miniatur|Papst Benedikt XVI. mit Kruzifix-Stab bei einem Gottesdienst in München (2006) miniatur|Die Heilige Familie miniatur|Benedikt XVI. bei der Mariensäule – Statue der Gottesmutter und des Jesuskindes – in München, 2006
Jesus von Nazareth. Prolog – Die Kindheitsgeschichten ist der erste von drei Bänden des Werks Jesus von Nazareth von Papst Benedikt XVI. über die Gestalt und Botschaft Jesu Christi. Der Band soll nach Absicht des Autors thematisch und chronologisch als Prolog zu den vorher erschienenen zwei Schwerpunktbänden über das öffentliche Wirken Jesu angesehen werden. Das deutschsprachige handschriftliche Manuskript des Prolog-Bandes wurde 2012 in Castel Gandolfo verfasst, das Vorwort des Autors trägt das Datum vom 15. August 2012. Das Buch erschien kurz vor Advent 2012, im Jahr des Glaubens.. buchjournal, abgerufen am 27. Oktober 2012 Zeitgleich mit der deutschen Originalausgabe des Herder Verlages erschienen Ausgaben in 7 weiteren Sprachen in 50 Ländern mit einer Gesamtauflage von über einer Million Exemplaren. Der Band soll 2013 in 20 weiteren Sprachen in 72 Ländern erhältlich sein.Krönender Abschluss der Jesus-von-Nazareth-Trilogie, an der Website von Zenit, 21. November 2012
Exegese Mit dem Band über die Kindheitsgeschichten der Evangelien nach Matthäus und Lukas möchte Papst Benedikt XVI. den Lesern „auf ihrem Weg zu Jesus und mit Jesus“ eine einleitende theologische Orientierungshilfe zur Gestalt und Botschaft Jesu von Nazareth mitgeben, die er im ersten und zweiten Band mit seiner neuartigen Bibelauslegung ab der Taufe – dem ersten öffentlichen Auftritt – Jesu vielschichtig analysiert und interpretiert.
Auch im Prolog-Band verwebt die Ratzinger-Exegese die historische Komponente der Auslegung – Frage nach der einstigen Absicht der Bibelautoren – mit der Frage nach einer universellen und individuellen Bedeutung des für Gegenwart und Zukunft bleibenden Wahrheitsgehalts biblischer Texte, „dessen letzter und tiefster Urheber nach unserem Glauben Gott selber ist“. (Vorwort)
Durch seine Exegese charakterisiert Papst Benedikt XVI. den hermeneutischen Kern der urchristlichen Geschichtsschreibung als zwei, in gegensätzliche Richtungen simultan verlaufene Deutungen: a.) als Deutung der Geschichte vom Wort Gottes her, b.) Deutung des Gotteswortes von der Geschichte her; somit erhalten die alten Worte in der Bibel und die neuen irdischen Geschehnisse um Jesus ihren jeweiligen vollen Sinn voneinander. Der Autor analysiert tiefgreifend das wechselseitige Verhältnis dieser Paralleldeutungen bei den Kindheitsgeschichten von Matthäus und Lukas, in denen die Geschichte Jesu als Verwirklichung der Heilsgeschichte interpretiert wird, die vorher in der Schrift „noch herrenlos“, verborgen dastand (2. Kapitel):
Die Ratzinger-Exegese entwickelt eine empfindliche Annäherung zu ihrer programmatischen Frage, „was der heilige Verfasser in seiner Schrift aussagen wollte“ (Dei Verbum, III,12, Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils), gerade auch dadurch, dass ihre postkritische kanonische Auslegung – auf ähnliche Weise wie die Evangelien – Glaube und Geschichte quer durch die biblischen Schriften miteinander verbindet.
Für ausführliche Angaben siehe den Wikipedia-Artikel zum 1. Band des Buches: Hermenutische Grundlage und Exegetische Einordnung Bibelauslegung und Konzept des Buches
Inhalt
1. Kapitel – Woher bist du? (Joh 19,9) Die Kapiteltitel gebende Pilatus-Frage des Johannes-Evangeliums gehört nur auf indirekte Weise zu den Kindheitsgeschichten Jesu. Sie bildet aber einen Kernpunkt aller vier kanonischen Evangelien, bei denen es um die Beantwortung der untrennbar zusammengehörenden Fragen „Wer ist Jesus?“ und „Woher kommt er?“ geht – darum wurden sie geschrieben. Denn die Frage nach der inneren Herkunft Jesu, nach seinem wahren Wesen muss auch als Frage nach Sein und Sendung betrachtet werden. Die Menschen von Nazareth kennen Jesus wie die anderen Bewohner, paradoxerweise bleibt ihnen das „Woher“ seiner Krafttaten und Weisheit, seine Schriftauslegung mit göttlicher Vollmacht und Aussage über seine himmlische Herkunft (Mk 6,2-3; Joh 8,23) immerhin ein Rätsel.
