miniatur|Langes Haar in der Schwerelosigkeit

Langes Haar bezeichnet eine Frisur überdurchschnittlicher Länge. Wie die Länge des Haars definiert wird und sich gesellschaftlich einordnet, ist von Kultur zu Kultur oder sogar innerhalb einzelner Kulturen unterschiedlich. So kann eine Frau mit kinnlangem Haar als kurzhaarig gelten, während ein Mann mit der gleichen Haarlänge langhaarig genannt wird. Biologen legen langem Haar eine Bedeutung bei bestimmten Tierarten bei (natürliche Zuchtwahl), da die Haarlänge häufig ein Zeichen der Gesundheit ist. Psychoanalytiker weisen langen Haaren eine tiefenpsychologische Dimension zu.

Auch die Haarfarbe gilt als Signal. Schwarzes Haar wird mit einem leidenschaftlichen, südländischen Temperament assoziiert. Eine Verführerin stellt man sich rothaarig vor. Blond verkörpert die Sonne, das Gold und die Treue.

Kulturell signalisiert langes Männerhaar häufig eine Distanz zu gesellschaftlichen Normen und staatlichen Ordnungen. Bei Frauen dagegen gilt in westlichen Kulturen gerade das kurze Haar als Zeichen der Gesellschaftskritik.

Wissenschaft

miniatur|Albert Anker, Mädchen die Haare flechtend, 1887 Ethnologen vermuten im langen Haupthaar einen körperlichen Schmuck, gleichsam eine Nebenerscheinung der natürlichen Zuchtwahl, sobald das andere Körperhaar entwicklungsgeschichtlich verloren gegangen war. Als andere Erklärungsmöglichkeit zieht man die sexuelle Selektion heran, da langes glänzendes Haar ein sichtbares Merkmal für ein gesundes Individuum sei. Für einige Gruppen ist jedoch kurzes Haar das erstrebte Wesensmerkmal.James D. Watson (Hrsg.): Darwin : the indelible stamp ; the evolution of an idea. Running Press, Philadelphia 2005, ISBN 0-7624-2136-3, S. 1042.

Kulturgeschichte

Das Haar zählt zu den wichtigsten Arten sowohl der menschlichen Selbstdarstellung als auch der Darbietung und der Beurteilung anderer Menschen, ist es doch der Körperteil, der gleichsam am leichtesten zu gestalten ist. In vielen Kulturen gilt die Haarlänge als Gradmesser sexueller Selbstbeherrschung – langes Haar stand für eine gewisse Ungezügeltheit gegenüber kürzerem oder der Haarlosigkeit. Der kurz Geschnittene galt oftmals als Repräsentant oder Untergebener eines gesellschaftlichen Systems, während langes Haar eine gewisse Sonderrolle kennzeichnete.Anthony Synnott: Shame und Glory: a Sociology of Hair. In: The British Journal of Sociology. 1987-09 38.3, S. 381–413.

Bibel

Zur Zeit des Alten Testaments räumte man bestimmten Männern oftmals längere Zeitabschnitte ein, in denen sie ihr Haar nicht schnitten, um ihre Bindung an Gott zu demonstrieren. Man nannte sie Nasiräer. So stellt das Beispiel Simsons einen Zusammenhang von körperlicher Stärke und Haarlänge her. Simson verlor seine Stärke, als ihm die Verführerin Delila die Haare schneiden ließ. Die babylonischen Priester wurden geschoren und heute ist die Tonsur das Standeszeichen des katholischen Klerus. Die Bibel belegt an weiteren Stellen die Geringschätzung von Haarlosigkeit, Kahlköpfigkeit oder einer Glattrasur., , , ,

Nach dem Neuen Testament gilt jedoch: Diese Äußerung bezieht sich auf die Zeit, als man sich durch die Haarlänge vom sozial-religiösen Umfeld zu unterscheiden suchte. Kurzgeschorenes Haar und ein glattrasiertes Gesicht war eine heidnische Tradition, die mit der römischen Expansion einherging.

Im christlich-religiösen Kontext gibt es Darstellungen der Mutter Maria mit langen Haaren, was ihre Jungfräulichkeit kennzeichnen soll. Im Christentum entwickelte sich daraus die Tradition, dass Frauen, die – im Gegenteil – „unter der Haube waren“ dies dokumentierten, indem sie ihre Haar verbargen. Diese Tradition gibt es bis heute, z. B. bei katholischen Nonnen, die durch die Verhüllung ihrer Haare zeigen, dass sie ihr Leben sakral ausrichten und für den öffentlichen, männlich-codierten Blick nicht verfügbar sind.

