Die Gewöhnliche Osterluzei oder Aufrechte Osterluzei (Aristolochia clematitis) ist eine Pflanzenart, die zur Familie der Osterluzeigewächse (Aristolochiaceae) gehört und meist kurz Osterluzei genannt wird.

Wortherkunft Der Pflanzenname „Osterluzei“, über frühneuhochdeutsch ōsterlutzye und mittelhochdeutsch ostirlucie, stammt (unter Anlehnung an heimisches Wortgut) von althochdeutsch astrinza/astrenza, das sich aus mittellateinisch aristologie/astrolocia (lateinisch auch aristologiaVgl. etwa Wouter S. van den Berg (Hrsg.): Eene Middelnederlandsche vertaling van het Antidotarium Nicolaï (Ms. 15624–15641, Kon. Bibl. te Brussel) met den latijnschen tekst der eerste gedrukte uitgave van het Antidotarium Nicolaï. Hrsg. von Sophie J. van den Berg, N. V. Boekhandel en Drukkerij E. J. Brill, Leiden 1917, S. 201 f.) entwickelte und darüber von griechisch aristolocheía („bestes Gebären“) herrührt, da die Pflanze gemäß Dioskurides und Plinius den Wöchnerinnen beim Abgang der Nachgeburt helfen soll.Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 526.

Beschreibung mini|links|Illustration der Blüte der Osterluzei mit Längsschnitt (aus Otto Wilhelm Thomé: Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz, Gera, 1885) mini|Illustration der Blüte der Osterluzei mit Längsschnitt (aus Meyers Konversationslexikon von 1888)

Die Gewöhnliche Osterluzei ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die Wuchshöhen von 30 bis 100 Zentimeter erreicht. Die kriechende Sprossachse bricht leicht. Das Rhizom ist reich verzweigt und im Boden weithin kriechend. Die Pflanze verströmt einen merkwürdigen, leicht fruchtigen Geruch. Die Laubblätter sind langgestielt, tief ausgebuchtet und herzförmig.

Die Blütezeit erstreckt sich in Europa von Mai bis Juni. In den Achseln der oberen Blätter stehen zwei bis acht Blüten zusammen. Die eigenartige Blütenform ist besonders auffallend. Die gestielten, zygomorphen, zwittrigen Blüten sind gelb. Sie sind oben tütenförmig, gehen in eine innen mit nach unten stehenden Haaren bedeckte Blütenröhre über, die sich dann unten zu einem Blütenkessel bauchig erweitert. Die Blüten sind eine Falle für besuchende Insekten, die durch die Behaarung der Blütenröhre gefangen gehalten werden. Nachdem die Blüte bestäubt wurde, erschlaffen diese Haare, und die wiederum mit Blütenstaub beladenen Insekten können wieder entweichen.

Die vielsamige Kapselfrucht ist anfangs grün, später schwarz mit einem Durchmesser von 1 bis 2 Zentimetern.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 14.

mini|Blütenstand mini|Geöffnete reife Frucht mini|Rhizom Ökologie Die Gewöhnliche Osterluzei ist ein Rhizom-Geophyt. Vegetative Vermehrung erfolgt reichlich durch das Rhizom.

Blütenökologisch handelt es sich um Kesselfallen vom Typ der „Gleitfallenblumen“, sie sind vorweiblich und haben einen widerlichen Geruch. Das Perigon besteht aus dem basalen Kessel, der unter der Röhre steht und der oberseits eine durch Wachs glatte Lippe trägt. Besucher sind besonders kleine Zweiflügler, vor allem Zuckmücken der Gattung Ceratopogon, die abrutschen und über die nach unten gerichteten Reusenhaare in den Kessel fallen. Die Reusen welken erst nach Bestäubung der Narben, etwa nach zwei Tagen. Bis dahin werden die Insekten durch bereitgestellten Nektar am Leben gehalten. Auch spontane Selbstbestäubung ist möglich.

