mini|350px|Das Kurorchester Bad Kissingen (2012) auf der Wandelhallen-Drehbühne von 1911; Leitung: Elena Iossifova, Violine (links) mini|350px|Beim Morgenkonzert (1903) von Eugen Felle (1869–1934): Kurkonzert im alten Musikpavillon (erbaut 1899); links ist der Maler Adolph von Menzel als häufiger Kurgast dargestellt
Das Kurorchester der Kurstadt Bad Kissingen besteht offiziell seit 1. Mai 1837. Seit 2018 trägt es den Namen „Staatsbad Philharmonie Kissingen“., Bayerischer Rundfunk 13. September 2018 Es besteht aus 13 Musikern in Festanstellung (Stand 2018).Biografien aller 13 Musiker () auf www.badkissingen.de Im April 2012 erhielt es einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde und wurde mit 727 Auftritten pro Jahr als „meistspielendes Ensemble der Welt“ anerkannt.Thomas Mäuser: Kurorchester ist im Guinness-Buch, in: Saale-Zeitung vom 6. April 2012.Peter Rauch: Bad Kissingen im Guinness-Buch; Spielbilanz des Kurorchesters erregte Aufsehen, in: Main-Post vom 7. April 2012. auf www.badkissingen.de
Historische Entwicklung der Bad Kissinger Kurmusik Frühzeit Schon im 17. und 18. Jahrhundert hatte es bei gelegentlichen Besuchen der fürstbischöflichen Landesherren aus Würzburg Gastspiele des Hoforchesters gegeben. Zumindest in der Saison 1784 hatte auch die Würzburger Feldmusik, Vorläufer heutiger Militärkapellen, zum Kurkonzert aufgespielt. Doch sonst war das gesellschaftliche Leben in Bad Kissingen weniger unterhaltsam, das musikalische Angebot sogar mangelhaft. Der Arzt Adam Elias von Siebold (1775–1828) schrieb 1828: „Die Musik in Kissingen war seit mehreren Jahren sehr schlecht, obschon die Curgäste ein bedeutendes Honorar dafür zahlten.“ Auch den Gebrüdern Peter und Ferdinand Bolzano, die seit 1824 den Kurbetrieb gepachtet hatten, dürfte dies aufgefallen sein, doch waren sie damals noch mit der Modernisierung der vernachlässigten Infrastruktur des Kurbades beschäftigt.
Spielbeginn des ersten Kurorchesters im Jahr 1837 Erst 1836 engagierten die Bolzanos den böhmischen Kapellmeister Johann Kliegl (1808–1883),Sein Enkel Anton Kliegl (1872–1927) wurde in den USA ein erfolgreicher Unternehmer sowie Mäzen und Ehrenbürger der Stadt Bad Kissingen. der bei seinem Saison-Gastspiel mit 15 Musikern – darunter auch seine sechs Brüder – vom Publikum begeistert aufgenommen worden war, für die kommende Kursaison ab 1. Mai 1837. Dieses Datum wurde zur Geburtsstunde des Kurorchesters Bad Kissingen mit regelmäßigen Kurkonzerten, wie man sie noch heute kennt.
Allerdings war das Orchester anfangs nur mit Bläsern besetzt; die Streicher kamen erst zur Saison 1838 hinzu: Der damalige Badkommissar Carl Moritz Freiherr von Thüngen unterstützte mit Schreiben vom 31. Januar 1838 an die königliche Regierung den Wunsch des aus Leipzig stammenden Theaterunternehmers Eduard Geyser zur Einrichtung einer Theatermusik. Hierfür schien das bisher nur mit Bläsern besetzte Kurorchester allerdings nicht geeignet. Der Kurpächter Bolzano solle deshalb zur Anstellung einer auf Saiteninstrumente eingeübten Musikgruppe angehalten werden. Die Regierung stimmte dem Vorschlag am 14. Februar 1838 zu. So war Johann Kliegl verpflichtet, jetzt auch noch Streicher in sein Orchester aufzunehmen, um seinem Vertrag gerecht werden und nun auch noch zusätzlich im Theater spielen zu können.