Klassische Antike Griechenland

Zahlreiche Helden und Götter der griechischen Mythologie wie Zeus, Achilles, Hektor und Poseidon wurden langhaarig dargestellt. Griechische wie trojanische Soldaten trugen langes Haar in der Schlacht (Hopliten, Spartiaten). Ungeschnittenes Haar galt griechischen Männern wie Frauen seit dem 1. Jh. v. Chr. als Zeichen der Freiheit. Krieger sahen es als Zeichen des Adels an und trugen es offen gekämmt zur Schau. Die Männer des minoischen Kreta trugen lang herabfallendes Haar. Um das 6. Jh. v. Chr. setzte sich durch die Athleten die kürzere Frisur durch. Frauen behielten die Langhaarmode bei, von der sie sich Freiheit, Gesundheit, Reichtum und auch gutes Ansehen versprachen.M. Eleanor Irwin: Hyacinthine Haar. In: Odyssey. 6.231. Phoenix. (Okt 1990) 44.3, S. 205–218. Für Männer galt es als Zeichen falschen Stolzes.Frank W. Nicolson: Greek and Roman Barbers. In: Harvard Studies in Classical Philology. (1891 2) S. 41–56.

Rom

Bei den Frauen der Römerzeit spielte langes Haar eine zentrale Rolle. Das Haar der Männer wurde seit der augusteischen Zeit kürzer als das der Frauen getragen: Wenn auch andere Kulturen jener Zeit, wie die Griechen im Osten, langes Haar als Zeichen der Philosophen schätzten, empfand man Haar beim Lernen als störend.Elizabeth Bartman: Hair and the Artifice of Roman Female Adornment. In: American Journal of Archaeology. (Jan. 2001) 105.1, S. 1–25. In der römischen Provinz war der kurze Haarschnitt allgemein verbreitet. Als Julius Caesar Gallien eroberte, wo langes Haar geschätzt wurde, ordnete er einen Kurzschnitt für alle Soldaten an.Joseph B. Felt: Customs of New England. Burt Franklin, 1967, ISBN 0-8337-1105-9, S. 187. Später galten lange Haare bei Männern vor allem als Zeichen der „Barbaren“ und wurden daher lange Zeit gemieden. mini|Sophie Gengembre Anderson (1823–1903), Mädchen mit langem Haar.

Westliche Kultur bis zum frühen 20. Jahrhundert

Bei Germanen und Kelten waren lange Haare auch bei Männern die Norm und galten als Ideal, das auch Freiheit und Kraft symbolisieren sollte. Diese wurden zudem sorgsam gepflegt (z. B. mit Kämmen und Butter) und mitunter kunstvoll getragen (z. B. Suebenknoten).

Nicht erst im europäischen Mittelalter kennzeichnete kurzes Haar oftmals den Leibeigenen und den unfreien Bauern, während man langes Haar hingegen dem Freien zuordnete, wie den germanischen Goten und Merowingern. Oft bezeichneten nichtgermanische Kulturen wie die Byzantiner diese als „Langhaarige“, als Barbaren, deren Haartracht sie als fest ansahen. In Irland trugen die englischen Kolonisten ihr Haar wie die Einheimischen lang auf den Rücken fallend und legten damit gleichsam ihre Rolle als englische Untertanen ab. Umgekehrt schmähten die Iren diejenigen, die sich auf die englische Kultur zubewegten als „Kurzhaarige“. So war die Haarlänge eine verbreitete Weise, um einen wahren Engländer zu erkennen.

Muslimen in christlichen Regionen wurde kurzes Haar befohlen; teilweise galt längeres Haar als rebellisch und barbarisch.Robert Bartlett: Symbolic Meanings of Hair in the Middle Ages. In: Transactions of the Royal Historical Society. (1994) Vol. 4, S. 43–60. Langes Haar war bei den europäischen Männern des 11. und 12. Jahrhunderts verbreitet, obwohl meist aufgrund kirchlicher Anordnung die Männer kürzeres, und die Frauen längeres Haar zu tragen hatten. Die Mode war weit verbreitet, etwa bei Monarchen, die den kurzen Haarschnitt ablehnten, was im Volk alsbald nachgeahmt wurde. Wulfstan, ein geistlicher Führer in England, befürchtete, Langhaarige würden wie Frauen kämpfen, und wären untauglich, eine ausländische Invasion abzuwehren.

