Brod und Wein ist eine Elegie von Friedrich Hölderlin, mit 160 Versen die umfangreichste der sechs großen Elegien und zugleich eines der berühmtesten Gedichte Hölderlins überhaupt.Handbuch S. 327. Schon Norbert von Hellingrath meinte zu Beginn des 20. Jahrhunderts: „es wird immer die beste Grundlage bleiben zum Eindringen in Hölderlins Gedankenwelt.“Hellingrath Bd. 4, S. 317 f.

Entstehung, Überlieferung und Rezeption Das Gedicht wurde wahrscheinlich im Winter 1800/1801 vorläufig fertiggestelltSo folgert Schmidt aus der historisch-aktuellen Anspielung in den beiden Schlussversen, vgl. Schmidt S. 722., später aber nochmals überarbeitet.

Schon der erste Entwurf zur Elegie ist dem 26 Jahre älteren Schriftsteller Wilhelm Heinse gewidmet („An Heinze“), den Hölderlin im Juli 1796 kennengelernt hatte, als er sich mit Susette Gontard auf der Flucht vor den französischen Truppen in Kassel aufhielt. Die Widmung bezeugt also die Hochschätzung des väterlichen Freundes und seines Romans „Ardinghello“, enthält aber auch einen versteckten biographischen Hinweis auf „Diotima“, die Geliebte Susette Gontard.Vgl. Handbuch S. 328. (Zu den historischen Bezügen siehe den Schluss des Kommentars zur 9. Strophe.)

Die Elegie trug im ersten Entwurf und in der ersten Reinschrift noch den Titel „Der Weingott“, erst in den Überarbeitungen erscheint auch die neue Überschrift „Brod und Wein“, die im Zusammenhang mit einer neuen Akzentsetzung steht: Zunächst war das Gedicht ganz auf Dionysos ausgerichtet, erst später wird es an entscheidenden Stellen so umgedichtet, dass eine Doppelsinnigkeit entsteht, die auf Dionysos und Christus zugleich verweist (dazu Genaueres im Kommentar).

Hölderlin hat das Gedicht aber nie zum Druck gegeben. Nur die erste Strophe wurde von Leo von Seckendorf nicht autorisiert im „Musenalmanach für das Jahr 1807“ unter dem Titel „Die Nacht“ herausgegeben.Handbuch S. 327. Diese Strophe beeindruckte Clemens Brentano so nachhaltig, dass er urteilte: „ Niemals ist vielleicht hohe betrachtende Trauer so herrlich ausgesprochen worden. […] Ich halte sie (= „Die Nacht“) für eines der gelungensten Gedichte überhaupt.“Zitiert in StA 7.2 407. „Es ist diese eine von den wenigen Dichtungen, an welchen mir das Wesen eines Kunstwerkes durchaus klar geworden.“Zitiert in StA 7.2 434.

Das ganze Gedicht blieb dagegen bis Ende des 19. Jahrhunderts unbekannt.Vgl. Handbuch S. 327, auch zum Folgenden. Es wurde erstmals 1894 in einer kleinen Biographie publiziert, aber dem Vergessen entrissen wurde es erst – so wie Hölderlins Gedichte überhaupt – dank der Herausgabe der Werke Hölderlins durch Norbert von Hellingrath zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab Friedrich Beißner dann das Gedicht in der Form heraus, in der es bis heute meist gedruckt und zitiert wird.Vgl. StA. In den 70er Jahren begann die Frankfurter Ausgabe zu erscheinen (der 6. Band, in dem die Elegien enthalten sind, erschien 1976), in der die Handschriften als Faksimiles und in Umschrift veröffentlicht wurden, so dass zum ersten Mal die gesamten Korrekturen und Veränderungen, die Hölderlin an dem Gedicht vornahm, also die verschiedenen Textstufen sichtbar wurden. Schon Beißner hatte im Anhang seiner Ausgabe auf einige „Lesarten“ aufmerksam gemacht, aber erst durch die Frankfurter Ausgabe entbrannte die Diskussion um den Stellenwert der einzelnen Fassungen und die Aufmerksamkeit wurde auf die sogenannte Spätfassung der Elegie gelenkt. Da aber eine Abschrift der letzten Überarbeitung nicht erhalten ist, bleibt offen, wie sie aussah und wie die späteren Korrekturen zu bewerten sind. Die Meinungen der Germanisten dazu gehen auseinander: D.E. Sattler und Wolfram Groddeck konstruieren in der Frankfurter Ausgabe aus dem Text und den Korrekturen eine letzte Fassung, und Groddeck ist in seiner Studie von 2012 der Meinung, dass in den späten Eingriffen „ein radikaler Revisionsprozess zu erkennen [ist], der den Textbestand der Reinschrift nicht sosehr weiterentwickelt, sondern in gewisser Weise dekomponiert“. Sein Interesse gilt ganz der Spätversion der Elegie, dem „‘hypothetischen Text‘, als dem Surrogat der verschollenen Druckvorlage für die definitive Spätversion der Elegie“.Groddeck S. 32. Jochen Schmidt argumentiert dagegen, dass Hölderlin die späteren Änderungen „in ganz anderem Stil und z. T. auch mit ganz anderer Konzeption eingetragen hat“ – darin kommt er Groddecks späterer Haltung durchaus nahe –, folgert daraus aber, dass sie deshalb „nicht mit den Partien des ursprünglichen Textes zu einer neuen ‚Fassung‘ verbunden werden“ könnten.Schmidt S. 723.