Schon frühmorgens spielten die Musiker in den Straßen zum Wecken der Gäste. Zum Kurkonzert saßen sie im Kurgarten um einen Tisch herum. Erst nach Fertigstellung des von Friedrich von Gärtner gebauten Conversationssaals (heute Rossini-Saal) im Arkadenbau konnte das Kurorchester ab 1838 bei Schlechtwetter dort aufspielen. Doch so mancher Zuhörer empfand die allzu laute Musik in der damals noch leeren Halle als „an das Ohr schlagende Klänge“. Im Juli 1842 klagte der Staatswissenschaftler Robert von Mohl aus Tübingen sogar: „Alle Morgen von 11 bis 1 Uhr ist Dilettanten-Konzert, welches nicht schrecklicher sein könnte.“ Nach jedem Konzert mussten die Musiker bei ihren damals noch wohlhabenden Zuhörern sammeln gehen, denn ein festes Gehalt gab es für sie noch nicht.Die Najade, Organ für deutsches Kultur- und Badeleben, 25. Mai 1866, Seite 30 (Digitalisat) Nach Saisonende ging das Orchester wohl bis zur nächsten Saison auf Gastspielreise.Zeitvertreib, in: Allgemeine Bad-Zeitung vom 4. November 1846, anlässlich eines Auftritts in Birmingham. Kritisiert wurde im Zeitungsartikel, dass sich das Orchester in England nicht „Kissinger Kurmusik“ nannte, sondern dass „die Herren, welche sich seit dem Jahre 1838 so manches schöne Sümmchen dahier ergeigt haben“, sich „The Bohemian Band“ genannt hätten. „Dass diese Patrioten Böhmen sind, wissen wir, die Landsmannschaft gehört aber nicht zur Sache“.
Bad Kissinger Kurmusik im 19. Jahrhundert Ab 1845 spielte der Würzburger Komponist und Musikdirektor Johann Valentin Hamm (1811–1874) jeden Sommer im Bad Kissinger Kurorchester. Zehn Jahre später (1855) übernahm er dann im Auftrag des Badkommissariats das Orchester als Kapellmeister. Auf ihn geht die Tradition des noch heute (2012) üblichen Morgenchorals zurück, zu dem sich alle Gäste traditionsgemäß von den Plätzen erheben. Gioachino Rossini berichtete, dass er 1856 bei seinem Kuraufenthalt in Bad Kissingen erstmals eine Komposition Richard Wagners gehört habe.Unterfränkische Geschichte, Band 5, Teil 2, Verlag Echter, 2002, ISBN 978-3-429-02374-4, Seite 202 (Auszug)
Als Dirigent und Musikdirektor wurde der Mainzer Kapellmeister Matthias Heinefetter verpflichtet, der das Kurorchester in seine erste Blütezeit führte. Heinefetter holte 34 Musiker vom Würzburger Theater, der Meininger Hofkapelle sowie aus Böhmen und begann mit systematischer Orchester- und Probenarbeit. Die Kurkonzerte gab man jetzt in dem ebenfalls 1855 mitten im Kurgarten errichteten, rundum offenen Musikpavillon, dessen Akustik allerdings völlig unzureichend war. So schrieb die Würzburger Musikschule noch 1876 in einem Gutachten: „In nur mäßiger Entfernung vom Musikpavillon verliert sich bereits fast jegliche Klangwirkung.“
Die Auswirkungen des Deutschen Krieges von 1866 sowie des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71) brachten die Bad Kissinger Kurmusik fast zum Erliegen, doch besserte sich anschließend die Lage wieder.Unterfränkische Geschichte, Band 5, Teil 2, Verlag Echter, 2002, ISBN 978-3-429-02374-4, Seite 202 (Auszug)
mini|Älteste Aufnahme des Kurorchesters aus dem Jahr 1891 mit Musiker Josef Kliegl (69, erste Reihe Erster von links) mini|Der Musikpavillon von 1899 mit dem Kaim-Orchester; Postkarte aus 1899 mini|Kurkonzert des Wiener Concertvereins auf der Drehbühne der neuen Wandelhalle (1911) mini|Kurkonzert des Wiener Concertvereins im Jahr 1912
Nach häufigen Querelen um die ordnungsgemäße Verbuchung der bei den Gästen gesammelten Einnahmen und Heinefetters eigenem finanziellen Desaster – er hatte sich beim privaten Hausbau finanziell übernommen – trat er 1871 von seinem Posten als Musikdirektor zurück. Da auch Kapellmeister Valentin Hamm das Orchester verließ, wurde die Leitung nun dem neuen Theaterdirektor Eduard Reimann (1833–1898) übertragen. Reimann wurde vom Badkommissariat vertraglich verpflichtet, eine Kurkapelle aus 32 Musikern zu stellen, die außer in Bad Kissingen nicht nur zusätzlich in Bad Bocklet und auf dem Klaushof zu spielen hatte, sondern auch noch für Opernaufführungen im Bad Kissinger Kurtheater verfügbar sein musste. Von Mai bis September spielte das Orchester in voller Formation, in den Wintermonaten in kleinerer Besetzung.
