mini|300px|Gemeindestand vor der Fusion am 1. Januar 1922 Oberwinterthur (umgangssprachlich Oberi) ist ein Stadtkreis der Stadt Winterthur in der Schweiz. Die ehemals selbständige Gemeinde Oberwinterthur wurde 1922 eingemeindet und bildet den heutigen Kreis 2.

Wappen Die Blasonierung lautet: Geteilt, oben in Gold ein schreitender roter Löwe, unten von Blau und Silber geschacht.

Geografie mini|Luftbild von Oberwinterthur, von Süden her aufgenommen; links der Lindberg, rechts der Bildmitte Grüze Der Stadtkreis Oberwinterthur liegt im Nordosten der Stadt Winterthur. Ein weitgehend intakter Ortskern mit Fachwerkbauten und Kopfsteinpflaster bildet das Zentrum von Oberwinterthur. Der Stadtkreis teilt sich in neun Quartiere mit sehr unterschiedlicher Struktur. Talacker und Guggenbühl sind zwei ältere Wohnquartiere mit hoher Bevölkerungsdichte. Reutlingen, Stadel und Ricketwil konnten als sogenannte Aussenwachten ihren dörflichen Charakter erhalten. Die Quartiere Grüze und Hegmatten sind von Industriebauten geprägt. Dynamisch entwickeln sich die Quartiere Zinzikon und Hegi auf Grund einer hohen Bautätigkeit.

Im Südosten von Oberwinterthur erhebt sich der Hegiberg (), im Nordwesten der Lindberg (), an dessen Fuss der historische Ortskern liegt. Durch die Ebene zwischen diesen Hügeln fliesst die Eulach, in welche beim Bahnhof Oberwinterthur der Riedbach mündet.Karte auf map.geo.admin.ch, abgerufen am 19. Dezember 2024.

Geschichte Urgeschichte Als älteste Siedlungsspur auf dem Gebiet Oberwinterthurs wurde 1992 bei Ausgrabungen zu Vitudurum an der Römerstrasse 229 ein jungsteinzeitliches Grubenhaus gefunden, das sich anhand der vorgefundenen Keramik auf die Zeit um 3000 v. Chr. datieren liess. Daneben fand man dort auch noch Silex sowie ein 2 Zentimeter langes Steinzäpfchen, das beispielsweise bei der Herstellung von Steinäxten entsteht. Weiter wurde 1934 beim Bau des Lindbergschulhauses auch ein 30 cm grosses, jungsteinzeitliches Steinbeil gefunden.

Römerzeit

mini|links|Römische Mauern unter dem Chor der Kirche St. Arbogast In Oberwinterthur bestand zur Römerzeit ein römischer Vicus. Als Hypothese wird zwar aufgrund des Namens ein keltischer Ursprung vermutet und dass die römische Siedlung nachfolgend auf eine keltische Siedlung angelegt wurde. Belegen lässt sich das jedoch nicht. Realistischer ist eine Gründung mit dem Einmarsch der Römer um 15 v. Chr.; eine Bautätigkeit lässt sich ab 1 n. Chr. archäologisch belegen. Die Siedlung lag an der bedeutenden Römerstrasse zwischen Vindonissa und Brigantium, weitere Verkehrswege führten nach Kempraten und Tasgetium. Das Zentrum der Siedlung lag auf dem Kirchhügel, wo verschiedene Steinbauten mit öffentlicher Funktion standen. Dazu gehörten ein Gallo-römischer Umgangstempel und eine Therme. Neben dem Kirchhügel gibt es ein archäologisch gut dokumentiertes Westquartier beim Unteren Bühl sowie ein Ostquartier. Weiter wurden auch zwei Töpferbezirke nachgewiesen und eine Versorgung der Siedlung mit einem Wasserleitungssystem. Namentlich an der Römerstrasse 209 traten bei Rettungsgrabungen 1995–1996 Belege für Holz- und Fachwerkbauten mit Lehmböden und Herdstellen zutage, die auf eine gewerbliche Nutzung schliessen lassen. Zwei Töpferöfen (einer mit Kuppel) und drei Brunnen- bzw. Zisternenschächte wurden nachgewiesen. Die Nähe zur Fundstelle Dorfstrasse 7, wo 1991/92 Töpferöfen entdeckt wurden, legt den Schluss auf einen Töpferbezirk nahe.

294 n. Chr. wurde der Kirchhügel zum Schutz vor Germaneneinfällen mit einer mächtigen Mauer befestigt. Die Gründungsinschrift dieses Bauwerks befindet sich heute im Winterthurer Rathaus. Sie war im Frühmittelalter entwendet worden und fand erst im 20. Jahrhundert ihren Weg von Konstanz zurück nach Winterthur. Vitudurum ist eine der wichtigsten archäologischen Fundstellen aus der Römerzeit im Kanton Zürich. Um ca. 400 n. Chr. fand die römische Siedlung ihr jähes Ende mit dem Abzug der Römer aus diesem Gebiet.

