mini|hochkant|Schaufassade der Maria-Magdalenen-Kirche zur Burgstraße hin kurz vor dem Abbruch 1819 Die Maria-Magdalenen-Kirche, auch Burgkirche genannt, war die Klosterkirche des Burgklosters in Lübeck. Sie wurde wegen Baufälligkeit 1819 abgerissen. Ihre reiche Ausstattung bildet den Grundstock für die Sammlung sakraler Kunst des Mittelalters im St.-Annen-Museum.

Geschichte

Die erste Kirche des kurz nach der Schlacht von Bornhöved gegründeten Dominikanerklosters wurde ab 1229 erbaut. Ihren Namen erhielt sie vom Tag der Schlacht, die am 22. Juli 1227, dem Gedenktag der Heiligen Maria Magdalena, geschlagen wurde. Nach den wenigen Überresten zu schließen, war diese erste Kirche möglicherweise eine verhältnismäßig kleine, flachgedeckte spätromanische Hallenkirche. Doch bereits wenige Jahrzehnte später wurde die kleine romanische Kirche durch einen vierjochigen frühgotischen Bau ersetzt, der – kaum fertiggestellt – beim Stadtbrand 1276 schwer beschädigt wurde. Ihr genaues Aussehen lässt sich nicht rekonstruieren.Gorski: Die Baugeschichte der Burgkirche in Lübeck. 1990, S. 249–253. alternativtext=|mini|Modellbau der Maria-Magdalenen-Kirche (Burgkirche), Ansicht von NW Zur Zeit der Brandkatastrophe profitierten die Bettelorden in Lübeck außerordentlich von der Konfrontation zwischen dem Rat der Stadt und dem Lübecker Bischof Burkhard von Serkem. So fand sich die Bürgerschaft bereit, sofort nach dem Brand die Kirche auf sieben Joch erweitert als backsteingotische Basilika wiederaufzubauen. Sie war damit der erste hochgotische Bau in Lübeck mit Strebebögen.Gorski: Die Baugeschichte der Burgkirche in Lübeck. 1990, S. 256. 1319 wurde der Neubau durch Serkems Nachfolger, Bischof Heinrich II. Bochholt, geweiht. Im Laufe des 14. Jahrhunderts wurden Seitenkapellen angebaut. 1399–1401 wurde der ursprüngliche Chor mit einer Stiftung des städtischen Münzmeisters Petrus Huk über 1600 MarkAlbrecht: Steinskulptur in Lübeck um 1400. 1997, S. 40–45 zu Petrus Huk und der Stiftungsgeschichte. Der Stifter Huk ging 1404 in Konkurs und wurde 1406 durch den aufgrund bürgerlicher Unruhen an die Macht gekommenen Neuen Rat wegen Wuchers angeklagt. durch einen neuen dreischiffigen Hallenchor ersetzt, der rechteckig abschloss.Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Hamburg. Schleswig-Holstein. 3. ergänzte Auflage. Deutscher Kunstverlag, Berlin / München 2009, S. 530. Die Kirche erhielt damit eine repräsentative Schaufassade zur Burgstraße, der wichtigsten Durchgangsstraße der Stadt, hin.Gorski: Die Baugeschichte der Burgkirche in Lübeck. 1990, S. 261–262. Diese Fassade enthielt mindestens 25 Doppelnischen, in denen sich 50 Statuen befanden. Mit einer Länge von 65 Metern und einer Höhe von bis zu 23 Metern war die Maria-Magdalenen-Kirche die drittgrößte Kirche in Lübeck.Gorski: Die Baugeschichte der Burgkirche in Lübeck. 1990, S. 244. Im Gegensatz zur üblichen Regel der Bettelorden, die nur Dachreiter erlaubte, besaß die Maria-Magdalenen-Kirche einen hohen Turm, der sich jedoch mittig in der Südfassade des Kirchenschiffs befand und nicht wie die meisten Kirchtürme seit dem Mittelalter im Westen des Kirchenschiffs. Da der Dominikanerorden, der sich vor allem der Predigt und der Seelsorge widmete, sich großer Beliebtheit in der Bevölkerung erfreute, erhielt die Kirche zahlreiche Stiftungen von verschiedenen religiösen Bruderschaften, wie sich in der noch erhaltenen Ausstattung widerspiegelt. Eine 1377 an die südseitige Kirchenmauer angebaute kleine Kapelle diente den zum Tode Verurteilten für eine letzte Andacht vor der Hinrichtung vor dem Burgtor.Gorski: Die Baugeschichte der Burgkirche in Lübeck. 1990, S. 264. Die Armesünderkapelle wurde mit Fertigstellung des neuen Chors an die Ostseite verlegt.Steinskulptur in Lübeck um 1400. 1997, S. 40. alternativtext=|mini|Modellbau der Maria-Magdalenen-Kirche (Burgkirche), Ansicht von SO

Als im Zug der Reformation das Kloster 1531 aufgelöst und als Armenhaus genutzt wurde, blieb die Burgkirche als evangelische Kirche bestehen, wurde aber nicht Pfarrkirche. Die Seitenkapellen gehörten einzelnen Ämtern oder wurden als Grabkapellen genutzt, unter anderem für den Subrektor und Bibliothekar Karl Heinrich Lange, den Superintendenten Johann Gottlob Carpzov, den Hauptpastor Jakob von Melle und den Ratssyndikus und Dompropst Johann Scheven. Um 1600 erhielt die Ostfassade einen Treppengiebel.Gorski: Die Baugeschichte der Burgkirche in Lübeck. 1990, S. 263. Bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts gelangten Kunstgegenstände der Ausstattung an Kirchen im Umland, beispielsweise der Marienaltar in die Dorfkirche Herrnburg. Der letzte Prediger, Gottlieb Nikolaus Stolterfoht, wurde am 6. November 1806 bei der Erstürmung Lübecks durch die Franzosen erschossen. Seither wurde in der Kirche kein Gottesdienst mehr gehalten.

