mini|Ask und Embla, im Hintergrund Odin. Briefmarke der färöischen Post nach einem Motiv von Anker Eli Petersen, 2003.

Ask und Embla (altnordisch Askr ok Embla) heißen in der nordischen Mythologie die beiden ersten Menschen. Drei Götter, unter ihnen Odin, der oberste Gott, schufen sie aus dem Holz zweier Baumstämme, die sie am Meeresstrand fanden.

Die Entstehung des Menschen (Anthropogonie) ist der Schlusspunkt der nordischen Schöpfungsgeschichte. In diesem Mythos sind offenbar verschiedene Überlieferungen aufgegangen.Simek 2006, S. 24. Die ältesten von ihnen handeln von der Herkunft des Menschen vom Baum und vielleicht vom Erwerb des Feuers.

Quellen Die altnordische Literatur überliefert den Mythos von Ask und Embla in zwei ähnlichen, aber unterschiedlichen Fassungen,Hultgård 2004, S. 254. zum einen durch die Völuspá, ein Lied der Lieder-Edda, das vielleicht im 10. oder 11. Jahrhundert entstand und in Abschriften des 13. Jahrhunderts vorliegt, und zum anderen durch die Prosa-Edda, die Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert verfasste.

Lieder-Edda „Unz þrír qvómo ór því liði, ǫflgir oc ástgir, æsir, at húsi; fundo á landi, lítt megandi, Asc oc Emblo, ørlǫglausa.

ǫnd þau né átto, óð þau né hǫfðo, lá né læti né lito góða; ǫnd gaf Óðinn, óð gaf Hœnir, lá gaf Lóðurr oc lito góða.“Lieder-Edda: Völuspá, 17–18. Textausgabe nach Titus Projekt, URL: http://titus.uni-frankfurt.de/texte/etcs/germ/anord/edda/edda.htm, aufgerufen am 4. Dezember 2009.

„Schließlich kamen drei aus dieser Schar, mächtige und wohlgesinnte Asen zum Haus, sie fanden am Strand, kaum Kraft habend, Ask und Embla, schicksalslos.

Seele besaßen sie nicht, Vernunft hatten sie nicht, weder Blut noch Bewegung noch gute Farbe; Seele gab Odin, Vernunft gab Hönir, Blut gab Lodurr und gute Farbe.“Übersetzung nach Arnulf Krause: Die Götter- und Heldenlieder der Älteren Edda. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-15050-047-7.

– Völuspá 17-18

Drei Asen, das sind Götter, finden Ask und Embla á landi, am Land. Darunter versteht man in Anlehnung an die Prosa-Edda zumeist den Strand des Meeres.Hultgård 2006, S. 56 + Steinsland 1983, S. 88, weisen darauf hin, dass damit aber auch einfach nur der Erdboden gemeint sein kann. Aus welchem Stoff sie sind, wird nicht erwähnt, doch weist der Name Askr darauf hin, dass sie aus Holz sind, da sein Name ‚Esche‘ bedeutet. Noch sind die beiden keine Menschen, sondern Pflanzen. Offensichtlich stammen sie aus dem Meer und wurden an den Strand gespült.

Das Meerwasser ist das ehemalige Blut des Riesen Ymir, aus dessen Körperteilen die Götter die Welt bauten.Lieder-Edda: Vafþrúðnismál 20 f.; Lieder-Edda: Grímnismál 40 Auch bei der Erschaffung der Zwerge, die kurz vor den Menschen entstanden, spielt das Meerwasser eine Rolle. Es heißt, dass sie zu einem Teil aus Ymirs Blute gebildet wurden. Doch ihr anderer Teil kommt nicht vom Holz, wie bei den Menschen, sondern vom Stein.Völuspá 10 berichtet, dass die Zwerge aus Blainns Knochen und Brimirs Blut gemacht wurden. Beide Namen hält man für Umschreibungen von Ymir, so dass die Zwerge somit aus Ymirs Knochen (das sind die Felsen und damit die Steine) und seinem Blut (das ist das Meer) entstanden.

Was Ask und Embla aber noch vom Menschsein trennt, ist der Mangel bestimmter Eigenschaften. Die Völuspá zählt insgesamt sieben Merkmale auf, wobei die ersten beiden übergeordneter Natur zu sein scheinen, die durch die folgenden fünf näher bestimmt werden. Somit fehlt es Ask und Embla an Lebenskraft und Lebensbestimmung, denn in ihrer pflanzlichen Vorform sind sie noch lítt megandi ‚wenig kräftig‘ und ørlǫglausa ‚ohne Schicksal‘.

