mini|Sehnsucht, Gemälde von Oskar Zwintscher, 1895 Sehnsucht (von mittelhochdeutsch sensuht, als „krankheit des schmerzlichen verlangens“Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch.) ist ein inniges Verlangen nach Personen, Sachen, Zuständen oder Zeitspannen. Sie ist mit dem Gefühl verbunden, den Gegenstand der Sehnsucht nicht erreichen zu können. Obwohl es schwer ist „Sehnsucht“ vollständig zu übersetzen, gibt es in anderen Kulturen gleichwertige Begriffe, die oft mit Musikstilen verbunden sind, die dieses Gefühl ausdrücken.

Bei Menschen, die sich vor Sehnsucht „verzehren“, kann diese psychopathologische Züge annehmen, so etwa bei verschiedenen Formen der Todessehnsucht, die bis zum Suizidwunsch reichen kann. Das Wort Sehnsucht ist als Germanismus in einige andere Sprachen übernommen worden.

Etymologie und Sprachwandel Ein Leidensbezug des Wortes Sehnsucht im mittelhochdeutschen Gebrauch wird im Deutschen Wörterbuch (Grimms Wörterbuch) folgendermaßen mit „Siechtum“ verbunden: Unter Abschwächung des Krankheitsbezuges bezeichnete das Wort später den hohen „Grad eines heftigen und oft schmerzlichen Verlangens nach etwas, besonders wenn man keine Hoffnung hat, das Verlangte zu erlangen, oder wenn die Erlangung ungewiss, noch entfernt ist“.

Bei aller Schwierigkeit, analoge Begriffe in anderen Sprachen zu ermitteln, gibt es bei Platon eine Ähnlichkeit mit dem griechischen πόθος (Pothos), dessen Volksetymologie im Dialog Kratylos erläutert wird. Diese „Sehnsucht“ bezieht sich auf etwas „anderswo Seiendes und Abwesendes“.

Das Wort Sehnsucht wird als Germanismus in einigen anderen Sprachen verwendet. Wegen seiner Unbestimmtheit lassen sich analoge Begriffe nicht leicht anführen.Sehnsucht. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 9, S. 165.

Formen der Sehnsucht Das Kapitel beschreibt unterschiedliche Formen der Sehnsucht und deren Bedeutungen. Fernweh beschreibt die Sehnsucht, die vertraute Umgebung zu verlassen und die Welt zu entdecken. Heimweh drückt demgegenüber den Wunsch aus, in der Fremde wieder nach Hause zu gelangen. Die Italiensehnsucht der Deutschen, die bereits Goethe in seiner Italienischen Reise beschrieb, symbolisiert Bildung und hat historische Wurzeln. Nostalgie beschreibt die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, die oft idealisiert werden, und kann sowohl persönliche als auch kollektive Erinnerungen betreffen. Wehmut beschreibt eine zarte Traurigkeit und eine bittersüße Sehnsucht nach einer schöneren Vergangenheit, wobei sie sich von der Melancholie durch ihren Bezug zur Vergangenheit unterscheidet.

Spezifisch deutsche Wortschöpfungen wie Sehnsucht, Weltschmerz, Wehmut, Heimweh oder Fernweh mit ihren Konnotationen haben nicht immer genaue Äquivalente in anderen Sprachen und spielen daher im Fremdsprachenunterricht Deutsch eine Rolle.Gabriele Schweller: Ziel C1: Deutsch als Fremdsprache. Lehrerhandbuch, Band 1. Hueber-Verlag 2011. Online

Fernweh beschreibt die Sehnsucht, vertraute Verhältnisse zu verlassen und die weite Welt zu entdecken. Das Wort „Fernweh“ steht im Gegensatz zu Heimweh. Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff in die Werbesprache übernommen und die künstliche Erzeugung von „Fernweh“ durch Werbung zu einem bedeutenden globalen Wirtschaftsfaktor.

Heimweh ist die Sehnsucht in der Fremde, wieder zu Hause zu sein. Zahlreiche Kunstwerke, Lieder und Bücher aus allen Jahrhunderten erzählen von dem schmerzenden Gefühl, fern der Heimat zu sein. „Heimweh“ steht im Gegensatz zu „Fernweh“.

Die Italiensehnsucht der Deutschen ist spätestens seit Goethes Italienischer Reise zum Topos und zum Inbegriff für Bildung schlechthin geworden. Doch sie ist auf weit ältere Zeiten zurückzuführen und hatte bis in das 20. Jahrhundert eine große Bedeutung.

