mini|Ernst Förstemann, Begründer der modernen deutschen Orts- und Familiennamenforschung Die Namenkunde, auch Onomastik, Namenforschung oder Onomatologie, ist eine Teildisziplin der Sprachwissenschaft und beschäftigt sich mit der Bedeutung, Herkunft, Verbreitung, Struktur, Entwicklung und Verwendung von Eigennamen, unter anderem von Personennamen (Anthroponomastik) und Ortsnamen (Toponomastik). Sie umfasst verschiedene Disziplinen und Fragestellungen, die sich thematisch untereinander überschneiden. Dies verdeutlicht den interdisziplinären Charakter der Namenkunde, die neben Sprachwissenschaften auch andere Wissenschaften einbezieht. Zu den Methoden gehören das Sammeln, Deuten und Auswerten von Namen.

Begriff und Abgrenzung Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Eigennamen wird unter verschiedenen Bezeichnungen geführt. Der gebräuchlichste Fachbegriff ist Onomastik, abgeleitet von bzw. von ὀνομαστικός onomastikós, deutsch ‚benennend‘, ‚den Namen betreffend‘.

Synonym dazu werden die Begriffe Namenkunde und Namenforschung verwendet, insbesondere in populärwissenschaftlichen oder deutschsprachigen Kontexten. Namenkunde und Namenforschung werden oft synonym, manchmal auch unterschiedlich verwendet. Namenkunde ist der allgemeine Begriff für die Wissenschaft von Eigennamen, einschließlich Forschung, Wissen und Lehre, während Namenforschung speziell den Prozess der wissenschaftlichen Erforschung von Namen darstellt.

Der Begriff Onomatologie (von griechisch onomatología, „Namenlehre“) war früher gebräuchlich, ist jedoch im heutigen Sprachgebrauch weitgehend durch Onomastik ersetzt worden.

Onomastik als wissenschaftliche Disziplin ist deutlich abzugrenzen von pseudowissenschaftlicher, stellenweise bizarrer Populärliteratur, naiven Zugängen zur Namenkunde (z. B. Nomen est omen)Arno Ruoff: Naive Zugänge zur Namenforschung. In: Ernst Eichler, Gerold Hilty, Heinrich Löffler, Hugo Steger, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 1 (= HSK 11.1), S. 360–367. oder VolksetymologienKonrad Kunze: dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 4., überarb. u. erw. Auflage. München 2003. (z. B. Fehldeutung von Isenbert als Eisenbart). Derlei Methoden deuten Namen oft aufgrund formaler Ähnlichkeiten mit Appellativen und verkennen, dass der Eigenname keine lexikalische Bedeutung trägt.

Weiterhin ist die Namenkunde abzugrenzen von der Genealogie (Ahnenforschung), mit der sie gleichwohl verwandt ist.Vgl. z. B.

Geschichte Frühe Formen der Onomastik lassen sich in der Antike nachweisen. Bereits in der griechischen und römischen Gelehrsamkeit existierten sogenannte Onomastika – thematisch geordnete Wörter- und Begriffssammlungen, die sich mit Fachbegriffen und Namen aus verschiedenen Bereichen wie Seefahrt, Botanik oder Alltagsleben beschäftigten.Renzo Tosi: Onomastikon in: Der Neue Pauly, Stuttgart 1996ff. Der genaue Autor konnte nicht ermittelt werden. Diese frühen Sammlungen gelten als wichtige Vorläufer der systematischen wissenschaftlichen Beschäftigung mit Eigennamen, wie sie in der modernen Onomastik erfolgt. Ein bedeutendes Beispiel ist das Onomastikon der biblischen Ortsnamen des Kirchenvaters Eusebius von Caesarea aus dem 4. Jahrhundert. Es enthält rund 1000 biblische Ortsnamen, die mit geografischen und etymologischen Kommentaren versehen wurden. Dabei griff Eusebius auf antike Quellen zurück und lokalisierte viele Orte mithilfe von Entfernungsangaben in römischen Meilen. Das Werk wurde später von Hieronymus ins Lateinische übersetzt und weiterverarbeitet.Erich Klostermann: Eusebius Werke Bd. 3.1. Hinrichs, Leipzig 1904.mini|Eusebius von Caesarea, Verfasser des Onomastikon der biblischen Ortsnamen Die systematische Erforschung der Namen entwickelte sich über die Jahrhunderte hinweg insbesondere in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Literatur, oft im Rahmen genealogischer und historischer Studien.

