Das Kloster Kirschgarten war zunächst ein Zisterzienserinnenkloster, ab 1443 bis zur Auflösung 1525 ein Kloster der Augustiner-Chorherren vor der Stadt Worms. Baulich ist von dem Kloster nichts erhalten.

mini|hochkant|Kalenderblatt „Februar“ aus dem Codex Liechtenthal 37, um 1300, mit Vermerk über eine in Kirschgarten verstorbene Nonne aus dem Geschlecht Bolanden-Hohenfels

Geografische Lage Die Anlage befand sich südwestlich der äußeren Stadtmauer, etwas westlich der Straße nach Speyer.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 738. Nächstgelegenes Tor in der Stadtmauer war das Speyerer Tor in der äußeren Mauer, das vor der Leonhardspforte der inneren Stadtmauer angeordnet war.

Bezeichnung In der Gründungsphase lautete die Bezeichnung des Klosters ortus beate Marie und ortus beate virginis (Mariengarten). Das war wohl auch der „offizielle“ Name, denn die letztgenannte Form findet sich in Siegelumschriften bis ins 15. Jahrhundert. Im allgemeinen Sprachgebrauch und in den erhaltenen Urkundentexten setzt sich aber die Bezeichnung ortus ceresorum (Kirschgarten) durch.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 739; Lehmann, S. 398.

Geschichte Frauenkloster Gründung Der Wormser Bischof Heinrich II. von Saarbrücken (1217–1234) gründeten das Kloster 1226 auf Lehensbesitz des Domkapitels in einem Gartengelände südwestlich der Stadt Worms, das vom Eisbach durchflossen war. Ursprüngliches Patrozinium war das der Hl. Maria. Die Quellen zur Gründung sind spärlich, eine Gründungsurkunde fehlt und Informationen zur Frühzeit des Klosters stammen zumeist aus späteren, erzählenden Quellen. Eine Schenkungsurkunde von 1236 ist das älteste erhaltene schriftliche Zeugnis über das Kloster. 1237 schenkten der Dom-Kämmerer Richezo und seine Gemahlin Agnes dem Kloster weiteres, wohl benachbartes Gartengelände, das sie als Lehen besaßen.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 739.

Ebenfalls 1237 ist bezeugt, dass die Frauen dort nach der Zisterzienserregel lebten, was aber noch kein Beleg dafür ist, dass es sich formell um ein Zisterzienserkloster handelte. Zum einen war es kirchenrechtlich erforderlich, dass solche Gemeinschaften sich auf eine Ordensregel verpflichteten, so dass es zahlreiche Gemeinschaften gab, die eine Regel befolgten, ohne dem entsprechenden Orden anzugehören. Zum anderen fehlt für das Kloster Kirschgarten sowohl eine Inkooperationsurkunde für den Zisterzienser-Orden als auch gegebenenfalls daraus resultierende Visitationsprotokolle. Noch 1273 wird ein Beichtvater und Priester durch eine private Stiftung finanziert – im Falle der Inkorporation im Zisterzienserorden wäre der Abt des übergeordneten Klosters verpflichtet gewesen ihn (ohne externe Finanzierung) zu stellen. Da aber für die folgenden Jahrhunderte Visitationsprotokolle vorliegen und eine Zugehörigkeit des Klosters zum Zisterzienserorden im 15. Jahrhundert unstreitig scheint, geht die neuere Forschung davon aus, dass das Kloster in der späteren Zeit gewohnheitsrechtlich als Zisterzienserkloster galt. Übergeordnetes Kloster war die Abtei Otterberg.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 740, 747.

Weitere Entwicklung 1253 diente das Kloster Bischof Richard von Daun zwischenzeitlich als Residenz, weil die staufisch gesinnte Stadt Worms ihm den Einlass verweigerte.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 740.

Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts hören die personellen Kontakte, Stiftungen und Schenkungen von Seiten des Hochadels auf.Kleinjung, S. 111. Dafür empfing das Kloster nun in großem Umfang Schenkungen, insbesondere erwarb es Güter, die sich zuvor im Besitz von Niederadeligen befanden.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 740. 1298/99 kam es sogar zur Gründung eines Tochterklosters in Abenheim, zu dem aber weitere Nachrichten fehlen.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 742.

Die schwere Krise des 14. Jahrhunderts traf auch das Kloster Kirschgarten. 1330 musste es erstmals in größerem Umfang Güter verkaufen. Die Situation verschlimmerte sich weiter: 1382 musste das Kloster wegen der drückenden Schuldenlast seine Finanzen gegenüber dem Rat der Stadt Worms offenlegen, es kam zu Notverkäufen und 1385 brannte zudem noch das Klostergut Kirschgartshausen ab. Der Niedergang war offensichtlich nicht aufzuhalten, weitere Verpfändungen und Verkäufe folgten im 15. Jahrhundert: 1413 die Hälfte der Fischteiche bei Kirschgartshausen, 1420 der Hof in Pfeddersheim, 1422 der Hof in Kirschgartshausen selbst und die Rechte an der Rheinüberfahrt, 1435 Güter in Mörstadt.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 742. Zudem dezimierte in dieser Zeit die Pest die Zahl der Schwestern. 1428 lebte nur noch die Äbtissin Guda von Büches sowie der Pförtner und seine Familie im Kloster.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 743.

Ende Eine Verfügung des Konzils von Basel vom 18. Januar 1435 forderte den Wormser Bischof Friedrich von Domneck (1426–1445) auf, das Kloster wieder herzustellen. Dessen Versuche scheiterten aber zunächst, da die Zisterzienser – kontaktiert wurden dazu etwa die Äbte des Klosters Schönau und des Klosters Maulbronn – kein Interesse hatten, die nun vermögenslose Einrichtung zu übernehmen. Die Bemühungen zogen sich bis 1443 hin. Dann stimmten die Zisterzienser zu, das Kloster einem anderen Orden anzubieten.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 743.

Organisation An der Spitze des Klosters stand eine Äbtissin. Nicht alle Äbtissinnen sind namentlich bekannt. Überliefert sindKleinjung, S. 294f.:

Äbtissin von bis Anmerkung Beatrix 1226? Erste Äbtissin, erwähnt in der Kirschgartener Chronik. Die unmittelbaren Nachfolgerin(nen) sind nicht überliefert. Hildegard von Leiningen-Landeck 1266Die Jahreszahlen geben den Zeitraum wieder, für den sie belegt ist, nicht unbedingt Beginn und Ende der Amtszeit. 1299 Ihre Schwester Agnes war mit Otto I. von Nassau verheiratet, die dadurch wiederum eine Tante von König Adolf von Nassau war.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 741. Sie ist die einzige Äbtissin des Klosters, die dem Hochadel entstammt.Kleinjung, S. 105. Lutgard / Lukardis 1303Die Jahreszahlen geben den Zeitraum wieder, für den sie belegt ist, nicht unbedingt Beginn und Ende der Amtszeit. 1313 Clara Erwähnt 1330 Mechthild 1355 1359 Lisa Erwähnt 1377 Katharina Holderbaum 1380 1385 Sie stammte aus einer Wormser Patrizier-Familie mit enger Verbindung zu den Pfalzgrafen.Kleinjung, S. 105, 295. Margareta Spenne 1385 ? Sie stammte möglicherweise aus einer Wormser Bürgerfamilie.Kleinjung, S. 107. Agnes von Kettenheim 1389 1392 Die Familie vom Kettenheim war in Worms ansässig. Zeitgleich mit Agnes leitete Margarethe von Kettenheim das Wormser Kloster Maria Münster.Kleinjung, S. 107. Margareta von Lewenstein 1392 1401 Eine adelige Herkunft, etwa aus der Familie von Löwenstein, ist nicht belegt, aber auch nicht auszuschließen.Kleinjung, S. 107. Benigna Grasslackhen 1413 1422 Guda von Büches 1424 1435

Die Schirmherrschaft über das Kloster lag in den Händen der Kurpfalz, die Vogtei wechselnd bei verschiedenen regionalen adeligen Familien. Genannt werden Bolanden und Leiningen.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 749f.

