Tengwar und Certar (Cirth) sind vom englischen Philologen und Autor J. R. R. Tolkien erfundene Schriftsysteme. Er hat sie sowohl zum Schreiben verschiedener konstruierter Sprachen aus seiner fiktiven Welt Mittelerde (beziehungsweise Arda) als auch natürlicher Sprachen wie Englisch verwendet.
Tolkiens fiktiver Mythologie nach entwickelten sich die beiden Schriftsysteme unabhängig voneinander. Certar (Quenya, Sing. Certa) bzw. Cirth (Sindarin, Sing. Certh) werden beide mit „Runen“ übersetzt. Sie sind vom Prinzip und Aufbau her den nord- und westeuropäischen Runenschriften nachempfunden und bilden somit eine Alphabetschrift. Sie wurden von Tolkien z. B. im Buch Der Hobbit verwendet. Tengwar (Quenya, Sing. Tengwa) oder Tîw (Sindarin, Sing. Têw) bedeuten „Buchstaben“ und sind im Gegensatz zu den Certar eigene, von Tolkien entwickelte Zeichen.J. R. R. Tolkien: Der Herr der Ringe. 2001, Anhang E-II, S. 1186. Sie tauchen u. a. im Herrn der Ringe im Ringspruch auf. Je nach Modus können die Tengwar entweder als reine Alphabetschrift oder – zusammen mit Tehtar (Quenya: „Zeichen“) genannten Vokalzeichen auftreten. mini|hochkant|Tengwarinschrift auf dem Einen Ring
Hintergrund Tolkien war bemüht, seine fiktive Welt möglichst authentisch und realistisch zu gestalten und nahm sich die Entwicklung der irdischen Welt zur Vorlage. Es erschien ihm daher unabdingbar, dass neben den Völkern und der Mythologie auch Sprachen und Schriften in Mittelerde nicht einfach aus dem Nichts, sondern ebenfalls durch historische Entwicklungen entstanden sein müssten. Deshalb erdachte er eine Reihe von Schriften für die Bewohner seiner Welt, die sowohl einen Ursprung besaßen als auch eine stetige Weiterentwicklung erfuhren. Aus dem ältesten Schriftsystem, den auf Valinor erfundenen Sarati, gingen so zunächst die Tengwar hervor, die später als Grundlage für die Certar dienten.Ross Smith: Inside Language. S. 106–107.
Tengwar Ursprünglich sind alle im Dritten Zeitalter verwendeten Schriftzeichen und Buchstaben von den Eldar (Elben) erfunden worden. Zur Zeit des Ringkrieges waren sie zu einem vollständig entwickelten Alphabet geworden. Es wurden jedoch weiterhin die älteren Schreibweisen benutzt, bei denen ausschließlich die Konsonanten durch volle Schriftzeichen dargestellt werden. Die Tengwar sind weiche Schriftzeichen, die mit dem Pinsel oder einer Feder geschrieben werden können. Selten wurden, beispielsweise für Inschriften, abgewandelte eckige Formen verwendet.
Die Tengwar sind die älteren Schriftzeichen, die von den Noldor, dem erfindungsreichsten Volk der Eldar, lange vor ihrer Verbannung in Valinor entwickelt wurden. Die Vorgänger dieser Buchstaben sind die Sarati von Rúmil aus Tirion, die als Valinorische Schrift (englisch Valmaric) bezeichnet werden. Diese fand niemals in Mittelerde Verwendung. Feanor, der älteste Sohn Finwes und Erfinder der Silmaril, hatte die später davon abgeleiteten Feanórischen Tengwar entwickelt, wobei er viele eigene neue Buchstaben hinzugefügt hat. Nach ihrer Verbannung aus Valinor brachten die Noldor diese Schrift mit nach Mittelerde, so dass sie später von den Edain und den Númenórern übernommen wurde. Sie war ebenso weit verbreitet wie die Gemeinsame Sprache in Mittelerde.J. R. R. Tolkien: Der Herr der Ringe. S. 1241–1252.
