mini|Tennis in einer französischen Buchillustration, um 1400 Die Geschichte des Tennis umfasst die Entwicklung der Sportart Tennis vom Hochmittelalter bis zur Gegenwart. Sie lässt sich bis zu französischen Klöstern des Mittelalters zurückverfolgen. Aus einem frühen, unter Mönchen verbreiteten Rückschlagspiel entwickelte sich das Jeu de Paume, das in den Ballhäusern des 16. und 17. Jahrhunderts vor allem in Frankreich und England eine Blütezeit erlebte und bei Adel und Bürgertum beliebt war. Von der einfachen Bevölkerung wurde es im Freien gespielt, woraus im Laufe der Zeit weitere Spiele wie das Pelota entstanden sind.
In den 1870er Jahren wurde in Großbritannien das moderne Rasentennis erfunden, das sich zunächst in Europa, den Vereinigten Staaten und den Kolonien des Britischen Weltreichs verbreitete. Bereits um die Jahrhundertwende wurden in Europa Tennisturniere mit internationaler Beteiligung veranstaltet. 1900 fand mit dem Davis Cup der erste Länderwettkampf im Tennis statt. 1923 einigte sich der zehn Jahre zuvor gegründete Internationale Tennisverband auf die vier bis heute wichtigsten Grand-Slam-Turniere. Die Beschränkung auf Amateure im Vereins- und Turnierbetrieb, die in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend in die Kritik geraten war, wurde 1968 weitgehend abgeschafft. Der Beginn der „Open Era“ und die damit einhergehende Kommerzialisierung revolutionierte das Tennis in vielen Bereichen und verhalf dem bis dahin exklusiven Sport zum Durchbruch in weite Teile der Gesellschaft. Heute zählt Tennis zu den bedeutendsten Sportarten weltweit.
Begriffsgeschichte Eine der frühesten Erwähnungen des Begriffs Tennis findet sich in einem Dokument der Stadt Canterbury aus dem Jahr 1396. Darin wird ein gewisser William Terrey angeklagt, weil er zugelassen hatte, dass auf seinem Grundstück „le Closhe and le Tenesse“ gespielt wurde.Heiner Gillmeister: Kulturgeschichte des Tennis. 1990, S. 133. Zudem taucht der Begriff in einer zwischen 1367 und 1370 erstellten Chronik des florentinischen Autors Donato Velluti auf. Dieser erwähnte 500 französische Ritter, die in der Schlacht bei Altospacio am 23. September 1325 ihr Leben ließen und fügte hinzu, dass man in jener Zeit mit dem Tennisspiel begonnen habe („in quello tempo si cominciò di qua a giucare a tenes“).Malcolm D. Whitman: Tennis: Origins and Mysteries. 1932, S. 26.
Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Herleitungen des Begriffs vorgeschlagen; so unter anderem von einer untergegangenen Stadt namens Tennis im Nildelta,Malcolm D. Whitman: Tennis: Origins and Mysteries. 1932, S. 31. den französischen Städten Tennois oder Sennois,John Heathcote u. a.: Lawn Tennis. Rackets. Fives. 1901, S. 12. vom deutschen Begriff TenneHeiner Gillmeister: Kulturgeschichte des Tennis. 1990, S. 134. oder von lateinisch taenia („Band“).Walter W. Skeat: An Etymogical Dictionary. Oxford University Press, Oxford 1888, S. 630 (online). Heute wird allgemein angenommen, dass sich Tennis vom französischen Tenez! im Sinne von „Nehmt/Haltet den Ball!“ ableitet. Dies war vermutlich in früherer Zeit ein Warnruf, um seinem Gegner den Aufschlag anzukündigen, ähnlich dem Fore! im Golf. Belegt wird diese Variante unter anderem in dem 1617 veröffentlichten Wörterbuch Guide into Tones des englischen Sprachlehrers John Minsheu. Tennis, schreibt dieser, sei vom französischen Tenez abgeleitet, „which word the Frenchmen, the onely tennis players, use to speake when they strike the ball, at tennis.“„welches Wort die Franzosen, die einzigen Tennisspieler, beim Schlagen des Balls zu sagen pflegen“ (Ἡγεμων εἰς τας Γλωσσας, id est, Ductor in Linguas. The Guide into Tongues. Hebræa, London 1617, Nachdruck New York 1978. Zitiert nach Malcolm D. Whitman: Tennis. Origins and Mysteries. 1932, S. 27 f.). Daneben wird die These durch die mittelalterliche Ballade eines unbekannten Autors über die Schlacht von Azincourt (1415) gestützt, die in mehreren Versionen erhalten ist. In der Handschrift, die die Schlacht mit einem Tennisspiel vergleicht, wurde der Begriff „Holde“ (Haltet!) in einer anderen Version durch „Tenys“ ersetzt.Heiner Gillmeister: Kulturgeschichte des Tennis. 1990, S. 138–145. Auch der englische Dichter John Audelay († 1426) schrieb in einer Ballade zur Lobpreisung der Taten Heinrichs V.: „And taht Franchemen to plai at the balle, with tenes hold he ferd ham halle“ („und lehrte den Franzosen das Ballspiel, mit Tenez! Haltet! erschreckte er sie alle“).E.K. Whiting: The Poems of John Audelay. Oxford University Press, Oxford 1931. Zitiert nach Heiner Gillmeister: Kulturgeschichte des Tennis. 1990, S. 146.