Früh- und Hochmittelalter mini|Das Hohlandhaus: im 12. Jahrhun­dert als Speicher erbaut und ab dem 14. Jahrhundert als Verwaltungssitz gebraucht Mittlerweile wird davon ausgegangen, dass Oberwinterthur auch nach Abzug der Römer durchgehend besiedelt war. Belege dafür sind unter anderem frühmittelalterliche Funde bei der Kirche St. Arbogast, deren Vorgängerkirche im 6. Jahrhundert oder spätestens im 7. Jahrhundert bestanden haben dürfte und durch Gräber aus dieser Zeit indirekt belegt ist. Ein weiterer wichtiger, frühmittelalterlicher Fundkomplex befindet sich auf der Flur Bätmur, wo ebenerdige Pfostenlöcher und Grubenhäuser gefunden wurden, die als Webkeller gedient hatten. Zu dieser Zeit herrschten in der Umgebung Oberwinterthurs die Merowinger, auf welche auch die durch ihre Namen erkennbaren Ortsgründungen von Sehaim (Seen) und Feldhaim (Veltheim) zurückgehen, die beide 774 n. Chr. erstmals urkundlich erwähnt sind. Bereits früh gehörte der grösste Teil von Grund und Boden Oberwinterthurs entweder dem Domstift Konstanz oder dem Kloster Reichenau, weshalb die Ortschaft Mitte des 8. Jahrhunderts im Gegensatz zu vielen umliegenden Orten nicht von der Schenkungswelle zugunsten des Klosters St. Gallen erfasst wurde.

Oberwinterthur selbst wird etwas später als Venterdura (843 n. Chr.) und als Winterduro (856 n. Chr.)StiASG, Urk. III 214. Online auf e-chartae, abgerufen am p19. Juni 2020. urkundlich erwähnt. Um 919 kommt es in einer Urkunde zur Unterscheidung zwischen Oberwinterthur und Niederwinterthur, das der heutigen Altstadt entspricht und den Zehnten an die Kirche Oberwinterthur entrichten musste. Der Name Winterthur selbst dürfte in verschiedenen Schreibweisen jedoch bis ins 13. Jahrhundert für beide Orte verwendet worden sein und es dürfte eine Konkurrenzsituation zwischen den beiden Orten bestanden haben. Die Vormachtstellung gegenüber Niederwinterthur verlor Oberwinterthur spätestens mit dem Machtgewinn der Kyburger, die Winterthur zu ihrer Hauptstadt machten. Auch bei den zahlreichen auf dem heutigen Stadtkreisgebiet liegenden Ansiedlungen ist eine Datierung nicht ganz einfach: Viele Siedlungen, die von 900 bis 1200 bestanden, verschwanden später wieder, beispielsweise der Hof Zinzikon. Stadel wird 1270 erstmals urkundlich erwähnt, während der Name Hegi erstmals durch die Erwähnung des Burgherrn Wetzel von Hegi 1225 auftaucht.

Über die Entwicklung des Dorfes Oberwinterthur selbst gibt es bis ins 12. Jahrhundert hinein kaum Urkunden. Sicher ist, dass der Sprengel der Kirche Oberwinterthur viel grösser war und mindestens die heutige Altstadt, Seen, Töss, Rümikon und Räterschen umfasste. Im 10. Jahrhundert dürfte nordöstlich von Oberwinterthur die Mörsburg erbaut worden sein, die unter anderem als Sitz der Grafen von Winterthur diente und später über die Grafen von Nellenburg in den Besitz der Kyburger und Habsburger gelangte. Seit dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts lassen sich auch Inhaber des Meieramts in Oberwinterthur feststellen, um 1215 nahm ein gewisser Rudolf, Meier von Oberwinterthur, Sitz auf der Neuburg bei Wülflingen und ab 1292 amtete der Inhaber des Meieramtes von der Mörsburg aus. Eines der ältesten erhaltenen Gebäude in Oberwinterthur selbst ist neben der Kirche das Hohlandhaus, das 1117 als Speicher errichtet wurde und ab dem 14. Jahrhundert als Verwaltungssitz diente. Im 13. Jahrhundert, noch vor 1285, ging der Grossteil von Grund und Boden Oberwinterthurs wohl vom Domstift Konstanz an das neu gegründete Kloster Petershausen über.