Rúmils Sarati Rúmils Alphabet hat teilweise ähnliche Schriftzeichen wie die später von Feanor entwickelten, jedoch stehen sie nicht immer für denselben Laut,Parma Eldalamberon 13. S. 18–89 und Parma Eldalamberon 16. S. 20–51. (Beispiele für rúmlische und vorfeanórische Schriftzeichen). da sie für das Quenya entwickelt wurden. Als die erste Schrift von Mittelerde werden sie Sarati Rúmils genannt. Rúmil wollte als Chronist die Geschehnisse jener Zeit festhalten, so soll er es gewesen sein, der die Ainulindale niederschrieb. Wann genau diese Schrift entstand, ist nicht bekannt, sicher ist nur, dass es zu einer Zeit war, als die Elben in der Stadt Tirion im Lande Aman nahe dem als Valinor bezeichneten Wohnsitz der Valar lebten. Die so genannte Valinórischen Zeit oder das Zeitalter der Zwei Bäume gilt als Ursprung dieser Schriftzeichen. Rúmil war es, der als Erster passende Zeichen für die Aufzeichnung von Sprache und Gesang hervorbrachte.J. R. R. Tolkien: Das Silmarillion. S. 81. Die Noldor verwendeten diese in den späteren Zeitaltern nicht, sondern die weiterentwickelte und an das Sindarin angepasste Schrift Feanors. Die Schriftzeichen Rúmils wurden im Quenya immer als Sarati bezeichnet, was auf eine Sprachwurzel (SAR) zurückgeht, die kerben, ritzen bedeutet. Ein einzelnes Zeichen heißt Sarat. Tolkien selbst hat die Schrift manchmal als Die Tengwar des Rúmil bezeichnet, wobei das Wort Tengwar in Quenya Buchstaben bedeutet. Die ältesten Aufzeichnungen Tolkiens, die die Sarati Rúmils (es gibt mehr als ein Dutzend davon) wiedergeben, stammen aus dem Jahr 1919 und reichen bis in die Mitte der 20er Jahre. Danach hat er sich der Weiterentwicklung der Tengwar und Cirth gewidmet und es gibt nur noch vereinzelte kleine Textbeispiele, in denen er die Sarati benutzte.Helmut W. Pesch: Das große Elbisch-Buch. S. 201–204.
Die Sarati wurden in den Inschriften ursprünglich von rechts beginnend geschrieben, wobei es vorkam, dass sie sich wie eine Schlangenlinie fortsetzten, also nicht am Zeilenende abgesetzt, sondern in der nächsten Zeile in umgekehrter Richtung weitergeführt wurden. Diese Art zu schreiben wird als Bustrophedon bezeichnet. In kursiver Form oder in Büchern wurden die Buchstaben hingegen von oben nach unten angeordnet. In der Buchform wurden die Buchstaben z. T. an eine Linie angelegt, wobei die Konsonanten rechts oder unterhalb und die Vokale links oder oberhalb davon standen. Die Konsonanten galten als vollwertige Schriftzeichen, während die Vokale als diakritische Zeichen angefügt wurden.Parma Eldalamberon 13. S. 66 (Schriftbeispiel).
Als Weiterentwicklung oder Zwischenstufe zu den Tengwar wird die Valmarische oder Valinórische Schrift angesehen. Hier gibt es eine Vielzahl von Zeichen für Buchstabenkombinationen. Diese Schrift wurde bereits durchgängig von links nach rechts geschrieben.Parma Eldalamberon 14. Early Quenya & Valmaric. Ab S. 98. (Valmaric).
Feanors Tengwar mini|Die von Feanor weiterentwickelten Tengwarreihen des Dritten Zeitalters Mit der Verbannung der Noldor aus Valinor kam die Schrift der so genannten Lichtelben nach Mittelerde. Diese erweiterte und veränderte Form der Schriftzeichen wurde als das Feanórische Alphabet bezeichnet, obwohl die Anordnung der Buchstaben nach dem Prinzip der ähnlichen Schreibung der Konsonanten erfolgte. Dieses System besteht aus 24 Primärbuchstaben, die in vier Spalten (témar) und sechs Zeilen (tyeller) angeordnet sind. Zusätzlich gibt es noch 12 weitere Buchstaben, von denen nur zwei (l = lambe und s = silme) als selbständige Konsonantenzeichen gelten, während die übrigen Modifikationen bestehender Zeichen darstellen. Daneben existieren so genannte tehtar (Zusatzzeichen), die nicht in der Tabelle erscheinen. Ein Primärbuchstabe wird aus einem telco (Stamm) und einem lúva (Bogen) gebildet. Dabei gelten die ersten vier Zeilen der Tabelle als die normale Form. Der telco konnte verlängert oder, wie in Zeile 5/6, verkürzt werden. Der Bogen wurde entweder offen oder durch einen waagerechten Strich (hwarma) geschlossen ausgeführt oder konnte verdoppelt werden.
Die erste Spalte wird als die Reihe der Dentallaute angesehen und entsprechend ihrem ersten Buchstaben tincotéma genannt. Die zweite steht für die Labiale und heißt parmatéma. Bei den Spalten drei und vier, calmatéma und quessetéma, ist die Zuordnung abhängig von der genutzten Sprache. Für das Quenya gibt es eine zusätzliche Spalte mit Palatallauten, die eine abgewandelte Form der tincotéma darstellt und zusätzlich zwei Punkte über oder unter dem Schriftzeichen aufweist, die einen j-Laut (y) anfügte. Diese wurde tyelpetéma genannt.
