mini|hochkant=1.4|Berberische Dialekte in Nordafrika Die Berbersprachen, auch Berberisch, seltener Berbisch (), sind ein Zweig der afroasiatischen Sprachen, die in einigen Teilen Nordafrikas von Berbern gesprochen werden. Der Sprachraum erstreckt sich in West-Ost-Richtung vom Atlantik bis nach Ägypten, in Nord-Süd-Richtung vom Mittelmeer bis nach Niger. Das Berberische hat ungefähr 40 Millionen Sprecher. Bis ins Mittelalter hinein waren die Berbersprachen ein Dialektkontinuum, das erst durch das Eindringen des Arabischen zersplittert wurde. Wichtige Berbersprachen sind das Kabylische, das die am weitesten ausgebaute Berbersprache ist, das Taschelhit, das Tamascheq, das Tarifit und das Zentralatlas-Tamazight.

Geschichte und sprachgeschichtliche Stellung Die Berbersprachen sind einer von fünf oder sechs Primärzweigen der in Nord- und Ostafrika und Südwestasien verbreiteten afroasiatischen Sprachen (auch hamito-semitische und semito-hamitische Sprachen genannt), zu denen außer dem Berberischen auch das Semitische, Kuschitische, Tschadische, Ägyptische sowie eventuell das Omotische gehören. Mit welchen dieser Sprachen das Berberische am engsten verwandt ist, konnte bislang nicht abschließend geklärt werden. Die folgenden Beispiele illustrieren die Beziehungen der afroasiatischen Sprachen untereinander sowohl im lexikalischen wie im morphologischen Bereich, wobei besonders bestimmte Verbflexionen („Präformativkonjugation“) sehr ähnlich sind (siehe hier die letzten drei Beispiele unten), so sehr, dass es kaum eine andere Erklärung für die Übereinstimmungen zwischen dem Semitischen, Berberischen und Kuschitischen als eine gemeinsame Ursprache gibt. Die Verwandtschaft dieser drei zum Ägyptischen und Tschadischen ist weniger offensichtlich und wurde auch schon angezweifelt, die zum Omotischen ist stark umstritten.

(Grund‑)BedeutungBerberischSemitischÄgyptischKuschitischTschadischOmotisch„Zunge“ Kabylisch i-ləs* Arabisch lisān *lés   Bole lisìm Dime lits'- („lecken“)„Wasser“ Kabylisch a-ma-n* Arabisch māʾ *máw Dahalo maʔa Bole àmma Mocha amiyo („regnen“)„er“ Kabylisch -s Akkadisch -šu sw Somali isa- Hausa shi Dizi iz-n„zwei“ Kabylisch sin Hebräisch šənay-im* sinéwwVj      „du (m.) stirbst“ Tuareg tə-mmut* Arabisch ta-mūtu*   Rendille ta-mut* Hausa ka mutù*,**  „er stirbt“ Tuareg yə-mmut* Arabisch ya-mūtu*   Rendille ya-mut* Hausa ya mutù*,**  „wir sterben“ Tuareg nə-mmut* Arabisch na-mūtu*   Rendille na-mut*    * Zum besseren Verständnis der Verwandtschaft unterteilt hier der Bindestrich formbildende Präfixe und Suffixe vom Wortstamm, entsprechend kann man das deutsche Wort „Gedenken“ in „Ge-denk-en“ unterteilen; um die Verwandtschaft mit englisch „think“ zu verdeutlichen. ** Vergangenheitsform.

Die ältesten möglichen Zeugnisse von Berbersprachen sind einige Namen und Wörter in ägyptischen Quellen, Wilhelm Hölscher: Libyer und Ägypter. (Ägyptologische Forschungen, Heft 4) Augustin, Glückstadt 1937; Kritisch: Kossmann 1999, Seite 17. wie der in der ägyptischen 22. Dynastie benutzte Titel ms „Fürst“ (vgl. Tuareg măss „Herr“). Nach der allgemeinen Forschungsmeinung war die bislang kaum bekannte libysche Sprache, die auf über tausend meist kurzen Inschriften aus Nordafrika belegt ist, eine frühe Berbersprache. Auch Namen in punischen, römischen und griechischen Quellen lassen sich als berberisch identifizieren.Kosmann 1999, Seite 17 Bereits einige Jahrhunderte vor Christi Geburt kamen die Berber durch die phönizische Kolonisation des westlichen Mittelmeerraums mit der phönizischen Sprache in Kontakt, wovon Lehnwörter in den modernen Berbersprachen zeugen, wie das in vielen Sprachen zu findende agadir „Befestigung“ < punisch gdr.Zuzana Malášková, Václav Blažek: Phoenician/Punic loans in Berber languages and their role in chronology of Berber. Abstract zu (PDF) Leiden 2012 Nach der römischen Eroberung Nordafrikas nahm das Berberische größere Mengen lateinischen Wortguts auf, wie Taschelhit fullus „Küken“ < lateinisch pullus.Hugo Schuchardt: Die romanischen Lehnwörter im Berberischen. Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu Wien 188.4, Wien 1918, uni-graz.at (PDF)