Tennis in Mittelalter und Früher Neuzeit Anfänge Der Ursprung des Tennissports liegt vermutlich in nordfranzösischen Klöstern des Hochmittelalters. Eine erste Erwähnung findet sich in dem zwischen 1219 und 1223 vom Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach verfassten Dialogus miraculorum. Darin beschreibt er eine sich in der Hölle abspielende Szene, in der zwei Mannschaften von Dämonen sich den Ball, eine Menschenseele, mit der Handfläche zuprellen. Caesarius will diese Geschichte 24 Jahre zuvor von Hermann von Marienstatt, dem Gründerabt der Klöster Heisterbach und Marienstatt, erfahren haben, der sich wiederum auf einen angeblichen Augenzeugen der Szene, Pierre, den Abt des Klosters Morimond, berufen habe. Wenn die Geschichte auch offensichtlich der Phantasie eines Beteiligten entsprungen ist, so sind doch Hermann und Pierre historisch verbürgte Persönlichkeiten. Zuvor hatte bereits der Theologe Johannes Beleth in der vor 1165 entstandenen Summa de ecclesiasticis officiis eine um sich greifende „Unsitte“ in französischen Klöstern wie Reims beklagt – das Ballspiel, dem sich nun auch Bischöfe und Erzbischöfe hingeben würden. Um was für eine Art von Ballspiel es sich dabei handelte, beschreibt Beleth allerdings nicht.Heiner Gillmeister: Kulturgeschichte des Tennis. 1990, S. 9–11.
mini|Tennisunterricht am Hof Karls V. von Frankreich (ca. 1360) Im weiteren 13. und 14. Jahrhundert ist ein solches Ballspiel (lat. ludus pilae, auch stophus) an Klöstern belegt. Es wurde ohne Schläger, ausschließlich mit der flachen Hand oder einem übergestreiften Handschuh, im Hof des Kreuzgangs gespielt. Punkte konnten vermutlich erzielt werden, indem man den Ball durch einen Torbogen der Galerie oder auch gegen andere Stellen der Klostermauern spielte. Hierzu bildete eine Mannschaft die Verteidiger des Torbogens, während die zweite Mannschaft, die Angreifer, versuchen mussten, den Ball ins „Tor“ zu spielen.Heiner Gillmeister: Kulturgeschichte des Tennis. 1990, S. 55 f. Zur Angabe spielten die Verteidiger den Ball auf ein abgeschrägtes Dach der Galerie.Heiner Gillmeister: Kulturgeschichte des Tennis. 1990, S. 72–74. Ein Netz war zum damaligen Zeitpunkt noch unbekannt.
Der Sporthistoriker Heiner Gillmeister vertritt die Ansicht, Tennis sei aus einer Frühform des Fußballs entstanden, welches damals vom einfachen Volk gespielt wurde und mit brutalen Schlägereien einherging. Ursprung des Fußballs wiederum sei eine Disziplin der ritterlichen Turniere gewesen, das sogenannte Pas d’armes, bei dem eine Gruppe von Rittern ein Burgtor oder einen ähnlichen Engpass gegen eine angreifende Gruppe verteidigen musste. Solche Turniere fanden häufig im Rahmen von Hochzeiten statt. Beim Volk, dem die Teilnahme an Ritterturnieren verwehrt war, sei bei Feierlichkeiten an die Stelle des Turniers ein Spiel getreten, bei dem ein Lederball unter reichlich Tritten und Schlägen durch das gegnerische Stadttor befördert werden musste. Davon inspiriert hätten nun Mönche einen friedlicheren Zeitvertreib erfunden, bei dem man den Ball durch einen Torbogen in ihrem Klosterhof spielen musste.Heiner Gillmeister: Kulturgeschichte des Tennis. 1990, S. 14–19.