In der vorliegenden Darstellung wird die zweite Reinschrift zugrunde gelegt und nach der Großen Stuttgarter Ausgabe zitiert.

Komposition In der zweiten Reinschrift hat die Elegie eine kompositorisch vollkommene Form erreicht. Sie besteht aus neun Strophen, von denen je drei eine Einheit bilden, also aus drei Strophentriaden (3 × 3 Strophen), und jede Strophe enthält wiederum 3 × 3 Distichen. Eine Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass das Gedicht ein Distichon zu wenig hat, es umfasst statt der zu erwartenden 81 nur 80 Distichen. Schmidt sieht darin ein Versehen HölderlinsEr bezieht sich dabei auf eine Markierung Hölderlins, vgl. Schmidt S. 723., während Groddeck eine tiefergehende Absicht Hölderlins vermutet, denn das fehlende Distichon betrifft gerade diejenige Strophe, „wo der Mangel der götterfernen Gegenwart am direktesten ausgesprochen wird, die siebte. […] Der formal-kompositorische ‚Mangel‘ kann daher durchaus auch als ein formsemantisches Indiz gelesen und gedeutet werden, indem die Elegie ‚ideal‘ 81 Distichen enthält, 'real' aber nur 80.“Handbuch S. 328/329.

In der ‚idealen‘ Komposition beruht die gesamte Text-Architektur nicht nur auf der Drei-, sondern auch auf der Zweizahl: Die Distichen bestehen aus zwei Versen zu je zweimal drei Versfüßen. Zugleich hat „jede Strophe […] neben der triadischen Form auch eine hälftige Struktur, indem im fünften Distichon bzw. im Übergang vom neunten zum zehnten Vers die Möglichkeit einer Sinnzäsur oder einer Sinnzentrierung gegeben ist.“Handbuch S. 329. Außerdem befindet sich genau in der Mitte des Gedichts eine bedeutsame Aussage, die ebenfalls eine entscheidende Zäsur markiert.Genaueres dazu im Kommentar zur 5. Strophe.

Thematischer Überblick In der Elegie geht es um die Abwesenheit und die Vergegenwärtigung des Göttlichen in der Welt. Sie ist eine Klage um den Verlust von erfülltem Leben in einer entfremdeten Welt und zugleich eine hymnische Feier dessen, „was den Menschen überragt, das Erhabene in der Natur, in der Gemeinschaft und der Liebe, letztlich ist es das Göttliche“.Safranski S. 205.

Das Gedicht wird durchzogen vom Gegensatz zwischen Tag und Nacht, der sich zunächst ganz real auf den Wechsel der Tageszeiten bezieht. Doch dann geht die Tag-Nacht-Thematik ins Metaphorische über und bezieht sich auf den geschichtsphilosophischen Gegensatz von gotterfüllter und götterloser ZeitSchmidt S. 723/724.: Die Nacht wird zur unerfüllten geschichtlichen Gegenwart und der Tag steht einerseits für die glanzvolle, erfüllte Zeit der griechischen Antike und andererseits für eine ersehnte zukünftige Zeit der Erfüllung, in der Gegenwart und Vergangenheit dialektisch verbunden und in neuer Einheit aufgehoben sind. Die Elegie führt von der Erfahrung der gegenwärtigen Nacht, die aber in sich schon die Möglichkeit der Erinnerung birgt, in der ersten Strophentrias (Strophe 1 – 3) zur Vergegenwärtigung des griechischen Tags in der zweiten Strophentrias (Strophe 4 – 6) und mündet in der dritten Strophentrias erneut in der Nacht, diesmal als einer Zeit der Erwartung und inneren Vorbereitung auf die ersehnte Zeit der Erfüllung.