+ Belebung des Menschen in der Völuspá Nr. Was Ask und Embla fehlte Was die Götter gaben Welcher Gott Übersetzung 1 megin – Kraft, Macht 2 örlög – Schicksal 3 önd önd Odin Atem, Leben, Seele 4 odr odr Hönir Wut, Raserei, Erregtheit, Dichtung ≈ Geist, Verstand, Seele? 5 la la Lodur Lebenswärme?, Blut? 6 läti – Stimme? / Bewegung? 7 lito goda lito goda Lodur gute Farbe ≈ gutes Aussehen? / göttliches Aussehen?Hultgård 2004, S. 253

Die Übersetzungen dieser Stelle der Völuspá stehen vor der unlösbaren Aufgabe, mehrere vieldeutige oder unklare Begriffe mit jeweils einem deutschen Wort übersetzen zu müssen, ohne dass der Inhalt des nordischen Quellentextes dabei genau wiedergegeben werden kann.

Odin schenkt Ask und Embla die önd, das ist der ‚Atem‘ und damit das ‚Leben‘.Vergleiche Heinrich Beck: Leib- und Leibespflege. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der germanischen Altertumskunde – Bd. 18. 2. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin – New York 2001, ISBN 978-3-11016-950-8, S. 226 f. Odin, der oberste Gott, dessen Wesen ursprünglich eng mit Sturm und Wind verbunden ist, bläst ihnen demnach sozusagen den Lebenswind ein. Hönir gibt den beiden den óðr, das bedeutet ‚Wut, Raserei, Erregtheit‘, aber auch ‚Dichtung‘. Da das damalige Verständnis von Wut nicht nur den Zorn, sondern auch ekstatische Zustände mit einschloss, wird óðr an dieser Stelle treffender mit Geist übersetzt.Als Geist übersetzt zum Beispiel: Hultgård 2004, S. 253 (Geist bedeutet ursprünglich ebenso ‚Erregung‘.Günther Drosdowski (Hrsg.): Duden – Etymologie – Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. 2. Auflage. Dudenverlag, Mannheim – Wien – Zürich 1989, ISBN 978-3-411-20907-1, S. 226, Stichwort: Geist) Je nachdem, wie man den Dichter verstehen möchte, kann man darin den mentalen Geist (den Verstand, den mind) oder den wesenhaften Geist (den spirit) sehen. Nach der christlichen Definition ist die Seele der Geist, der sich mit einem Körper verbunden hat, somit kann man óðr hier auch mit ‚Seele‘ übersetzenSo übersetzt zum Beispiel Simek 2006, S. 29.. Der dritte Gott ist der ansonsten unbekannte Lodur, der von einigen Forschern mit Loki gleichgesetzt wird. Er verleiht Ask und Embla grobstoffliche, menschliche Merkmale. Zum einen die lá, was man vielleicht mit ‚Blut‘ oder ‚Lebenswärme‘ übersetzen kann. Blut ist wie der Atem oder der Geist ein weiterer Träger von Lebenskraft. Zum anderen gibt Lodur den beiden lito góða, wörtlich ‚die gute Farbe‘. Das deutet man überwiegend als gutes Aussehen, das heißt menschliches Aussehen. Eine Minderheitenmeinung in der Forschung liest im Urtext lito goða, das ‚göttliche Aussehen‘.Liste der Vertreter bei Hultgård 2004, S. 253. Das erinnert an die biblische Aussage, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild schuf. Das hieße, dass Lodur die beiden so formte, dass sie wie die Götter aussahen.

Wie Ask und Embla jedoch zu ihrem Schicksal kommen, erklärt die Völuspá nicht ausdrücklich. Entweder wird es zeitgleich durch den Schöpfungsakt miterzeugt, oder es wird ihnen von den drei Nornen verliehen (siehe unten).

Prosa-Edda „[…] ok hvaðan kómu mennirnir þeir er heim byggja? – […] Þá er þeir gengu með sævarströndu Borssynir, fundu þeir tré tvau ok tóku upp trén ok sköpuðu af menn. Gaf inn fyrsti önd ok líf, annarr vit ok hræring, þriði ásjónu, mál ok heyrn ok sjón, gáfu þeim klæði ok nöfn. Hét karlmaðrinn Askr en konan Embla, ok ólst þaðan af mannkindin, sú er byggðin var gefinn undir Miðgarði.“Prosa-Edda: Gylfaginning 9. Textausgabe nach CyberSamurai Encyclopedia of Norse Mythology, URL: , aufgerufen am 4. Dezember 2009.