Die im reifen Zustand überhängenden, sich mit Längsrissen öffnenden Kapselfrüchte fungieren als Windstreuer. Die schwammigen Samen haben eine häutige Außenschicht, die als schirmartiges Flugorgan zur Windausbreitung als Ballonflieger dient. Fruchtreife ist von September bis Oktober, aber der Fruchtansatz ist nur gering.

Spezialisiert auf die Osterluzei als Futter ist die Raupe des Osterluzeifalters.

Vorkommen und Gefährdung Die Gewöhnliche Osterluzei kommt in Europa und in Westasien vor. Das Gebiet umfasst in Europa die Länder Spanien, Portugal, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Deutschland, Dänemark, Tschechien, Polen, Belarus, Russland, die Schweiz, Österreich, Liechtenstein, Italien, Korsika, Sizilien, Kroatien, Slowenien, Serbien, Ungarn, Slowakei, Moldawien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Albanien, Bulgarien, Nordmazedonien, Griechenland, Rumänien, Ukraine und die europäische Türkei. In Westasien kommt die Art in der asiatischen Türkei, in Aserbaidschan, Georgien, Kasachstan und in Russland vor. Die Gewöhnliche Osterluzei ist ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatet und findet sich heute durch Verwilderungen in ganz Mitteleuropa an wärmeren Standorten, zum Beispiel im Bereich von Weinbergen, Böschungen und Auwäldern. Sie ist in Europa ziemlich weit verbreitet, aber wahrscheinlich nicht ursprünglich (möglicherweise durch Weinbau eingeschleppt) und tritt stellenweise sehr häufig auf (Weinberge, Gebüsche, Hecken, Zäune, Feldränder). In Mitteleuropa kommt sie in Gesellschaft des Urtico-Aegopodietum aus dem Verband Aegopodion vor, aber auch im Querco-Ulmetum des Verbands Alno-Ulmion und in Gesellschaften der Verbände Berberidion oder Fumario-Euphorbion.

In Österreich gilt die Gewöhnliche Osterluzei in den Bundesländern Burgenland, Wien, Niederösterreich, der Steiermark, Kärnten, Oberösterreich und Vorarlberg (in letzteren beiden nur sehr selten anzutreffen) als alteingebürgert. Im Rheintal, den Kärntner Bergen und dem nördlichen Alpenvorland gilt sie als gefährdet. Die Gewöhnliche Osterluzei steht in mehreren Bundesländern in Deutschland auf der Roten Liste gefährdeter Arten.

Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 3+ (feucht), Lichtzahl L = 3 (halbschattig), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 4+ (warm-kollin), Nährstoffzahl N = 4 (nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 4 (subkontinental).

Taxonomie Die Gewöhnliche Osterluzei wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum Band 2 Seite 962 als Aristolochia clematitis erstbeschrieben. Den Namen hatte Linné von Caspar Bauhin und Charles de l’Écluse übernommen und verkürzt.

Medizinische Bedeutung Historische Verwendung als Heilpflanze Die Osterluzei-Arten (Aristolochia spec.) dienten seit dem Altertum als Heilpflanzen, zum Beispiel zur Behandlung von Wunden. So empfahlen griechische und römische Ärzte unterschiedliche Aristolochia-Arten auch als Mittel gegen Schlangenbisse.Heinrich Diehl, Hans Moser: Die Osterluzei als Wundheilmittel. In: Münchener medizinische Wochenschrift. Band 81, 1934, S. 473 f. Auch die nordamerikanischen Indianer sollen diese Pflanzenarten zu diesem Zweck eingesetzt haben.