Noch bis zur arabischen Eroberung Nordafrikas im Zuge der Islamischen Expansion bildeten die Berbersprachen wohl ein Dialektkontinuum vom Atlantik bis nach Ägypten, seit der Ausbreitung des Islams wird jedoch das Berberisch fortlaufend vom Arabischen verdrängt. Besonders der Norden des berberischen Sprachgebiets ist daher heute stark zersplittert. Durch ihre Koexistenz üben Arabisch und Berberisch einen starken Einfluss aufeinander aus, der sich auf beiden Seiten insbesondere im Vokabular niederschlug. Hiervon zeugen Lehnwörter wie lokales Arabisch arāɡāʒ „Mann“ < berberisch argaz ebenso wie kabylisch ssuq „Markt“ < arabisch as-sūq.Maarten Kossmann: The Arabic Influence on Northern Berber. Brill, Leiden 2013. In jüngerer Zeit übten auch europäische Sprachen, allen voran das Französische, einen beträchtlichen Einfluss aus.

Erste längere Texte auf Taschelhit stammen aus dem 12. Jahrhundert und wurden in arabischer Schrift abgefasst, beispielsweise das Wörterbuch Kitāb al-asmāʾ von 1145. Die anderen Sprachen sind erst seit dem 19. Jahrhundert dokumentiert, als Europäer im Zusammenhang mit der französischen Kolonialisierung Nordafrikas ihre Erforschung begannen.

Sprachen und Verbreitung mini|Verbreitung der verschiedenen Berbersprachen Die Berbersprachen sind in weiten Teilen Nordafrikas, vom Nil im Osten bis zum Atlantik im Westen und vom Mittelmeer im Norden bis zum Niger im Süden, verbreitet. Nach der französischen Kolonisation der größten Teile Nordafrikas ab dem 19. Jahrhundert wanderten viele Berber nach Europa aus, weshalb sich insbesondere in Frankreich eine beträchtliche Zahl an Sprechern des Berberischen befindet.

Obwohl es keine traditionelle Selbstbezeichnung für die Gesamtheit der Berbersprachen gibt, werden sie in der Berberologie traditionell als eine Sprache angesehen, die in mehrere Dutzend oder auch mehrere hundert Einzeldialekte zerfällt. In Anlehnung an die Selbstbezeichnungen Tamazight, Tamascheq und Tamahaq, die dialektale Varianten eines einzigen Wortes sind, wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von vielen Berbern Tamazight als autochthone Bezeichnung für „berberisch“ angenommen.Siehe Salem Chaker: Amaziɣ, „(le/un) Berbère“. In: Encyclopédie Berbère. Édisud, Aix-en-Provence 1984-. ISBN 2-85744-201-7. Lieferung IV, S. 562–568. Jedoch werden die Berbersprachen in der Wissenschaft zunehmend als eigenständige Sprachen betrachtet. Die Subklassifikation des Berberischen ist problematisch, da vielerorts Dialektkontinua vorliegen. Allgemein werden ein nördliches Dialektkontinuum und das Tuareg unterschieden, zu denen eine Reihe verstreuter Einzelsprachen kommt. In der Unterteilung des nördlichen Berberisch sind die Gruppen Zenati und Atlasberberisch weitgehend anerkannt, Einzelsprachen wie das Tamazight oder das Taschelhit werden entweder diesen Gruppen untergeordnet (wie von Kossmann 1999) oder als gleichberechtigte Zweige klassifiziert. Die folgende Unterteilung orientiert sich an der von Ethnologue.. Auch die Sprecherzahlen wurden zum größten Teil von Ethnologue übernommen.

