Mit Wundheilung bezeichnet man den Verschluss einer Wunde durch Wiederherstellung des beschädigten Körpergewebes durch neugebildetes Bindegewebe in Verbindung mit Epithelisierung (Überwachsen mit Epithelzellen); ein natürlicher Prozess, der therapeutisch und mit Wundbehandlung unterstützt werden kann. Eine Verletzung, bei der die Wundheilung sich verzögert oder nicht mehr voranschreitet, wird zu einer chronischen Wunde.
Der Artikel Wunde behandelt den Prozess der Wundheilung nach einer Wundsetzung.
Schürfwunde an der Hand100px100px100px100pxTage nach Verletzung (etwa)031730
mini|440px|Tiefe Wunde am Schienbein, mit Stichen – Heilungsvorgang über fünf Wochen
Verlauf Der Begriff der Wundheilung beschreibt einen natürlichen biologischen Prozess und fasst die Vorgänge zusammen, die zur Zusammenführung von getrenntem und Wiederherstellung von zerstörtem Gewebe führen.S. Piotek, J. Toutenhahn: Physiologie der Wundheilung. In H. Lippert: Wundatlas. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-13-140832-4, S. 28–33 Diese Abläufe setzen bereits unmittelbar nach der Wundentstehung ein, wie mit enzymhistochemischen Verfahren nachgewiesen werden konnte. Die Blutplättchen treten an die geschädigte Stelle und versuchen sie zu verschließen. In seltenen Fällen entsteht über Exsudation (Flüssigkeitsabsonderung) eine Schorfbildung, was auch den oft mit der Wundheilung einhergehenden Juckreiz auslöst.
Dem Arzt obliegt es lediglich, durch Optimierung der Bedingungen Beschwerden (Wundschmerz) zu lindern, einer Komplikation oder Infektion vorzubeugen, eine Verzögerung zu verhindern und das kosmetische Resultat so gut wie möglich zu gestalten. Eine echte Wundheilungsbeschleunigung gibt es noch nicht, allerdings ist das je nach Wundtyp trockene oder feuchte Wundmilieu von Vorteil. Das Ziel der Heilung ist eine völlige Wiederherstellung (restitutio ad integrum), funktionell wie kosmetisch, was aber selten zu erreichen ist. Da ein Wundstarrkrampf und eine Sepsis entstehen könnte, sind spezielle Vorsorge-Impfungen unerlässlich. Fehlen diese, sollten sie unmittelbar gesetzt werden. Eine durch einen Unfall entstandene Wunde sollte per Antisepsis (Desinfektion) von Keimen befreit werden, zudem sind Fremdkörper für die Heilung hinderlich. Große offene Wunden müssen entweder geklammert, genäht oder geklebt werden. Oft bleibt eine sichtbare Narbe zurück.
Beim frühestens acht Stunden nach der Erstaufbringung erforderlichen bzw. empfohlenen Verbandwechsel beobachten Ärzte bzw. Pflegepersonen den Heilungsfortschritt, reinigen die Wundumgebung und das Wundgebiet und schützen die Wunde durch eine erneute künstliche Abdeckung. Sind Wunden reizlos und physikalisch geschlossen, können sie durch die Sauerstoffzufuhr beschleunigt offen komplett ausheilen.
Phasen Es werden mehrere Phasen der Wundheilung, die zeitlich überlappend nacheinander auftreten, unterschieden. Diese Einteilung ist nicht einheitlich und nicht unwidersprochen; sie basiert auf morphologischen Leitkriterien und ihre kennzeichnenden Effekte sind für das bloße Auge bei sekundär heilenden Wunden sichtbar. Die Abgrenzung der Phasen der Wundheilung voneinander unterscheidet sich je nach Quelle und ist willkürlich: Latenzphase, wird manchmal nicht separat erwähnt und/oder mit der nachfolgenden Wundheilungsphase zusammengefasst Exsudative Phase, wird auch als Entzündungs-, Inflammations- oder Reinigungsphase bezeichnet Resorptive Phase, wird manchmal nicht separat aufgeführt, sondern mit der vorigen oder der nachfolgenden Wundheilungsphase zusammengefasst Proliferative Phase oder Granulationsphase Reparative Phase oder Epithelisierungs- bzw. Regenerationsphase
Es kann ebenfalls in drei Phasen eingeteilt werden: Latenzphase (1. bis 3. Tag) Proliferationsphase (4. bis 7. Tag) Reparationsphase (ab dem 8. Tag)Klaus-Jürgen Bauknecht, Joachim Boese-Landgraf: Wunde, Wundheilung, Wundheilungsstörung, Wundbehandlung, Tetanusprophylaxe. In: Rudolf Häring, Hans Zilch (Hrsg.): Lehrbuch Chirurgie mit Repetitorium. (Berlin 1986) 2., durchgesehene Auflage. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1988, ISBN 3-11-011280-9, S. 7–17, hier: S. 11 f. (Wundheilungsphasen).