„Aber woher kamen die Menschen, die die Welt besiedeln? – […] Als die Söhne Borrs am Meeresstrand entlangliefen, fanden sie zwei Baumstämme. Die hoben sie auf und erschufen daraus die Menschen. Der erste gab ihnen Seele und Leben, der zweite Verstand und Bewegungsfähigkeit, der dritte äußere Gestalt, Sprechvermögen, Gehör und die Fähigkeit zu sehen. Sie gaben ihnen Kleider und Namen; der Mann hieß Ask, die Frau Embla, und aus ihnen ging das Menschengeschlecht hervor, dem Midgard zur Heimat gegeben wurde.“Übersetzung nach Arnulf Krause: Die Edda des Snorri Sturluson. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-15-000782-2

– SNORRI STURLUSON: Prosa-Edda: Gylfaginning 9

Nach der Prosa-Edda finden die Götter ausdrücklich am Strand des Meeres zwei namenlose tré, das sind ‚Baumstämme oder Hölzer‘. Der Schöpfungsvorgang entspricht bei den ersten beiden Göttern in etwa dem der Völuspá, bei den Gaben des dritten Gottes betont die Prosa-Edda jedoch stärker die materiellen Merkmale in Form von Gestalt, Wahrnehmung und Ausdrucksfähigkeit. Nicht aus der Völuspá stammt die Vergabe der Kleider an die Menschen. Sie muss aber keine Erfindung Snorri Sturlusons darstellen, wie diese Stelle des Hávamál zeigt, die ein Widerhall einer Stelle im Schöpfungsmythos sein könnte, die untergegangen ist:

„Váðir mínar gaf ec velli at tveim trémǫnnom; […]“Lieder-Edda: Hávamál 49. Textausgabe nach Titus Projekt, URL: http://titus.uni-frankfurt.de/texte/etcs/germ/anord/edda/edda.htm, aufgerufen am 23. Dezember 2009.

„Meine Kleider gab ich [Odin] auf dem Feld zwei Holzmännern; […]“

– Hávamál 49

Erst nachdem die beiden Hölzer mit allem versehen sind, um Menschen zu sein, erhalten sie ihre Namen. Diese Reihenfolge wird vergleichbar auch in der Völuspá bei der Einrichtung der Welt beschrieben. Da das Merkmal Schicksalslosigkeit in der Prosa-Edda fehlt und die Götter Ask und Embla ausdrücklich die Mittelwelt zur Heimat geben, wird die Schöpfermacht der Götter insgesamt stärker betont.

Den größten Bruch mit der Völuspá stellt jedoch die handelnde Götterdreiheit dar. Nicht Odin, Hönir und Lodur, sondern die Söhne Borrs beseelen Ask und Embla. An anderer Stelle erklärt Snorri Sturluson, dass er damit Odin, Vili und Ve meint.Prosa-Edda: Gylfaginning 6

Rezeption Menschen aus Bäumen mini|150px|Die Entstehung von Askr und Embla. Illustration von Robert Engels, 1913.

Mythen, nach denen der Mensch aus dem Baum hervorging, sind über die ganze Welt verbreitet. Sie werden in Amerika, Australien und Indonesien erzählt und insbesondere unter den indogermanischen Völkern wie den Germanen, Griechen, Iranern und Indern.Stith Thompson: Motif-index of folk-literature : a classification of narrative elements in folktales, ballads, myths, fables, mediaeval romances, exempla, fabliaux, jest-books, and local legends. Indiana University Press, 1955–1958. Dort die Nr. “A1251: Creation of man from tree.”

In der nordischen Literatur findet sich die urtümliche Beziehung zwischen Mensch und Baum nicht nur im Mythos von Ask und Embla, sondern auch allgemein in der Dichtersprache, in der der Mensch oft als Baum umschrieben wurde. Snorri Sturlusons Lehrbuch Die Sprache der Dichtkunst verdeutlicht dies:

„Af þessum heitum hafa skáldin kallat manninn ask eða hlyn, lund eða öðrum viðarheitum karlkenndum […] Fyrir því er kona kölluð til kenningar öllum kvenkenndum viðarheitum.“ „Die Skalden [haben] den Mann Esche oder Ahorn genannt, ebenso Hain oder mit einem anderen männlichen Baumnamen […] [Die] Frau [wird] in den Kenningen mit allen weiblichen Baumnamen benannt.“

– SNORRI STURLUSON: Prosa-Edda: Die Sprache der Dichtkunst 31

Zum germanischen Vorstellungskomplex Mensch-und-Baum gehören auch Sagen und Bräuche, die aus mehreren deutschen Landstrichen seit dem Mittelalter überliefert sind. Demnach kommen in bestimmten Gegenden Tirols und der Schweiz die Kinder aus den Bäumen.Heinrich Marzell: Baum. In: Hanns Bächtold-Stäubli, Eduard Hoffmann-Krayer, u. a. [Hrsg.]: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 1. Verlag Walter de Gruyter, Berlin - Leipzig 1927 (Nachdruck 1987), Sp. 955. Größere Verbreitung hat der Brauch, einem Neugeborenen einen Baum zu pflanzen, womit beider Schicksale so miteinander verknüpft werden, dass man sagen kann: Stirbt der Baum, stirbt der Mensch.Bernhard Kummer: Geburtsbaum. In: Hanns Bächtold-Stäubli, Eduard Hoffmann-Krayer, u. a. [Hrsg.]: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 3. Verlag Walter de Gruyter, Berlin - Leipzig 1931 (Nachdruck 1986), Sp. 421.