mini|Corps in Europa mini|Weinheimer Corpsstudenten auf der Weinheimtagung, 2011 Die Corps – n., (sg.), (pl.), für „Körper, Gesamtheit“ – sind besonders alte Studentenverbindungen. Nach studentengeschichtlichen Begriffen eher „konservativ“, sind sie dem Prinzip der Toleranz verschrieben. Die ersten Corps entstanden im Ausgang des 18. Jahrhunderts. Die zeitweilige Schreibweise Korps wurde 1911 aufgegeben. Die Mitglieder der Corps werden als Corpsstudenten bezeichnet. Die Mitglieder eines Corps nennen sich Corpsbrüder.

Hintergrund

Die (späteren) Corps übernahmen Elemente der alten Landsmannschaften des 18. Jahrhunderts (farbige Kleidungsbestandteile als Vorläufer des Couleurs und Namen, die auf die Heimatregionen der Mitglieder hinweisen) sowie der Studentenorden (verbindliche, festverschworene Mitgliedschaft, schriftliche und grafische Geheimzeichen als Erkennungsmerkmale), brachten aber als Neuerung die Ideen des Deutschen Idealismus hinsichtlich Persönlichkeitsbildung und Charakterfestigung ein, die durch schriftlich formulierte Normen für die Studenten einer Universität festgelegt wurden. Markiert wird die Entstehung der Corps durch die Bildung von Senioren-Conventen (SC) und die Verabschiedung von Constitutionen und SC-Comments an den meisten deutschen Universitäten im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Früher bestehende studentische Zusammenschlüsse haben diese Entwicklung nicht überdauert, sodass die Corps damit die früheste Form von Studentenverbindung im heutigen Sinne sind. An jeder klassischen deutschen Universität bilden die Corps heute die ältesten und traditionsreichsten Studentenverbindungen.Erich Bauer: Schimmerbuch für junge Corpsstudenten. 4. Auflage. o. O. 1971. 28 Corps wurden noch im 18. Jahrhundert gegründet, ausschließlich an protestantischen und überwiegend an preußischen Universitäten: in Erlangen fünf, in Frankfurt (Oder) vier, in Gießen vier, in Halle sechs, in Jena sieben und in Marburg zwei. Von ihnen suspendierten die meisten Anfang des 19. Jahrhunderts.

Selbstverständnis

mini|200. Stiftungsfest des Corps Suevia Freiburg Jeder an einer deutschen, österreichischen oder schweizerischen Universität immatrikulierte männliche Student kann Corpsstudent werden, ungeachtet seiner Staatsangehörigkeit, sozialen oder ethnischen Herkunft sowie Religionszugehörigkeit. Dadurch unterscheiden sich Corps von anderen Formen studentischer Korporationen, die wie die Deutsche Burschenschaft nur Deutsche oder wie Katholische Studentenverbindungen nur Mitglieder bestimmter Konfessionen aufnehmen. Die Corps (nicht einzelne Corpsstudenten) beziehen von jeher keine Stellung zur Tages- oder Parteipolitik. Nach corpsstudentischen Grundsätzen soll sich jeder seine Meinung bilden und sie engagiert – ohne Rücksicht auf zu erwartende Nachteile – vertreten. Aufgrund dieser Verbindung von Verbandsneutralität und Einzelengagement fanden und finden sich viele Corpsstudenten unter den führenden Köpfen der unterschiedlichsten politischen Gruppierungen. Laut Rolf-Joachim Baum haben ihre geistige Unabhängigkeit und Entschiedenheit die Corpsstudenten oft genug zu Gegnern totalitärer Regimes werden lassen.Rolf-Joachim Baum: Vorwort des Herausgebers. In: Rolf-Joachim Baum: „Wir wollen Männer, wir wollen Taten!“ Deutsche Corpsstudenten 1848 bis heute. Siedler, Berlin 1998, ISBN 3-88680-653-7, S. 7–12. Die Kösener und Weinheimer Corps halten die Mensur als Bewährungsprobe ihrer Mitglieder und als Erziehungsmittel zur „Charakterfestigung und Persönlichkeitsbildung“ für unverzichtbar. In: die-corps.de, Kösener und Weinheimer Corps (letztes einschl. Memento).

Die Corpsmitglieder tragen Couleur. Sie erhalten als äußeres Zeichen ihrer Mitgliedschaft das Corpsband oder die Corpsschleife. Die meisten Corpsburschenbänder und Schleifen der Kösener und Weinheimer Corps sind dreifarbig. Zweifarbige haben Borussia Berlin, Franconia Tübingen, Franconia Würzburg und Onoldia (und Marchia Bochum). Acht Corps haben vier Farben: Baltia Königsberg, Guestphalia et Suevoborussia, Hasso-Borussia, Makaria-Guestphalia, Rheno-Guestphalia, Saxo-Borussia Heidelberg, Teutonia-Hercynia Göttingen und Vandalia Rostock.