Die Klosterkirche hatte schon immer statische Probleme, einerseits weil die Strebebögen, die das Gewicht des Gewölbes trugen, aufgrund der Unerfahrenheit der Bauleute mit dieser Technik zu flach waren, andererseits besaß das Langschiff kein stabiles Fundament, da die Kirche auf die Wallanlagen der alten Burg gebaut worden war.Nikolov: Das Burgkloster zu Lübeck. 1992, S. 26. 1589 stürzte der Kanzelpfeiler ein, 1635 der erste Nordpfeiler und mit ihm das gesamte erste westliche Gewölbejoch, das die Orgel unter sich begrub, was zu umfangreichen Reparaturarbeiten führte. Als dann am 13. März 1818 der zweite südliche Langhauspfeiler mit dem Gewölbe einstürzte, entschloss sich der Rat der Stadt mit Zustimmung der Bürgerschaft, die seit 1806 nicht mehr benutzte Kirche abzureißen. Die Umfassungsmauern ließ man bis zu einer Höhe von etwa 3,5 Metern als Umgrenzung des Armenhausfriedhofs stehen.Gorski: Die Baugeschichte der Burgkirche in Lübeck. 1990, S. 270. Immerhin rettete man nach Protesten wegen der Verschleuderung des Inventars beim Abriss der Kirche des Johannisklosters 1806 die Glasfenster und Carl Julius Milde sicherte einige ihrer Altäre und die Steinskulpturen der klugen und törichten Jungfrauen, die sich heute im St. Annen-Museum befinden.Dietrich Wölfel: Die wunderbare Welt der Orgeln. Lübeck als Orgelstadt. Verlag Schmidt-Römhild, Lübeck 1980, S. 158ff. Die Reste der Kirche wurden 1874–76 beim Bau der neugotischen Volksschule abgetragen. Lediglich die vier westlichen, älteren Joche der Nordwand, die an die Klosterbauten anschlossen, und die darin eingebauten Kapellen blieben erhalten. Weiter erhalten ist die Sakristei, die sich aber außerhalb der Kirche im Ostflügel der Klausur des Burgklosters befindet.

Ausstattung Die Burgkirche hatte bis zu ihrem Abbruch ihre reiche mittelalterliche Ausstattung am besten bewahrt, oder in den Worten von Jacob von Melle, enthielt “unter allen Kirchen die meisten übrig gebliebenen Denkmäler des vormaligen Römischkatholischen Gottesdienstes”.Melle: M. Jac. von Melle vormaligen Seniors und Hauptpastors. 1787, S. 269.

Kanzel und Altar Als Ersatz für die 1589 zerstörte Kanzel stiftete Magdalena Elisabeth Haase, geb. Bauert, die Witwe des wohlhabenden Weinhändlers Johann Haase und spätere Stifterin des Haasenhofes in der Dr.-Julius-Leber-Straße,Bau- und Architekturgeschichte, Stadtentwicklung in Lübeck - Profanbauten Altstadt - Dr.-Julius-Leber-Str. 37-39 (Hasenhof) PDF bei www.archiv.luebeck.de der Kirche 1732 einen Neubau am zweiten nördlichen Pfeiler, über den Verbleib dieser Kanzel ist nichts bekannt. Die Einweihungspredigt des Superintendenten Johann Gottlob Carpzov hingegen ist gedruckt und digitalisiert erhalten.Einweihungspedigt digitalisiert online

Auch der Hauptaltar wurde im 18. Jahrhundert erneuert, und zwar durch eine Stiftung des Ritters Henning von Weissenow, Jürgen Pavels Sohn. Auch über sein Schicksal ist nichts bekannt.

Nebenaltäre Viele, jedoch nicht alle Altäre, die der Kirche als Stiftungen zugewandt wurden, sind zumindest in Fragmenten erhalten. Die meisten gelangten in die Mittelaltersammlung des St.-Annen-Museums. Dessen große Sammlung wurde Ende des 19. Jahrhunderts zum Ausgangspunkt für die kunstgeschichtliche Einordnung vergleichbarer Werke spätmittelalterlicher sakraler Kunst im mittelniederdeutschen Sprachraum zwischen Flandern, dem Niederrhein, Westfalen, den Hansestädten bis in die skandinavischen Länder und das Baltikum. Notnamensgebungen wie der Meister des Altars von Arboga zeugen heute noch von der Internationalität, die notwendig wurde, um der mittelalterlichen Mobilität im Kunsthandel zu folgen. Die Altäre der Lübecker Burgkirche können teilweise aufgrund überlieferter Urkunden nicht nur ihrem Stifter, sondern auch dem Künstler zugeordnet werden. Einzelstifter waren oftmals Angehörige des Lübecker Patriziats, wie beispielsweise im Falle der Burgkirche der Bürgermeister Henning von Rentelen, oder Bruderschaften, meist vertreten durch ihre Älterleute, wie Christian Northoff als Ältermann der Antonius-Bruderschaft.