der altnordischen Snorra-Edda ist die kreisförmige Erde an ihrem Außenrand von einem tiefen Meer umgeben. Ebenso dachten sich mehrere Altaisch sprechende Völker in Zentral- und Nordasien die Erde als runden Brotlaib auf dem Urmeer. Um die auf dem Wasser treibende Erdscheibe in ihrer Position zu fixieren, führten die nordöstlich des Ural lebenden Mansen einen ersten Menschen ein, dessen Aufgabe es war, die Erde mit Hilfe eines mit Silber beschlagenen Gürtels zu umschlingen, was zwangsläufig die Ränder aufwölbte und am äußeren Rand ein Ringgebirge entstehen ließ, das auch in der iranischen Mythologie vorkommt und dort Qaf genannt wird.

Wesentlich für dieses Weltbild ist ein Träger der Erde. Dieser ist in jedem Fall ein Tier und sehr häufig eine kosmische Schildkröte, auf deren Bauch oder Rücken der Schöpfergott die Erde oder genauer, den Weltenberg errichtet. Die indische Schildkröte Kurma spielte bei der Ausbreitung eines solchen Weltbildes in Asien eine führende Rolle. Mit der Ausbreitung des Buddhismus gelangte die Schildkröte nach Norden. Über China kam sie zu den Mongolen, bei denen eine goldene Schildkröte den Zentralberg trägt. In Thailand, bei den Ainu in Japan, einigen russischen und sibirischen Völkern trägt ein Fisch die Erde. Bei den muslimischen Arabern trägt ein Stier auf seinen Hörnern die Erde, so auch bei vielen Tataren. Die Krimtataren haben einen im Meer schwimmenden Riesenfisch mit einem darauf stehenden Stier kombiniert, auf dessen Hörnern wiederum die Erde ruht. Möglicherweise stammt der Träger-Stier vom iranischen Hochland.Uno Harva, 1938, S. 27–30.

Entstehung des Urhügels mini|Maniakala Stupa beim Dorf Maniakala, 2 km westlich der Grand Trunk Road und 27 km südlich von Rawalpindi in Pakistan. Gandhara-Zeit, 2. Jahrhundert n. Chr. Die Urform des Stupa besteht aus einer Halbkugel (anda) über einer zylindrischen Basis (medhi). Nach manchen Ursprungserzählungen war es der Schöpfergott leid, im Wasser zu schwimmen, weshalb er festen Boden unter seinen Füßen schaffen wollte und eine Insel, einen ersten Stein oder einen Lehmhügel erschuf. Im altägyptischen Heliopolis entstieg der Sonnengott Atum dem Urmeer und erschuf einen „Sandhügel“ oder den Urstein Benben, auf dem er sich niederließ und die weiteren Schöpfungselemente hervorbrachte. Der Urstein blieb im altarabischen Kult der Beduinen als Betyl (Bätyl, beseelter Stein, anikonisches Götterbild oder Wohnsitz einer Gottheit) erhalten. In Hermopolis entstand nach dem Willen der acht ägyptischen Urgötter eine „Feuerinsel“ mit einem „hohen Hügel“. Auf dem ersten Land, das Gott Ptah erschuf, um sich daraufzustellen, wurde die Hauptstadt Memphis erbaut. Dem späteren Theben und anderen Orten in Oberägypten kam gleichfalls Bedeutung durch einen Urhügel zu, auf dem sie gegründet wurden.Serge Sauneron, Jean Yoyotte: Ägyptische Schöpfungsmythen. In: Eliade: Die Schöpfungsmythen. 2002, S. 54–56.

Die Vorstellung von der Entstehung der Erde als Insel auf einer Wasserfläche findet sich gleichermaßen in der Bibel und in der sumerischen Überlieferung, wo der weibliche Drache Tiamat das Urwasser verkörpert. Der Schöpfergott gewann im Kampf gegen das Chaos, bis aus dem Körper von Tiamat Himmel und Erde wurden. Die Welt keimte in dem sich zerteilenden Weltenei. Der Weltenberg des babylonischen Erdkreises (sumerisch harsag (gal) kurkurra, semitisch sâd mâtâti) ruhte im Urmeer apsu.

