Porolissum () ist ein römischer, militärisch-ziviler Siedlungskomplex auf dem Gebiet des zur heutigen rumänischen Gemeinde Mirșid gehörenden Dorfes Moigrad-Porolissum im Kreis Sălaj. Regional befindet es sich im nordwestlichen Bereich Siebenbürgens. Die militärischen Anlagen waren von strategischer Bedeutung und hatten eine wichtige Funktion am Abschnitt Porolissensis des Dakischen Limes. Sie bestehen aus den Kastellen Moigrad – Porolissum, Moigrad – Citera und Moigrad – Coasta Citerii sowie den vorgelagerten Verteidigungslinien mit weiteren Kastellen, sowie Wachtürmen, Wallanlagen und Sperrmauern. Die um das Kastell Moigrad – Porolissum herum entstehende Zivilsiedlung begann als einfacher Vicus, expandierte dann, wurde später zum Municipium erhoben und hatte in seiner Blütezeit einschließlich der Militärs rund 20.000 Einwohner. Porolissum war zwischenzeitlich Sitz des Statthalters bzw. Procurators der Provinz Dacia Porolissensis. Gemeinsam mit insgesamt 277 Bestandteilen des Dakischen Limes wurde Porolissum 2024 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben.
Lage mini|Porolissum als Porolisso auf der Tabula Peutingeriana (rechts oben)
Porolissum fand schon auf der Tabula Peutingeriana Erwähnung, auf der es als Porolisso am Rande des Imperiums verzeichnet ist.Tab. Peut. VIII, 3 Auch in der Geographike Hyphegesis des antiken Geographen Claudius Ptolemäus wird es genannt.Serban George Paul Drugas: Ptolemaic Poleis and Places in Dacia and in Adjacent areas. What We Know. In: Ders. (Hrsg.): Mapping Ptolemaic Dacia. Trivent Publishing, Budapest 2020, ISBN 978-615-81353-6-8, S. 31–52. Da sich der Name Porolissum auf keine lateinische Sprachwurzel zurückführen lässt, nahm man früher an, dass sich an dieser Stelle zuvor eine dakische Siedlung befunden habe. Diese Ansicht gilt heute als überholt, auch mangels archäologischer Belege. Geographisch liegt der „Porolissum-Komplex“, wie er in der rumänischen Archäologie auch genannt wird, in einer vielfältigen Landschaft aus Hügeln und Senken, die sich entlang der Täler Almașului, Agrijuului, Someșului, Crasna und Barcăului erstreckt und im Westen durch zwei nördliche Ausläufer des Apuseni-Gebirges begrenzt wird, die Meseș- und die Plopiș-Wälder. Heute wird das Gelände in seinen größten Teilen landwirtschaftlich genutzt oder ist bewaldet und ähnelt optisch einer mit Laubwäldern bewachsenen deutschen Mittelgebirgslandschaft.
Forschungsgeschichte
Die erste Erwähnung Porolissums stammt von Károly Torma, der seit etwa 1860 im damals noch zu Ungarn gehörenden Siebenbürgen gegraben hatte, im Jahr 1880.Károly Torma: A Limes Dacicus felső része. M. Tud. Akadémia Könyvkiadó-Hivatala, Budapest 1880, S. 80 f. Eine weitere Erwähnung stammt von Vasile Christescu aus dem Jahr 1937Vasile Christescu: Istoria militară a Daciei romane. Fundația Regele Carol I, Bucureşti 1937, S. 183, 189, 191 und 199. Erste systematische Untersuchungen erfolgten 1937 bis 1939 unter der Leitung von Constantin Daicoviciu. In den Kriegsjahren 1941 bis 1943 führten die Archäologen Aladár Radnóti und László Barkóczi für das Ungarische Nationalmuseum weitere Ausgrabungen in der Fortifikation Moigrad – Pomet des damals wieder ungarisch besetzten nordwestlichen Siebenbürgens durch.Endre Tóth: Porolissum. Das Castellum in Moigrad. Ausgrabungen von A. Radnóti, 1943. Magyar Nemzeti Múzeum, Budapest 1978, ISBN 978-963-562-435-5. 