Die Zeilen folgen einem anderen Schema, so besteht die erste aus stimmlosen Verschlusslauten, die zweite mit doppeltem Bogen deutet auf eine Stimmhaftigkeit hin. Ein nach oben verlängerter Stamm gibt einen Reiblaut an. Die fünfte Zeile ist für gewöhnlich den Nasalen vorbehalten, während die sechste Zeile den schwächsten Laut oder einen Halbvokal enthält. Es handelt sich also um eine Lautschrift. Der Gebrauch war jedoch, je nach Sprache (Quenya, Sindarin, Westron…), manchmal abweichend.
Die Vokale werden häufig durch tehtar dargestellt. Diese Zeichen befinden sich für gewöhnlich oberhalb des Konsonantenzeichens. Im Sindarin wird das tehta auf den folgenden Konsonanten gesetzt, gibt es keinen, so wird ein kurzer Träger benutzt. Das ‘a’ wird durch drei Punkte dargestellt, die ein Dach bilden, ähnlich einem französischen Zirkumflex. Das ‘i’ besteht aus einem einfachen Punkt, ‘e’ gleicht einem Akut, ‘o’ und ‘u’ haben einen nach rechts oder links weisenden Bogen.
Es existieren unterschiedliche Schreibweisen, die sich aus dem Feanórischen Alphabet entwickelt haben. Die Schreibung von Beleriand hatte beispielsweise neben den tehtar eigenständige Vokalzeichen, ebenso wie die Schreibweise der Menschen von Númenor, bei denen jedoch ein durch tehta angezeigter Vokal dem Konsonanten folgte. Die Menschen in Gondor nutzten diese nur teilweise, bei aufeinander folgenden oder angehängten Vokalen, da bei ihnen das tehta auf dem Folgekonsonanten lag, der Vokal also vor dem Konsonanten gesprochen wurde. Ein identisch aussehendes Zeichen mit tehta wird je nach Sprachgebrauch also unterschiedlich ausgesprochen. Zusätzlich gibt es noch Zeichen für eine Lautverdopplung, die durch ein tildenartiges Zeichen, in Abhängigkeit von der Ausrichtung des telco (Stammes), ober- oder unterhalb des Konsonantenbogens angezeigt werden oder die Längung von Vokalen anzeigen.Helmut W. Pesch: Das große Elbisch-Buch. S. 205–237.
Jedem Tengwa ist ein eigener Name, ein Wort in der Sprache Quenya zugeordnet, in dem dieses Zeichen vorkommt oder mit dem dieses Wort beginnt. Diese Bezeichnungen habe folgende Bedeutung.Wolfgang Krege: Elbisches Wörterbuch Quenya und Sindarin. S. 39–41. tincotéma parmatéma calmatéma quessetéma tinco (t) = Metall parma (p) = Buch calma (c, k, ch) = Lampe quesse (kw, qu, selten k) = Feder ando (nd im Quenya, sonst d) = Tor umbar (mb im Quenya, sonst b) = Schicksal anga (ng im Quenya, sonst g, selten j) = Eisen ungwe (ngw, gw, selten g) = Spinne thúle, súle (s, th)im Quenya stimmloses ‘s’, im Sindarin stimmloses englisches ‘th’ = Seele, Wind, Atem formen (f, ph) = Norden harma (ch, h) = Schatz, Besitzspäter aha (h) = Zorn wenn ‘h’ im Anlaut steht hwesta (hw, chw) = Brise, Windhauch anto (nt im Quenya, sonst oft dh)stimmhaftes englisches ‘th’ = Mund ampa (mp im Quenya, sonst oft v)deutsches ‘w’ = Haken anca (nk) = Kiefer, Gebiss unque (nkw, nqu) = Vertiefung, Mulde númen (n, selten nn) = Westen malta (m) = Gold ngoldo, noldo (ng, nim Anlaut) = ein Noldorelb ngwalme, nwalme (ngw, nw) = Folter, Qual óre (rschwach, nicht gerollt, selten n) = Herz, Gemüt vala (v, whalbvokalisch englisches w, selten m) = Gott anna (nn im Quenya, sonst selten j oder o) = Gabe, Geschenk vilya (v, w) = Luft Zusätzliche Zeichen rómen (rZungen-r) = Osten arda (rd, rh) = Reich, Erde, Welt lambe (l) = Zunge, Sprache alda (ld, lh) = Baum silme (s) = Sternenlicht, Silberschein silme nuquerna (s)für die Benutzung der diakritischen Zeichen gedrehte Schreibung = umgekehrtes Silberlicht áre, áze (z, ts?, später ss)später esse (ss) = Name, Bezeichnung = Sonnenlicht, Goldschein áre, áze (esse) nuquerna = umgekehrtes Goldlicht hyarmen (ch, h)wie in ‘ich’ gesprochen = Süden hwesta sindarinwa (w, hw)stimmloses ‘w’, Variante des hwesta, angepasst an das Sindarin = sindarin hwesta yanta (yhalbvokalisches ‘y’ (i), i, j, selten e) = Brücke úre (whalbvokalisches w, selten u) = Hitze, Glut
Certar