mini|hochkant|Sogenannte „kleine Schlangengöttin“, eine Fruchtbarkeitsgöttin, beim „Schlangentanz“ aus dem Palast von KnossosEmile Gilliéron und sein Sohn wirkten bei der Rekonstruktion von der Funde von Knossos entscheidend mit. Die Echtheit etwa der minoischen Schlangengöttin von Knossos (Minoische Religion) wird anhand der Ergebnisse der Radiokarbonmethode (14C-Datierung) ernsthaft angezweifelt.Kenneth D.S. Lapatin: Snake Goddesses, Fake Goddesses. How forgers on Crete met the demand for Minoan antiquities. In: Archaeology Band 54, Nummer 1, Januar/Februar 2001.Kenneth D.S. Lapatin: Mysteries Of The Snake Goddess: Art, Desire, And The Forging Of History Paperback. Da Capo Press, 2003, ISBN 0-306-81328-9 Die Religion der minoischen Kultur des bronzezeitlichen Kreta ist weitestgehend nur aus archäologischen Funden bekannt.
Religion der Vorpalastzeit mini|links|Der Stierspringer von Knossos archäologisches Museum Iraklio mini|links|Männer tragen Kälber und das Modell eines Bootes als Opfergaben zum Toten, zum Sarkophag von Hagia Triada mini|hochkant|Detail der Zeus-Höhle (Höhle der Psychro Ida-Gebirge) auf Kreta mini|hochkant|Kretischer Meister (Die "Pariserin"), Detail aus einer Wandmalerei im Königspalast von Knossos; mit dem Symbol auf der Rückseite, eines heiligen Knotens (um 1500 v. Chr.) In der Vorpalastzeit (Frühminoisch I bis Mittelminoisch IA, Frühminoische Zeit von ca. 2600 bis 1900 v. Chr.) existierten gepflasterte Plätze in der Nähe von Tholosgräbern. Diese könnten im Zusammenhang mit Totenkult oder für religiöse Feste gesellschaftlich genutzt worden sein. Weitere Heiligtümer existierten sowohl innerhalb als auch außerhalb bebauter Gegenden. Gipfelheiligtümer (z. B. auf dem Berg Giouchtas) und heilige Höhlen (z. B. die Höhle von Psychro, die Kamares-Höhle und die Höhle der Eileithyia in Amnissos) scheinen existiert zu haben und dienten wohl der gemeinschaftlichen Verehrung, während Schreine (z. B. in Myrtos-Fournou Korifi) privaten Kultpraktiken dienten. Berge galten wohl als bevorzugte Aufenthaltsorte der Götter, sodass dort Heiligtümer errichtet und religiöse Feste gefeiert wurden. Oft wurde der heilige Bezirk durch eine Mauer eingegrenzt. Innerhalb des heiligen Bezirkes stand ein Altar, seltener ein kleiner Tempel. Votivgaben wurden in Felsspalten abgelegt oder in Freudenfeuern verbrannt. Diese Votivgaben waren gebrannte Lehmfigurinen, darunter Menschen als Beter, Körperteile zum Erbitten von Heilung, Tiere (Stiere, Schafe, Ziegen, Schweine, Hunde, Vögel, Skarabäen, selten Wiesel) zum Erbitten von Schutz für das Vieh, Skarabäen wohl symbolisch, und Feldfrüchte zum Erbitten einer guten Ernte. Die Gottheiten scheinen Gottheiten der Natur gewesen zu sein, und vereinzelte Unterschiede in den Opferpraktiken weisen auf eine polytheistische Religion hin.J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 52.
