Hirtenberger steht für die Marke und das Unternehmen, welches lange Zeit bekannter Hersteller von Munition war. Das Unternehmen hat eine Geschichte, die von etlichen unternehmerischen Übergängen gekennzeichnet ist.

Die Hirtenberger Holding GmbH ist ein in Hirtenberg im Bezirk Baden, Niederösterreich, ansässiger traditioneller Rüstungsbetrieb im Segment der Metall- und Munitionsherstellung. Seit den frühen 1990er Jahren wird die Produktpalette um zivile Technologieprodukte ergänzt. Hierzu wurden Tochterfirmen gegründet beziehungsweise Hersteller aufgekauft, um mittels Technologietransfer der aus einer 150-jährigen Rüstungsgeschichte erworbenen Fähigkeiten, Marktanteile im Industriemarkt zu erringen. Die Hirtenberger Holding GmbH gehörte von 1996 bis zu seinem Tod 2018 dem ehemaligen IBM-Manager und vormaligen Eigentümer der Ankerbrot AG, Helmut Schuster und beschäftigt heute rund 1.800 Mitarbeiter.

2015 wurde die etwa gleich große Komptech aus Frohnleiten (Steiermark) übernommen.Komptech-Gruppe wird Teil von Hirtenberger

Heutige Produkte Tätigkeitsschwerpunkte der Hirtenberger Group liegen in der Herstellung hochpräziser Stanz- und Prägeteile für die Auto- und Elektroindustrie (HPT Präzisionstechnik). Daneben spielen aktive automotive Sicherheitsprodukte (wie Gasgeneratoren und elektrisch gezündete Aktuatoren für Fußgängerschutzsysteme, Kopfstützen oder Airbags) eine tragende Rolle ().Hirtenberger AG (Hrsg.): , Hirtenberger AG, Hirtenberg 2010, S. 120–128 (PDF; 6,7 MB) Seit der Übernahme von Komptech ist die Unternehmensgruppe auch in der Umwelttechnik aktiv.

Die Gemeinde Hirtenberg im „Munitionsdreieck“ miniatur|Feuerwerksanstalt zwischen Wöllersdorf und Bad Fischau (etwa 1919)

Die Anfänge der Einrichtung militärischer Anlagen (Artilleriematerial) im Wiener Becken geht auf die Zeiten Maria Theresias im 18. Jahrhundert zurück. Die weitläufige, karge und daher wenig besiedelte Region stellte günstige Standortbedingungen für industrielle Ansiedlungen zur Verfügung. Die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien lag nah und bot gute Verkehrsanbindung zu Land und zu Wasser. Staatliche wie private Gewerbe- und Industriebetriebe legten ihren Sitz in diesen Teil Niederösterreichs.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts diktierte die „k.u.k. Munitionsfabrik Wöllersdorf“ (s. Wöllersdorfer Werke) mit 50.000 Beschäftigten im Ersten Weltkrieg das Geschehen. Eine Vielzahl weiterer Munitionsfabriken siedelte sich an, sodass man bald vom „Rüstungs- oder auch Munitionsdreieck“ im Wiener Becken sprach.Hirtenberger AG (Hrsg.): , Hirtenberger AG, Hirtenberg 2010, S. 14 (PDF; 6,7 MB)

Firmengeschichte

K. K. ärarische Schießwollanstalt In Hirtenberg im Triestingtal selbst, siedelte sich 1851 die „K. K. ärarische Schießwollanstalt“ an. 1854 richtete die Anstalt einen staatlichen Munitionsbetrieb am Ort ein. Sie rüstete die österreichische Artillerie mit verbessertem Cellulosenitrat (Schießbaumwolle) als Ersatz für das Treibmittel Schwarzpulver bei Geschützen aus, einem Verfahren, das der spätere Feldzeugmeister Wilhelm Freiherr Lenk von Wolfsberg entwickelt hatte. Gerhard Freiherr von Ledebur schrieb in seinem Buch über die geschichtliche Darstellung der Seemine, dass Lenk die Herstellung einer Trinitrocellulose gelungen war, die die militärischen Forderungen nach langer Haltbarkeit, gleichmäßiger Verbrennung bei hoher Effizienz erfüllte.Gerhard Freiherr von Ledebur, „Die Seemine“, Verlag J. J. Lehmann, München 1977 Das Verfahren der geregelten Verdichtung der Faser bei der Schießbaumwolle wurde am 4. Juni 1864 patentiert. Es führte aber nicht zum erwünschten Erfolg, da die Lagerung der hochexplosiven Schießbaumwolle für militärische Zwecke zu gefährlich war. Nach zwei Magazinexplosionen 1865 wurde diese Technik vorerst nicht mehr weiter verfolgt. Das Nitrosezellulosepulver sollte erst 1890 wieder Einzug in die Waffen- und Munitionstechnik erhalten.Hirtenberger AG (Hrsg.): , Hirtenberger AG, Hirtenberg 2010, S. 19 (PDF; 6,7 MB)