1957/1958 folgten Untersuchungen durch den Vorläufer des Institutul de Arheologie și Istoria Artei din Cluj-NapocaOffizielle Webpräsenz des Institutul de Arheologie și Istoria Artei din Cluj-Napoca (rumänisch), abgerufen am 4. Dezember 2024. (Archäologisches und kunsthistorisches Institut in Cluj-Napoca) unter der Beteiligung von Eugen Chirilâ, Mihail Macrea, Ioan Mitrofan, Dumitru Protase, Mircea Rusu und anderen. Danach kam es erst wieder 1977 bis 1982 zu Grabungskampagnen in Zusammenarbeit des Instituts aus Cluj mit dem Muzeul Județean de Istorie şi Artă din ZalăuOffizielle Webpräsenz des Muzeul Județean de Istorie şi Artă din Zalău (rumänisch), abgerufen am 4. Dezember 2024. (Kreismuseum für Geschichte und Kunst in Zalău), bei der sich erstmals auch Nicolae Gudea an den Forschungen beteiligte.Eugen Chirilă, Nicolae Gudea, Alexandru V. Matei, Vasile Lucăcel: Raport preliminar asupra cercetărilor arheologice de la Moigrad (Porolissum) din anii 1977–1979. In: Acta Mvsei Porolissensis, Band 4, 1980, S. 81–100.Eugen Chirilă, Nicolae Gudea, Alexandru V. Matei, István Bajusz: Raport preliminar în legătură cu săpăturile arheologice executate la Moigrad (Porolissum) în anii 1980–1982. In: Acta Mvsei Porolissensis, Band 7, 1983, S. 119–138. Mitte der 1990er Jahre erfolgten weitere vereinzelte Untersuchungen, wieder unter der Leitung von Gudea in Zusammenarbeit mit Dan Tamba.
Seit 1999 finden die Grabungen jährlich statt, ein Ende ist nicht abzusehen. Daran beteiligten sich über die bereits genannten hinaus die verschiedensten nationalen und internationalen Institutionen. Darunter seit 2001 die Babeș-Bolyai-Universität Cluj. Von 2004 bis 2011 führte das rumänisch-/US-amerikanische „Porolissum Forum Project“ Untersuchungen durchPorolissum Forum Project auf tDAR – The Digital Archaeological Record (englisch), abgerufen am 7. Dezember 2024. und von 2006 bis 2009 lief das interdisziplinäre britisch-rumänisch-ungarische „Project Necropolis Porolissensis“ unter der Beteiligung dreier transsylvanischer Institute, Geophysikern der Eötvös-Loránd-Universität aus Budapest, sowie von Spezialisten für menschliche Überreste und Archäometrie der University of London.Ágnes Alföldy-Găzdac: Project “Necropolis Porolissensis” Methods and Perspectives. In: Acta Terrae Septemcastrensis, Band 6.1, 2007, S. 9–17 (Digitalisat). Von 2009 bis 2011 forschten im Rahmen eines deutsch-rumänisch-ungarischen Projektes unter der Koordinierung durch den Lehrstuhl für Alte Geschichte und Archäologie der Babeş-Bolyai Universität das Winckelmann-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin, das Archäologische Institut der Universität zu Köln und der Fachbereich Konservierung und Restaurierung an der Fachhochschule Erfurt, sowie die Fakultät für Architektur der Technischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Universität Budapest.Porolissum Projekt auf der offiziellen Webpräsenz der Humboldt-Universität zu Berlin, abgerufen am 4. Dezember 2024. Die Komplexität sowie der Umfang der archäologischen Stätten und des Fundmaterials zogen zahlreiche renommierte Archäologen, wie István Bajusz, Cristian Găzdac, Vlad-Andrei Lăzărescu, Coriolan Horațiu Opreanu und Horea Pop an, übten aber auch gerade auf angehende und junge Wissenschaftler immer wieder ihre Anziehungskraft aus.