Religion der frühen Palastzeit In der frühen Palastzeit (Mittelminoisch IB und II, Mittelminoische Zeit von ca. 1900 bis 1600 v. Chr.) wurden in ländlichen Regionen Gipfelheiligtümer und heilige Höhlen genutzt, in den Städten jedoch meist Räume innerhalb der Paläste und Häuser, selten auch frei stehende Gebäude. Die Gipfelheiligtümer, von denen es mindestens 37 Stück gab, erlebten in der Frühpalastzeit ihre größte Blüte. Dabei wiesen die Gipfelheiligtümer besondere Beziehungen zu den nahe gelegenen Palästen auf, so der Berg Giouchtas zu Knossos, der Berg Traostalos zu Zakros, der Berg Profitis Ilias zu Mallia und die Kamares-Höhle zu Phaistos. Die Kamares-Höhle war eine von gut 35 heiligen Höhlen. Vor allem in den Höhlen, aber seltener auch auf Gipfelheiligtümern, wurde Keramik, meist gefüllt mit Getreide, geopfert, so z. B. die Kamares-Keramik in der namensgebenden Kamares-Höhle. Ein gut erhaltenes frühpalastzeitliches Heiligtum fand sich im Westhof des alten Palastes von Phaistos. Das Heiligtum bestand aus drei Räumen. Im ersten Raum befanden sich Bänke mit Löchern und Ausguss für Tieropfer, im zweiten Raum stand ein Steinmörser für Getreideopfer während im dritten Raum eine Tritonsmuschel und ein stierköpfiger Opfertisch zu finden waren. Als Lustralbecken oder adyton bezeichnete Räume der frühen Palastzeit waren im Boden vertieft eingelassen, besaßen einen gepflasterten oder verputzten Boden und waren nur über Treppen zu erreichen. Sie dienten sakralen Handlungen, ebenso wie offene Höfe. Der einzige bekannte freistehende Tempel der Frühpalastzeit fand sich in Mallia.J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 89. Am Hang des Berges Giouchtas in Anemospilia fand sich ein weiterer dreiräumiger Tempel, in dem ein Menschenopfer durchgeführt wurde, welches durch ein Erdbeben konserviert wurde.J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 89–92.
Religion der späten Palastzeit In der späten Palastzeit (Mittelminoisch II bis erste Hälfte Spätminoisch IB, Spätminoische Zeit, von ca. 1600 bis 1450 v. Chr.) wurden zahlreiche kleine Gipfelheiligtümer nicht weiter genutzt, wenige größere Gipfelheiligtümer aber ausgebaut. Die religiösen Handlungen verlagerten sich in die Paläste und palastbezogene Gipfelheiligtümer. Der Berg Giouchtas wurde über eine Straße mit Knossos verbunden. Außerhalb der Umfassungsmauer wurde ein Gebäude errichtet, innerhalb wurden Megalithterrassen rund um einen Altar mit intensiven Brandspuren angelegt. Die heiligen Handlungen wurden im Freien nahe einer Felsspalte durchgeführt. Zudem fanden sich Statuetten, Trankopfertische, Siegelsteine und Votivwerkzeuge aus Bronze. Die heiligen Höhlen wurden weiterhin stark besucht, z. T. aber auch neue eingerichtet. Die Psychro-Höhle, auch bekannt als diktäische Grotte, und die Ida-Höhle enthielten besonders viele Votivgaben. Beide Höhlen galten in der späteren griechischen Mythologie als Geburtsstätten des Zeus. Weitere Heiligtümer lagen in den Palästen und in Privathäusern. Die im Palast stattfindenden Zeremonien waren entweder geheim oder für den Großteil der Bevölkerung nicht direkt zugänglich. So könnte z. B. der Thronsaal in Knossos für eine "Epiphaniezeremonie" mit Erscheinen einer als Göttin verkleideten Priesterin genutzt worden sein, inklusive Opferung im angrenzenden Lustralbecken. Weitere auf Siegeln und Siegelabdrücken abgebildete Kultusriten waren ekstatische Tänze, das Schütteln von Bäumen und das Umarmen großer Steine.
Religion der Zeit der letzten Paläste In der Zeit der letzten Paläste (zweite Hälfte Spätminoisch IB bis Spätminoisch IIIA1) wurden die olympischen Götter von mykenischen Griechen vom Festland auf Kreta eingeführt. Trotzdem blieben die religiösen Hinterlassenschaften typisch minoisch. In Knossos, dem einzigen noch genutzten Palast und Zentrum der mykenischen Herrschaft, wurden wahrscheinlich die olympischen Götter verehrt, während die minoischstämmige Bevölkerung weiterhin ihre alten Götter verehrte. Der Sarkophag von Agia Triada vermittelt ein Bild der Kulthandlungen jener Zeit. Darauf ist dargestellt wie ein Toter in seinem Grab Grabbeigaben erhält. Eine Frau gießt eine Flüssigkeit, vielleicht Blut, in einen Kessel, der zwischen zwei Doppeläxten hängt. Eine Frau trägt Eimer an einer Stange. Zwei Männer spielen Leier und Doppelflöte. Mehrere Frauen opfern einen Stier und Ziegen. Blut aus der Kehle des Stiers läuft in ein Rhyton. Eine Frau opfert Früchte an einem Altar zwischen Doppeläxten in der Nähe eines Tempels mit Kulthörnern.