Firma Serafin Keller (1860 bis 1887) Der in Niedereichsel, Deutschland, geborene Serafin Keller (1823–1882) kam 1848 als ausgebildeter Drechsler nach Hirtenberg und arbeitete sich dort zum Werkführer einer Baumwollspinnerei hoch. 1860Bezüglich der Selbständigkeit Kellers werden in unterschiedlichen Quellen auch andere Gründungsjahre genannt; so 1859 und 1860–1864 machte er sich selbständig und begründete eine eigene Werkstätte, die „Patronenfabrik“. Es wird davon ausgegangen,ausweislich der Akten im Wiener Kriegsarchiv dass die Beziehungen zur „K.k. ärarische Schießwollanstalt“ ab 1863 auch die Belieferung Kellers mit Artilleriemunition und kleinen Waffenteilen (Riemenbügel) ermöglichte. Hergestellt wurden Zünder und andere Metallwaren. 1863 errichtete er auf einem zugekauften Grundstück eine zweite Manufaktur (heute: „Kromag-Alcar“). Produziert wurden Metallpatronen für das Militär. Ab den 1870er Jahren wurden auch Patronenhülsen für Handfeuerwaffen (Revolver) hergestellt. Im zivilen Bereich entdeckte er Versorgungsmöglichkeiten für Jagdwaffen; daraus ergab sich ein neues Geschäftsfeld. Das Unternehmen wuchs fortwährend und beschäftigte in den 1870er Jahren bereits 150 Mitarbeiter. 1882 waren es 400 Mitarbeiter und der Firma wurde die Ehre zuteil, sich als „k. k. Hof-Lieferant“ bezeichnen zu dürfen.Hirtenberger AG (Hrsg.): , Hirtenberger AG, Hirtenberg 2010, S. 23 (PDF; 6,7 MB)

Ab 1883 führten drei der Söhne, Anton (1850–1924), Fridolin (1849–1923) und Serafin Keller jun. (1845–N/A), das Unternehmen als Offene Gesellschaft (vergleichbar der oHG in Deutschland) fort. 1886 gab es den ersten großen Exportauftrag nach Serbien, wo fünf Millionen Gewehrpatronen geordert worden waren.

„Hirtenberger Patronen-, Zündhütchen- und Metallwaarenfabrik Keller & Compagnie“ (1887 bis 1896) miniatur|Hirtenberger Patronenfabrik (um 1895)

1887 firmierte das Unternehmen erneut um. Es entstand die Firma Hirtenberger Patronen-, Zündhütchen- und Metallwaarenfabrik Keller & Compagnie. Vorab war der hälftige Teil der Firmenliegenschaften an Ludwig Mandl (1828–1893) verkauft worden. Nacheinander schieden Serafin Keller jun. (Bürgermeister) und Fridolin Keller, der sich selbständig machte und Inhaber der Firma „Erste Österr. Zünder und Metallwarenfabrik Fridolin Keller A.G.“ (später: „Kromag Metallindustrie GesmbH“) wurde, aus der Firma aus.Hirtenberger AG (Hrsg.): , Hirtenberger AG, Hirtenberg 2010, S. 27 (PDF; 6,7 MB) Ein Jahr nach dem Tod Ludwig Mandls trat der Chemiker Alexander Mandl im Jahr 1894 in das Unternehmen ein. Nachdem um 1880 noch zwei 25-PS-Dampfmaschinen die eigentlichen Fertigungsmaschinen kraft Transmissionen antrieben, waren es 1896 bereits sechs Maschinen mit 383 PS. Der Maschinenbau wurde immer bedeutender. Spezialmaschinen für die Munitionsfertigung wurden nach Europa und Übersee abgesetzt.

An Patronen wurden vornehmlich die 7.92 × 57 mm Mauser M.88-Militärpatrone und die 11 mm-Schützenpatrone für Jagdgewehre vertrieben.

„Hirtenberger Patronen-, Zündhütchen- und Metallwaarenfabrik Aktiengesellschaft“ (1897 bis 1914) links|mini|Aktie über 400 Kronen der Hirtenberger Patronen-, Zündhütchen- und Metallwaaren-Fabrik vom 1. Mai 1897 miniatur|Ladestreifen mit 5 Patronen 7,92 × 57 mm; dieses Kaliber prägte die Firmengeschichte in der Munitionsfabrikation miniatur|Auch Patronen des Kalibers 9 × 19 mm (Parabellum) wurden über Jahrzehnte produziert

1898 ging die Gesellschaft als Aktiengesellschaft an die Wiener Börse. Bekannt wurde sie als Hirtenberger Patronenfabrik. Die Firma hatte eine enorme Größe erreicht. So konnten täglich bis zu 750.000 Patronenhülsen, 1.000.000 Zündhütchen, 500.000 Mantelgeschoße oder 150.000 Ladestreifen gefertigt werden. Die Kapazitäten reichten so weit, dass bis zu 500.000 Patronen verpackt werden konnten.Hirtenberger AG (Hrsg.): , Hirtenberger AG, Hirtenberg 2010, S. 32 (PDF; 6,7 MB)