Latenzphase Diese Phase ist nicht generell in jeder Gliederung der verschiedenen Wundheilungsphasen enthalten. Ausgangspunkt jeder Wundheilung ist eine Störung des Blutflusses durch Kapillarverletzungen. Die initiale Blutung leitet eine Blutgerinnung ein, das zerstörte Blutgefäß wird durch ein Gerinnsel (Blutpfropf) verschlossen. Nun beginnt die manchmal als separate Phase genannte Latenzphase (vom lat. Wort für „im Verborgenen“; auch Ruhephase genannt), da anscheinend keine makro- und mikroskopisch sichtbaren weiteren Reaktionen eintreten. Diese Phase wird in vielen Einteilungsschemata der „Exsudationsphase“ zugeordnet, da sie meist kurz und nur schlecht abzugrenzen ist.
Exsudationsphase Die Bezeichnung stammt vom lat. Begriff Exsudat – austretende Flüssigkeit. Dieser Vorgang wird auch als Reinigungs-, Inflammations- oder Entzündungsphase bezeichnet. Durch die Zerstörung des Gewebes bei der Wundentstehung bluten die zerstörten Blutgefäße zunächst heftig. Dies trägt dazu bei, Fremdkörper aus der Wunde zu spülen. Kurze Zeit später verengen sich jedoch die verletzten Gefäße und der Blutfluss lässt nach. Dieser Vorgang wird als Vasokonstriktion bezeichnet und dauert etwa fünf bis zehn Minuten. Auf die Vasokonstriktion folgt wieder eine Ausweitung der Blutgefäße, die sogenannte Vasodilatation. Die zunehmende Durchblutung führt zu einer Rötung und Erhöhung der Hauttemperatur im Wundbereich. Gleichzeitig erhöht sich die Durchlässigkeit der Kapillarwände, damit finden vermehrt Blutzellen ihren Weg in den Wundbereich. Hinzu kommt Lymphe, die aus den beschädigten Lymphgefäßen austritt. Die Zunahme der Flüssigkeit im Gewebe nahe der Wunde verursacht eine Schwellung, das sogenannte Wundödem. Durch den nun einsetzenden Austritt von Wundexsudat werden Rückstände der erfolgten Gewebszerstörung, wie Zelltrümmer, aber auch Fremdkörper, sowie Keime und Erreger aus der Wunde „herausgeschwemmt“. Diese Phase kann bis zu vier Tage andauern und sich um einige Tage mit der folgenden Wundheilungsphase überschneiden.A. Vasel-Biergans, W. Probst: Wundversorgung für die Pflege. Ein Praxisbuch. Wiss. Verlagsges. Stuttgart, Stuttgart 2011, S. 16–22 In der Exsudationsphase sind die Zellen und Hormone des Immunsystems wesentlich beteiligt, und zwar nicht nur zur Abtötung eingedrungener Bakterien oder Viren, sondern auch zur Stimulation der Heilung selbst.
Resorptive Phase Die Blutgerinnsel, welche die Gefäße verschließen, bestehen hauptsächlich aus Thrombozyten, die sich aufgrund ihrer Oberflächenstruktur miteinander verbinden und mit chemischen Signalen weitere Blutplättchen in den Wundbereich lotsen. Als Nächstes bildet sich ein Netz aus Fibrinfasern. Dieses bei der Gerinnselbildung initiierte Fibrinnetz ermöglicht ein Verkleben aneinanderliegender Wundränder. Klares Wundexsudat, welches im Wesentlichen aus Blutserum und Lymphe besteht, ist mit Entzündungszellen durchsetzt. Unter sauberen Verhältnissen sollte diese Phase nicht länger als ein bis drei Tage dauern. Im Verlauf dieser Phase nimmt die Zytokinese (Zellteilung) im Wundgebiet zu. Monozyten reifen in dem Wundgebiet zu Makrophagen, die Zelltrümmer und Pfropf abräumen. Fibroblasten, die sich aus eingewanderten, aber auch aus im Wundrand ortständigen Bindegewebszellen entwickeln und durch Zellteilung vermehren, vollbringen in der folgenden Phase die eigentliche Aufbauarbeit. Hierzu ist ein feuchtes Wundmilieu nötig und wird durch moderne Wundauflagen nachgebildet bzw. unterstützt.