Nostalgie bezeichnet eine Sehnsucht zu vergangenen Gegenständen oder Praktiken. Die Nostalgie kann sich sowohl auf das eigene Leben beziehen als auch auf nicht selbst erlebte Vergangenheit (so genannte kollektive Nostalgie).Nostalgie auf duden.de, abgerufen am 2. März 2014. Heute versteht man unter Nostalgie im Deutschen vorwiegend eine wehmütige Hinwendung zu vergangenen Zeiten, die in der Erinnerung oftmals stark idealisiert und verklärt reflektiert werden.

Wehmut bezeichnet ein Gefühl zarter Traurigkeit und die Sehnsucht nach einer schöneren Vergangenheit. Der Bezug zu Vergangenem ist vermutlich die einzige Abgrenzung zum Begriff der Melancholie – bei Wehmut bleibt die Vergangenheit der Quell bitter-süßer Freude.

Ähnliche Begriffe in anderen Sprachen Obwohl es schwer ist, das Wort „Sehnsucht“ vollständig zu übersetzen, gibt es in anderen Kulturen gleichwertige Wörter, die oft mit Musikstilen verbunden sind, die dieses Gefühl ausdrücken, wie der Blues für Afroamerikaner, Saudade auf Portugiesisch, dor in Rumänien, tizita in Äthiopien, hiraeth auf Walisisch oder assouf für die Tuareg, appocundria auf Neapolitanisch. Im Slowakischen ist das Wort clivota oder cnenie, im Tschechischen stesk. Im Türkischen hat das Wort hasret, das Sehnsucht, Verlangen oder Nostalgie bedeutet, ähnliche Konnotationen, ebenso wie das polnische tęsknota.

Das dorNeutrum laut Academia Română, Institutul de Lingvistică „Iorgu Iordan“, Editura Univers Enciclopedic, 1998. ist eine Empfindung oder Charaktereigenschaft, die oft als Hauptwesenszug des rumänischen „Nationalcharakters“ oder einer spezifisch rumänischen Mentalität beschrieben wird. Wie andere derartige Konzepte gilt das Wort als unübersetzbar,Lucian Boia: History and Myth in Romanian Consciousness. Central European University Press, Budapest 2001. S. 147. lässt sich aber mit Sehnsucht, Trennungsschmerz, Nostalgie oder Melancholie annähernd umreißen. Sehr ähnlich soll sich allerdings das den Portugiesen zugeschriebene saudade anfühlen, wie etwa der rumänische Religionsphilosoph Mircea Eliade 1941 in einem Artikel ausführte.Mircea Eliade: Dor - a Saudade romena. In: Acção vom 31. Dezember 1941, S. 3.

Hiraeth ist ein walisisches Wort, für das es ebenfalls keine direkte deutsche Übersetzung gibt. Die University of Wales, Lampeter, vergleicht es mit einem Heimweh, das mit Trauer und Traurigkeit über das Verlorene oder Verstorbene verbunden ist, insbesondere im Kontext von Wales und der walisischen Kultur. Es ist eine Mischung aus Sehnsucht, Verlangen, Nostalgie, Wehmut oder einem aufrichtigen Wunsch nach dem Wales der Vergangenheit. Die kornischen und bretonischen Entsprechungen sind hireth.

Saudade ist eine spezifisch portugiesische und galicische bzw. lusophone Form der Sehnsucht. Der Begriff der Saudade lässt sich mit „Traurigkeit“, „Wehmut“, „Heimweh“, „Fernweh“ oder „sanfte Melancholie“ nur annähernd übersetzen. Das Wort steht für das nostalgische Gefühl, etwas Geliebtes verloren zu haben, und drückt oft das Unglück und das unterdrückte Wissen aus, die Sehnsucht nach dem Verlorenen niemals stillen zu können, da es wohl nicht wiederkehren wird.

Mono no aware ist ein zentrales ästhetisches Konzept der japanischen Kultur. Es beschreibt die Vergänglichkeit des Lebens und der Dinge. Es verbindet eine sanfte Melancholie mit der Wertschätzung für die flüchtige Schönheit des Moments. Der Begriff umfasst sowohl Freude als auch Trauer und betont die Akzeptanz des Unbeständigen. Mono no aware spielt im Zen-Buddhismus eine bedeutende Rolle. Es verbindet die Vergänglichkeit und die Schönheit des Lebens mit zentralen Prinzipien wie Achtsamkeit und Akzeptanz.