1898 beschäftigte die Firma bereits 2600 Mitarbeiter. Ein Zweigwerk wurde in Ungarn begründet. Die Hirtenberger AG war zum zweitbedeutendsten Munitionsunternehmen nach „Roth“ geworden. Die Gesellschaft übernahm die Erzeugung der Infanteriemunition für das Bundesheer. Russland orderte das Kaliber 7,62 mm Mosin-Nagant während des Russisch-Japanischen Krieges in den Jahren 1904/05. Ebenfalls 1904 schied als letzter Keller-Nachkomme, Anton Keller, aus dem Unternehmen aus und gründete sein eigenes Unternehmen, aus dem die „Enzesfelder Metallwerke“ werden sollten.

Von 1909 bis 1922 wurde Karel Krnka (1858–1926) Chefentwickler. Er konstruierte die erste Selbstladepistole und die erste Repetierpistole. Die wichtigsten Exportregionen wurden der Balkan, Lateinamerika und Ostasien. Der Exportumfang belief sich bis zum Kriegsbeginn 1914 auf etwa 1,25 Milliarden Schuss.Hirtenberger AG (Hrsg.): , Hirtenberger AG, Hirtenberg 2010, S. 35–38 (PDF; 6,7 MB)

Die Hirtenberger Patronenfabrik im Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit

Während des Ersten Weltkrieges wurde der bisherige Personalhöchststand von 4.188 Mitarbeitern erreicht.Marie-Theres Arnbom, Friedmann, Gutmann, Lieben, Mandl und Strakosch: Fünf Familienporträts aus Wien vor 1938 S. 35 Der Krieg ließ zunehmend die Rohstoffreserven versiegen. Ab 1917 sank die Produktion rapide, da Fachpersonal immer mehr zum Militärdienst eingezogen wurde, Streiks der Arbeiterinnen für massive Unruhen sorgten und ein Fabrikbrand am 18. April 1920 die Produktionsinfrastruktur teils vernichtete und nachhaltig lahmlegte.Hirtenberger AG (Hrsg.): , Hirtenberger AG, Hirtenberg 2010, S. 45 (PDF; 6,7 MB) Während des Krieges gelang es gleichwohl, eine elektrische Zündung von Patronenmunition technisch erstmals umzusetzen.

Lediglich 15 % der zuletzt knapp 4200 Arbeitnehmer standen mit Kriegsende noch auf der Lohnliste der Hirtenberger AG. Da die Alliierten Österreich lediglich einen einzigen Staatsbetrieb für die Rüstungsfertigung zugestanden, musste die Hirtenberger Patronenfabrik, auf die die Wahl nicht gefallen war, umdenken und auf zivile Produkte ausweichen beziehungsweise die Rüstungsproduktion ins Ausland verlagern. Dies gelang ihr weit besser als den Konkurrenten.

1924 wurde Fritz Mandl (1900–1977) Generaldirektor der Firma. In den 1930er Jahren wurden die in- und ausländischen Beteiligungen angekurbelt (Waffenfabrik Solothurn, „Tiroler Messingwerk“) und Wirtschaftsgeflechte gebildet (Rheinmetall-Borsig, Steyr Daimler Puch hervorgegangen aus den Steyr-Werken), um aus den Synergien der Branchenbereiche zu profitieren.Erwin Steinböck, Österreichs militärisches Potential im März 1938 S. 68 Der Export wurde verstärkt und das Unternehmen stieg in den Flugzeugbau („Hopfner“) ein. Der schärfste inländische Konkurrent der vergangenen Jahre, die „G. Roth AG“ in Lichtenwörth wurde übernommen und in den Konzern integriert. Trotz Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit sowie massivem Rückgang des Welthandels vermochte Mandl das Unternehmen nahezu krisenunabhängig zu führen. Unter seiner Ägide ereignete sich die Hirtenberger Waffenaffäre,Historischer Bericht in der Wiener Zeitung einem groß angelegten Waffenschmuggel von Italien über Österreich nach Ungarn im Januar 1933, der indirekt in den Untergang der Ersten Republik führte. Ab Mitte der 1930er Jahre entwickelte und erzeugte die Hirtenberger AG Holzgasgeneratoren als alternatives Treibstoffsystem für Verbrennungskraftmaschinen, was während des Zweiten Weltkriegs bedeutsam werden würde, weil Mitteleuropa an Erdölmangel zu leiden bekam.Hirtenberger AG (Hrsg.): , Hirtenberger AG, Hirtenberg 2010, S. 40–65 (PDF; 6,7 MB)

Gustloffwerke Hirtenberg miniatur|Aufruf des Gauleiter Sauckel zum Hitlergruß als Zeichen der Dankbarkeit. miniatur|Die Nebenlager in Österreich miniatur|Trattnerhof in Wien, Sitz der USIA