Östliche Gruppe Die Sprachen und Dialekte der östlichen Gruppe werden nur in einzelnen isolierten libyschen und ägyptischen Oasen gesprochen, die vollständig von arabischem Sprachgebiet umgeben werden. Zum Teil sind sie bereits ausgestorben oder werden nur noch von älteren Sprechern verwendet. Audschila (Libyen: Cyrenaika, 3.000) Sokna (Libyen: Tripolitanien, 5.500) Siwi (Ägypten: Oase Siwa, 20.000) Elfoqaha (Libyen: Oase Elfoqaha im Fezzan, ausgestorben)

Nördliche Gruppe mini|Anteil Berbersprecher in Marokko

Die nördliche Gruppe bildet ein oder mehrere Dialektkontinua in Marokko, Algerien und Tunesien. Atlas-Berberisch: Diese Gruppe umfasst mehrere Dialektgruppen im westlichen, marokkanischen Teil des Atlasgebirges. Judäo-Berberisch (Israel, ehemals Marokko, 2.000 Sprecher) Taschelhit (Marokko, ca. 7 Millionen) Zentralatlas-Tamazight (Marokko, ca. 4,7 Millionen) Kabylisch (Algerien, 5 Millionen) Zenati ist ein Sammelbegriff für eine größere Anzahl an Sprachen, deren Verbreitungsgebiet vom Westen Libyens bis ins nördliche Marokko reicht. östliches Zenati Ghadamsi (Libyen, 10.000) Nafusi (Libyen und Tunesien, ca. 200.000) Sened (Tunesien, ausgestorben) Ghomara (Marokko) Mzab-Wargla (Sprache der Mzabiten) Taznatit (Algerien, 40.000) Tumzabt (Algerien, 150.000) Tagargrent (Algerien, 20.000) Temacine Tamazight (Algerien, 6.000) Rif Tarifit (Marokko, Melilla und Algerien, 4,4 Millionen) Senhaja de Srair (Marokko, 50.000) Shawiya (Chaouia) (Algerien, 2,1 Millionen) Shenwa (Chenoua) (Algerien, 76.300) Tidikelt (Algerien, 9.000)

Tuareg Das Tuareg wird von der gleichnamigen Gruppe von Stämmen gesprochen, die im Süden Algeriens und Libyens sowie im Norden von Mali, Burkina Faso und im Niger beheimatet sind. Alle Stämme bezeichnen ihre Sprache mit einem Derivat der protoberberischen Wurzel *mzɣ, die dialektal zwischen Tămahăqq, Tămašăqq (Tamascheq) und Tămažăqq (Tamascheq) schwankt. Zur eindeutigeren Identifizierung dienen die entsprechenden Stammesnamen: Tăwăllămătt etwa bezeichnet die Sprache der Iwllămmădăn. Heath gliedert das Tuareg folgendermaßen: nördliches Tuareg Tamahaq/Tahaggart (Algerien, Libyen, Niger, 77.000) südliches Tuareg Tamascheq (Mali, Burkina Faso, 280.000) Tamascheq/Tayart (Niger, 250.000) Tamascheq/Tawallammat (Niger, 640.000)Heath 2005, S. 2.

Zenaga Das Zenaga ist die Sprache eines kleinen berberischen Stammes im Südwesten Mauretaniens. Aufgrund der räumlichen Distanz zu den anderen Berbersprachen weist das Zenaga sehr große Unterschiede zum Rest des Berberischen auf. Zenaga (Mauretanien, 200–300)

Sprachen unsicherer Zuordnung Guanche: die ausgestorbene Sprache der Ureinwohner der Kanaren (Spanien), wobei nicht gesichert ist, dass es sich um eine Berbersprache handelt, weil das Sprachmaterial zu lückenhaft ist. Libysch (Numidisch, Altlibysch): eine antike, in Nordafrika gesprochene und bislang kaum entschlüsselte Sprache, deren Zugehörigkeit zum Berberischen ebenfalls nicht völlig klar ist.

Status In den meisten Fällen wird das lokale Berberisch noch als Umgangs- und Verkehrssprache gesprochen, wobei jedoch oft Zweisprachigkeit mit überregionalen Verkehrssprachen besteht, vor allem dem Arabischen und dem Französischen. Viele lokale Varianten sind untereinander leicht verständlich. Es kam daher vielerorts, nicht zuletzt in der Diaspora, zur Einebnung dialektaler Unterschiede. Nur in Marokko ist eine Berbersprache (Marokkanisches Tamazight) Amtssprache; in Niger, Mali und seit 2002 auch in Algerien sind lokale Berbersprachen als offizielle Sprachen anerkannt. In Algerien, Niger, Mali und besonders Marokko werden Berbersprachen an einigen Schulen gelehrt.Mohammed Errihani: Language policy in Morocco. Problems and prospects of teaching Tamazight. In: The Journal of North African Studies, Nr. 11, 2 (Juni 2006). Routledge, London 2006, , S. 243–154 Als literarische Sprache finden sie nur eingeschränkt Verwendung.zu Beispielen vergleiche

Heute sprechen zwischen einem Drittel und Viertel aller Marokkaner mindestens eine Berbersprache.

Verschriftlichung mini|Berber-Manuskript mini|links|Tifinagh-Inschrift auf einem Felsen