Geschichte mini|Bundeszeichen des Corps Onoldia, gegründet 1798 Auf dem Boden von Aufklärung und Deutschem Idealismus entstand an den Universitäten eine neue Art studentischer Zusammenschlüsse. Sie erfreuten sich zumindest anfänglich der Unterstützung durch Professoren, die sonst den selbstverwalteten studentischen Gemeinschaften sehr kritisch gegenüberstanden. Die Senioren-Convente wollten die studentischen Umgangsformen verbessern; denn Senatsverordnungen hatten da in drei Jahrhunderten wenig bewirkt.Hans Peter Hümmer: Die Entstehung der Corps im Zeichen des klassischen Idealismus – ihre Vorläufer und Abgrenzung gegen die Burschenschaft. In: Rolf-Joachim Baum: „Wir wollen Männer, wir wollen Taten!“ Deutsche Corpsstudenten 1848 bis heute. Siedler, Berlin 1998, ISBN 3-88680-653-7, S. 15–44.Rainer Assmann: Kränzchen – Landsmannschaften – Corps, zur Frühgeschichte der Corps. In: Einst und Jetzt. Band 41 (1996), S. 155–178.

Charakterfestigkeit und Persönlichkeitsbildung wurden zur Aufgabe der neuen Gemeinschaften. Im Sinne des Idealismus brauchten politische Programme nicht mehr verfolgt zu werden; denn der „bessere Charakter“ würde sich auch auf die Gesellschaft positiv auswirken. Bereits die ersten Constitutionen betonen, dass politische Betätigung nicht zu den Aufgaben der Corps gehören und den Mitgliedern die politische Überzeugung freigestellt ist.

Wie die Landsmannschaften des 18. Jahrhunderts gaben die Corps sich lateinische Namen, die sich auf das Herkunftsland ihrer Mitglieder bezogen: Borussia, Bavaria, Saxonia, Guestphalia, Brunsviga, Franconia, Holsatia, Suevia und viele andere. Ihre Mitgliederstruktur war ursprünglich landsmannschaftlich ausgerichtet und Kantonen zugeordnet. Bei der Gründung gaben sie sich eine Constitution. Studentenwappen, Couleur, Zirkel und Studentenlieder stammten teilweise aus dem 18. Jahrhundert. Das Besondere und Neue war die Bildung von Senioren-Conventen (SC), die für ihren Bereich einen SC-Comment verfassten und für seine Einhaltung sorgten. Die SC beanspruchten die Gesamtvertretung der Studentenschaft, weil er alle „Landsmannschaften“ umfasste. Besonders im Vormärz beargwöhnten und verfolgten die Behörden studentische Zusammenschlüsse. Nach den Karlsbader Beschlüssen hielten die ersten Corps ihre Constitution geheim; manche mussten sich auflösen oder heimlich weitermachen, andere wählten unverfängliche Bezeichnungen. So entstand wohl auch die Bezeichnung „Corps“, die 1810 in Heidelberg erstmals nachweisbar ist. Sie bedeutete eigentlich das „engere Corps“ der Landsmannschaft, in das der „Fuchs“ gewählt werden konnte. Die Erziehung der Füchse und die Satisfaktion wurden im Progress zu Eckpfeilern des „konservativen“ Corpsstudententums, dem die „liberalen“ Landsmannschaften entgegenstanden – und unterlagen.R. Döhler: Die Corps vor der Reichsgründung. In: Corps Magazin. 1/2018, S. 30–31.

Abgrenzung gegenüber neuen Verbindungsformen Die Gründung der Urburschenschaft in Jena und die Ausbreitung ihrer Idee über ganz Deutschland stellten die Corps vor eine große Herausforderung. Die Forderung war, alle landsmannschaftlich orientierten Zusammenschlüsse an einer Universität aufzulösen und in eine einheitliche gesamtdeutsche Burschenschaft (verbreiteter Name war „Germania“) zusammenzuführen. Dieser Egalitarismus lief der sozialen Differenzierung der Corps zuwider und stellte den Alleinvertretungsanspruch der SC in Frage. Gerade die älteren Corps zogen sich auf die Positionen des Klassischen Idealismus zurück. Mehr als der Deutsche Idealismus zielte er auf Pflichterfüllung und Toleranz, auf Wertbegriffe Friedrichs des Großen. Zu dieser Weltsicht passte der Kosmopolitismus Goethes und Schillers, der schon im relativ hohen Ausländeranteil der Corps in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich wurde.Werner Barthold: Corps und Kollektiv. In: Einst und Jetzt. Band 25 (1980), S. 16 (24 ff.)