Der Gattungsname Aristolochia geht auf die griechischen Worte aristos (sehr gut, das Beste) und locheios (zum Gebären gehörig) zurück und deutet auf die Anwendung im Altertum hin: Die Wirkstoffe der Pflanze (im Mittelalter Aristologia bzw. „Lange Hohlwurz“ und Aristologia longa genanntOtto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 158 (Aristologia longa – osterlutzye).Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 403 (holwurtz).) sollen die Geburt erleichtern und beschleunigen. So schreibt der griechische Arzt Pedanios Dioscurides im 1. Jahrhundert in seiner „Arzneimittellehre“ (Die Aristolochia trägt ihren Namen daher, weil sie Wöchnerinnen helfen soll). Aufgrund der Wehen einleitenden Wirkung galt diese Pflanzenart auch als Abtreibungsmittel, jedoch war hierbei die Gefahr einer Vergiftung groß.

In Deutschland wurden im Zuge eines Stufenplanverfahrens (vom 3. Juni 1981) alle „Human- und Tierarzneimittel, die unter Verwendung Aristolochiasäure-haltiger Pflanzen hergestellt werden“ als bedenklich eingestuft und deren arzneimittelrechtliche Zulassung wurde widerrufen. Dies gilt auch für Registrierungen sogenannter Homöopathischer Arzneimittel bis zur Potenzstufe D10. Damit sind Arzneimittel mit Osterluzei nicht mehr verkehrsfähig.Von Contergan bis Coxigon auf zeit.de

Frauengold Wirkstoffe der Osterluzei, namentlich Aristolochiasäuren, führten zum Verbot des Tonikums Frauengold des Karlsruher Unternehmens Homoia durch das Bundesgesundheitsministerium 1981.

Inhaltsstoffe Die Wurzeln der Osterluzei enthalten bis zu einem Prozent wasserunlöslicher, giftiger Aristolochiasäuren, der Gehalt in den Blättern liegt bei maximal 0,03 %. Wesentlich höher ist ihr Anteil im Rhizom und den Wurzeln (bis zu 0,7 %) und in den Samen (bis zu 0,43 %).Wolfgang Blaschek, Rudolf Hänsel et al. (Hrsg.): Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis. 5. Auflage, Springer, 2000, ISBN 3-540-52688-9, S. 171. Die Aristolochiasäuren gelten als nierenschädigend und krebserzeugend.Wolfgang Löscher, Fritz Rupert u. a. (Hrsg.): Pharmakotherapie bei Haus- und Nutztieren. 7. Auflage, Georg Thieme Verlag, 2006, ISBN 3-8304-4160-6, S. 464.

Weitere Inhaltsstoffe sind 0,4 % ätherische Öle, Gerbstoffe und Clematinin. Alkaloide und Saponine sind nicht vorhanden.

Vergiftungen In Labor- und epidemiologische Studien konnte die Giftigkeit pflanzlicher Zubereitungen, die Pflanzenbestandteile von Aristolochia-Arten enthalten, nachgewiesen werden. So hat die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) solche Präparate als für den Menschen karzinogen (krebserregend) eingestuft (Karzinogen der Kategorie 1). Darüber hinaus konstatierte die IARC eine nierenschädigende Wirkung von Aristolochia-Mixturen, die nicht unerhebliche Mengen der giftigen Aristolochiasäuren enthalten können. In Tierversuchen, bei denen hohe Dosen dieser Substanzen verabreicht wurden, erlitten die Tiere neben schwerwiegenden Nephrosen auch Atrophien der Milz und des Thymus, Magengeschwüre, gefolgt von Hyperplasien und Hyperkeratosen. Außerdem ist Aristolochiasäure ein ausgesprochenes Kapillargift und verursacht im Magendarmkanal, und zwar auch nach parenteraler Zufuhr ähnliche Wirkungen wie Colchicin. Zudem führt es zu Hyperämie im kleinen Becken, zu Menorrhagie und es kann bei Trächtigkeit bzw. Schwangerschaft auch Abort herbeiführen. Resoptiv wirkt Aristolochiasäure zentral erst erregend, dann lähmend. Vergiftungserscheinungen (bei Tieren beobachtet) sind Erbrechen, Gastroenteritis, Krämpfe, Pulsbeschleunigung, Blutdrucksenkung, Tod im Koma durch Atemlähmung.