Unter Zürcher Herrschaft mini|Oberwinterthur auf der Wild-Karte, um 1855 (Ricketwil liegt weiter südöstlich, jenseits des Hegibergs) 1424 wird Oberwinterthur wie auch die umliegende Landschaft von Österreich an Zürich verpfändet und dem Enneramt der Grafschaft Zürich zugeteilt. Bei den Wahlen zum Amt des Untervogts, dem höchsten für Dorfbewohner dazumal erreichbaren Amt, kamen auch Bürger von Oberwinterthur oft zum Zuge; mit Ruedi Ehrensperger stellte Oberwinterthur auch den ersten Untervogt. Obwohl das Dorf im Vergleich zur Römerzeit und zum Frühmittelalter an Bedeutung eingebüsst hatte, war es innerhalb des Enneren Amtes immer noch eine der bedeutenderen Ortschaften. Gemäss den in den 1460er-Jahren erstellten Steuerrödeln besass Oberwinterthur selbst etwa 26 Haushaltungen mit ungefähr 150 Einwohnern und Hegi bestand aus 10 Haushaltungen mit geschätzten 64 Einwohnern. Weitere im Steuerrodel erfasste und zum heutigen Oberwinterthur gehörige Ortschaften waren Stadel (7 Haushalte mit 44 Einwohnern), Grundhof-Mörsburg-Hafneren (6 Haushalte mit 37 Einwohnern), Ricketwil-Maas (2 Haushalte mit 14 Einwohnern) und Zinzikon (1 Haushalt mit 9 Einwohnern). Damit war Oberwinterthur ein durchschnittliches Dorf, lieferte jedoch zusammen mit Seen innerhalb des Ennernamts am meisten Steuern ab. 1472 wurden die Rechte und Pflichten des Dorfes in einer Offnung beschrieben.

Mit der Reformation hielt auch das Schulwesen langsam Einzug, wie sich anhand der Besoldung von Schulmeistern ab Mitte des 16. Jahrhunderts feststellen lässt. Ab 1679 dürfte ein Schulhaus oder zumindest ein Schulraum existiert haben. Aufgrund der weiten Entfernung zum Hauptdorf wurde ab 1627 in Ricketwil, ab 1641 in Stadel und ab 1661 auch in Reutlingen eine Lehrperson bezahlt. Hegi hatte spätestens ab 1661 eine eigene Lehrperson und unterhielt später wie Oberwinterthur eine eigene Schule, während in Stadel, Reutlingen und Ricketwil noch bis 1799 im Hause des Schulmeisters unterrichtet wurde.

Im 16. und 17. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung stark an: 1720 lebten in Oberwinterthur 720 Einwohner in 72 Haushaltungen; damit war das Hauptdorf etwa gleich gross wie Hegi, Reutlingen und Stadel zusammen.

Zeit ab 1800 mini|Das Rebbauerndorf Oberwinterthur, gezeichnet von Heinrich Müller 1844 Bis zur Industrialisierung war Oberwinterthur ein einfaches Rebbauerndorf. Seine Bewohner betrieben neben Weinbau auch Ackerbau und Viehzucht. 1849 entstand der erste Industriebetrieb, die Maschinenfabrik, Baumwollzwirnerei und -färberei Jakob Jaeggli. Die Ansiedlung von Industrie in Oberwinterthur wurde unter anderem durch die neu erbauten Bahnlinien (1855 nach Romanshorn, 1875 die Tösstalbahn sowie die Nationalbahn) begünstigt. Insbesondere in der Grüze siedelte sich Industrie an, so eröffneten 1880 die Gelatinefabrik Winterthur, 1883 die Baufirma Corti&Co. und 1893 die Chemiefabrik Jetzler dort ihre Standorte.

Immer mehr kam Oberwinterthur auch in den Sog der wachsenden Stadt Winterthur. Um 1900 arbeiteten von 1396 Erwerbstätigen bereits 462 in Winterthur selbst. Im Jahr 1907 eröffneten die Gebrüder Sulzer die Oberwinterthurer Zweigstelle des Industriekonzerns zwischen Grüze und Hegi. Mit der Seifenfabrik Sträuli, der Feilenfabrik Schwarz sowie dem Sauerstoff- und Wasserstoff-Werk Luzern AG siedelten sich auch weitere Firmen, mit Ausnahme des Luzerner Unternehmens alles Winterthurer Firmen, auf dem Gebiet der Gemeinde Oberwinterthur an.

Die politische Gemeinde Oberwinterthur umfasste vor der Eingemeindung in die Stadt Winterthur die Zivilgemeinden Grundhof, Hegi, Reutlingen, Ricketwil, Stadel und Zinzikon. 1922 wurde die 1919 angenommene Eingemeindung Oberwinterthurs vollzogen, zusammen mit derjenigen von Seen, Töss, Wülflingen und Veltheim. Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchs Oberwinterthur allmählich mit der Stadt zusammen, zunächst hauptsächlich entlang der Frauenfelder- und Römerstrasse. Als die Maschinenfabrik Jäggli 1975/76 vom Unteren Bühl wegzog, lieferte eine archäologische Untersuchung des Areals vor dessen Überbauung wichtige Erkenntnisse zum römischen Oberwinterthur. Im ausgehenden 20. Jahrhundert wurden dann die restlichen Freiflächen rund um das ehemalige Kerndorf überbaut und Oberwinterthur wurde vollständig zu einem Stadtteil Winterthurs.

Bevölkerungsentwicklung bis 1920

Verkehr mini|Bahnhof Oberwinterthur Öffentlicher Verkehr