Wie in Ägypten entstand bei den Tataren Sibiriens die Erde allmählich aus einem winzigen Hügel, der bei den Tataren in Chakassien zu einem „eisernen Berg“ emporwuchs. Offensichtlich übernahmen sie das verbreitete kosmogonische Modell und bauten es im Gesamten in ihr Weltbild ein. Die einzelnen altaisprachigen Völker verbanden die asiatische Vorstellung vom Weltenberg nicht mit einem ihrer regionalen Berge, auch wenn sie einen bestimmten Berg und besonders häufig den Altai als heilig angesehen haben.

Lage und Form des Weltenberges Viele kosmogonische Modelle basieren auf einem mehrschichtigen Himmel, der sich als Zelt oder Glocke über den Erdenkreis spannt. Häufig sind Himmel mit sieben oder neun Schichten übereinander. Einige Völker Zentralasiens kannten wie die altpersische Vorstellung einen Himmel mit drei Schichten, über denen sich das Paradies befand. Beim nordasiatischen Himmelszelt befand sich in der Mitte ein Rauchabzug in jeder Schicht, durch die der Schamane bei seiner Himmelsreise nacheinander hindurchkam. Bei einem siebenschichtigen Himmel traf der Schamane im sechsten Himmel auf den Mond und im siebten Himmel auf die Sonne. Zur Zeit des römischen Kaisers Julian im 4. Jahrhundert kannten Anhänger des Mithraismus neun Himmel. Dem entsprach die iranische Vorstellung von neun Planeten, die ihren Weg nach Indien gefunden haben könnte. Dort wird sie in einem, dem Brahmanen Yajnavalkya zugeschriebenen vedischen Text erwähnt. Gedankliche Überbleibsel eines neunstufigen Himmels in Nordeuropa blieben in finnischen Zaubersprüchen erhalten. In einem Vers stammt das Feuer ursprünglich von einem Berggipfel, der sich über dem Himmelsnabel erhebt. In Dantes Göttlicher Komödie durchschreitet der Icherzähler die sieben Terrassen des Läuterungsberges, der einen kosmischen Berg über der Südhalbkugel der Erde darstellt.

Die Zahl der Himmelsschichten findet ihre Entsprechung in den Terrassenstufen des Weltenberges, wobei neun Stufen nicht vorkommen. Die Mongolen dachten sich den Weltenberg quadratisch mit drei Stufen, bei den Jakuten waren die drei Stufen aus Silber und führten zu einem Götterthron aus weißem Stein hinauf. Die Kalmücken dachten sich den Weltenberg mit vier, die Tataren Sibiriens mit sieben Stufen. Nicht allgemein zu beurteilen ist, ob die Kerben in den in Nordasien aufgestellten hölzernen Säulen als zahlenmäßig entsprechende Abbilder der Himmelsschichten oder als Stufen einer schamanischen Himmelsleiter gedacht waren.Uno Harva, 1938, S. 52.

In manchen Mythen fungiert der Weltenberg als Wohnsitz der Götter und ist in den Himmel entrückt. In einem altaischen Schöpfungsmythos saß der höchste Gott Ulgen auf einem goldenen Berg (altyn tu), an dem Sonne und Mond immer leuchten. Damit ist der Himmel gemeint. Später senkte sich der Berg herab und beschattete wie ein gewölbtes Dach die Erde, ohne jedoch an den Rändern die Erdoberfläche zu berühren. Einen anderen Himmelsberg fertigten die Götter aus Stein, bis er so schwer wurde, dass die Menschen Angst hatten, er könnte auf sie herabstürzen. Die Götter bliesen deshalb eine dicke Luftschicht unter den Berg, damit die Menschen ihn nicht mehr sehen konnten.Uno Harva, 1938, S. 58f.