Religion der Nachpalastzeit mini|Das Bronze-Schild stellt Zeus dar, in der Mitte umgeben von Curetes mit Trommeln; entdeckt in Ideon Andron (Kreta), Geometrischer Stil aus dem 7. bis 8. Jahrhundert v. Chr. In der Nachpalastzeit (Spätminoisch IIIA2 bis IIIC) wurden in Schreinen Figuren der "Göttin mit erhobenen Armen" aufgestellt. Sie waren ein typisch kretisches Phänomen und wiesen starke minoische Merkmale auf. Im zerstörten Palast von Knossos, der wahrscheinlich als heilig erachtet wurde, befand sich ein nachpalastzeitlicher Schrein mit ebensolchen Figuren. Selbst in den "Fluchtsiedlungen" der kretischen Berge im 12. Jahrhundert v. Chr. fanden sich noch solche Götterfiguren.J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 171.
Minoische Gottheiten mini|Der Herr der Tiere in einem Schmuckstück minoischen Ursprungs Teilweise herrscht die Ansicht, die Minoer hätten keine anthropomorphen Gottheiten gekannt. Auf Siegeln und Siegelabdrücken auftauchende Symbole für Gottheiten sind Vögel, Schmetterlinge, Kokons, Doppeläxte und heilige Knoten. Allerdings finden sich dort auch kleine, schwebende, meist weibliche Personen oder Männer und Frauen in befehlender Geste, die als Götter angesehen werden können. Sie tragen die übliche Kleidung der Minoer. Früher existierte die Theorie, dass die Minoer eine Große Mutter oder Große Göttin gehabt hätten, die von einem jugendlichen männlichen Gott begleitet wurde. Mittlerweile wird dies als unwahrscheinlich erachtet, obwohl keine Widerlegung vorliegt. Allgemein wird von einer polytheistischen Religion ausgegangen. Ikonographisch überlieferte Gottheiten
Ikonographische Darstellungen von Gottheiten finden sich zumeist auf Siegeln oder Siegelabdrücken, aber auch etwa auf Fresken oder in der Gestalt von Fayencestatuetten. Die Aufgabenbereiche dieser Gottheiten können anhand des Bildmaterials und von Vergleichen mit zeitgleichen oder späteren Kulturen interpretativ erschlossen werden.
Typus Gottheit Aufgaben Darstellung Attribute Herr der Tiere Herr der Tiere jugendlich, begleitet von Tieren (Löwen, Vögel), Tiere unterwerfend (Löwen, Stiere) Herrin der Tiere Herrin der Natur; Herrin der Tiere der Erde, des Meeres und des Himmels begleitet von verschiedenen Tieren (Löwen, Affen, Greife, Schlangen, Fische, Delfine und Vögel); manchmal Darstellung als Vogelfrau Mondgott Mond, Sohn der Sonnengöttin stehender Gott mit Mond über dem Kopf MondsichelNanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 219. Schlangengöttin Erde, Unterwelt von Schlangen umwunden oder Schlangen emporhaltend, Variation der Herrin der Tiere Schlangen Seeungeheuer Ozean löwenartiger Kopf Sonnengöttin SonneNanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 161., Unterwelt, Muttergöttin, GötterköniginNanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 154., Patronin des minoischen KönigsNanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 62. sitzende Göttin mit kurvigen Körperformen, teilweise mit Sonne über dem Kopf DoppelaxtNanno Marinatos: Minoan Kingship and the Solar Goddess – a Near Eastern Koine. Urbana, Chicago, Springfield 2013, S. 116., Sonnenscheibe, Rosette, Halbrosette Stier des Himmels Träger der Sonne/der Sterne Stierkopf mit strahlendem Stern oder Doppelaxt zwischen den Hörnern Wettergott Wetter, Stürme, Sohn der Sonnengöttin, kriegerischer Gott stehender, muskulöser und jugendlicher Gott, oft bewaffnet (mit Speer, Bogen, Schild), kommandierende Gestik, gekleidet in kurzen Schurz, manchmal eine hohe und spitze Tiara auf dem Kopf, Feinde oder Bestien bezwingend
Bei dem Herrn der Tiere, der Herrin der Tiere und der in ihrer Echtheit anhand der Ergebnisse der Radiokarbonmethode (14C-Datierung) umstrittenen Schlangengöttin handelt es sich um bestimmte Typen minoischer Götterdarstellung, deren konkrete Aufgabenbereiche entweder in den Darstellungen bereits angedeutet zu sein scheinen oder anhand dieser Darstellungen vorsichtig erschlossen werden.J. Lesley Fitton: Die Minoer. Stuttgart 2004, S. 154 ff.
Bei den anderen Gottheiten handelt es sich um Nanno Marinatos’ Interpretation einer Vielzahl minoischer Darstellungstypen von Gottheiten, die untereinander und mit Beispielen kontemporärer Kulturen verglichen werden.