Ritter und Herrscher schoren sich zu bestimmten Anlässen ihr Haar zum Zeichen der Buße oder Klage; zudem war das Haar des Knappen im Allgemeinen kürzer als das eines Ritters. Anlässlich des Mainzer Hoftages von 1184 wurde der Chronist Ordericus Vitalis zitiert, über die vorherrschenden Vorlieben von Rittern und anderen jungen Adeligen, ihr Haar lang und das Gesicht glattrasiert zu tragen: „Vorn im Gesicht sind sie rasiert, wie Diebe, und hinten lassen sie die Haare lang wachsen, wie Dirnen.“Geo Epoche, Ausgabe 25, Kaiser - Ritter - Hanse: Deutschland im Mittelalter, 2007, Seite 53

Bei verheirateten Frauen war das Tragen langen Haares in der Öffentlichkeit verpönt; dies war den Unverheirateten vorbehalten, jedoch war ihnen in Trauerzeiten gestattet, so ihre Erschütterung zu demonstrieren. Langes Haar stand in dieser Zeit für Jugend und Vornehmheit. Des Weiteren galt es als Bestrafung, einem anderen Mann öffentlich die Haare abzuschneiden und es sind auch Berichte bekannt, die erzählen, dass bei Enthauptungen darauf geachtet wurde, die Haare des Verurteilten nicht mit Blut zu beflecken.

Im England des Englischen Bürgerkrieges von 1642 bis 1651 war die Haarlänge ein Kennzeichen für die Streitigkeiten zwischen Cavaliers und Roundheads (Puritaner). Die Cavaliers trugen längeres Haar und galten als weniger religiös, bei den Roundheads als sittenlos. Die frommeren Roundheads trugen kurzes Haar.E. R. Leach: Magical Hair. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland. (July 1958) 88.2, S. 147–164 Auch in den folgenden Jahrhunderten bis etwa zum Ende der Napoleonik trugen Männer in Europa lange Haare, doch ab dem 18. Jahrhundert meist nicht mehr offen, sondern für gewöhnlich zum Zopf oder Pferdeschwanz gebunden (vor allem bei Soldaten, siehe Soldatenzopf).

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch galten lange Haare bei Männern in Europa nicht mehr als modisch (das Christentum spielte hierbei keine Rolle).

Im Jahr 1900 brachte die Firma AEG den ersten Haartrockner auf den Markt. Das Waschen der Haare erfolgte seinerzeit noch mit „Kopfwaschpulver“. Erst 1927 kam das erste flüssige Haarwaschmittel auf den Markt. Shampoo in Pulverform war aber sogar noch bis in die 1960er Jahre erhältlich.

In der Weimarer Republik trugen Männer ihr Haar nach wie vor kurz; es wurde streng nach hinten gekämmt, gern auch mit Seitenscheitel. Rudolph Valentino, ein italienischer Schauspieler, machte die Pomade populär. Durch diese fettige Substanz konnte man die Haare ganz glatt anlegen. Auch für Frauenfrisuren fand die Pomade Verwendung. Stilbildend für die selbstbewusste, neue Frau der 1920er Jahre war die Bubikopf-Frisur. Kurz sollten die Haare nun sein und man orientierte sich am Herrenschnitt, denn die Frauen wollten damit auch ihre Gleichberechtigung zum Ausdruck bringen. Dabei gab es verschiedene Ausführungen. Wenn das Haar hinten kürzer gehalten war als vorne, nannte man es Etonschnitt. Beliebt war auch der Pagenschnitt, bei dem das Haar exakt auf eine Länge gekürzt wird. Meist war das Haar kürzer als kinnlang. Frauen, die solche Haarschnitte erhalten wollten, gingen dafür zu Männerfriseuren, da die Damenfriseure die Schnitttechniken nicht beherrschten und noch nie weibliche Nacken ausrasiert hatten. Überliefert ist, dass sich Frisöre zunächst weigerten, das Haar von Frauen so kurz zu schneiden. In Mode war auch der Seitenscheitel und der Pony. Manche Frauen legten sich auch auf beiden Seiten der Stirn eine Locke ins Gesicht. Außerdem konnte das Haar ganz glatt sein oder in Wellen am Kopf anliegen.

Im Dritten Reich galt es bei Männern als modern, das Haupthaar länger zu tragen und die Seiten kurz, während das Haupthaar nach hinten gekämmt oder zur Seite gescheitelt wurde. In der Wehrmacht war es nicht nur unüblich, zu kurze Haare zu tragen (oder sich den Kopf gar ganz zu rasieren), sondern sogar ausdrücklich verboten. Getragen wurde dort das Haar meist als Undercut, wobei der Haarerlass vorsah, dass die Ohren frei liegen und das Haupthaar angelegt sein musste.