Granulationsphase oder proliferative Phase Von den Wundrändern aus bauen sich (induziert durch eine von Fibronektin und andere Proteasen bewirkte FibroblastenvermehrungKlaus-Jürgen Bauknecht, Joachim Boese-Landgraf: Wunde, Wundheilung, Wundheilungsstörung, Wundbehandlung, Tetanusprophylaxe. 1988, S. 12.) Kollagenfasern entlang dem früher gebildeten Fibrinnetz auf und bilden neues Bindegewebe. Darin lagern sich weitere Zellen ein. Es entsteht körniges Granulationsgewebe, das die Wunde von unten her füllt und sich allmählich zusammenzieht. Dadurch schließt sich die Wunde weiter. Durch Proliferation (lat. für ‚Bildung, Entstehung‘) von neuem Bindegewebe wird der Wunddefekt auf diese Weise zunehmend aufgefüllt. Synonym hierfür ist: Granulationsphase. Hierfür ist das sichtbare Granulationsgewebe namensgebend (lat. Granulum = ‚Körnchen‘; das Füllgewebe sieht grob gekörnt aus). Hand in Hand mit der zellreichen Auffüllung eines Wunddefektes geht der Abbau des Fibrinnetzes (Fibrinolyse) durch Plasmin einher. Zugleich nimmt durch einsprossende Haargefäße der Gefäßreichtum (lat. Vaskularisation) zu. Die Fibroblasten produzieren hexosaminhaltige saure Muco-Polysaccharide, als Mutterboden (extrazelluläre Grundsubstanz des Bindegewebes) und über intrazelluläre Vorstufen die schließlich extrazellulären kollagenen Bindegewebsfasern. Der zeitliche Ablauf ist sehr komplex und unterliegt dem Einfluss zahlreicher Wachstumsfaktoren (Zytokine). Das Granulationsgewebe kann sich nur zeitgemäß entwickeln, wenn keine allgemeine und örtliche Mangelernährung (keine Mangeldurchblutung) und keine Stoffwechselerkrankungen das Wachstum behindern. Bei sehr kleinen Wunden kann dieses Gewebe schon nach wenigen Stunden entstehen (nach Nadelstichverletzungen innerhalb weniger Minuten). Üblicherweise setzt die Granulationsphase zwischen dem zweiten und dem vierten Tag ein und reicht bis zum 14. Tag der Wundheilung. Sie läuft über viele Tage gleichzeitig mit der nachfolgenden Wundheilungsphase ab. Etwa zwischen dem sechsten und zehnten Tag beginnt die Ausreifung der kollagenen Fasern.
Regenerationsphase, Reparationsphase oder reparative Phase In der Regenerationsphase wird die Wunde an der Oberfläche durch Epithelisation (nach Epithel – Deckgewebe; → Epidermis) geschlossen. Der Durchmesser einer gut granulierenden Wunde schließt sich zu einem Drittel ausschließlich durch Schrumpfung, zu zwei Dritteln durch Neubildung (Zellteilung) von Oberflächenzellen und Zellwanderung auf der „Gleitbahn“ verflüssigten Fibrins vom Wundrand her zur Wundmitte. Die Voraussetzung für den komplikationslosen Ablauf der reparativen Phase ist ein ausreichend feucht-warmes Wundmilieu, das eine Einwanderung frischer Zellen begünstigt. Das Austrocknen des Wundgrundes kann Wundheilungsstörungen zur Folge haben. Das Füllbindegewebe (Granulationsgewebe) bildet zunehmend Kollagenfasern aus, womit die Wiederherstellung aller Hautschichten nahezu abgeschlossen ist. Am Schluss bildet sich auf der Wundoberfläche durch die so genannte Epithelisation eine neue Hautschicht. Als Ergebnis aller Vorgänge entsteht eine Narbe. Sie überragt die gesunde Haut zuerst und sinkt mit der Zeit durch Straffung des Bindegewebes ein. Das Narbengewebe unterscheidet sich deutlich von der umgebenden Haut, da es keine Haar- oder Schweißdrüsen und auch keine Melanocyten (Pigmentzellen) enthält. Da keine elastischen Fasern gebildet werden, verfügt das ursprünglich gefäßreiche Narbengewebe („rote Narbe“) als kapillar- und zellarmes Bindegewebe („weiße Narbe“)Klaus-Jürgen Bauknecht, Joachim Boese-Landgraf: Wunde, Wundheilung, Wundheilungsstörung, Wundbehandlung, Tetanusprophylaxe. 1988, S. 12. über keine Elastizität und ist unvermeidbar minderwertig, weswegen in der Therapieplanung eine minimale Narbe angestrebt wird.
Remodellierung An die Wundheilung schließt sich eine längere Phase von Um- und Ausbauvorgängen an, in der sich die Gewebestruktur weiter verändert. Diese Prozesse werden mit den Begriffen „Remodellierung“ oder „Maturation“ bezeichnet. Manche Einteilungen bevorzugen eine besondere Bezeichnung für die weitere funktionelle Anpassung des Narbengewebes (Reifung) an die örtlich verschiedenen Anforderungen. Andere halten diesen Prozess der Regeneration zugehörig.