Frauen, die in das Kloster eintreten wollten, mussten ein „Eintrittsgeld“ entrichten.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 748.

Der reiche Besitz des Klosters fand sich überwiegend auf der linken Seite des Rheins in einem Umkreis von etwa 20 km um Worms. Einzelne, weiter abgelegene Besitzungen, gab es auf dem rechten Rheinufer und mit einer Streuung von Hedesheim im Norden bis Landau im Süden.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 753. Das Kloster besaß Anteile an dem Fährbetrieb über den Rhein bei WormsKeddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 754., die Pfarrei Monzernheim und das Patronatsrecht in Haßloch.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 756.

Kulturelle Zeugnisse Aus Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert wird in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe ein deutsch-lateinischer Psalter aus dem Kloster Kirschgarten aufbewahrt (Codex Liechtenthal 37).Digitalscan des aus dem Kloster Kirschgarten stammenden Psalters, Codex Liechtenthal 37. Er gehörte der dort 1320 verstorbenen Nonne Anna von Bolanden.Christa Bertelsmeier-Kierst: Beten und Betrachten – Schreiben und Malen. Zisterzienserinnen und ihr Beitrag zum Buch im 13. Jahrhundert. In: Anton Schwob, Karin Kranich-Hofbauer: Zisterziensisches Schreiben im Mittelalter. Das Skriptorium der Reiner Mönche (= Jahrbuch für internationale Germanistik. Reihe A: Kongressberichte. Band 71). Lang, Bern u. a. 2005, ISBN 3-03-910416-0, S. 163–177 (176) (Scan aus der Quelle). Die Handschrift gilt als wichtiger Beleg dafür, dass die Zisterzienserinnen für ihre persönliche Andacht (auch) volkssprachliche Texte nutzten.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 757.

Augustinerkongregation Gründung Nach dem Verzicht der Zisterzienser, das Kloster wieder zu beleben, gelang es Bischof Friedrich von Domneck und Kurfürst Ludwig IV. von der Pfalz, die Windesheimer Reformkongregation der Augustinerchorherren dafür zu interessieren. Diese entsandte sechs Regularkanoniker aus dem Kloster Böddeken, die die völlig heruntergekommene Anlage einschließlich der wenigen verbliebenen Vermögensreste des abgegangenen Zisterzienserklosters 1443/44 übernahmen und das Kloster renovierten. Bereits 1445 war Kirschgarten ein selbständiges, vom Mutterkloster Bödekken unabhängiges Kloster mit einem Prior an der Spitze.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 743f. Der neue Konvent übernahm weiter das leer stehende Augustiner-Chorfrauenstift in Frankenthal, das in der Folge auch als „Kleinfrankenthal“ bezeichnet wurde, um es von „Großfrankenthal“, einem eigenen Augustinerchorherrenstift, zu unterscheiden. Kleinfrankenthal wurde bis zum Umzug des Konvents dorthin von einem weltlichen Prokurator als Wirtschaftsbetrieb geführt.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 751. In kleinen Schritten gelang es den Chorherren das Kloster Kirschgarten zu konsolidieren und auch wieder Spenden einzuwerben. Eine Haupteinnahmequelle des Klosters lag im Schreiben und Einbinden von Büchern.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 744, 758. Dazu unterhielt der Konvent ein Skriptorium.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 758.

Weitere Entwicklung Das Verhältnis zur städtischen Obrigkeit entwickelte sich zunächst positiv, auch wenn es im Einzelnen – so etwa hinsichtlich der Steuerpflicht beim Weinausschank durch das Kloster – zu Streitigkeiten kam. Die Chorherren erhielten das städtische Bürgerrecht, was wichtig war, um in Krisenzeiten ein Anrecht zu haben, sich hinter die Stadtmauern in Sicherheit zu bringen.Keddigkeit / Lagemann / Untermann, S. 744f.