Im Progress entstanden nach 1840 noch weitere Formen von Studentenverbindungen, von denen viele heute noch existieren. Die neue Vielfalt verwässerte nach Ansicht der Corps die studentischen Traditionen. Der SC-Comment hatte seine Allgemeingültigkeit verloren. Die Corps erkannten, dass sie bei den vielfältigen Neugründungen ihren Alleinvertretungsanspruch gegenüber der gesamten Studentenschaft nicht wiedererlangen konnten. Sie waren trotzdem davon überzeugt, dass ihre Regelungen für das Studentenleben eine ideale Lösung darstellten. Es war zu klären, wodurch sich „Corps“ gegenüber anderen, jüngeren Verbindungen unterscheiden. Dazu mussten sie sich überregional organisieren und sich selbst sowie ihre Ziele und Ideale definieren. Vorarbeit leisteten hier der Senioren-Convent zu Jena, der Senioren-Convent zu Leipzig und der Hallenser Senioren-Convent. Sie konsultierten sich ab 1820 regelmäßig und bildeten von 1821 bis 1844 einen Allgemeinen SC, der oft auf der Rudelsburg tagte.

Verbandsgründungen

An den tierärztlichen Hochschulen entstand 1873 der Rudolstädter Senioren-Convent (RSC). 1882 folgte der Naumburger Senioren-Convent (NSC) an den landwirtschaftlichen Hochschulen. Diese Gründungen waren notwendig, weil die Hochschulen noch kein Promotionsrecht hatten und den wissenschaftlichen Hochschulen nicht gleichgestellt waren. Vom KSCV deshalb abgewiesen, kamen sie nach erbitterten Auseinandersetzungen 1934 in den WSC.

Gesellschaftspolitische Bedeutung im Deutschen Bund mini|Otto von Bismarck als Corpsstudent (1832) mini|Corps Teutonia Gießen (1858) Als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – besonders in Vorbereitung der Verbandsgründung 1848 – die ersten Definitionen formuliert wurden, worin das Eigentümliche der Corps im Verhältnis zu den anderen neu gegründeten Verbindungen bestehe, wurde die unpolitische Ausrichtung betont. Corps schreiben ihren Mitgliedern keine politische Richtung vor, bereiten sie aber auf verantwortungsvolle Positionen in Politik und Gesellschaft vor. Das war bereits in den Jahren und Jahrzehnten nach der Gründung der ersten Corps deutlich geworden. So beteiligten sich Corpsstudenten an der Organisation des Hambacher Festes 1832, wie die Rechtsanwälte Johann Georg August Wirth und Joseph Savoye.Egbert Weiß: Corpsstudenten im Vormärz – Verfolgte und Verfolger. In: Einst und Jetzt. Band 33 (1988), S. 47–63; Band 34 (1989), S. 264–265. Teilnehmer waren auch die Publizisten Friedrich Wilhelm Knoebel und Georg Geib.Edgar Süß: Die Pfälzer im „Schwarzen Buch“. Ein personengeschichtlicher Beitrag zur Geschichte des Hambacher Festes, des frühen pfälzischen und deutschen Liberalismus. Heidelberg 1956. Auch beim Frankfurter Wachensturm 1833 waren Corpsstudenten führend beteiligt wie Johann Ernst Arminius von Rauschenplat. Zu den berühmten Revolutionären gehören Friedrich Hecker, der „Berufsrevolutionär“ Heinrich Scheffer und Gustav von Struve.Friedrich Engelmann: Friedrich Hecker – Corpsstudent und Bürger zweier Welten. In: Einst und Jetzt. Band 49 (2004), S. 197–227. Im Vorparlament saßen 32 (bisher namentlich erfasste) Corpsstudenten. Von 809 Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung waren 120 Corpsstudenten.

Die Corps brachten nicht nur Revolutionäre und Aufrührer, sondern auch einflussreiche Beamte in den deutschen Einzelstaaten hervor. Schon damals war die Präsenz der Corpsstudenten in politisch sich entgegenstehenden Lagern typisch. Im Folgenden einige Beispiele:

Im Königreich Preußen zum Beispiel war Otto Freiherr von Manteuffel seit 1848 Innenminister und von 1850 bis 1858 Ministerpräsident. Sein designierter Nachfolger, Albrecht von Alvensleben war von 1835 bis 1842 preußischer Finanzminister. Seit 1862 war Otto von Bismarck Ministerpräsident und Außenminister. Im Kaisertum Österreich war Johann Bernhard von Rechberg Ministerpräsident von 1859 bis 1861.