Auch Reimann sah sich Vorwürfen ausgesetzt, die bei den Gästen gesammelten Einnahmen nicht korrekt verbucht zu haben, weshalb 1876 solche Sammlungen unter Strafe gestellt und die Kurtaxe erhoben wurde, woraus auch das Orchester bezahlt wurde. Zu dessen Mitgliedern gehörte ab 1892 als Flötist auch der Komponist und Flötenvirtuose Julius Manigold.
Wechselnde Konzertmeister sorgten in der Reimann-Zeit für stetige Qualitätsverbesserung, die Konzerte wurden immer anspruchsvoller. Von 1878 bis 1888 leitete der Coburger Konzertmeister Alexander Eichhorn die Kissinger Kurmusik, der 1876 an der Uraufführung von Richard Wagners Ring des Nibelungen in Bayreuth mitgewirkt hatte. Das Repertoire war äußerst umfangreich. So wurden im Mai 1878 in 62 regulären Konzerten 486 verschiedene Werke aufgeführt. An der Spitze steht Johann Strauss samt Familie mit 50 Kompositionen, gefolgt von Richard Wagner mit 37 Werken, Friedrich von Flotow und Carl Maria von Weber mit jeweils rund 20, Gioachino Rossini mit 16 und Wolfgang Amadeus Mozart mit 13 Kompositionen. Im Repertoire gab es auch viele Stücke, die erst kurze Zeit vorher uraufgeführt worden waren, neben Wagner und Strauß etwa auch von Johannes Brahms und Camille Saint-Saëns.Bernhard Janz: Am musikalischen Puls der Zeit. In: Peter Weidisch, Fred Kaspar (Hg.): Kurort und Modernität. Sonderpublikationen des Stadtarchivs Bad Kissingen, Band 11, 2017, ISBN 978-3-87717-859-1, S. 259–267 Doch der Dienst der Musiker war damals recht hart: Während der Saison gab es keinen freien Tag, zwischen sechs und acht Uhr war das Frühkonzert zu spielen, von 17 bis 19 Uhr folgte das Nachmittagskonzert und manches Mal stand abends im Conversationssaal noch ein Konzert oder im Kurtheater eine Oper auf dem Programm. Auch in Meyers Reisebüchern wurde 1898 die „vorzügliche Kurkapelle“ gelobt.
Die Münchner Philharmoniker als Kurorchester Nach Reimanns Tod (1898) wurde das Münchner Kaim-Orchester (etwa 45 Musiker) nach Bad Kissingen verpflichtet, das 1893 von Franz Kaim (1856–1935) als erstes Münchner Berufsorchester gegründet worden war und 1908 in Münchner Philharmoniker umbenannt wurde. Kaim erkannte in dem Sommer-Engagement die Gelegenheit, seine Musiker ganzjährig beschäftigen und dadurch stärker an sich binden zu können.
In Bad Kissingen begann nun die Zeit der großen Sinfoniekonzerte, der Beethoven- und Wagner-Abende. Zur Saison 1899 war der alte und zu kleine Musikpavillon im Kurgarten durch einen neuen, größeren ersetzt worden, „der prächtiger und herrlicher ist, als der aller anderen Badeorte in ganz Deutschland und darüber hinaus“.Saale-Zeitung vom 17. Juni 1899 Als sich sechs Jahre später das bayerische Finanzministerium weigerte, das große Orchester weiterhin in voller Besetzung zu bezahlen,Noch heute ist der Freistaat Bayern Mitgesellschafter der Bayer. Staatsbad Bad Kissingen GmbH sowie Eigentümer mehrerer kurrelevanter Immobilien in Bad Kissingen und steht hierfür in finanzieller Verantwortung. wechselte Kaim nach Abschluss der Saison 1905 nach Mannheim.
Der Wiener Concertverein als Kurorchester Nach den Münchnern kamen 1906 die Wiener unter Martin Spörr (1866–1937). Sechs Jahre zuvor hatte Ferdinand Löwe den Wiener Concertverein gegründet, aus dem später die Wiener Symphoniker wurden. Die Drehbühne in der neuen Bad Kissinger Wandelhalle für die Kurkonzerte (seit 1911) und der repräsentative Saal im Regentenbau für die Abendkonzerte (seit 1913) wurden zur Attraktion. Mit wechselnden Dirigenten und Gastsolisten wurde die Reihe der großen Sinfoniekonzerte fortgesetzt – sogar noch während des Ersten Weltkrieges.
Zwischen den Weltkriegen