Kastell Moigrad – Pomet
mini|Kastell Porolissum im Verlauf der dakischen Limites
Lage Das Kastell liegt rund einen Kilometer südlich des Dorfes nach dem es benannt ist auf dem Gipfel und dem Nordwesthang des Măgura Pomat (Pomet-Hügel)Die Schreib- und Sprechweisen Pomat und Pomet schwanken abhängig vom jeweiligen Gebiet. in der Flur Cetate (deutsch: Festung). Seine Position war in antiker Zeit von strategischer Bedeutung, liegt die Garnison doch nur rund drei Kilometer südlich des Passes Poarta Meseșului (Meseș-Pforte), der in antiker Zeit Dakien mit dem Gebiet der Jazygen in der östlichen Pannonischen Tiefebene verband, wie er heute das rumänische Siebenbürgen mit der ungarischen Theißebene verbindet. Vom Kastell aus war eine exzellente Sichtverbindung zu diesem Pass sowie zu zahlreichen Wachtürmen der vorgelagerten Verteidigungslinien gegeben. Der Măgura Pomat bildet keine ebene Oberfläche, sondern die Höhen seines Plateaus, wenn man es denn überhaupt so nennen kann, schwanken nicht unerheblich, so dass man von einem Ende des Kastells aus das andere nicht mehr sehen kann. Die Platzwahl erfolgte also nicht auf idealtypischer Grundlage, sondern hatte rein strategische Motive, aufgrund derer man sich mit den schwierigen topographischen Verhältnissen arrangierte. Begrenzt wird der Hügel im Westen von den Comoară- und Ferice-Hügeln, im Südwesten und Südosten vom Tal des Baches Pomat und im Südosten und Osten vom Tal des Baches Citera.Nicolae Gudea: Der Dakische Limes. Materialien zu seiner Geschichte. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz. Band 44, Nummer 2, 1997, S. 1–113, hier S. 45–49 (doi:10.11588/jrgzm.1997.2.44010).Felix Marcu: The Internal Planning of Roman Forts of Dacia (= Bibliotheca Musei Napocensis. Band 30). Mega Publishing House, Cluj-Napoca 2009, ISBN 978-606-543-058-7, S. 87–101, hier: S. 88 f.
Archäologische Befunde Insgesamt drei Bauphasen, zwei Hauptbauphasen (Holz-Erde-Kastell und Steinkastell und eine Erweiterungsphase des Steinkastells) konnten differenziert werden. Mit seiner Größe war das Kastell wahrscheinlich von Anfang an für mehrere Militäreinheiten (Auxiliartruppen und/oder Legionsvexillationen) konzipiert worden.Felix Marcu: The Internal Planning of Roman Forts of Dacia (= Bibliotheca Musei Napocensis. Band 30). Mega Publishing House, Cluj-Napoca 2009, ISBN 978-606-543-058-7, S. 87–101.
Holz-Erde-Lager Das Holz-Erde-Lager hat einen viereckigen Grundriss und ist mit seinen Ecken nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet. Seine Abmessungen betragen 225 m mal 295 m, was einer Fläche von 6,6 Hektar entspricht. Es wurde von einem 8,0 m breiten und 1,6 m hohen Holz-Erde-Wall geschützt. Auf drei Seiten befindet sich ein einfacher, 15,0 m breiter und 3,5 m tiefer Spitzgraben. Nur auf der Südwestseite wurde ein Doppelgrabensystem identifiziert, dessen innerer Graben 9,0 m breit und 2,5 m tief ist, während die Maße des äußeren Grabens 5,5 m Breite und 3,0 m Tiefe betragen.
Die ersten Konstruktionen der Principia und des Praetoriums, damals noch aus Lehmfachwerk, gehören dieser Phase an, die auf die ersten Jahre nach der Eroberung Dakiens (ab 106) zu datieren ist. Die hier bis zur Mitte des zweiten Jahrzehnts des zweiten Jahrhunderts stationierten Truppen waren Vexillationen der Legio IIII Flavia Felix und der Legio XIII Gemina, sowie die Cohors V Lingonum und die Cohors VI Thracum. Im zweiten Jahrzehnt kamen die Cohors I Ulpia Brittonum (aus Resculum) und die Cohors I Augusta Ituraeorum sagittariorum (aus dem Kastell Buciumi).Felix Marcu: The Internal Planning of Roman Forts of Dacia (= Bibliotheca Musei Napocensis. Band 30). Mega Publishing House, Cluj-Napoca 2009, ISBN 978-606-543-058-7, S. 87–101, hier: S. 88–101.
Steinkastell