Mythologie mini|hochkant|Statue des Pothos in der Centrale Montemartini, Kapitolinische Museen, Rom Antike griechische Mythologie Pothos, Himeros und Eros In der griechischen Mythologie wird die Sehnsucht durch die drei eng verbundenen Götter Pothos, Eros und Himeros (altgriechisch Ἵμερος Hímeros, deutsch ‚Sehnsucht‘) personifiziert. So ist Himeros der Gott der liebenden Sehnsucht, der mit Eros in Begleitung von Aphrodite zu finden ist. Während der Gott Pothos altgriechisch: Póthos (deutsch ‚Verlangen, Sehnsucht‘) die Personifikation der Sehnsucht nach einem abwesenden Objekt und insofern auch der Trauer ist. Der Philosoph Platon erläutert in seinem Dialog Kratylos das Verhältnis der drei zueinander, indem er sie als drei Zustände des Thymos, der Gemütslage eines Menschen, beschreibt und sagt, dass Pothos das Verlangen nach etwas Abwesenden sei, Eros und Himeros im Gegensatz das Verlangen nach etwas Anwesendem.Platon, Kratylos 420 Die Beziehung des Pothos als Personifikation der Sehnsucht, der Trauer und des süßen VerlangensLukian, Amores 3 wird auch aus einer Pothos genannten Pflanze, die man als „Sehnsuchtsblume“ auf Gräber pflanzte, ersichtlich.Theophrast, historia plantarum 6,8,3; Athenaios 15,679c–d; Eustathios commentarii ad Homeri Iliadem 1679,13 ff.; Plinius, Naturalis historia 21,11,67

Platon mini|Römische Kopie eines griechischen Platonporträts Eine mythische Erklärung der Sehnsucht bietet der Mythos von den Kugelmenschen, den Platon in seinem fiktiven, literarisch gestalteten Dialog Symposion (Das Gastmahl) erzählen lässt. Der Erfinder des Mythos ist Platon selbst, doch hat er alte mythische Motive verwertet.Marie Delcourt, Karl Hoheisel: Hermaphrodit. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 14, Stuttgart 1988, Sp. 649–682, hier: 662. Der Kerngedanke kommt auch in außereuropäischen Mythen vor.Hermann Baumann: Das doppelte Geschlecht. Berlin 1986, ISBN 3-496-00852-0, S. 178–182, 361; Marie Delcourt, Karl Hoheisel: Hermaphrodit. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 14, Stuttgart 1988, Sp. 649–682, hier: 650, 652; Wendy Doniger, Mircea Eliade: Androgynes. In: Lindsay Jones (Hrsg.): Encyclopedia of Religion. 2. Auflage. Band 1, Detroit 2005, S. 337–342, hier: 338. Platons fiktiver Erzähler ist der berühmte Komödiendichter Aristophanes, der ebenso wie die anderen Teilnehmer des Gastmahls, von dem der Dialog handelt, eine Rede über den Eros hält.Platon: Symposion. 189d–193d. Dem Mythos zufolge hatten die Menschen ursprünglich kugelförmige Rümpfe sowie vier Hände und Füße und zwei Gesichter auf einem Kopf. In ihrem Übermut wollten sie den Himmel stürmen. Dafür bestrafte sie Zeus, indem er jeden von ihnen in zwei Hälften zerlegte. Diese Hälften sind die heutigen Menschen. Sie leiden unter ihrer Unvollständigkeit; jeder sucht die verlorene andere Hälfte. Die Sehnsucht nach der einstigen Ganzheit zeigt sich in Gestalt des erotischen Begehrens, das auf Vereinigung abzielt. Manche Kugelmenschen waren rein männlich, andere rein weiblich, wiederum andere – die Androgynoi – hatten eine männliche und eine weibliche Hälfte.Platon: Symposion. 190a–b. Siehe dazu Bernd Manuwald: Die Rede des Aristophanes (189a1–193e2). In: Christoph Horn (Hrsg.): Platon: Symposion. Berlin 2012, S. 89–104, hier: 93f. Mit dieser unterschiedlichen Beschaffenheit der Kugelmenschen erklärt Platons Aristophanes die Unterschiede in der sexuellen Orientierung. Nur die aus Androgynoi entstandenen Menschen sind heterosexuell veranlagt.Mário Jorge de Carvalho: Die Aristophanesrede in Platons Symposium. Würzburg 2009, S. 295–297.

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