Der altiranische Weltenberg Albordschi ist im Wesentlichen eine Schöpfung des zoroastrischen Lichtgottes Ahura Mazda, wofür dieser 800 Jahre benötigte. Nachdem er in den ersten 15 Jahren den Grund befestigt hatte, wuchs der Berg in Etappen zunächst bis zum Sternenhimmel, dann weiter zum Mondhimmel, über diesen hinaus bis zum Himmel der Sonne und noch weiter bis zum Himmel des Urlichts. Dort liegt der Wohnort des höchsten geistigen Wesens Ahura Mazda. Vom Berg herunter strömt alles Wasser und fließt in die sieben Erdteile, auf denen sich insgesamt 244 Berge erheben, die alle mit dem Urberg zusammenhängen.Albordschi. In: Wilhelm Vollmer: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Hoffmann’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1874, S. 24f (bei zeno.org).

Die geläufigen asiatischen Vorstellungen vom Weltenberg gehen auf den indischen Berg Meru, auch Sumeru, zurück. Nach der indischen Kosmogonie erschufen die Götter (Suras) im Kampf mit den Dämonen (Asuras) die Welt, indem sie den Zentralberg Mandara, der auf dem Rücken einer Schildkröte (Kurma) stand, mit Hilfe der Seilschlange Ananta-Shesha in Drehung versetzten und so den Milchozean quirlten. Mehrere Götter, Sonne, Mond und Sterne sowie kostbare Gegenstände kamen daraufhin aus dem Milchozean hervor.

Sumbur heißt derselbe Berg bei den Mongolen, Sumur bei den Burjaten und Sumer bei den Kalmücken. Der sich drehende indische Weltenberg passt zur asiatischen Vorstellung einer Weltsäule, die wie eine Holzstange in der Zeltmitte bis zum Himmelsgewölbe ragt. Sie ist die vergrößerte Form eines Nagels, wie einige nordasiatische Völker den Polarstern nannten, weil sich um ihn in einer Kreisbewegung der Sternenhimmel dreht. In skandinavischen Sagen heißt dieser Drehpunkt veraldarnagli („Weltnagel“), die Samen sprechen vom bohinavlle („Nordnagel“).Uno Harva, 1938, S. 38. Wie die Säule ragt der Weltenberg bis zum Polarstern, er erstreckt sich also vom Erdnabel zum Himmelsnabel; und wie der Polarstern im Norden liegt, wird auch der Weltenberg im Norden vorgestellt. Inder verorten den Weltenberg in dem für sie im Norden gelegenen Himalaya und bringen ihn wie die Tibeter vorzugsweise mit dem heiligen Götterberg Kailash in Verbindung. Die Mandäer wenden sich beim Gebet nach Norden, wo sie den Himmelsgott vermuten, die Buddhisten brachten gemäß einer Schilderung aus dem 13. Jahrhundert die nordwärts gewandte Gebetsrichtung mit nach Zentralasien. Der Polarstern, um den die Sterne ihre Kreise ziehen, steht üblicherweise – außer bei den Jainas – über dem Sumeru. Bei den Kalmücken verbergen sich in einer sternlosen Nacht die Himmelskörper hinter dem Sumer.

Die Kalmücken haben auch das Quirlen des Milchozeans aus Indien übernommen. In ihrem Mythos besitzt der Weltenberg die Form einer Säule. Vier Götter hoben vereint den Weltenberg auf und drehten ihn wild im Urmeer umher, sodass daraus Sonne, Mond und Sterne hervorkamen. In einer anderen Erzählung der westlichen Mongolen rührte ein Schöpferwesen mit einer sehr langen Stange im Urmeer und erschuf Sonne und Mond. Anderswo wurde mit einem Eisenstab in der Ursuppe gerührt, bis sich etwas von dieser Flüssigkeit zu Erde verfestigte.