mini|Limes Dacicus mini|Münzbild des Trajan mini|Bauphasen des Kastells mini|Lageskizze Kastelle I-II und IVa mini|Lageskizze von Kastell, Municipium und Vicus von Tibiscum mini|Skizze des Bauinschriftfragmentes aus Kastellgebäude Nr. IV, vermutlich von der Vindelikerkohorte gestiftet, 3. Jahrhundert n. Chr. mini|Befundskizze Lager IVb und Vicus im 2. Jahrhundert n. Chr. mini|Die Reste der Porta principalis sinistra (2014) mini|Die Reste der Principia (2014) mini|Rekonstruktionsversuch der Principia auf einer Schautafel am Kastellgelände

Tibiscum ist der Sammelname eines römischen Kastells der Hilfstruppen, ein Bestandteil der Festungskette des dakischen Limes (limes Daciae, Provinz Dacia Superior bzw. später Dacia Apulensis) und eines Municipiums auf dem Gebiet des heutigen Caransebeș (Karansebesch/Karánsebes/Karanšebeš), einer Stadt im Kreis Caraș-Severin, Region Banat im Südwesten von Rumänien.

Kastell, Vicus und Zivilstadt verteilen sich über eine Fläche von 27 ha und zählen zu den bekanntesten archäologischen Stätten in Rumänien. Lagervicus und Municipium entwickelten sich im 3. Jahrhundert n. Chr. zu einem Zentrum für Handel und Warenproduktion (vor allem Keramik) und damit zu einer der wirtschaftlich bedeutendsten Städte der dakischen Provinzen. Tibiscum spielte auch eine wichtige Rolle bei der Romanisierung der einheimischen Bevölkerung und gilt als einer der Ausgangspunkte der christlichen Missionierung Dakiens. Gemeinsam mit insgesamt 277 Stätten des Dakischen Limes wurde Tibiscum 2024 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben.

Lage Lager, Militärvicus und Zivilstadt liegen auf dem Gelände der Ortsteile Jupa, Iaz und Ciuta von Caransebeș, entlang beider Ufer der oberen Tibisia/Temesch, eines linken Nebenflusses der Donau (). Das Kastellareal befindet sich zwei Kilometer südöstlich von Jupa auf einer Niederterrasse am linken Flussufer.Gudea/Lobüscher 2006, S. 35. Die Fundstelle ist auch unter den Flurnamen „Cetate“ (Festung) oder „Dupa ziduri“ bekannt. Im Gelände sind heute noch zwei Seiten der Befestigungswälle als Erhebung deutlich erkennbar.

Name Der antike Name ( Tibískon) bedeutet „sumpfiger Ort“, stammt aus dem thrako-dakischen Sprachkreis und leitet sich vermutlich von der Beschaffenheit der Uferlandschaft am nahegelegenen Fluss, lat. Tibiscus (auch Tibisia, Temesch), ab. In den antiken Quellen wird Tibiscum unter anderem bei Claudius Ptolemäus Geographica (3, 8, 10), in der Tabula Peutingeriana (Segmentum VII 4) und beim Geographen von Ravenna (4, 14, 4,18) erwähnt. Um 1020 scheint in der Liste der dem Erzbistum Ohrid zugehörigen Bistümer ein Ort namens „Dibiskos“ auf, man nimmt an, dass es sich dabei um die im Mittelalter entstandene Nachfolgerin der römischen Stadt handelt. Einige Urkunden aus dem 15. Jahrhundert erwähnen noch stark verzerrte Varianten wie zum Beispiel Tyvisk oder Tywsk, danach verschwinden aber auch diese letzten Hinweise auf die antike Siedlung aus den historischen Quellen.

Funktion Tibiscum entwickelte sich entlang zweier wichtiger Fernverkehrsstraßen, die den mösischen Donaulimes mit dem Inneren Dakiens verband:

Viminatium – Lederata – Arcidava – Bersobis – Tibiscum – Sarmizegetusa und Drobeta – Dierna – Tibiscum – Sarmizegetusa.

Die Besatzung des Kastells sicherte die Kreuzung und einen Abschnitt dieser beiden Hauptverbindungen, überwachte den Straßenverkehr und die Bevölkerung der sich auf den umliegenden Hügeln befindlichen dakischen Siedlungen.