Die Evangelisten Matthäus und Lukas wollen durch den Stammbaum Christi den „Ort Jesu in der Geschichte“ darstellen. Durch die Zentralität von Abraham und David steht bei Matthäus sowohl die Universalität der Sendung Jesu, die in seinem Woher mitgegeben ist, im Mittelpunkt, aber auch die Erfüllung der Davids-Verheißung (Gott gibt ihm den Thron seines Vaters David, und sein Reich wird nicht mehr enden, 2.Sam 7,13-16), da Josef von Nazareth rechtlicher Vater Jesu ist. Der verheißene neue König – Jesus – erscheint allerdings „ganz anders, als man vom Modell David her hätte denken mögen“, sein Reich gründet allein auf Glaube und Liebe. Die Universalität ist auch für Lukas wichtig, er führt aber den Stammbaum noch weiter bis zum erstgeschöpften Menschen Adam zurück, so wird vor allem die Neuschöpfung des Menschen in Jesus betont, der als „Sohn“ noch radikaler „von Gott“ stammt als Adam.vgl. Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum, Kapitel Christus »der letzte Mensch«, Seite 189–196.
Die symbolische Struktur beider Stammbäume verbindet Historisches und Neues bei Jesus: sein „Verwobensein in die geschichtlichen Wege der Verheißung“ einerseits und den Neubeginn des Menschseins andererseits. Der Neubeginn bedeutet paradoxerweise auch eine Fortsetzung, die „Kontinuität von Gottes geschichtlichem Handeln“. Die unterschiedlich überlieferten männlichen Ahnenreihen beider Stammbäume enden jeweils mit Maria von Nazareth, in der dieser neue Anfang geschieht und die damit „den ganzen Stammbaum relativiert“.
Das Johannesevangelium fasst ohne Ahnenlinien „die tiefste Bedeutung der Stämmbaume“ zusammen. In seinem Prolog (Joh 1,1-14) gibt er „nachdrücklich und grossartig“ Antwort auf das «Woher» und weitet diese zugleich zu einer Definition der christlichen Existenz aus. Der Anfang, der ewige göttliche Logos, das Wort Gottes, gewinnt in Jesus menschliche Existenz. „Er kommt von Gott. Er ist Gott“. Jesus – „als Anfang“ – eröffnet durch den Glauben an ihn eine neue Weise des Menschseins, den Eintritt in die göttliche Herkunft Jesu Christi:
2. Kapitel – Die Ankündigung der Geburt Johannes des Täufers und der Geburt Jesu Bei der Verkündigung der Jungfrauengeburt Jesu durch den Engel (bei Matthäus an Josef, bei Lukas an Maria) erkennt der Papst ähnliche Akzentuierung der Evangelisten wie bei den Stammbäumen. Josef akzeptiert „mit einer Sensibilität für Gott und seine Wege“ die Botschaft des ihm erschienenen Engels, der ihn ausdrücklich als „Sohn Davids“ anspricht. Die Verkündigung des Engels an Maria wird ebenso als Wahrwerdung der Davids-Verheißung, aber auch als Akt der göttlichen Neuschöpfung des Menschen dargestellt, welche erst durch die dreigeteilte Antwort Marias – Nachdenklichkeit, »Wie«, gehorsames »Ja« – möglich wird. Gottes Allmacht, die „sich aber doch an das freie Ja des Menschen Maria bindet“, gehört auch zum christlichen Freiheitsverständnis, das die Ratzinger-Exegese mitprägt.vgl. Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum, Kapitel Bekenntnis zu Gott heute, Seite 120–121. Durch Marias Gehorsam kann das schöpferische Wort, Gottes Geist, in ihr die Empfängnis Jesu bewirken, die Dreifaltigkeit Gottes ist dabei – noch ohne Lehre zu formulieren – bereits sichtbar.