Weiter in die Geschichte zurückreichende Vermutungen sind zweifelhaft. Aus der Römerzeit sind Ballspiele wie das Trigon überliefert, das jedoch keine Verwandtschaft mit dem Tennis aufweist.Heiner Gillmeister: Kulturgeschichte des Tennis. 1990, S. 400. Robert Henderson zufolge soll das Tennis, wie viele andere Ballsportarten, auf einen altägyptischen Fruchtbarkeitsritus zurückgehen. Die Existenz eines solchen ritualisierten Ballspiels lässt sich jedoch nicht belegen.Heiner Gillmeister: Kulturgeschichte des Tennis. 1990, S. 14.
Jeu de Paume mini|hochkant|Jeu de Paume als Verzierung in einem Stundenbuch, Nordfrankreich, ca. 1450 Das Spiel verbreitete sich in Frankreich unter dem Namen Jeu de Paume („Spiel mit der Handinnenfläche“; kurz auch À la paume) und erreichte über Friesland und Flandern schließlich die Britischen Inseln, wo es als Tenesse, Tenetz, Tennise oder Tenys bezeichnet wurde. In den frühesten Erwähnungen aus Nordfrankreich wird es auch cache (von frz. chasse, dt. Schasse) genannt, in Flandern wurde daraus das caetsspel.Heiner Gillmeister: Kulturgeschichte des Tennis. 1990, S. 125. Davon abgeleitet hielt sich in England und Schottland bis um 1600 auch die Bezeichnung caiche oder caitche.Heiner Gillmeister: Kulturgeschichte des Tennis. 1990, S. 122. In Deutschland wurde es zum ersten Mal um 1450 in der Gegend um Köln von Mönchen als „kaetschen“ beschrieben.Heiner Gillmeister: Kulturgeschichte des Tennis. 1990, S. 192–195. Die Bezeichnungen „Katsspel“ oder „Katzenspiel“ wurden in Norddeutschland bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts verwendet,Heiner Gillmeister: Ritterliche Spiele. Aus: Tennis in Deutschland. Von den Anfängen bis 2002. 2002, S. 14–35, hier S. 18.Daraus entstand ein bis ins 20. Jahrhundert verbreiteter Irrglaube, Tennisschläger würden mit Katzendärmen bespannt (Heiner Gillmeister: Kulturgeschichte des Tennis. 1990, S. 126). während man es im Süden schlicht als „Ball(en)spiel“ oder „Ballschlagen“ bezeichnete.
Im Laufe der Zeit beteiligte sich auch die Bevölkerung aus dem Umland am Spiel auf dem Klosterhof und verlagerte es schließlich in die Städte. Zentraler Bestandteil des Tennis wurden nun Wetten um hohe Geldbeträge. Über Klosterschulen, die Ausbildungsstätten des Adels, gelangte das Spiel in adelige Kreise, in denen man dazu überging, das Jeu de Paume in eigens dafür angelegte Säle zu verlegen. Neben der angestrebten Abgeschiedenheit vom einfachen Volk hatte dies auch die Vorteile, dass der Ball nicht mehr wegspringen konnte und man darüber hinaus vom Wetter unabhängig war. Durch die Einbeziehung der Wände entwickelte sich hier eine neue Variante, wodurch die Entwicklung des Spiels im Folgenden in zwei getrennte Richtungen verlief.Theo Stemmler: Vom Jeu de paume zum Tennis. S. 14.
Im Ballhaus Geschichte Der Adel legte Tennisplätze zunächst in den nicht mehr zur Verteidigung benötigten Burggräben an. Später richtete man eigene Ballsäle in Schlössern ein. Die ersten Ballsäle (Sale della balla) wurden in norditalienischen Schlössern wie der Gonzaga bei Mantua oder der Este bei Ferrara eingebaut. Die Säle stattete man mit der Zeit mit verschiedenen, den Spielspaß steigernden Finessen aus. So fälschte ein senkrechter Wandvorsprung, das tambour, den Ball unvorhersehbar ab. Man ließ kleinere Fenster wie die grille (zugleich französische Bezeichnung der Craticula, des Gitterfensters eines Klosters), die lune (frz. „Mond“) oder das ais in die Wände ein, für deren Treffen man zusätzliche Punkte erhielt. Die Wände der Tennisplätze strich man schwarz, so dass der Ball besser zu sehen war. Hierfür verwendete man eine Mischung aus Rinderblut, Rindergalle und Asche.Heiner Gillmeister: Kulturgeschichte des Tennis. 1990, S. 53. Die Maße waren von Platz zu Platz unterschiedlich. Im Durchschnitt hatten sie eine Länge von etwa 29 m und eine Breite von 9 m.Theo Stemmler: Vom Jeu de paume zum Tennis. 1988, S. 49. Bei Schlossneubauten waren solche Ballsäle ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der Planung bereits fest vorgesehen.
mini|hochkant|In einem Pariser Ballhaus, 17. Jahrhundert