Mit der Tag-Nacht-Metaphorik und ihrem geschichtlichen Sinn verbinden sich zwei Empfindungen: Trauer und Freude, die zugleich auch Schlüsselbegriffe des Gedichts sind.Schmidt S. 724. Diese zwei Empfindungsarten wechseln im Gedicht häufig, also auch innerhalb der Strophen, je nachdem, um welche geschichtsphilosophische Epoche es geht und welche Haltung der Sprechende gerade einnimmt. So verschränkt die Elegie also den elegischen Ton im engeren Sinn, die Trauer, mit der Freude über die (zugleich imaginierte und erlebte) Gegenwart des Göttlichen, also mit dem hymnischen Ton.Vgl. Schmidt 1968.

Im Zentrum des Gedichts steht die Gestalt des Dionysos, des Weingotts in der griechischen Mythologie.Vgl. zum Folgenden Schmidt S. 724. Der ursprüngliche Titel lautete Der Weingott. Dionysos ist auch der Gott der Nacht, der dionysischen Begeisterung, des inspirierten Wahnsinns, der Gott der Dichter und der Freudengott. Er erscheint zum ersten Mal in der 3. Strophe als der „kommende Gott“ (V. 54). In der 2. Strophentrias (4. – 6. Strophe) weitet sich der Blick auf die griechischen Götter der Antike insgesamt, die als Himmlische (V. 55, 71, 81, 95) und als selige Götter (V. 91) benannt werden. Am Ende der 6. Strophe wird dann zum ersten Mal auf Christus angespielt, später auch in den Versen 129/130, und in der Schlussstrophe verschmilzt die Dionysos-Gestalt mit der des Christus (V. 155/156). Dieser allumfassende Gott hinterlässt den Menschen die Gaben Brot und Wein, als tröstliches Zeichen (V. 131)Im Folgenden wird auf die Verse des Gedichts durch bloße Zahlen in runden Klammern verwiesen. seiner Gegenwart.

Die Begriffe Brot und Wein symbolisieren nicht nur die Bestandteile des Abendmahls in der christlichen Liturgie, sondern auch die Gaben der Demeter und des Dionysos. Christliche und antike Konnotationen werden miteinander verschränkt.

Kommentar zu den einzelnen Strophen 1. Strophe Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse, Und, mit Fakeln geschmükt, rauschen die Wagen hinweg. Satt gehn heim von Freuden des Tags zu ruhen die Menschen, Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt 5Wohlzufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen, Und von Werken der Hand ruht der geschäfftige Markt. Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten; vieleicht, daß Dort ein Liebendes spielt oder ein einsamer Mann Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen 10Immerquillend und frisch rauschen an duftendem Beet. Still in dämmriger Luft ertönen geläutete Gloken, Und der Stunden gedenk rufet ein Wächter die Zahl. Jezt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf, Sieh! und das Schattenbild unserer Erde, der Mond 15Kommet geheim nun auch; die Schwärmerische, die Nacht kommt, Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns, Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen Über Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf.

Die Elegie beginnt mit dem Ausklang des Tages, die Menschen kehren von den Geschäften des Tages nach Hause zurück und kommen langsam zur Ruhe. Sie bleiben allerdings gedanklich mit den Alltagsgeschäften beschäftigt (4/5). Von ferne aber tönt nun Saitenspiel aus Gärten (7) und damit wird die Aufmerksamkeit in einen anderen Bereich gelenkt. Nun ist die Rede von einem Liebenden oder einem einsamen Mann (8), der nicht an Tagesgeschäfte denkt, sondern an wesentlichere Dinge: Er gedenkt seiner Freunde (9), die fern sind und ihm doch nahestehen, erinnert sich an seine Jugendzeit (9) und ist mit der ihn umgebenden Natur innig verbunden. Dieser Mann mit seinem Saitenspiel ist eine erste Anspielung auf den Dichter, der seit der Antike auch als Sänger dargestellt wirdVgl. 7. Strophe: Dichter in dürftiger Zeit V. 122.. Die Ferne wird durch den Gesang des Dichters in die Nähe gerückt, vergegenwärtigt (Dialektik von Ferne und Nähe, das Wort fern erscheint zweimal!). Schlüsselworte dieser Strophe sind still (1), das auch durch die auffallende Durchbrechung des Hexameters hervorgehoben ist, und ruhen (1, 3, 6). Beide Begriffe verweisen auf die Entfernung vom Lärm des Alltags, auf eine Wendung nach innen.