Der Engel spricht Maria auffallender Weise statt mit dem üblichen hebräischen Grußwort schalom („Friede sei mit dir“) mit der griechischen Grußformel chaĭre an („Freue dich, Begnadete!“, auch „Gegrüßt seist du“), dies kann als Zeichen für die Universalität der christlichen frohen Botschaft gesehen werden und zugleich auch als Hinweis auf die Zefanja-Prophezeiung („Freue dich, Tochter Zion. […] Der König Israels, der Herr, ist in deiner Mitte“, Zef 3,14-17): dabei „erscheint Maria als das lebendige Zelt Gottes, in dem er auf eine neue Weise unter den Menschen wohnen will“. In der gemeinsamen Wurzel der griechischen Wörter Freude und Gnade (chará und cháris) sieht der Papst ebenso Bedenkenswürdiges: „Freude und Gnade gehören zusammen“. Der Autor geht auch quellenkritischen Fragen der lukanischen Kindheitsgeschichten nach, so sieht er in der mehrmaligen Erwähnung, dass Maria Worte und Ereignisse in ihrem Herzen bewahrte (Besuch der Hirten, Lk 2,19, bzw. zwölfjähriger Jesus im Tempel, Lk 2,51), einen Hinweis auf konkrete Ereignisse, die wohl durch Tradition der Familie von Jesu überliefert und dann theologisch geformt wurden. Maria, die dem Ganzen der Gottesbotschaft mit Herz und Verstand begegnet, „wird so zum Bild der Kirche, die das Wort Gottes bedenkt, seine Ganzheit zu verstehen versucht und das Geschenkte in ihrem Gedächtnis bewahrt“.
Einige Exegeten versuchten die Geburtsgeschichte Jesu religionsgeschichtlich aus dem antiken Weltbild abzuleiten. Der Papst sieht die darin erschienenen archetypischen Hoffnungsvorstellungen als „stille und verworrene Träume der Menschheit vom neuen Anfang“, die erst durch die Geburt Jesu Wirklichkeit wurden, wie Matthäus dies mit der Verheißung von Jesaja durch „einen großen christologischen Grundtext“ formuliert: „Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel [Gott mit uns] geben“ (Mt 1,22f; Jes 7,14), dazu die rhetorische Frage des Papstes: „Mußten nicht die Christen dieses Wort als ihr Wort hören? […] Das Wort, das immer so eigentümlich dastand und darauf wartete, entschlüsselt zu werden, nun ist es Wirklichkeit geworden?“. Jesus heißt zwar nicht Immanuel, aber er ist Immanuel, er „ist selber in Person das Mitsein Gottes mit dem Menschen“.
Die lukanische Verkündigungs- und Geburtsgeschichte von Johannes dem Täufer bildet zu jener von Jesu als Messias eine charakteristisch unterschiedliche, literarisch aber ganz nah verwandte Erzählungsgruppe. Die Geburtsankündigung von Johannes, der in allen vier Evangelien als Wegbereiter Jesu gezeigt wird, ist bei Lukas durch prophetische Texten von Maleachi (Sendung von Elija) und Daniel (Verheißung der ewigen Gerechtigkeit) geprägt. In der lukanischen Verbindung der gegensätzlichen Szenarien beider Geburtsankündigungen durch den Engel – im Jerusalemer Tempel inmitten der Liturgie an den Priestervater von Johannes bzw. in einem einfachen Wohnhaus an eine unbekannte junge Frau – sieht der Papst zwei zusammen gehörende Elemente: „die tiefe Kontinuität in der Geschichte von Gottes Handeln und die Neuheit des verborgenen Senfkorns“, das der ewiges Leben bringende Jesus ist, dessen Neuer Bund auch durch Demut gekennzeichnet ist.
Benedikt XVI. bejaht die Historizität der Jungfrauengeburt und der Auferstehung als – mit einem Ausdruck von Karl Barth – zwei Punkte in der Geschichte Jesu, an denen Gott unmittelbar in die materielle Welt eingreift. Weil „Gott Gott ist“ („Für Gott ist nichts unmöglich“ – Lk 1,37), dem nicht nur die Ideen, sondern auch die Materie gehört, umfängt seine schöpferische Macht das ganze Sein.vgl. Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum, Kapitel Bekenntnis zu Gott heute, Seite 115–121.
3. Kapitel – Die Geburt Jesu in Betlehem miniatur|250px|Benedikt XVI., Angeluspredigt in Freiburg (2011)