Mit der Herausbildung der modernen Philologie und Sprachwissenschaft im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Namenkunde eine eigenständige Disziplin, die sich methodisch zunehmend auf historische Quellen stützte. Insbesondere im deutschsprachigen Raum wurden in dieser Zeit grundlegende Sammlungen und etymologische Untersuchungen angelegt, die den Grundstock für die heutige Onomastik bilden. Ein Beispiel ist Ernst Förstemann, der mit seinem Altdeutschen Namenbuch als Pionier der deutschen Onomastik gilt.

Im 20. Jahrhundert wurde die Namenkunde durch interdisziplinäre Zugänge erweitert: Neben sprachwissenschaftlichen Methoden flossen auch kulturhistorische, soziologische und geographische Perspektiven ein. Dies führte zu einer breiteren Betrachtung der Funktion von Namen als kulturelle und gesellschaftliche Phänomene. Die aktuelle Forschung zeichnet sich durch den Einsatz moderner Methoden wie Datenbanken, computergestützter Analyse und systematischer Archivarbeit aus. Namen werden heute nicht nur als linguistische Einheiten, sondern auch als Spiegel historischer Prozesse und sozialer Strukturen verstanden.

Eigennamen als Forschungsgegenstand mini|Namen der Zwerg­planeten des Sonnensystems Eigennamen sind von Gattungsnamen zu unterscheiden:Vgl. Wilhelm F. H. Nicolaisen: Name and Appellative. In: Ernst Eichler, Gerold Hilty, Heinrich Löffler, Hugo Steger, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 1 (= HSK 11.1), S. 384–393. Eigennamen bezeichnen einzelne Personen (z. B. Angela Merkel) oder einzelne Gegenstände (z. B. der Planet Jupiter); Gattungsnamen hingegen bezeichnen ganze Klassen von Personen (z. B. Politiker) oder Gegenständen (z. B. Planet).Vgl. Damaris Nübling, Fabian Fahlbusch, Rita Heuser: Namen. Eine Einführung in die Onomastik. Tübingen 2012, S. 17. Der Eigenname hat also keine lexikalische Bedeutung und steht daher in der Regel nicht im Wörterbuch, sondern dient als individuelles Etikett und zur Identifizierung.Damaris Nübling, Fabian Fahlbusch, Rita Heuser: Namen. Eine Einführung in die Onomastik. Tübingen 2012, S. 13. Mit Rotes Meer ist also nicht eines von mehreren roten Meeren gemeint, und es muss auch nicht wirklich rot sein. Der Unterschied zu einem gewöhnlichen Adjektiv wird durch die Großschreibung von Rotes ausgedrückt. Auch sprachlich weisen Eigennamen gegenüber Gattungsnamen Besonderheiten auf. Sie unterliegen keinen orthografischen oder grammatikalischen Regeln. Beispielsweise wird einem Personennamen in der Standardsprache kein Artikel vorangestellt („Angela Merkel“), wohl aber in der Umgangssprache („die Angela Merkel“) oder unter besonderen Bedingungen („eine ganz neue Angela Merkel“). Untersucht werden:mini|Historische Rangfolge der beliebtesten Babynamen in den USA Anthroponyme (Personen- und Gruppennamen) Vornamen Familiennamen Demonyme (Namen von Stämmen, Völkern, Ethnien) Toponyme (Ortsnamen) Oikonyme (Namen von Städten und Siedlungen) Domonyme (Namen von Bauwerken) Agronyme (Flurnamen) Hydronyme (Namen von Gewässern) Oronyme (Namen von Bergen und Gebirgen) Hodonyme (Namen von Wegen und Plätzen) Astronyme (Namen von Himmelskörpern) Sonstige Namen Theonyme (Namen von übernatürlichen Wesen) Zoonyme (individuelle Tiernamen) Ergonyme (Namen von Organisationen, Gütern und Werken) Eventonyme (Namen von Ereignissen, Zeitabschnitten und Phänomenen) Deonyme (Wörter, die von Eigennamen abgeleitet sind, ohne selbst Eigennamen sein zu müssen) Diese Bezeichnungen sind hilfreich, aber keine starren Regeln. In der Praxis entscheidet oft der Kontext, wie ein Name eingeordnet wird.