Forschungsgeschichte Die Ruinen wurden erstmals im 19. Jahrhundert von dem Historiker Konrad Mannert (1756–1834) als römisch erkannt. Erste Probegrabungen begannen 1875 am rechten Ufer der Timis. Dort befindet sich auch der größte Teil der antiken Zivilstadt. Angeregt hatte dies vor allem der Geistliche Tivadar Ortvay (1843–1916), unter anderem Autor zahlreicher historischer Werke über das Banat. Erste genauere wissenschaftliche Untersuchungen wurden zwischen 1923 und 1924 von dem Archäologen George G. Mateescu (1892–1929), Dozent an der Universität Cluj, durchgeführt. Er grub im Bereich des großen Steinkastells, die Befunde blieben jedoch unveröffentlicht. Im Jahr 1977 wurden die Ausgrabungen am linken Ufer der Temesch zur archäologischen Schutzzone erklärt. Von 1965 bis 1989 fanden Ausgrabungen durch Marius Moga, Flores Medelec, Richard Petrovszky, Maria Petrovszky, Tiberiu Bona, Doina Benea und Petru Rogoszea statt (Lager, Vicus, Apollotempel). Das Nordtor des Holz-Erde-Kastells II wurde 1965 von Moga untersucht. 1982 fand Patrichie Puraci im 1,5 km von der Zivilsiedlung Tibiscum entfernten Dorf Iaz, Flur Sat Batrin (= „Altes Dorf“), eine 87 cm × 75 cm × 30 cm große römische Inschrift in Form einer tabula ansata, die Weihung eines wiederhergestellten Heiligtums an Apollo für das Wohl des Kaisers Septimius Severus sowie seiner Söhne Caracalla und Geta.Ioan Piso, Petru Rogozea: Ein Apolloheiligtum in der Nähe von Tibiscum. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. 58, 1985, S. 211–214, Nr. 1 = . Beim Pflügen des Bodens kamen in den folgenden Jahren zahlreiche Marmorfragmente einer weiteren Inschrift mit einer Weihung an Apollo aus der Zeit Caracallas ans Tageslicht.Ioan Piso, Petru Rogozea: Ein Apolloheiligtum in der Nähe von Tibiscum. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. 58, 1985, S. 214–218, Nr. 2 = . Aufgrund dieser Funde führten Tiberiu Bona und Petru Rogoszea im Auftrag des Museums von Caransebeș eine umfangreiche Grabung durch, die schließlich zur Aufdeckung des Apollotempels führte. 1984 konnten während der Grabungen an der westlichen Mauer des großen Steinlagers die Überreste von Lager III entdeckt werden. 1991 bis 1992 konnte man auch seine nördliche Seite lokalisieren. 2001 wurden wieder archäologische Forschungen, diesmal im Ortsteil Obreja, durchgeführt. Dabei konnte eine Fläche von 20 m × 1,5 m untersucht werden, wo wiederum Abschnitte der Kastellumwehrung ans Tageslicht kamen. Sie wurden als die Überreste eines Grabens (fossa) und des Walls (agger) aus der Holz-Erde- und der Steinperiode des Kastells erkannt und stammten größtenteils aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.

Geschichte Vorrömische Zeit Die günstigen natürlichen Bedingungen förderten schon in vorrömischer Zeit die Gründung von Ansiedlungen. Das Umland von Caransebeș ist seit prähistorischer Zeit besiedelt. So stieß man hier auf Werkzeuge aus der Altsteinzeit (ca. 35.000 bis 10.000 v. Chr.) und in der Balta Sărată auch auf Siedlungen der Vinča-, Starčevo- und Criș-Kultur aus dem 6. bis 5. Jahrtausend v. Chr. Des Weiteren fand sich bei Dealul Mare Siedlungsspuren aus der mittleren Bronzezeit (etwa 1600 bis 1200 v. Chr.), Funde aus der Hallstattzeit und eine Münze aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. In weiterer Folge wurden auch dakische Keramikfragmente und Grabhügel () aus dem 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. entdeckt. Die frühesten Spuren der Besiedlung durch die Daker wurden in Obreja, einem etwa sieben Kilometer entfernten Dorf, beobachtet.

2. Jahrhundert Bedingt durch seine geographische Lage war das Banat für die Römer einer der Hauptzugänge zu den dakischen Provinzen. Nachdem zwei römische Heeressäulen unter Kaiser Trajan zu Beginn des ersten Dakerkrieges, im Frühjahr des Jahres 101, die Donau auf zwei Schiffbrücken (bei Lederata und Dierna) überquert hatten, rückten sie weiter ins Banat vor. Nach der Schlacht von Tapae, die im Herbst des Jahres 101 stattfand, richtete sich die römische Invasionsarmee, die den dakischen Widerstand in dieser Region schon weitgehend zerschlagen hatte, für ihren ersten Winter im Feindesland ein. Zu diesem Zweck wurden zahlreiche temporäre Marschlager bzw. feste Kastelle im Banat und benachbarten Oltenien errichtet, so auch in Tibiscum. Das frühe Kastell (Lager I) stand wohl ab 106 – also nach Beendigung des zweiten Dakerkrieges – und befand sich am rechten Ufer der Timis. Es ist aber auch möglich, dass hier schon vorher ein römischer Stützpunkt existiert hatte.

Nach dem Tod Traians im Jahr 117 verbündeten sich die Jazygen mit den freien Dakern und griffen die Römer gleichzeitig an mehreren Stellen an. Auch die Provinzhauptstadt Colonia Ulpia Traiana Augusta Dacica wurde bei diesen Kämpfen schwer in Mitleidenschaft gezogen. Traians Nachfolger, Hadrian, rückte in Eilmärschen aus dem Orientprovinzen heran und brachte neue, in Syrien rekrutierte Einheiten mit, darunter auch palmyrenische Bogenschützen, die in Tibiscum ihr Quartier nahmen. Zu diesem Zweck wurde eine größere Holz-Erde-Befestigung errichtet, die Lager I ersetzte. Dieses neue Kastell (Lager II) dehnte sich noch etwas weiter nach Süden aus und bestand wahrscheinlich bis zum Jahr 170. Seine Besatzung setzte sich aus den in Syrien rekrutierten Bogenschützen zusammen. Nach ihrer Ankunft errichtete man in weiterer Folge einen Militärvicus, wo sich die Familien der Soldaten und mit der Zeit auch zahlreiche Handwerker und Kaufleute niederließen. Gleichzeitig wurde in etwa drei Kilometer Entfernung ein dem Apollo geweihter Tempel erbaut.

In den Jahren 118–119 n. Chr.trat ein Statthalter aus dem Ritterstand, Quintus Marcius Turbo, sein Amt an, der sich um die Verteidigung der Provinz gegen die Sarmaten verdient gemacht hatte.Gudea/Lobüscher 2006, S. 23. Ihm zu Ehren wurden in Ulpia Traiana Sarmizegetusa und in Tibiscum Statuen aufgestellt. Eine in Caransebeș entdeckte Inschrift feiert die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung. Als Folge des Jazygeneinfalls brannte auch das zweite Holz-Erde-Lager nieder. Seine Mannschaftsbaracken wurden danach auf ihren alten Standplätzen neu aufgebaut und bestanden wieder ausnahmslos aus Holz, während die Kastellmauer in Stein errichtet wurde (Lager IVa). Der auffällig lange Bestand der Holz-Erde-Lager erklärt sich vielleicht aus einer längeren Friedensperiode, in der keine Notwendigkeit zum Umbau des Lagers in Stein bestand.Gudea/Lobüscher 2006, S. 35.

Während der letzten Herrschaftsjahre des Kaisers Antoninus Pius, um 158–160 n. Chr., flammten wieder Unruhen an der Westgrenze Dakiens auf und er musste erneut einige Feldzüge gegen die freien Daker führen. Unter diesem Kaiser fanden deshalb auch größere Umbauarbeiten in Tibiscum statt.Gudea/Lobüscher 2006, S. 33. Da hier mittlerweile zwei Einheiten gleichzeitig untergebracht waren, wurde das Lager noch einmal erheblich nach Westen und Süden erweitert (Lager IVb). Eine in den Principia entdeckte Inschrift stammt aus dem Jahr 165 und beweist, dass das „große Lager“ in diesem Jahr fertiggestellt wurde. Auch das archäologische Fundmaterial stützt diese Annahme.Gudea/Lobüscher 2006, S. 34. Etwas außerhalb des Kastells, in der Nähe der nordöstlichen Ecke, wurden eine Votivtafel und eine Inschrift für Iupiter Optimus Maximus entdeckt. Sie lassen vermuten, dass durch die Angriffe der Markomannen, Quaden und ihrer Verbündeten, den freien Dakern, in den Jahren von 167 bis 170 auch Tibiscum schwer beschädigt wurde.

3. Jahrhundert