Fragestellungen und Interdisziplinarität Die Onomastik ist ein hochgradig interdisziplinäres Forschungsgebiet. Sprachlichen Eigenheiten von Eigennamen (z. B. Morphologie und besondere Schreibweisen) gehören ebenso zum Forschungsgebiet der Onomastik wie die Rekonstruktion ihrer Herkunft (Etymologie).Vgl. Friedhelm Debus: Namenkunde und Namengeschichte. Eine Einführung. Berlin 2012, S. 62–64. Zu den Disziplinen, die sich mit Eigennamen befassen, zählen Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Philosophie, Kulturanthropologie, Ethnologie, Geografie, Geschichts-, Rechts- und Religionswissenschaften, sowie Biologie und Genetik.Vgl. Damaris Nübling, Fabian Fahlbusch, Rita Heuser: Namen. Eine Einführung in die Onomastik. Tübingen 2012, S. 14. Dabei geht es um:mini|Beispiel für Namens­gebung nach patro­nymischem Namensrecht Namenstruktur: Form und Aufbau von Namen (Morphologie, Phonologie) Pragmatik: Motivationen bei der Namensgebung, Verwendung von Namen (z. B. Frau Dr. Merkel – Angela – die Bundeskanzlerin) Namensoziologie: Einfluss sozialer Faktoren wie Schicht, Ethnizität, Religion auf die Namensgebung. Aus soziologischer und soziolinguistischer Perspektive werden z. B. das Prestige einzelner Vornamen sowie soziokulturelle Motivationen bei der Namenvergabe untersucht.Vgl. Friedhelm Debus: Soziolinguistik der Eigennamen. Sprache und Gesellschaft (Sozio-Onomastik). In: Ernst Eichler, Gerold Hilty, Heinrich Löffler, Hugo Steger, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 1 (= HSK 11.1), S. 393–399. Namenpsychologie: Wahrnehmung und Assoziationen von einzelnen Namen („Sage mir deinen Namen und ich sage dir, wer du bist“, Hiroshima) (→ siehe auch: Kevinismus) Namengeografie: regionale Verteilung und Variationen von Namen Namentextologie: Verwendung von Namen in bestimmten Textsorten und Kontexten Namenhistorie: Herkunft und Wandel von Namen. In der Geschichtswissenschaft können unter anderem Ortsnamen (Toponyme) für die Rekonstruktion der Besiedlungsgeschichte eines Ortes fruchtbar gemacht werden.Gerhard Bauer: Namenforschung im Verhältnis zu anderen Forschungsdisziplinen. In: Ernst Eichler, Gerold Hilty, Heinrich Löffler, Hugo Steger, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 1 (= HSK 11.1), S. 8–23; hier: S. 10.mini|Übermaltes Straßen­schild der Mohren­straße, benannt nach mittel­alterlichen Mauren / Mauretaniern / Nordafrikanern Theoretische Namenforschung: Im philosophischen Diskurs wird bereits seit der Antike das Verhältnis von Name und Sache (griech. pragma) diskutiert, wobei der Namenbegriff hier zumeist weit gefasst wird und auch Gattungsnamen einschließt.Vgl. Orrin F. Summerell: Philosophy of Proper Names. In: Ernst Eichler, Gerold Hilty, Heinrich Löffler, Hugo Steger, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 1 (= HSK 11.1), S. 368–372. In der Religionswissenschaft vermag die etymologische Deutung von Gottesnamen (Theonymen) „Beziehungen zwischen den religiösen Vorstellungen weit voneinander entfernt lebender Völker aufzudecken“.Gerhard Bauer: Namenforschung im Verhältnis zu anderen Forschungsdisziplinen. In: Ernst Eichler, Gerold Hilty, Heinrich Löffler, Hugo Steger, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 1 (= HSK 11.1), S. 8–23; hier: S. 12. Da die Vergabe von Ruf- und Familiennamen in allen Staaten gesetzlichen Beschränkungen und Vorschriften unterliegt, sind diese Namenarten auch aus juristischer Sicht relevant.Vgl. Gerhard Bauer: Namenforschung im Verhältnis zu anderen Forschungsdisziplinen. In: Ernst Eichler, Gerold Hilty, Heinrich Löffler, Hugo Steger, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 1 (= HSK 11.1), S. 8–23; hier: S. 13.